S2-25sm

Fragment 25

Eine neue Stadt


Es war nicht gerade das, was Lee sich vor Jahren in der Feldforschung vorgestellt hatte, doch nach den vergangenen zwölf Monaten war dies genau das Richtige für sie. An diesem Ort.
Babel bot alle Möglichkeiten, die man sich nur wünschen konnte. Eine nahezu autarke Stadt im Weltall und dazu fast unbegrenzte finanzielle Möglichkeiten, da das Prestigeprojekt des Schiffbaus der interstellaren Union und allen Erdregierungen mit enormen Zuschüssen gefördert wurde. Sogar die Marsregierung hatte es sich nicht nehmen lassen, einen Teil der Kosten zu tragen. Zudem wurden die Bauarbeiten an der neuen Schiffswerft abgeschlossen, und dem Bau der ersten beiden Forschungsfregatten in den kommenden Monaten stand nichts mehr im Weg. Immer mehr Menschen kamen zum Arbeiten und Forschen nach Babel.
„Wenn ich noch etwas für Sie tun kann, Misses Thuis, lassen Sie es mich wissen.“ Der Mann lächelte Lee freundlich an, gerade waren sie mit ihrer Projektbesprechung fertig geworden.
„Bitte nennen Sie mich Lee, Dr. Summers.“ Dabei unterließ sie es aber, ihn darüber aufzuklären, dass sie nicht verheiratet war.
„Gerne, dann darf ich Sie aber auch bitten, mich Andrew zu nennen.“ Lee nickte und freute sich. Dr. Summers war der Leiter des großangelegten Forschungsprojekts zur Vermessung der kleinteiligen Weltraumtrümmerpopulation auf der Transitstrecke zwischen Erde und Mars.
Lee hatte das Projekt dank ihres entwickelten Lasermessverfahrens schon ein gutes Stück vorwärtsbringen können. Sollte es so weitergehen, würde die dabei genutzte Vektorpeilung in die Steuerungssoftware der Schiffe übernommen werden. Jedoch lag das noch in weiter Ferne. Die Bauzeit der Schiffe war auf acht Jahre kalkuliert worden und Lee glaubte, dass man dabei noch sehr optimistisch gewesen war. Sie hatte während ihrer Reise auf dem Unionsschiff gelegentlich einen Blick auf die verschiedenen technischen Errungenschaften erhaschen können. Auch wenn sie nicht so sprachbegabt wie Alia war, wusste sie, dass man nicht ohne weiteres Erd- und Unionstechnologie kombinieren würde können.
„Aber sicher, Andrew.“, sagte Lee. Es war für sie ein kleines Wunder, dass sie sich mit Summers alleine in einem Raum aufhalten konnte, ohne dass sie in Angstschweiß ausbrach. Dennoch presste sie ihre Aufzeichnungen mit verschränkten Armen vor ihren Oberkörper wie einen Schutzpanzer.
„Sie scheinen keinerlei Schwierigkeiten damit zu haben, im Weltall zu leben, Miss … ich meine Lee. Aber sicher sind Sie nach so vielen Jahren auf Ihrer Reise daran gewöhnt.“ Lee wusste den Versuch zu schätzen, dass er Small Talk mit ihr halten wollte. Sie war noch nicht lange auf Babel und hatte bisher nur wenig Kontakt mit ihren Kollegen. Andrew war ein sympathischer Mensch und durchaus attraktiv, wenn auch vielleicht mit fast zwei Metern Körpergröße etwas groß. Lee musste immer zu ihm hochschauen.
„Ja, auch wenn ich Ihnen gestehen muss, dass ich den Großteil nicht miterlebt habe. Die meiste Zeit habe ich mich in Stasis befunden.“
„Naja, jedenfalls solange, bis Sie ein feindliches Schiff lahmgelegt haben, wenn man der Presse glauben will. Ich muss Ihnen gestehen, dass ich Ihre Geschichte sehr aufmerksam verfolgt habe. Ein richtiges Abenteuer!“ Andrew schaute sie mit großen Augen an und wartete wohl darauf, dass sie begann von ihrem ‚Abenteuer‘ zu erzählen.
„Ja…es war…es war sehr aufregend.“ Es war die Hölle gewesen. Nichts würde Lee lieber tun, als diese Reise für immer zu vergessen. „Babel und meine neuen Aufgaben stehen dem aber in Überhaupt nichts nach. Ich meine, immerhin ist letzte Woche fast ein Labor in die Luft geflogen!“ Ihre Stimme war hoch geworden, wie früher, wenn sie etwas spannend oder interessant fand.
„Oh ja. Wenn Sie ein Problem mit Explosionen haben, sollten Sie sich besser von gewissen Kollegen fern halten. Mache haben wirklich ein Händchen dafür, die Sicherheitsvorkehrungen der Station auszutesten.“ Beide lachten über den kleinen Scherz und Lee war froh, dass Andrew den Wink mit dem Themenwechsel verstanden hatte.
„Ich möchte nicht in der Haut des Stationskommandanten stecken.“ Lee hatte den Commander und den Kommandostab bei ihrer Ankunft vor ein paar Wochen kennengelernt.
„Ich auch nicht“, wieder lachte ihr Projektleiter. „Wie steht es mit Ihnen Lee? Ich könnte eine Tasse Tee vertragen.“
Lee wurde schlagartig übel. Unvermittelt schossen ihr Erinnerungen in Ihre Gedanken, die sie lange Zeit erfolgreich verdrängt hatte. „Danke, aber ich trinke keinen Tee“ Sie presste die Unterlagen noch fester an ihren Körper.
„Ich bin mir sicher, dass es auch Kaffee gibt. Oder trinken Sie auch keinen Kaffee?“ Andrew musterte sie von oben bis unten, was Lee noch nervöser werden ließ. Unbewusst ging sie einen Schritt nach hinten, um den Abstand zwischen Ihnen zu vergrößern. Zwar fühlte sie sich einerseits von der Einladung geschmeichelt und ein Teil von Ihr wollte ihm unbedingt näher kommen, doch allein der Gedanke an Nähe und körperliche Anziehung verursachte ihr ein nahezu unbeschreibliches Unbehagen, dem sie sich in diesem Moment nicht entziehen konnte. Es machte sie wütend und traurig zugleich, denn sie wusste, dass dies im Grunde nichts mit dem Mann zu tun hatte, der ihr auf sehr freundliche Weise ein Date angeboten hatte.
„Doch…doch, sicher. Aber leider, habe ich jetzt keine Zeit mehr.“ Lee ging zielstrebig in Richtung Tür, achtete aber sehr genau darauf, Andrew nicht näher zu kommen. „Vielleicht in ein anderes Mal“
„Lee, bitte warten Sie. Ich wollte Ihnen nicht zu nahetreten.“ Er ging einen Schritt auf sie zu, was sie nun panisch werden ließ. „Geht es Ihnen gut?“
„Andrew, bitte bleiben Sie da stehen, wo Sie sind.“ Lee zwang sich, ruhiger zu atmen. „Ich danke Ihnen für die Einladung, aber wie ich bereits sagte, vielleicht ein anderes Mal“ Lee wartete seine Antwort nicht mehr ab und verließ schnellen Schrittes den Besprechungsraum. Kaum war sie um die nächste Ecke gebogen, blieb Lee stehen und starrte auf ihre zitternden Hände. Und zum ersten Mal stieg neben der Angst auch Hass auf den Mann auf, der dafür verantwortlich war und dessen Gesicht sie wohl nie wieder vergessen würde. Kardas.

