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Fragment 18

Die Untersuchungskommission

Mike standen die Nackenhaare zu Berge. Vor Monaten hatte sich Arthur auf tragische Weise das Leben genommen. Schlimm genug, dass er einen Freund verloren hatte. Doch jetzt sollte diese ganze Geschichte nochmal aufgerollt werden. Es schauderte ihm bei dem Gedanken, das alles erneut durchzugehen.
„Michael Barnetti, bitte.“
Jetzt war es soweit. Er sollte aussagen. Mike schluckte einen Kloß herunter, strich sich seinen Anzug glatt und begab sich in den Anhörungsraum.
„Guten Morgen, Herr Barnetti. Bitte nehmen Sie Platz.“
Ein Stuhl stand für ihn bereit. Gegenüber dem breiten Tisch, an dem die drei Mitglieder der Untersuchungskommission saßen. In der Mitte saß eine akkurat gekleidete Mittvierzigerin. Hosenanzug, kurze Frisur, altmodische Brille, durchdringender Blick. Sie stellte sich ihm als Vorsitzende der Kommission vor. Frau Huber.
Links von ihr saß eine weitere Frau. Etwas älter als Frau Huber, aber nicht weniger aufmerksam. Das Haar war schon leicht angegraut, dafür länger. Frau Svensson.
Das dritte Kommissionsmitglied war ein Herr. Mike vermutete, dass er der älteste im Bunde war. Weißgraue Haare, Kinnbart, tiefe Falten im Gesicht. Er stellte sich selbst als Doktor Smith vor.
Mike folgte der Einladung und setzte sich.
„Sie wissen, weswegen Sie heute vorgeladen wurden?“, fragte Doktor Smith gleich darauf.
Mike bestätigte. „Die Kommission möchte Näheres zum Umstand des Todes meines Kollegen Arthur Jones in Erfahrung bringen.“
„Sehr richtig, Herr Barnetti.“
„Sind Sie bereit für die Befragung?“ Frau Svensson sah ihn fragend an.
„Selbstverständlich“, antwortete er. Dabei war ihm eigentlich gar nicht wohl.
„Dann lassen Sie uns damit beginnen, was Ihre Aussage zum Ereignis betrifft.“
Mike horchte auf. „Entschuldigung, sagten Sie Ereignis? Ist es das, was der Tod von Arthur Jones für Sie darstellt? Ein Ereignis?“
Die Vorsitzende mischte sich ein. „Bitte versuchen Sie, sachlich zu bleiben. Die Wortwahl mag für Sie unpassend erscheinen, aber für die Untersuchung ist es von Nöten, den Hergang so objektiv wie nur möglich zu betrachten. Aus diesem Grunde sprechen wir hier formal von einem Ereignis, auch wenn die Umstände des Todes von Arthur Jones emotional sicher tiefgreifend sind.“
Mike verengte die Lippen zu Schlitzen. Bürokratie. Emotionslose, formelle Bürokratie. Das war vermutlich das Schlimmste, was Arthur posthum widerfahren konnte.
„Zu Ihrer Aussage“, übernahm Frau Svensson wieder das Wort. „Das Protokoll der ersten Vernehmung lässt die Vermutung zu, dass sie Arthur Jones nicht davon abgehalten haben, den Alpha-Centauri-Erkundungs-Transporter oder kurz ACET, zu entwenden, und damit zuließen, dass er nicht nur sich, sondern die gesamte Mannschaft der Voyager in Gefahr brachte.