S2-22sm

Fragement 22

Ein neuer Posten

„Meinen Glückwunsch, Doktor Barnetti. Ab sofort sind Sie der Verbindungsmann zwischen der World Space Administration und der Union freier Planeten. Auf dass Ihr neuer Posten Sie in die unergründlichen Tiefen der Diplomatie einführt und sie jedes Riff galant umschiffen lässt.“ Juan Hofer hob sein Champagnerglas und alle Anwesenden folgten seinem Beispiel. Dass er mit seinem Doktortitel angesprochen wurde, empfand er etwas unangenehm, da er in der Regel keinen Wert auf die explizite Nennung des Titels legte, dennoch war Mike gerührt. Erst vor wenigen Tagen wurde er von Hofer gefragt, ob er sich dazu bereit erklären würde, die offene Position zu besetzen. Zuerst hatte sich Mike etwas zurückhaltend geäußert. Er wollte nicht konkret werden, ehe er sich sicher war. Immerhin schien es ihm, als hätte der Posten an Alia gehen sollen. Doch Hofer versicherte ihm, dass er, Mike, die erste Wahl der Union gewesen war.
Und nun stand er hier. Im Hauptquartier der WSA in Genf und wurde von Hofer, Taisod, den Regierungsvertretern der Erde und auch dem Marsverwalter gefeiert, als hätte er etwas Großartiges geleistet. Dabei brauchte er dafür nichts anderes machen, als die Ernennung anzunehmen.
„Vielen Dank, Herr Vorsitzender“, antwortete er pflichtschuldig. Er wünschte, Alia wäre hier gewesen. „Und meinen Dank auch an alle Anderen, die mir hiermit das Vertrauen ausgesprochen haben. Ich hoffe, mich auf dieser Position als würdig erweisen zu können und dazu beizutragen, dass die Kommunikation zwischen uns allen stets zu einem positiven Ergebnis führen wird.“ Auch er hob sein Glas und fragte sich wiederholt, warum Alia nicht diesen Posten bekommen hatte. Gerne hätte er mit ihr darüber gesprochen.
„Auf Ihr Wohl!“ hörte er von allen Seiten und stieß lächelnd nach und nach mit allen Anwesenden an.
Er leerte sein Glas und stellte es auf der Anrichte neben ihm ab. Der offizielle Teil war damit erledigt. Die Gäste verloren sich in allerlei Gesprächen, nachdem sie Mike die Hand schüttelten und sich dann diskutierend dem Buffet widmeten.
Eine Hand landete auf seiner Schulter, so dass er sich nach hinten umsah. Da stand Juan Hofer, der Vorsitzende der WSA und lächelte ihn gewinnbringend an.
„Nun gehen Sie den nächsten Schritt auf Ihrer Karriereleiter, Mike.“
Er lächelte verlegen. „Ja, wer hätte das noch vor ein paar Jahren gedacht?“ Er drehte sich nun vollends zu Hofer um. „Hätten Sie vor sieben Jahren geahnt, wie sich einmal alles verändern würde?“
„Ganz sicher nicht, Mike. Aber seien Sie versichert, dass es uns allen nicht anders erging. Als die Barrafranca in unser Sonnensystem eindrang, war die Aufregung groß. Der Mars hatte vorsichtshalber sämtliche Kommunikation abgebrochen, um nicht aufzufallen und wir …“, er lächelte in sich hinein, „… wir hatten die Hosen voll.“ Jetzt lachte er herzhaft. „Ein so großes Schiff, dass sich rasend schnell auf die Erde zubewegte. Das hat allen hier Angst gemacht.
Doch sehen Sie, wie wir uns jetzt verhalten. Heute sind Sie der Verbindungsmann zwischen uns allen geworden!“ Mit diesen Worten schlug er Mike freundschaftlich auf die Schulter.
„Ich bin wirklich glücklich, dass wir diesen Weg gehen. Und vor allem, dass uns die Union seinerzeit bei Proxima Centauri b gerettet hat.“
„Vor der Konföderation“, bestätigte Hofer.
„Ja. Sie können sich nicht vorstellen, was dieser Inquisitor für ein Psychopath war.“
„Vorstellen vielleicht schon. Ich habe ja die Berichte gelesen. Aber nachvollziehen eher nicht. Weswegen hat die Konföderation überhaupt einen solchen Mann an Bord?“
Mike sah ihn ernst an. „Mazan Taisod hatte es mir einmal erklärt. Obwohl die Schiffe der Konföderation von deren Prendal geführt werden …“
„Das ist sowas wie ein Captain?“
„Ja, ähnlich wie bei Taisod. Mazan ist ja auch der Titel und ist etwa gleichbedeutend mit Captain. Jedenfalls wird ein Konföderationsschiff in der Regel von einem Prendal geführt. Aber es gibt seit Jahren eine Art politischen Führer an Bord.“
„Und das ist der Inquisitor? Kardas?“
„Ja. Besser könnte das sicher Taisod erklären.“
Wie aufs Stichwort hatte der Mazan seinen Namen offenbar gehört und gesellte sich zu Mike und Juan Hofer.
„Mir war, als ob Sie eben über mich geredet haben. Kann ich behilflich sein?“, fragte er höflich.
Hofer bestätigte kurzerhand: „Wir hatten uns gerade gefragt, wie diese Konstellation mit Inquisitor und Prendal auf einem Konföderationsschiff zustande gekommen ist. Könnten sie mir das bitte kurz erläutern?“
„Aber natürlich“, antwortete Taisod und überlegte kurz, wie er eine kurze aber möglichst konkrete Antwort geben konnte. „Im Grunde ist das eine Art Führungsdreieck, das die Konföderation durchweg benutzt. Auf Raumschiffen besteht dieses Dreieck zum einen aus dem Prendal, das ist vergleichbar mit meinem Posten und bedeutet, dass derjenige der Kommandant des Schiffs ist. Vergleichbar mit dem irdischen Captain.
Dann gibt es den Cegat. Wenn Sie so wollen, der erste Offizier. Er ist für alle Aufgaben der Mannschaft zuständig. Vor allem für die Sicherheit. Bei uns erfüllt das einerseits mein Vertreter, Premazan Oris. Aber auch mein Sicherheitschef, Mavis, übernimmt Teile der Aufgaben, die bei der Konföderation in der Hand eines Cegat liegen.
Und der Dritte im Bunde ist der Inquisitor. Er hat keine militärische Befugnis, sondern soll dafür Sorge tragen, dass sich alle an Bord und auch alle, denen Sie begegnen, entsprechend der Richtlinien der Konföderation und der Dogmen der großen Inquisition benehmen und sich fügen. Diese Institution gibt es bereits seit über tausend Jahren und ist mithin ein Grund dafür, weswegen wir mit der Konföderation im Krieg stehen. Personen wie Kardas, der Inquisitor, dem Sie begegnet sind“, er deutete auf Mike, „steht jenseits jeder Gerichtsbarkeit. So etwas öffnet menschenverachtender Willkür Tür und Tor.“
„Umso glücklicher sind wir, dass uns die Barrafranca erreichte und kein Schiff der Konföderation“, meinte Hofer einen Moment später, nachdem sich zwischen den Dreien eine unangenehme Stille ausbreitete. „Und da wir gerade von Proxima Centauri b reden. Was können Sie denn dem Forschungsausschuss über diesen Planeten berichten? Ich meine, die Blockade und dieser ungeheure Säuregehalt in der Atmosphäre …“, er ließ die restlichen Worte unausgesprochen. Mike vermutete, dass er dies absichtlich tat, um den Mazan aus der Reserve zu locken.
„Verehrter Herr Hofer, genießen Sie doch jetzt bitte diesen Augenblick. Feiern Sie mit. Proxima Centauri b ist ein Thema, das wir auf das nächste Jahr verschieben können.“
Mike stimmte ihm zu. Ohne es zu wollen, waren seine Gedanken mit einem Mal wieder dort. An Bord der Voyager, als Arthur Jones starb.

S2-19SM

Fragment 19

Abschiede

Die Entlassungszeremonie war auf Wunsch der Crew klein gehalten worden. Neben einigen hohen Tieren aus der Politik und der WSA hatte man Lees Eltern eingeladen und auch eine kleine Abordnung der Union, welche von dem Botschafter Atras Hydarnes angeführt wurde.
Mike und Lee hatte man eigens für die Zeremonie neue Astro-Overalls anfertigen lassen, während Alia in ihrer grauen Uniform zwischen den Beiden saß.
Sowohl Hofer als auch Hydarnes hielten eine kleine Rede auf die Crew und man gedachte mit einer Schweigeminute Arthur Jones. Damit war der offizielle Teil abgeschlossen. Der Vorsitzende der WSA hatte die Drei angehalten, zumindest noch eine Zeitlang Smalltalk zu betreiben und nicht gleich wieder zu verschwinden.
»Miss Thuis, ich hoffe, dass wir Sie bald auf Babel begrüßen dürfen.« Dr. Andrew Winters, einer der leitenden Physiker kam auf die Gruppe zu.
»Dr. Winters …« Lee lächelte den Mann an. »Es wird noch etwas dauern, aber ich freue mich schon jetzt auf die neuen Aufgaben.« Man hatte ihr angeboten, ihre Forschungen weiter auf der Raumstation fortsetzen zu können, nachdem sie ihr Reha-Programm abgeschlossen hatte. Nach der Feier würde sie für einige Monate in Buenos Aires bei ihrer Familie leben, ehe sie ihre Stelle auf Babel antrat.

***

Mike und Alia hatten sich etwas von den anderen Anwesenden separiert und unterhielten sich, bis Botschafter Hydarnes auf beide zukam. »Major, ich gratuliere Ihnen zu Ihrer Beförderung.« Der Abgesandte der interstellaren Union gab sich größte Mühe, in allen Punkten dem Protokoll zu entsprechen.
»Danke«, war die wortkarge Antwort von Alia. Mike schaute sie kritisch von der Seite an. Seit ein paar Wochen ging es ihr nicht gut. Die Ermittlung zu Arthurs Tod hatte sie mehr mitgenommen, als sie alle gedacht hatten. Sie war blass und wirkte oft geistig abwesend.
»Haben Sie schon über das Angebot Ihres Vorsitzenden nachdenken können, Major? Der Mazan und ganz besonders ich würden eine positive Entscheidung sehr begrüßen.«
»Ich habe mich damit noch nicht auseinandergesetzt, Botschafter.« Die WSA und die interstellare Union hatten sich dafür ausgesprochen, dass Alia als eine Art Verbindungsoffizier zwischen der Erde und der Union agieren sollte, unter der Schirmherrschaft der WSA. Dazu musste sie allerdings erst Zivilistin sein. »Es sind aber bereits Gespräche mit meinen Vorgesetzten und dem Stabschef anberaumt. Ich werde deswegen heute Abend noch nach Kairo reisen.«
Der Botschafter nickte und beließ es dabei. Alia war froh, dass der Mann nicht weiterbohrte. Doch dafür übernahm Mike jetzt diesen Part.
»Du willst die Armee nicht verlassen?« Er schien überrascht. Zudem wusste er nur, dass man Alia eine Position bei der WSA angeboten hatte, aber nicht welche.
»Ich weiß nicht, ob sie mich gehen lassen. Du weißt, dass ich mich damals für fünfzehn Jahre verpflichtet hatte. Davon sind noch vier Jahre abzuleisten«, fuhr sie ihn gereizter, als sie wollte, an. »Deswegen fliege ich auch heute Abend zurück.«
»Ich wollte keine Diskussion mit meiner Frage auslösen«, versuchte Hydarnes die Situation zu entschärfen. »Und Sie nicht in Bedrängnis bringen, Alia.«
»Das haben Sie nicht. Doktor Barnetti hat nur vergessen, dass er nicht mehr länger der Missionskommandant ist.« Damit drehte sie sich auf dem Absatz um und ließ die beiden allein.
Mike sah ihr nach und bemerkte, dass sie den Empfang verlassen wollte, doch von Hofer kurz vor dem Ausgang abgefangen und in ein erneutes Gespräch verwickelt wurde. Höflich blieb er bei dem Botschafter und führte eine Weile Smalltalk mit ihm und Lees Eltern, die sich zu ihnen gesellten. Es waren nette und aufgeschlossene Menschen. Lee würde es guttun, eine Zeitlang bei ihnen zu bleiben.

Schließlich leerte sich der Empfangsraum, Hofer war vor einer halben Stunde gegangen und Mike beschloss, nun zu gehen. Auf dem Flur standen Alia und Lee, die sich vertraut unterhielten, bis Lee Alia umarmte, ehe sie ging.
Mike wollte nach dem Disput nochmal mit Alia sprechen und trat auf sie zu. Kurz bevor er sie erreichte, klingelte ihr PortCom.
»Nein, ich brauche kein Hotel. Ich werde auf dem Stützpunkt übernachten. Danke der Nachfrage, Herr Dumont«, hörte Mike sie sagen, als er bei ihr stand.
»Alia, ich wollte nochmal mit dir reden, bevor du abfliegst. Das vorhin war …«
»Hör zu, Mike, ich werde in etwa einer Woche wieder in Genf sein. Dann weiß ich mehr.« Alia wehrte ab und Mike wurde sich bewusst, dass sie sich im Augenblick nicht mit all dem auseinandersetzen wollte. »Ich muss hier weg, um einen klaren Gedanken fassen zu können.«
»Ich verstehe das. Aber…« Er wollte nach ihrer Hand greifen, doch Alia zog sie weg, sodass Mike ins Leere griff. »…wenn ich dir helfen kann, melde dich bitte sofort.« Er gab ihr einen Chip mit seinen persönlichen Kontaktdaten.
»Das werde ich, danke.«
»Major Scott?« Eine junge Frau in einem schwarzen Hosenanzug kam auf sie zu. »Ihr Gleiter ist da und kann sie zum Flughafen bringen.«
Alia nickte. »Mike, wir sehen uns.«

***6 Tage später***

»Entschuldigen Sie, Mr. Dumont!« Mike lief hinter einem jungen Mann her, der daraufhin auf ihn wartete. »Können Sie mir sagen, wann Major Scott wieder in Genf erwartet wird?« Mike wusste, dass der Mann alles für ihre Gruppe organisiert hatte, was es zu organisieren gab.
Nachdem es Alia nicht einmal für nötig gehalten hatte, sich bei ihm zu melden und ihm Bescheid zu geben, musste er sich selbst die Informationen besorgen.
Er war als letztes Crewmitglied noch in Genf. Lee hatte gestern mit ihren Eltern die Stadt in Richtung Südamerika verlassen.
»Oh ich fürchte, da muss ich Sie enttäuschen, Dr. Barnetti. Ich habe für Major Scott keinen Rückflug gebucht. Der Major wurde dauerhaft in Luxor stationiert.«, erklärte er nach einem Blick in seine Aufzeichnungen.
»Bitte was? Wer hat denn so was veranlasst?« Mike war fassungslos. Hatten diese verbohrten Militärs wirklich darauf bestanden, dass Alia ihre Jahre ableistete? Damit legten sie ihr riesige Steine in den Karriereweg.
»Der Major, Doktor Barnetti. Sie selbst hatte um zeitnahe Versetzung gebeten.« Niko Dumont zögerte bei der Antwort, ihm war bewusst, dass er etwas sagte, was Barnetti nicht gefiel.
»Der Major hat um diese Versetzung gebeten?« Mike wiederholte ungläubig die Worte des jungen Mannes. »Sind Sie da wirklich sicher?«
»Ja, sehr sicher.«
»Vielen Dank!« Noch während er es aussprach, hatte er sein PortCom in der Hand und suchte nach Alias Nummer.
»Zur Zeit ist dieser Anschluss nicht vergeben, bitte kontaktieren Sie Ihren Anbieter…«, hörte Mike ein automatische Ansage.
»Haben Sie noch eine andere Kontaktnummer von Major Scott?« Mike schaute Dumont verzweifelt an. Wieso war Alia gegangen, ohne ihm ein Wort zu sagen? Wieso meldete sie sich nicht bei ihm?
»Ja, wir können den Major über den Stützpunkt kontaktieren, aber ich bin nicht befugt, Ihnen die Kontaktdaten zur Verfügung zu stellen, Doktor Barnetti.«
»Dann seien Sie bitte so nett und übermitteln ihr meine Kontaktdaten und sie soll mich anrufen, sobald sie Zeit findet.« Mike musste sich zusammenreißen, dass er den jungen Mann nicht bei den Schultern nahm und schüttelte, bis er ihm die gewünschten Informationen gab. Als Dumont nickte, bedankte sich Mike und ging in sein provisorisches Quartier. Sicher würde sie sich melden. Bald.