Ihrer Aussage zufolge öffnete er die Frachtluke der Voyageur, während Sie dabei waren, aus der Blockade des Planeten Proxima Centauri b zu entkommen. Laut der Aussage von Alexandra Scott, wurde zu diesem Zeitpunkt eine Ablenkungssonde gestartet. Ihnen hätte also bewusst sein müssen, dass Arthur Jones das gesamte Vorhaben zur Flucht aus der Blockade gefährdete. Warum haben Sie nicht interveniert? Schließlich sind Sie für die Handlungen ihrer Mannschaft verantwortlich.“
In Mikes Ohren klang das wie eine Anschuldigung. „Wir dachten zunächst, dass es eine Fehlfunktion im Verriegelungssystem des Frachtraums gab. Immerhin wurde die Voyager ja durch die Kollision mit einem der Satelliten beschädigt. Selbstverständlich hatten wir Sorge, dass Arthur in Gefahr schwebte. Allerdings hielten wir die Öffnung der Frachtluke zu diesem Zeitpunkt lediglich für eine Fehlfunktion.“
Die Vorsitzende sah ihn über ihren Brillenrand hinweg an. „Miss Thuis erklärte, Sie hätte Sie dazu aufgefordert, etwas zu unternehmen, um Arthur Jones zu helfen. Warum haben Sie sie ignoriert?“
„Ich habe sie nicht ignoriert!“. Das war nicht nur eine Anschuldigung. Mike fühlte sich mit einem Mal, als würde man Anklage gegen ihn erheben. „Wir haben in der Phase des Sondenstarts plötzlich den Dekompressionsalarm registriert. Natürlich machten wir uns Sorgen um Arthur, weil wir wussten, dass er im Frachtraum war. Doch noch ehe irgendjemand von uns reagieren konnte, überschlugen sich die Ereignisse. Die Sonde begann ihren Steigflug, die Satelliten richteten sich aus und plötzlich war unser Frachtraum offen. Ich wollte ihn fragen was passierte und da meldete er sich mit den Worten, dass es ihm leidtun würde … ‚lebt wohl‘ sagte er auf einmal …“, Mikes Kehle schnürte sich zu. Wieder war dieser schreckliche Moment da. Wieder spürte er diese Verzweiflung in sich. Die Verzweiflung, die damals auch aus Arthurs Stimme zu ihm drang.
„Sie hätten die Frachtluke wieder schließen können“, wandte Doktor Smith ein.
Mike sah ihn an. „Nein“, antwortete er daraufhin. „Das war nicht möglich. Ich meine, vielleicht hätte ich über meine Konsole die Steuerung der Frachtraumluke kontrollieren können.“
„Also geben Sie zu, dass Sie es versäumt haben, das Leben ihres Besatzungsmitglieds zu retten?“
„So ist das nicht gewesen“, widersprach Mike. Innerlich war er angewidert von der emotionslosen Analyse. Er schloss einen Moment lang die Augen. Es fiel ihm schwer, nicht emotional zu werden. „Die Situation war hektisch. Als wir unseren Fluchtversuch starteten und sich gleichzeitig die Frachtluke öffnete, hatten wir keine Zeit zum Überlegen. Ich habe Arthur gefragt, was passiert war, aber es ging alles so unglaublich schnell. Ich wollte den Start der Voyager stoppen. Ich wollte Arthur da raus holen, doch es war zu spät. Die Triebwerke starteten und in diesem Moment hatte Arthur bereits den ACET aus der Verankerung gelöst und gestartet. Wir konnten nur noch zusehen, wie er in sein Verderben flog.“
„Und Ihnen ist nicht in den Sinn gekommen, sich mit der Voyager schützend über dem ACET zu positionieren?“ Diesmal sah ihn die Vorsitzende der Kommission direkt an.
„Es hätte nicht funktioniert. Die Satelliten hätten uns bei einem solchen Manöver abgeschossen. Aber wir hatten vor, ihn einzuholen. Wir wollten ihn zurückholen und sein Leben retten. Doch dazu war keine Chance mehr.“
„Weil Sie nicht schnell genug gehandelt haben?“
Mike spürte wie in ihm Wut aufstieg. Er hatte Mühe, sich zusammenzureißen. „Wir haben so schnell gehandelt, wie es uns möglich war.“
„Aber Sie haben nicht gestoppt, als der ACET abgeschossen wurde. Sie hätten die Pflicht gehabt, Arthur Jones zu bergen. Warum haben Sie diese Pflicht vernachlässigt?“
„Weil ich andere Leben zu retten hatte!“ Seine flache Hand knallte auf den Tisch. Erschrocken sahen ihn die Mitglieder der Untersuchungskommission an.