S2-18sm

Fragment 18

Die Untersuchungskommission

Mike standen die Nackenhaare zu Berge. Vor Monaten hatte sich Arthur auf tragische Weise das Leben genommen. Schlimm genug, dass er einen Freund verloren hatte. Doch jetzt sollte diese ganze Geschichte nochmal aufgerollt werden. Es schauderte ihm bei dem Gedanken, das alles erneut durchzugehen.
„Michael Barnetti, bitte.“
Jetzt war es soweit. Er sollte aussagen. Mike schluckte einen Kloß herunter, strich sich seinen Anzug glatt und begab sich in den Anhörungsraum.
„Guten Morgen, Herr Barnetti. Bitte nehmen Sie Platz.“
Ein Stuhl stand für ihn bereit. Gegenüber dem breiten Tisch, an dem die drei Mitglieder der Untersuchungskommission saßen. In der Mitte saß eine akkurat gekleidete Mittvierzigerin. Hosenanzug, kurze Frisur, altmodische Brille, durchdringender Blick. Sie stellte sich ihm als Vorsitzende der Kommission vor. Frau Huber.
Links von ihr saß eine weitere Frau. Etwas älter als Frau Huber, aber nicht weniger aufmerksam. Das Haar war schon leicht angegraut, dafür länger. Frau Svensson.
Das dritte Kommissionsmitglied war ein Herr. Mike vermutete, dass er der älteste im Bunde war. Weißgraue Haare, Kinnbart, tiefe Falten im Gesicht. Er stellte sich selbst als Doktor Smith vor.
Mike folgte der Einladung und setzte sich.
„Sie wissen, weswegen Sie heute vorgeladen wurden?“, fragte Doktor Smith gleich darauf.
Mike bestätigte. „Die Kommission möchte Näheres zum Umstand des Todes meines Kollegen Arthur Jones in Erfahrung bringen.“
„Sehr richtig, Herr Barnetti.“
„Sind Sie bereit für die Befragung?“ Frau Svensson sah ihn fragend an.
„Selbstverständlich“, antwortete er. Dabei war ihm eigentlich gar nicht wohl.
„Dann lassen Sie uns damit beginnen, was Ihre Aussage zum Ereignis betrifft.“
Mike horchte auf. „Entschuldigung, sagten Sie Ereignis? Ist es das, was der Tod von Arthur Jones für Sie darstellt? Ein Ereignis?“
Die Vorsitzende mischte sich ein. „Bitte versuchen Sie, sachlich zu bleiben. Die Wortwahl mag für Sie unpassend erscheinen, aber für die Untersuchung ist es von Nöten, den Hergang so objektiv wie nur möglich zu betrachten. Aus diesem Grunde sprechen wir hier formal von einem Ereignis, auch wenn die Umstände des Todes von Arthur Jones emotional sicher tiefgreifend sind.“
Mike verengte die Lippen zu Schlitzen. Bürokratie. Emotionslose, formelle Bürokratie. Das war vermutlich das Schlimmste, was Arthur posthum widerfahren konnte.
„Zu Ihrer Aussage“, übernahm Frau Svensson wieder das Wort. „Das Protokoll der ersten Vernehmung lässt die Vermutung zu, dass sie Arthur Jones nicht davon abgehalten haben, den Alpha-Centauri-Erkundungs-Transporter oder kurz ACET, zu entwenden, und damit zuließen, dass er nicht nur sich, sondern die gesamte Mannschaft der Voyager in Gefahr brachte.
Ihrer Aussage zufolge öffnete er die Frachtluke der Voyageur, während Sie dabei waren, aus der Blockade des Planeten Proxima Centauri b zu entkommen. Laut der Aussage von Alexandra Scott, wurde zu diesem Zeitpunkt eine Ablenkungssonde gestartet. Ihnen hätte also bewusst sein müssen, dass Arthur Jones das gesamte Vorhaben zur Flucht aus der Blockade gefährdete. Warum haben Sie nicht interveniert? Schließlich sind Sie für die Handlungen ihrer Mannschaft verantwortlich.“
In Mikes Ohren klang das wie eine Anschuldigung. „Wir dachten zunächst, dass es eine Fehlfunktion im Verriegelungssystem des Frachtraums gab. Immerhin wurde die Voyager ja durch die Kollision mit einem der Satelliten beschädigt. Selbstverständlich hatten wir Sorge, dass Arthur in Gefahr schwebte. Allerdings hielten wir die Öffnung der Frachtluke zu diesem Zeitpunkt lediglich für eine Fehlfunktion.“
Die Vorsitzende sah ihn über ihren Brillenrand hinweg an. „Miss Thuis erklärte, Sie hätte Sie dazu aufgefordert, etwas zu unternehmen, um Arthur Jones zu helfen. Warum haben Sie sie ignoriert?“
„Ich habe sie nicht ignoriert!“. Das war nicht nur eine Anschuldigung. Mike fühlte sich mit einem Mal, als würde man Anklage gegen ihn erheben. „Wir haben in der Phase des Sondenstarts plötzlich den Dekompressionsalarm registriert. Natürlich machten wir uns Sorgen um Arthur, weil wir wussten, dass er im Frachtraum war. Doch noch ehe irgendjemand von uns reagieren konnte, überschlugen sich die Ereignisse. Die Sonde begann ihren Steigflug, die Satelliten richteten sich aus und plötzlich war unser Frachtraum offen. Ich wollte ihn fragen was passierte und da meldete er sich mit den Worten, dass es ihm leidtun würde … ‚lebt wohl‘ sagte er auf einmal …“, Mikes Kehle schnürte sich zu. Wieder war dieser schreckliche Moment da. Wieder spürte er diese Verzweiflung in sich. Die Verzweiflung, die damals auch aus Arthurs Stimme zu ihm drang.
„Sie hätten die Frachtluke wieder schließen können“, wandte Doktor Smith ein.
Mike sah ihn an. „Nein“, antwortete er daraufhin. „Das war nicht möglich. Ich meine, vielleicht hätte ich über meine Konsole die Steuerung der Frachtraumluke kontrollieren können.“
„Also geben Sie zu, dass Sie es versäumt haben, das Leben ihres Besatzungsmitglieds zu retten?“
„So ist das nicht gewesen“, widersprach Mike. Innerlich war er angewidert von der emotionslosen Analyse. Er schloss einen Moment lang die Augen. Es fiel ihm schwer, nicht emotional zu werden. „Die Situation war hektisch. Als wir unseren Fluchtversuch starteten und sich gleichzeitig die Frachtluke öffnete, hatten wir keine Zeit zum Überlegen. Ich habe Arthur gefragt, was passiert war, aber es ging alles so unglaublich schnell. Ich wollte den Start der Voyager stoppen. Ich wollte Arthur da raus holen, doch es war zu spät. Die Triebwerke starteten und in diesem Moment hatte Arthur bereits den ACET aus der Verankerung gelöst und gestartet. Wir konnten nur noch zusehen, wie er in sein Verderben flog.“
„Und Ihnen ist nicht in den Sinn gekommen, sich mit der Voyager schützend über dem ACET zu positionieren?“ Diesmal sah ihn die Vorsitzende der Kommission direkt an.
„Es hätte nicht funktioniert. Die Satelliten hätten uns bei einem solchen Manöver abgeschossen. Aber wir hatten vor, ihn einzuholen. Wir wollten ihn zurückholen und sein Leben retten. Doch dazu war keine Chance mehr.“
„Weil Sie nicht schnell genug gehandelt haben?“
Mike spürte wie in ihm Wut aufstieg. Er hatte Mühe, sich zusammenzureißen. „Wir haben so schnell gehandelt, wie es uns möglich war.“
„Aber Sie haben nicht gestoppt, als der ACET abgeschossen wurde. Sie hätten die Pflicht gehabt, Arthur Jones zu bergen. Warum haben Sie diese Pflicht vernachlässigt?“
„Weil ich andere Leben zu retten hatte!“ Seine flache Hand knallte auf den Tisch. Erschrocken sahen ihn die Mitglieder der Untersuchungskommission an.
„Zügeln Sie sich, Herr Barnetti, oder Sie erhalten eine schwere Verwarnung!“
Als ob ihn das interessiert hätte. Doch Mike besann sich und setzte mit leiserer Stimme fort: „Entschuldigen Sie bitte. Das Leben von Leandra Thuis, Alexandra Scott und mein eigenes standen dem gegenüber.“
„Das Fluchtmanöver wurde von Ihnen durchgeführt?“
„Nein. Das hatte Captain Scott übernommen. Ich begab mich zwischenzeitlich in den Frachtraum. Wir wollten ihn retten, doch als die Satelliten auf den ACET schossen, tat Alexandra Scott das einzig Richtige. Sie rettete unser aller Leben. Jede andere Handlung hätte nur dazu geführt, dass auch wir gestorben wären.“ Er spürte, wie Trauer in ihm emporstieg. „Er war mein Freund. Auch, wenn ich ihn öfters ärgerte, weil ich ihn Arjay nannte, obwohl ich wusste, dass ihn das ärgerte. Könnte ich es tun, würde ich jedes Wort davon zurücknehmen, wenn er dafür noch leben würde.“ Er wandte seinen Blick ab. Die Kommission sollte nicht sehen, wie ihm Tränen in die Augen stiegen. Er wischte sich übers Gesicht, atmete tief durch und richtete seinen Blick anschließend wieder nach vorn.
„Wir bedanken uns bei Ihnen, Herr Barnetti. Die Befragung ist hiermit für Sie beendet. Sie können jetzt gehen.“
„Gehen?“, er verstand nicht ganz. „Was passiert denn nun?“
„Wir werden weitere Ermittlungen anstellen und das Ereignis rekonstruieren. Der vorliegenden Sachlage zufolge sind Sie jedoch vom weiteren Verlauf dieser Untersuchung nur noch im geringen Maße betroffen.
Wobei eine Frage vielleicht doch noch bleibt.“
Mike horchte auf. „Ja, Frau Vorsitzende?“
„Können Sie uns sagen, wer diese Blockadesatelliten rund um Proxima Centauri b installiert hat?“
Mike schüttelte seinen Kopf. „Das kann ich nicht mit Gewissheit. Als wir seinerzeit von der Union gerettet und nach Hause gebracht wurden, hatten wir diese Frage dem Mazan des Schiffs gestellt. Er meinte, dass Proxima Centauri b das tragischste Opfer des Krieges war. Genaueren Fragen wich er jedoch immer aus.“
„Welcher Krieg?“, verlangte Doktor Smith zu erfahren.
„Es muss ein großer Krieg gewesen sein, wenn er dazu führte, dass ihm ein ganzer Planet zum Opfer fiel. Aber außer, dass sowohl die Union, als auch diese Konföderation darin verstrickt waren, ließen sich von Mazan Taisod keine weiteren Informationen dazu herausbekommen. Und letztlich waren wir einfach nur glücklich, dass wir diese Katastrophe überlebt haben.“
Frau Huber nickte ihm verständnisvoll zu. „Dann bedanken wir uns bei Ihnen, Herr Barnetti. Lassen Sie uns jetzt bitte allein. Auf Wiedersehen.“
„Auf Wiedersehen.“ Er deutete einen höflichen Gruß an, stand auf und verließ den Anhörungsraum. Auf dem Flur angekommen, atmete er tief durch. Diese Untersuchung hatte ihn aufgewühlt.
„Wer ist das, Mama?“, hörte er eine Jungenstimme fragen. Mike sah sich um und entdeckte eine Frau mit ihrem etwa neun Jahre alten Jungen.
„Helen?“
„Mike.“ Sie ging auf ihn zu, das Kind folgte ihr. „Mike, ich bin froh, dich zu sehen.“ Die Begrüßung war herzlich. Es beruhigte ihn ungemein, dass Sie ihm nie Vorwürfe gemacht hatte.
„Ist das Tim?“, fragte er anschließend und sah den Jungen an, der etwas schüchtern hinter seiner Mutter blieb.
„Ja, Mike.“ Sie bedeutete dem Jungen, näher zu kommen. „Tim, das ist Mike. Er war mit deinem Papa auf der Voyager.“
Der Junge kam näher und musterte ihn. Irgendwie fühlte sich Mike dabei nicht wohl.
„Hallo, Tim. Ich bin Mike, ein Freund deines Vaters.“ Er streckte dem Jungen die Hand entgegen.
„Warum bist du hier, aber mein Papa nicht?“
Mit einem Mal schnürte es ihm die Kehle zu. Wie konnte er dem Kind das Geschehene erklären?

Fragment 17

Fragment 17

Der erste Kontakt

„Sie sind neu hier, nicht wahr?“, meinte Kazuko Yamato, als er den jungen Mann ansah, der ihm im großen Ratssaal in Genf gegenüber stand.
Niko Dumont nickte nur. Seine Nervosität war kaum zu übersehen und doch schafften es die meisten Mitglieder der einzelnen Territorialregierungen, die an diesem Tag in Genf versammelt waren, ihn nicht wahrzunehmen. Er hoffte, nicht aufzufallen und doch hatte er die Aufmerksamkeit dieses einen Mannes erregt.
„Seien Sie versichert, dass das hier nicht immer so zugeht“, versuchte der Präsident der Vereinigten Asiatischen Staaten ihn zu beruhigen. Der Mann legte Niko seine Hand auf die Schulter und sprach in ruhigem Ton weiter. „Heute ist ein ganz besonderer Tag. Wir sind alle aufgeregt, glauben Sie mir. Sie hätten die anderen mal sehen sollen, als die erste Meldung vom Erscheinen dieses Raumschiffs eingetroffen ist. Blanke Panik stand in den Augen vieler.“ Er kicherte, was Niko etwas auflockerte. Yamato nahm seine Hand zurück und nickte Niko freundlich zu, ehe er weitersprach.
„Niemand konnte sich vorstellen, dass ein Raumschiff tatsächlich so schnell reisen konnte und als dann die erste Nachricht eintraf, dass die Barrafranca, also dieses Schiff, unsere Crew von der Voyager umgebracht hatte, da gingen alle Alarmsirenen los.“
„Ja, ich weiß. Es war einer meiner ersten Tage hier“, stammelte Niko nervös.
Yamato schmunzelte wieder. „Was für ein fatales Missverständnis. Hätte kurz darauf nicht Captain Scott die Nachricht korrigiert, hätten wir vermutlich dieses Schiff mit allem beschossen, was wir ihnen entgegenbringen konnten.
Glücklicherweise reagierte Captain Scott sehr schnell und aus umgebracht wurde mitgebracht.
Das war natürlich eine enorme Erleichterung. Was glauben Sie, wie Präsident Al Fahras gezuckt hat? Wahrscheinlich hatte er im Gedanken schon seine Raketensilos durchgezählt.“ Jetzt lachte Kazuko Yamato und steckte Niko damit an. Es war bekannt, dass Präsident Rashid Al Farahs ein Mann der Tat war. Niko konnte sich gut vorstellen, dass der Neu-Ägyptische Präsident tatsächlich einen Schlachtplan durchging, als er diese Nachricht hörte.
„Zum Glück ist es nicht soweit gekommen“, meinte Niko daraufhin. Er war erleichtert. Präsident Yamato hatte es geschafft ihm etwas von seiner Nervosität zu nehmen. Beide Männer standen abseits von den Anderen, die sich bereits auf die Ankunft der Delegation des fremden Raumschiffs vorbereiteten. Der Saal war festlich hergerichtet worden, alle trugen feinste Anzüge und Kleider. Ein großes Buffet wurde angerichtet und ein kleines Quartett von Streichern hatte sich bereit gemacht, den Abend mit sanfter Musik zu begleiten. Niko wusste, dass für diesen Empfang zwei Violinen, eine Viola und ein Violoncello ausgewählt wurden.
„Was wird wohl die Öffentlichkeit dazu sagen?“
„Hierzu?“, fragte Yamato mit aufgesetztem Erstaunen. „Hören Sie, junger Mann. Als die ersten Meldungen die Öffentlichkeit erreichten, dass ein fremdes Raumschiff die Erde ansteuerte, und obendrein die Voyager Crew mitbringen würde, da war die Freude bei allen Menschen unbeschreiblich. Es gab sicher einige Zweifler, doch den meisten war klar, was auch immer dieses Schiff für uns bedeuten mochte“, er machte eine kurze Pause, so als ob er sich die Bedeutung des nächsten Satzes selbst in Erinnerung rufen wollte, „Wir sehen unsere Leute von der Voyager wieder. Lebend!“
Niko war der Meinung, eine Träne in den Augen des Mannes zu erkennen.
„Naja“, murmelte er, entschied sich dann aber, nichts weiter zu sagen.
Diesmal nickte Yamato nur und rieb sich anschließend kurz die Augen. „Ja, Sie haben recht. Bis auf Arthur Jones. Sein Schicksal wird sicherlich Bestandteil unserer ersten Unterhaltung mit den Außerirdischen sein.“
Niko stutzte. „Außerirdische“, wiederholte er. „Das klingt nach Science Fiction.“
„Das klingt nach der Wahrheit“, entgegnete Yamato. „Auch wenn es Menschen sind, stammt die Mannschaft der Barrafranca nicht von der Erde ab. Also sind es Außerirdische.“
„Irgendwie hätte ich erwartet, dass sie anders aussehen. Also, eben keine Menschen sind.“
„Jetzt klingen Ihre Worte aber nach Science Fiction.“ Erneut lachte Yamato und diesmal fiel Niko mit ein.
Der Moment wurde jedoch jäh unterbrochen, als hinter Dumont ein Mann das Wort mit scharfen Ton an ihn richtete.
„Halten Sie den Präsidenten nicht von seinen Aufgaben ab, Mann!“
Erschrocken zuckte Niko zusammen und wandte sich um. Vor ihm stand nun Hermann Zettler. Präsident der Nordamerikanischen Union, welche die ehemaligen Gebiete der Vereinigten Staaten und Kanada in sich vereinten.
„Entschuldigung … ich“, weiter kam Niko nicht.
Rüde fiel ihm Zettler ins Wort. „Sie brauchen hier nicht auch noch meine Zeit zu vertrödeln. In wenigen Augenblicken trifft hier die Delegation ein. Gehen Sie also auf Ihren Posten und machen Sie Ihren verdammten Job. Haben Sie mich verstanden?“
Niko nickte und versuchte sich, schnell davon zu machen.
„Halt!“, rief ihm Zettler nach und bewirkte damit, dass Niko stehen blieb und sich noch einmal zu ihm wandte.
„Wie ist Ihr Name, Bursche?“
„Dumont, Sir. Niko Dumont.“
„Sind Sie etwa mit Jaqueline Dumont verwandt?“, wollte Zettler wissen. In seiner Stimme schwang Enttäuschung mit.
Niko nickte. „Ich bin ihr Sohn.“
Zettler winkte ab. „Ist mir egal, wer Sie sind. Sorgen Sie lieber dafür, dass man Sie hier nicht umsonst bezahlt.“
Mit diesen Worten wandte sich Zettler ab und nahm Präsident Yamato mit sich. Niko sah den Asiaten noch kurz an und dessen Blick gab ihm zu verstehen, dass er sich den rauen Ton nicht zu Herzen nehmen sollte.
Als die Streicher anfingen, eine Melodie anzustimmen, Mozarts Quartett in G major, wussten alle, dass nun der Moment des ersten Kontakts zu Außerirdischen gekommen war. Niko korrigierte sich im Gedanken. Der erste Kontakt auf der Erde.
Er nahm seinen Platz ein und wartete. Eine ganze Reihe von Angestellten, Assistenten, Dienern und Gästen standen nun direkt hinter den Spalier stehenden Soldaten in Galauniform, die einen Korridor für die Delegation der Barrafranca freihielten. Dahinter versammelten sich die Gäste und versuchten, so unaufgeregt zu wirken, wie es ihre eigene Neugier zuließ.
Dann plötzlich war es soweit. Blitzlichtgewitter und aufgeregte Stimmen auf dem Foyer des Gebäudes verrieten, dass die Delegation nunmehr eingetroffen war. Niko konnte von seiner Position nicht erkennen, wie viele Menschen von der Barrafranca angekommen waren, doch das sollte sich nur einen Moment später ändern.
Zuallererst schritt ein großer Mann den Korridor entlang. Gekleidet in einer prächtigen Uniform. Anschließend folgten die drei Besatzungsmitglieder der Voyager, was ein hörbares Aufatmen in der Menge des Saales verursachte. Niko blickte kurz zu den Anführern der Territorialregierungen der Erde und erkannte, dass auch sie einen leichten Ausdruck der Erleichterung erkennen ließen. Im Anschluss folge eine Gruppe von sechs weiteren Personen, welche ähnliche Uniformen wie der Erste trugen, nur weit weniger prunkvoll.
William Hephroh, der Eurasische Staatspräsident und aktueller Vorsitzender des Rates der Territorialregierungen trat einen Schritt vor, um die Gäste zu begrüßen.
„Willkommen auf der Erde“, empfang er die Delegation. „Wir reichen ihnen die Hände in Frieden.“ Um seine Worte zu unterstützen, zeigte Hephroh seine geöffneten Handflächen nach vorne. Niko wusste, dass diese Geste Vertrauen und Offenheit symbolisieren sollte, da sie bewies, dass man selbst keine Waffe in den Händen hielt.
Der prunkvoll uniformierte Mann tat ihm die Geste gleich und antwortete dann. „Wir danken für die Ehrerbietung und bringen Ihnen als Zeichen unserer Freundschaft Ihre Mannschaft unversehrt zurück.“
Die Menge klatschte und auch Niko tat es allen anderen gleich. Der Moment war aufwühlend und derart emotional, dass selbst die Streicher kurz innehielten. Alexandra Scott, Leandra Thuis und Michael Barnetti wurden geradezu gefeiert und von allen Mitgliedern des Territorialrates mit Handschlag und angemessen distanzierter Umarmung begrüßt.
Als sich die aufgewühlte Stimmung wieder beruhigt hatte, ergriff der prächtig uniformierte Mann das Wort.
„Im Namen der Union freier Planeten nehme ich Ihr friedliches Willkommen an und hoffe, dass wir uns in aller Freundschaft auf einer Ebene der Gleichberechtigung begegnen. Mein Name ist Mazan Taisod und auch ich reiche Ihnen meine Hand in Frieden.“
Erneut gab es einen großen Applaus. Doch aus Respekt gegenüber dieses historischen Moments ebbte der Beifall rasch wieder ab, sodass die Zeremonie weitergeführt werden konnte.
„Lassen Sie mich bitte meinen Stab vorstellen, der mich heute bei diesem denkwürdigen Ereignis begleitet“, intonierte Mazan Taisod, wandte sich anschließend zur Seite und deutete einer nach dem Anderen auf die sechs Begleiter, die jeder für sich eine leichte Verbeugung andeuteten, als sie aufgerufen wurden. „Mein Stellvertreter, Premazan Teldan Oris. Atras Hydarnes, der Diplomat an Bord der Barrafranca. Oberster Investigator Tren Echnan und sein Stellvertreter Semabu Cansil. Unsere Bordärztin Djawada Neith und zu guter Letzt mein Sicherheitschef Stakah Mavis.“
Niko Dumont beobachtete, wie William Hephroh jedem Einzelnen zur Begrüßung zunickte. Er fand die Haltung des Eurasischen Präsidenten bemerkenswert majestätisch und im Gedanken stellte er sich vor, Hephroh wäre eine Art König, der zu einer Audienz geladen hatte. Er fragte sich, ob es anderen Anwesenden wohl ähnlich gehen mochte.
„Verehrter Mazan Taisod, erlauben Sie mir bitte eine Frage. Ich bin glücklich und überrascht zugleich, dass Sie unsere Sprache derart gut beherrschen. Als wir die erste Mitteilung von Ihrem Schiff erhielten, war dies jedoch noch bei Weitem nicht vergleichbar. Wie haben Sie unsere Sprache so schnell lernen können?“
Mazan Taisod lächelte verschmitzt und deutete anschließend auf Alexandra Scott. „Diese Frau hat uns unermüdlich unterrichtet“, meinte er dann und bedankte sich bei ihr mit einer leichten Verbeugung. „Und glauben Sie mir, dass Sie eine unnachgiebige Lehrerin war.“
Als sie offenbar etwas sagen wollte, bemerkte Niko, wie Michael Barnetti ihre Hand festhielt und sie daraufhin lediglich Taisods Verbeugung erwiderte.
Nun waren die Ratsmitglieder an der Reihe, sich vorzustellen.
„Als Präsident Eurasiens und derzeitiger Amtsinhaber des Ratsvorsitzes der Territorialregierungen der Erde erlaube ich mir, William Hephroh, nun meinerseits die führenden Vertreter unseres Planeten vorzustellen.“ Es klang staksig und auch etwas unbeholfen, fand Niko. Er musste sich allerdings eingestehen, dass es wohl schwierig war, die richtigen Worte zu finden, wenn man zum ersten Mal, seit Menschengedenken versuchte, mit Außerirdischen auf neuen diplomatischen Pfaden zu wandeln.
William Hephroh wandte sich seinerseits den anderen Ratsmitgliedern zu. „Pucará Callao, Staatspräsidentin des Inka-Territoriums. Rashid Al Farahs, Regierungsoberhaupt von Neu-Ägypten.“ Der hagere Mann trat bestimmt einen Schritt vor, ehe er sich verbeugte. Danach schritt er wieder zurück. „Hermann Zettler. Präsident der Nordamerikanischen Union. Kazuko Yamato, Präsident der Vereinigten Asiatischen Staaten und James R. Young, der Präsident der Australischen Union. Zudem möchte ich Ihnen gerne Juan Hofer vorstellen. Den Vorsitzenden der World Space Administration und damit Vorgesetzter unserer drei Astronauten, deren Leben Sie gerettet haben.“
Hofer trat lächelnd vor und reichte Taisod die Hand. „Ich möchte mich bei Ihnen für diese große Tat bedanken.“
Taisod schien zu bemerken, dass Hofer gerade gegen die Etikette verstieß, denn Niko konnte beobachten, wie er Hephroh mit einem fragenden Blick bedachte. Als dieser jedoch seine Zustimmung signalisierte, ergriff Taisod die ausgestreckte Hand Hofers und versicherte ihm, dass er und seine Mannschaft nur ihre Pflicht gegenüber einem in Not geratenen Schiff mit Menschen an Bord erfüllt hätten.
Erneut ergriff Applaus alle Anwesenden und Niko schien es, als wäre das erste Eis durch diese Geste gebrochen worden.
Die Hände wurden gegenseitig in Freundschaft gereicht. Ihn durchfuhr ein erleichterndes Gefühl der Entspannung und er war sich sicher, dass er eben Zeuge des entscheidenden Momentes einer langen Periode des Friedens wurde.