„Zügeln Sie sich, Herr Barnetti, oder Sie erhalten eine schwere Verwarnung!“
Als ob ihn das interessiert hätte. Doch Mike besann sich und setzte mit leiserer Stimme fort: „Entschuldigen Sie bitte. Das Leben von Leandra Thuis, Alexandra Scott und mein eigenes standen dem gegenüber.“
„Das Fluchtmanöver wurde von Ihnen durchgeführt?“
„Nein. Das hatte Captain Scott übernommen. Ich begab mich zwischenzeitlich in den Frachtraum. Wir wollten ihn retten, doch als die Satelliten auf den ACET schossen, tat Alexandra Scott das einzig Richtige. Sie rettete unser aller Leben. Jede andere Handlung hätte nur dazu geführt, dass auch wir gestorben wären.“ Er spürte, wie Trauer in ihm emporstieg. „Er war mein Freund. Auch, wenn ich ihn öfters ärgerte, weil ich ihn Arjay nannte, obwohl ich wusste, dass ihn das ärgerte. Könnte ich es tun, würde ich jedes Wort davon zurücknehmen, wenn er dafür noch leben würde.“ Er wandte seinen Blick ab. Die Kommission sollte nicht sehen, wie ihm Tränen in die Augen stiegen. Er wischte sich übers Gesicht, atmete tief durch und richtete seinen Blick anschließend wieder nach vorn.
„Wir bedanken uns bei Ihnen, Herr Barnetti. Die Befragung ist hiermit für Sie beendet. Sie können jetzt gehen.“
„Gehen?“, er verstand nicht ganz. „Was passiert denn nun?“
„Wir werden weitere Ermittlungen anstellen und das Ereignis rekonstruieren. Der vorliegenden Sachlage zufolge sind Sie jedoch vom weiteren Verlauf dieser Untersuchung nur noch im geringen Maße betroffen.
Wobei eine Frage vielleicht doch noch bleibt.“
Mike horchte auf. „Ja, Frau Vorsitzende?“
„Können Sie uns sagen, wer diese Blockadesatelliten rund um Proxima Centauri b installiert hat?“
Mike schüttelte seinen Kopf. „Das kann ich nicht mit Gewissheit. Als wir seinerzeit von der Union gerettet und nach Hause gebracht wurden, hatten wir diese Frage dem Mazan des Schiffs gestellt. Er meinte, dass Proxima Centauri b das tragischste Opfer des Krieges war. Genaueren Fragen wich er jedoch immer aus.“
„Welcher Krieg?“, verlangte Doktor Smith zu erfahren.
„Es muss ein großer Krieg gewesen sein, wenn er dazu führte, dass ihm ein ganzer Planet zum Opfer fiel. Aber außer, dass sowohl die Union, als auch diese Konföderation darin verstrickt waren, ließen sich von Mazan Taisod keine weiteren Informationen dazu herausbekommen. Und letztlich waren wir einfach nur glücklich, dass wir diese Katastrophe überlebt haben.“
Frau Huber nickte ihm verständnisvoll zu. „Dann bedanken wir uns bei Ihnen, Herr Barnetti. Lassen Sie uns jetzt bitte allein. Auf Wiedersehen.“
„Auf Wiedersehen.“ Er deutete einen höflichen Gruß an, stand auf und verließ den Anhörungsraum. Auf dem Flur angekommen, atmete er tief durch. Diese Untersuchung hatte ihn aufgewühlt.
„Wer ist das, Mama?“, hörte er eine Jungenstimme fragen. Mike sah sich um und entdeckte eine Frau mit ihrem etwa neun Jahre alten Jungen.
„Helen?“
„Mike.“ Sie ging auf ihn zu, das Kind folgte ihr. „Mike, ich bin froh, dich zu sehen.“ Die Begrüßung war herzlich. Es beruhigte ihn ungemein, dass Sie ihm nie Vorwürfe gemacht hatte.