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Fragment 13

Fragment 13 – „Öffentlichkeitsarbeit“

„Die Fragen wurden im Vorfeld mit den Vertretern der Presse abgesprochen“, erklärte der WSA-Chef der Crew, die in einem kleinen Raum auf ihren großen Auftritt wartete.
„Sie werden sich genau an die vorgegebenen Antworten halten.“ Hofers Assistentin überreichte der Crew verschiedene Pads. „Sie fügen nichts hinzu und werden auch nichts weglassen, verstanden?“
„Und was sollen wir machen, wenn Fragen gestellt werden, die nicht abgesprochen sind?“ Arthur war nervös. Er konnte keine dreißig Sekunden stillsitzen und lief immer wieder hin und her.
„Das wird nicht passieren, Mister Jones. Wir haben die Pressekonferenz bis ins kleinste Detail durchgeplant.“
„Da bin ich aber mal gespannt, ob sich die Journalisten dran halten.“ Lee war ebenfalls aufgeregt. Heute war ihr großer Tag.
„Das werden sie. Wir machen so etwas schließlich nicht zum ersten Mal“, fügte Hofer mit Nachdruck hinzu. „Sie werden freundlich in die Kameras schauen und ihre Antworten vorlesen.“
„Die meisten Fragen gehen an dich, Mike.“ Lee las sich die Antworten auf dem Pad durch.
„Natürlich. Doktor Barnetti ist der Missionsleiter“, grätschte die Assistentin ein, bevor Mike eine Antwort geben konnte. Er und Alia saßen noch in der Maske.
„Und was sind wir? Schmückendes Beiwerk?“ Alia hatte die kurze Pause des Maskenbildners genutzt, der nach einem weiteren Pinsel griff, um sie mit Make-up vollzuschmieren. Jeder im Raum konnte ihren Unwillen darüber hören.
„Wenn Sie es so wollen, ja. Das sind Sie.“ Hofer drehte sich zu Alia, die wieder von dem Stylisten bearbeitet wurde und die Augen schließen musste. „Wir haben jeden von Ihnen in den letzten Monaten öffentlich so aufgebaut, dass diese Antworten exakt Ihrem Image entsprechen.“
„Und dieses Image wäre?“ Mike war nun auch ärgerlich. Er mochte es nicht, übervorteilt zu werden. Und dass ihn die WSA so ins Rampenlicht rücken wollte, war ihm unangenehm.
„Sie, Doktor Barnetti“, die Frau an Hofers Seite klang genervt, „sind der smarte und sympathische Missionskommandant, der das Team geformt und zusammengeschweißt hat.“
„Mister Jones ist der junge und dynamische Familienvater, der trotz allem um die Wichtigkeit der Mission weiß“, ergänzte Hofer in einem etwas milderen Ton und warf der Frau einen warnenden Blick zu. Es würde nicht helfen, wenn die Crew ärgerlich auf die Bühne trat. Diese nickte, bevor sie fortfuhr.
„Miss Thuis ist die lebensfrohe Wissenschaftlerin, welche die Moral der Gruppe aufrecht erhält und Captain Scott stellen wir der Presse als gutaussehende, aber kühle Militärstrategin vor.“
„Bitte was?!“ Alia war aufgesprungen und hatte dabei dem Stylisten den Pinsel aus der Hand geschlagen, mit dem er immer noch versuchte, sie zu schminken. „Barnetti als Mister Niceguy, Thuis als Pausenclown? Wie kommen Sie überhaupt dazu? Und Jones als Nesthäkchen zu vermarkten ist das Letzte. Was fällt Ihnen insbesondere ein, aus mir eine…“
„Captain, Sie vergreifen sich im Ton!“ Hofer hatte ebenfalls seine Stimme erhoben. „Jeder von Ihnen entspricht einem bestimmten Profil, mit welchem sich die Menschen identifizieren können. Sie alle sind sehr beliebt, jeder bei einer anderen Personengruppe. Und wenn Sie sich gleich bei der Konferenz nicht sehr ungeschickt anstellen, wird Sie die Welt dafür feiern, auf diese Mission zu gehen.“
„Sie sollten bedenken, dass die Mission aus Steuergeldern und von Sponsoren aus der Privatwirtschaft finanziert wird“, wieder mischte sich Hofers Assistentin ein. „Mag man Sie, sind die Menschen bereit, für Missionen wie diese zu zahlen.“
Alia und Mike sahen immer noch wütend aus, während Lee und Arthur nicht genau wussten, was sie von der Situation halten sollten. Dennoch schwiegen alle vier.
„Sehr schön. Nachdem das nun geklärt ist, werden Sie jetzt da raus gehen, brav die Fragen beantworten und in die Kameras lächeln.“

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Fragment 12

„Die WSA ist eine globale, zivile Organisation“, erklärte Hofer mit Nachdruck. „Und das Programm ebenfalls.“ „Sicher Herr Vorsitzender. Nichtsdestotrotz dürfen wir den Aspekt nicht unberücksichtigt lassen, dass die Crew auf Situationen treffen könnte, die eine sofortige militärische Entscheidung verlangen.“ Der vehemente Tonfall des neu-ägyptischen Verteidigungsministers war nicht zu überhören. Hofer sah in die Gesichter der ihm zugeschalteten Staatenvertreter, die mit der WSA an dem Projekt arbeiteten oder sich finanziell daran beteiligt hatten. „Was erwarten Sie denn Mister Al-Farah? Dass Außerirdische mit einem Kriegsschiff auftauchen und die „Voyager“ kapern?“ Einige Vertreter unterdrückten ein Grinsen nur mit Mühe, doch waren sie alle klug genug, nicht in die Diskussion einzugreifen. „Nein, natürlich erwarte ich es nicht, aber …“ „Wie ich bereits mitteilte, hat das Auswahlgremium sich für Michael Barnetti als Missionskommandant ausgesprochen. Captain Scott wird jedoch mit weitreichenden Befugnissen ausgestattet, um in einer Notsituation in die Kommandostruktur eingreifen zu können.“ Hofer wusste, dass es Al-Farah nicht in erster Linie darum ging, aus der Forschungsmission eine militärische Angelegenheit zu machen, obwohl er der Verteidigungsminister war. Vielmehr wollte er seine Landsfrau auf der Kommandoposition sehen. Das könnte ihn politisch enorm nach vorne katapultieren. Zudem war Scotts Mutter ebenfalls eine engagierte Politikerin. Es würde Hofer nicht überraschen, wenn sie selbst Al-Farah kontaktiert hatte, um am Ende auf dem Kommandantensessel Platz zu nehmen. „Ich verstehe.“ Al-Farah sah keineswegs danach aus. „Und ich hoffe für Sie, dass das Gremium und Sie die richtige Entscheidung getroffen haben.“ Der Minister konnte es nicht dabei belassen und setzte diese unterschwellige Drohung nach. Gerade jetzt erinnerte Rashid Al-Farah ihn sehr an Scott, die auch kaum eine Gelegenheit ausließ, um ihre Kameraden zu kritisieren. Er überlegte, ob dies ein typografisch geprägter Charakterzug oder ob diese beiden Individuen rundweg narzisstisch veranlagt waren. Dies war einer der Hauptgründe für die Entscheidung zu Gunsten Barnettis gewesen. Er war ein Teamplayer und verfügte gleichzeitig über genug Autorität, um die Mannschaft führen zu können. Scott hingegen fehlte das nötige Verständnis für die moralischen Belange der Crew. Zwar hatte ihr Sozialverhalten in den letzten Monaten einen für die Mission akzeptablen Zustand erreicht, dennoch würde er ihr nicht ruhigen Gewissens das Kommando geben können. Militär hin oder her. „Das freut mich, Herr Verteidigungsminister“, beendete Hofer die Diskussion, ohne auf die vorhergehende Drohgebärde einzugehen. Selbst wenn Al-Farah nicht aufgegeben hätte, war die Entscheidung so gut wie unumstößlich. Bestände der heute hier tagende Ausschuss auf ein Militärkommando, wäre Scott trotz ihrer Fähigkeiten aus dem Programm genommen worden, um einen passenderen Kandidaten zu etablieren. Im Anbetracht der kurzen Zeit, die noch verblieb, wäre ein solches Unterfangen jedoch äußerst riskant gewesen. Selbst mit der Ersatzcrew. Das musste nach Hofers Einschätzung auch Al-Farah klar sein. „Nach dem Ende der Sitzung werden wir die Mannschaft über die Entscheidung informieren. Die für die Öffentlichkeit bestimmte Pressekonferenz findet Ende dieser Woche statt. Dann werden wir der Welt die Crew, ihre Ersatzleute und auch das Schiff präsentieren.“ Hofer drückte einige Felder auf seinem ComTerm und die Teilnehmer erhielten eine vorläufige Tagesordnung für die Konferenz. Hofer würde sich einen Brandy genehmigen, nachdem er Barnetti beglückwünscht und Scott beruhigt hatte. „Herr Hofer, ich habe noch eine Frage zum Zeitablauf ...“ Sofern er heute noch aus dieser Konferenz kommen würde.

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Fragment 9

„Sie stehen kurz davor aus dem Programm zu fliegen, Captain!“ Hofer sah Alexandra Scott wütend an. Beide saßen in seinem Büro in Genf. „Ich verstehe nicht, was Sie zu dieser Aussage veranlasst, Sir.“ Allein schon durch ihren herablassenden Ton provozierte sie Hofer. „Meine Ergebnisse bei den Tests liegen weit über den Anforderungen und den Resultaten der Anderen.“ „Tatsächlich? Glauben Sie nur nicht, dass Sie nicht ersetzbar wären. Vielleicht nicht ganz so leicht, wie ein Jones oder Barnetti, aber Major Vasquez steht bereits in den Startlöchern.“ Er warf Alia ein Pad mit Ergebnissen hin. „Sie haben bei vielen Anforderungen an das Sozialverhalten nur Mindestmaß erreicht. Bei einigen Punkten sind Sie sogar durchgefallen!“ Sie schaute sich die Ergebnisse der Tests an. Hofer hatte recht, sie hatte bei den Prüfungen auf Empathie, Kritikfähigkeit und sozialer Interaktion versagt. „Das ist für mich nicht nachvollziehbar, Herr Hofer. Diese Ergebnisse können nicht korrekt sein. Die Prüfungen sind falsch ausgewertet worden.“ Alia argumentierte damit, dass ihre Ausführungen in den Tests nicht entsprechend bewertet wurden. „Im Gegenteil, Alexandra.“ Hofer holte tief Luft, um sich nicht vom arroganten Tonfall der Ägypterin aus der Fassung bringen zu lassen. „Neben den schriftlichen Tests und den psychologischen Untersuchungen haben wir ein soziales Profil von jedem Teammitglied erstellen lassen. Sie wurden bei allen Übungen, bei jeder gemeinsamen Interaktion beobachtet und entsprechend bewertet.“ Er stand auf und nahm ihr das Pad ab. „Und wenn ich danach gehe, müsste ich Sie sofort aus dem Programm werfen.“ Alia rutschte auf ihrem Sitz hin und her, sie fühle sich unwohl. Es war ihr egal, was andere von ihr hielten, aber sie dufte nicht aus dem Programm fliegen. „Ihre Kollegen bezeichnen Sie als anstrengend, niemand will mit Ihnen Dienst machen. Ihr Team“, damit bezog sich Hofer auf Barnetti, Thuis und Jones, „scheint immerhin soweit mit Ihnen klar zukommen, weil sie Ihre Fachkompetenzen sehr schätzen, wenn ich nach deren Essay gehe.“ Sie hatte selbst eine Einschätzung über die anderen drei Mitglieder der Mission abgegeben. „Aber auch hier ... warten Sie, gerne gebe ich Ihnen ein Beispiel“, Hofer rief an seinem ComTerm die Berichte der anderen auf. „Scott verfügt über ein breites Fachwissen, aber manchmal ist sie wie ein Teebeutel und hängt sich überall rein“, zitierte Hofer. Alia erkannte schon anhand der Wortwahl, dass er aus Thuis´ Bericht vorgelesen hatte. „Oder hier...“ Der Leiter der WSA sprang zum nächsten Essay. „Wenn Alia uns allen etwas weniger Arroganz und Selbstverliebtheit entgegenbringen würde, wäre der Teamgedanke viel mehr vorangebracht.“ Sie schluckte. Das musste von Barnetti stammen. Arthur würde sie nie mit ‚Alia‘ in einem offiziellen Dokument benennen. „Möchten Sie mehr hören?“ Hofer schaute sie an, während er sich in seinen Sessel zurücklehnte. Nach einer Weile schüttelte Alia den Kopf. Jones war höchstwahrscheinlich nicht milder mit ihr ins Gericht gegangen, zumal sie ihn vor zwei Tagen bei der misslungenen Unterwasserübung vor allen Anwesenden seine Unzulänglichkeit vor Augen geführt hatte. „In Ordnung.“ Hofer lehnte sich wieder vom ComTerm zurück. „Wir haben bereits sehr viel Geld und Zeit in Ihre Ausbildung investiert. Daher gebe ich Ihnen eine Gnadenfrist von vier Wochen, um Ihr Verhalten sozialkompetenter zu gestalten. Ansonsten sind Sie raus! Haben Sie das verstanden, Captain?“ „Verstanden, Herr Vorsitzender.“ „Sie werden ab sofort jeden Tag mit den Psychologen sprechen und gemeinsam an Ihren Defiziten arbeiten.“ Alia war im Begriff aufzubegehren, doch Hofer signalisierte ihr zu schweigen. „Ich werde mich laufend über Sie informieren und erscheinen Sie einmal nicht oder die Kollegen sehen keinen Fortschritt, werde ich die vier Wochen nicht abwarten. Vasquez wird dann schneller ihren Platz einnehmen, als Ihnen recht ist. Es liegt nun ganz bei Ihnen.“ „Herr Vorsitzender, ich sehe es bis zu einem gewissen Grad ein, dass Sie Ihre Investitionen schützen müssen, doch werden sie eher dadurch gefährdet sein, wissenschaftlich inkompetente Arbeiter auf diese Reise zu schicken. Das ist kein Kindergartenausflug, Herr Hofer.“ Sie war wütend, dass man ihr unterstellte, die Mission zu gefährden. Ihr Gesicht musste feuerrot sein, sie hatte das Gefühl, dass ihre Wangen glühten. „Captain, mir scheint, Sie haben es immer noch nicht verstanden, was mich nun auch an Ihrer fachlichen Kompetenz für diese Mission zweifeln lässt. Ganz zu schweigen davon, dass Sie sich dadurch als Kandidat auf den Posten der Missionsleiterin disqualifiziert haben könnten.“ Er beugte sich vor und sah sie eindringlich an. „Sie tun genau das, was ich Ihnen sage, oder Sie können sofort Ihre Sachen packen. Morgen melden Sie sich bei Doktor Borelli zu Ihrer ersten Besprechung. Und jetzt werden Sie sich mit ihren anderen Teammitgliedern treffen. Arthur Jones‘ Frau und sein Sohn sind hier.“ Alia nickte. Sie wusste, dass sie den Anweisungen des Vorsitzenden der World Space Administration zu folgen hatte, wenn sie weiterhin an der Mission teilnehmen wollte. „Gehen Sie jetzt.“ Ohne Hofer eines weiteren Blickes zu würdigen, verließ Alia sein Büro. Sie war so wütend, dass man sie rauswerfen wollte, nur weil die anderen solche Mimosen waren. Dennoch begab sie sich auf den Weg in den großen Aufenthaltsraum. „Alia, schön, dass du auch endlich mal kommst.“ Mike Barnetti hatte sie gleich beim Hereinkommen bemerkt. „Ich hatte noch eine Unterredung mit Herrn Hofer“, antwortete sie pflichtschuldig. Mike und Lee, die mit Arthur und seiner Frau am Tisch saßen, nickten. Für Alias Geschmack ein wenig zu eifrig. „Hallo!“, brüllte es plötzlich unter dem Tisch hervor und Alia wurde von zwei riesigen Kinderaugen angestrahlt. Beinahe erschrocken schaute sie das Kind an. „Das ist Timothy, mein Sohn“, erklärte Arthur stolz. „Und das ist meine Frau Helen.“ „Angenehm“, sagte Alia und reichte ihr die Hand. „Helen, das ist Captain Alexandra Scott.“ „Es freut mich sehr, Captain, Sie kennenzulernen“, erklärte Helen auch eher pflichtschuldig. „Capein ... Hallo!“, tönte es wieder unter dem Tisch hervor. „Hallo, Timothy.“ Als hätte er nur darauf gewartet, schoss er heraus, lachte sie an und sprang wieder zu Arthur. „Er mag dich, Alia“, sagte Arthur und schien sich darüber zu freuen, während die anderen erstaunt dreinblickten.

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Fragment 6

Der Professor richtete seine Lesebrille und betrachtete die grafische Simulation auf dem Holoprojektor, die den Verlauf der geplanten Langzeitraumfahrt zum Nachbarsternensystem Alpha Centauri verdeutlichte.
„Wie Sie sehen, dauert selbst im Zeitraffer die Reise dorthin überaus lange. Ich schlage vor, wir kürzen diesen Part ab und kümmern uns weiter um die Stellarkunde und insbesondere um die Positionierung des Dreifachgestirns Alpha Centauri, welches 4,34 Lichtjahre von unserer Sonne entfernt als direkter Nachbar angesehen wird. Bekanntermaßen besteht das Alpha Centauri System aus den Sternen Alpha Centauri A, B und C. Wobei wir uns auf Grund der Mission darauf konzentrieren werden, das Zielsystem der Einfachheit halber als Alpha Centauri zu beschreiben, die tatsächlichen Koordinaten jedoch zu Alpha Centauri C und damit zum Planeten Proxima Centauri b gehören. Um mit den Buchstaben aber nicht durcheinander zu geraten, ist der allgemeine Sprachgebrauch bei der WSA der, von Proxima Centauri und dem Planeten Proxima Centauri b zu sprechen.“
Mike meldete sich zu Wort. „Können wir nicht generell davon sprechen, nach Proxima Centauri zu reisen, Professor?“
Der Mann sah ihn über seine Brille hinweg an. „Wollen Sie in der Sonne landen, junger Mann? Richten Sie sich an den von mir eben erklärten Sprachgebrauch.“ Er sah wieder auf die Holoprojektion. „Die Sonne Proxima Centauri ist der nächstgelegenste Stern in diesem System und wird bei einer Entfernung von nur 4,22 Lichtjahren früher zu erreichen sein. Obwohl die anderen beiden Sonnen weiter entfernt sind, wird es ihnen anhand der ausgewählten Navigationsroute möglicherweise so vorkommen, als würden sie an den beiden anderen Sonnen vorbeifliegen. Das liegt jedoch …“
„Entschuldigung, Professor, aber ich habe eine Frage.“ Diesmal war es Leandra.
Der Mann nickte ihr zu. „Bitte?“
„Was mich schon seit einiger Zeit wurmt, ist die Frage, weshalb immer wieder von Navigation gesprochen wird. Die nautische Begrifflichkeit ist hierbei doch fehl am Platz. Korrekterweise sollte es doch Astrogation heißen.“
„Da haben Sie natürlich Recht“, bestätigte der Professor. „Aber der Begriff der Navigation hatte sich bekanntermaßen ja schon bei der geografischen Routenführung von Landfahrzeugen vor rund zweihundert Jahren durchgesetzt. Die WSA nutzt diese Begrifflichkeit schon seit ihrer Gründung. Sie müssen modischen Strömungen nicht so viel Bedeutung beimessen. Es bleibt bei der Navigation.“
Mike sah zu Lee und hatte den Eindruck, sie würde mit dem Professor eine Diskussion über diesen Punkt starten wollen. Sie hatte bereits zu einer Erwiderung angesetzt, beließ es aber dann dabei. Er war sich nicht sicher, ob sie sich selbst eines besseren besann, oder ob Captain Scotts Gesichtsausdruck dazu beigetragen hatte. Auf jeden Fall verstummte sie.
„Hat sonst noch jemand Fragen?“ Der Professor sah alle vier erwartungsvoll an. Nachdem sich jedoch niemand mehr meldete, fuhr er mit seinem Unterricht fort. „Also, machen wir weiter mit dem Abbremsmanöver …“

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Fragment 2

Seit Wochen programmierte Alia an der Steuerungssoftware für einen neuen Satelliten, den das neu-ägyptische Militär in wenigen Tagen in die Umlaufbahn schicken würde. Es war langweilig und forderte sie kaum. Im Gegenteil, es stumpfte ihre Leistungsfähigkeit ab.
Die Militärbasis nahe der Landeshauptstadt Kairo lag unweit des Gizeh-Hochplateaus und den darauf erbauten Pyramiden. Aus ihrem kleinen Büro hatte Alia einen direkten Blick auf die Bauwerke und nahm sich Zeit, sie zu betrachten. Der Anblick solch monumentaler alter Baukunst entspannte sie immer wieder. Wie jetzt, wenn die Sonne schon so tief stand und die Sandsteine golden glänzen ließ.
„Captain Scott, der Colonel will Sie sofort sprechen.“ Alia blickte über die Anzeigen der ComTerms hoch und sah die Adjutantin ihres Vorgesetzten.
Ihrer Ansicht nach eine inkompetente Person, die kaum über die Intelligenz verfügte, den eigenen Namen zu schreiben, dafür jedoch einen Befehlston wie ein Drei-Sterne-Admiral pflegte.
Alia hatte vor einigen Monaten den Fehler begangen, den Major bei einer Inspektion auflaufen zu lassen und war dafür auf diesen Posten strafversetzt worden, anstatt eine Auszeichnung für herausragende Leistungen zu erhalten.
„Ja, Major.“ Ohne weiter nach dem Grund zu fragen, ließ sie ihre Arbeit liegen.
„Und zügeln Sie diesmal Ihr loses Mundwerk, verstanden?“, raunzte der Major nach.
„Natürlich, Madam.“ Wäre nicht der schneidende und hochnäsige Ton gewesen, hätte man es Alia als Wahrheit abgenommen, doch sie ertrug Unzulänglichkeiten nicht und erst recht nicht bei einer ihr vorgesetzten Person.
Als sie das Büro des Kommandanten erreichte, hörte sie bereits die Stimme des kommandierenden Offiziers, ehe sie anklopfte.
„Captain Scott. Kommen Sie herein und setzen Sie sich.“ Ihr Kommandant hatte am Schreibtisch Platz genommen und schaute sie durchdringend an. Sie diente seit zwei Jahren unter seinem Kommando und ließ sich von seinen Einschüchterungsversuchen nicht aus der Ruhe bringen.
„Ja, Sir.“
„Ich will es kurz machen. Die WSA hat die Nominierungen für die Voyager-Mission veröffentlicht. Sie sind dabei.“ Er sah Alia an, die versuchte keine deutbare Regung zu zeigen. „Meinen Glückwunsch, Captain. Damit erweisen Sie Ihrem Land einen großen Dienst.“
„Danke, Sir. Wann werde ich abreisen?“ Ihre Stimme klang gewollt emotionslos. Der Colonel zeigte sich über ihre zurückhaltende Reaktion verwundert, ließ es aber unkommentiert.
„Den Marschbefehl erhalten Sie gleich. Sie werden morgen Mittag nach Genf abreisen. Es ist kurzfristig, aber man möchte Sie gleich der Presse vorstellen. Sie und Ihre Kollegen.“ Damit reichte er Alia die Benachrichtigung der World Space Administration, in welcher acht Crewmitglieder der Voyager-Mission vorgestellt wurden. Vier Besatzungsmitglieder und vier Ersatzleute.
„Verstanden, Colonel!“ Alia wartete darauf, dass der Kommandant sie entließ.
„Hören Sie Captain, ich möchte Ihnen noch einen Ratschlag mit auf den Weg geben.“ Er lehnte sich etwas vor. Alia vermutete, um seinen Worten mehr Nachdruck zu verleihen. „Sie sind scharfsinnig und haben eine erstaunliche Vielzahl an Fähigkeiten, die Sie für das Weltraumprogramm wertvoll machen. Aber, Sie fliegen nicht alleine in ein anderes Sonnensystem. Arrangieren Sie sich mit der Crew. Werden Sie ein klein wenig lockerer und kritisieren Sie Ihre Kollegen nicht ständig wegen Kleinigkeiten. Nutzen Sie die Vorbereitungszeit, um zu lernen im Team zu arbeiten, sonst werden Sie nicht auf die Reise gehen. Schließen Sie mit den Menschen Freundschaft. Sie alle werden eine sehr lange Zeit auf engstem Raum zusammen sein.“
„Ja, Sir!“, sagte Alia, meinte aber das Gegenteil. Sie sah keinen Grund, Freundschaften für eine solche Mission zu schließen. Sie konnte es höchstens akzeptieren, dass diese Personen zur Crew der Voyager gehörten. Die Gegenwart von Menschen ertrug Alia schwer. Sollten sich diese dann als intellektuell unterentwickelt erweisen, war es für sie kaum zu leisten eine Art freundschaftliche Beziehung aufzubauen. Sie hoffte inständig, dass die WSA nicht nur nach Quote ausgesucht hatte, sondern nach Leistungsfähigkeit.
„Dann dürfen Sie gehen, Captain. Bis zu Ihrer Abreise sind Sie vom Dienst freigestellt. Nochmals Glückwunsch zu Ihrer Nominierung.“
Alia erhob sich, salutierte und verließ das Büro. Auf dem Weg in ihr Wohnquartier, welches auf der anderen Seite der Militärbasis lag, kamen ihr zwei Soldaten entgegen, die eine Zeitlang ebenfalls an der Steuerungssoftware gearbeitet hatten.
„Hey Scotty, hast du dich so beliebt gemacht, dass du zum Colonel musstest? Wieder Nachsitzen im Code-Knast?“, rief ihr der Größere von Beiden zu, worauf der Andere lachte. „Sei froh, dann sind wir sie los.“ Sie gingen an ihr vorbei und würdigten ihre Kameradin keines Blickes.
Alia ließ sich davon nicht beeindrucken. Sie legte keinen Wert auf soziale Kontakte, im Besonderen nicht auf solche wie diese. In ihrem Quartier angekommen zog sie sich um und verließ in Zivilkleidung und festem Schuhwerk den Stützpunkt.
„Sitt*, in einer Stunde kommen wieder die ersten Touristen…“ Einer der Museumswächter kam in landestypischer Tracht die letzten Steine hochgeklettert, um Alia Bescheid zu geben, dass sie sich an den Abstieg machen sollte.
Sie nickte, blieb aber sitzen. Dieser Ausblick auf den Nil in der Ferne, die Wüste, die immer wieder versuchte, die Pyramiden unter sich zu begraben und der Sonnenaufgang so früh am Morgen waren das Schönste, das sie je gesehen hatte. Der beschwerliche und nicht ungefährliche Aufstieg mitten in der Nacht, hatte sich gelohnt.
„Sitt, bitte. Du musst jetzt gehen.“

Wieder nickte Alia, doch diesmal erhob sie sich und kletterte die ersten großen Steine herunter, ehe ihr der Mann folgte. Er wollte sichergehen, dass Alia die Pyramide verließ.
„Du kannst Morgen wiederkommen und länger bleiben. Freitags kommen sie immer später“, fügte der Mann hinzu. Das Trinkgeld, das Alia ihm und seinem Kollegen gezahlt hatte, war beachtlich gewesen. Daher versuchte er, ihr nochmal eine Chance zu geben.
„Ich werde nicht mehr zurückkommen“, erklärte sie schlicht und lächelte dabei.
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*ägyptische Anrede für eine Dame

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