„Ist das Tim?“, fragte er anschließend und sah den Jungen an, der etwas schüchtern hinter seiner Mutter blieb.
„Ja, Mike.“ Sie bedeutete dem Jungen, näher zu kommen. „Tim, das ist Mike. Er war mit deinem Papa auf der Voyager.“
Der Junge kam näher und musterte ihn. Irgendwie fühlte sich Mike dabei nicht wohl.
„Hallo, Tim. Ich bin Mike, ein Freund deines Vaters.“ Er streckte dem Jungen die Hand entgegen.
„Warum bist du hier, aber mein Papa nicht?“
Mit einem Mal schnürte es ihm die Kehle zu. Wie konnte er dem Kind das Geschehene erklären?

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Fragment 15

Der Traum der Menschheit

Die Voyager. Der Stolz des Raumfahrtprogramms der World Space Administration war endlich im Begriff, ihre große Reise anzutreten. Auf der Aussichtsplattform der Raumstation Babel hatten sich alle Vertreter der sieben Weltregierungen sowie der Repräsentant der Marskolonie zusammengefunden, um dem Vorsitzenden der WSA bei seiner Ansprache zuzuhören und dem Start des Raumschiffs beizuwohnen.
Bevor der offizielle Teil begann, wurden Sektgläser und kleine Snacks gereicht, um allen Anwesenden die Wartezeit zu verkürzen, während die Crew der Voyager alle Systeme des Schiffs gründlich überprüfte. Ein Fehler würde die gesamte Mission gefährden.
„Sagen Sie, Präsidentin Callao, haben Sie sich oder vielmehr die Regierung des Inka-Territoriums inzwischen mit der Frage der Abbaurechte beschäftigt?“ Herman Zettler, Präsident der Nordamerikanischen Union trat näher an die schlanke Frau heran.
„Wollen Sie dieses Thema jetzt anschneiden?“
Er hob das Glas. „Warum nicht? Die Gelegenheit ist günstig und wir warten hier sowieso nur. Es würde mich interessieren …“
„Ich kann mir sehr gut vorstellen, was Sie interessiert. Es muss zu verlockend sein. Rohstoffe auf dem Mond, auf dem Mars und vielleicht auch auf Proxima Centauri b. Nicht wahr?“ Sie lächelte ihn an, doch es lag keine Freundlichkeit darin. „Aber so weit wollen Sie ja gar nicht. Wo doch Mittelamerika quasi Ihr Hinterhof ist.“
„Diese Ansicht ist doch antiquiert, werte Präsidentin.“
„Aber trotzdem zutreffend. Die Durango 400 Grenzlinie stört Sie doch schon lange. Und hätten sich sämtliche Einzelstaaten in Mittel- und Südamerika nicht zum Inka-Territorium zusammengeschlossen, wären Sie sicher schon bis Panama vorgedrungen.“
„Hören Sie auf, verdammt!“
Irritierte Blicke trafen die Zwei. Zettler lächelte höflich, was dazu führte, dass das Interesse an den beiden Streitenden nach einigen Sekunden wieder nachließ.
„Sie haben Recht, ja. Wir benötigen die Rohstoffe. Wir sind der industrielle Teil von Amerika. Was will das Inka-Territorium schon mit den Schürfrechten anfangen? Und das obendrein auf dem Mond oder dem Mars?“
Ein weiterer Mann war dazugekommen und mischte sich ein. Er war Mitte vierzig und wirkte eher unscheinbar. „Entschuldigen Sie, aber wenn Sie schon von Schürfrechten auf dem Mars sprechen, verehrter Präsident Zettler, dann sollte doch die Kolonialverwaltung des Planeten ganz offiziell hinzugezogen werden.“
Zettler wandte sich um. „Mister Jamaal ibn Gafur. Messen Sie Ihrer Position als Verwalter der Marskolonie nicht zuviel Bedeutung zu. Das werden wir sicher machen, wenn es soweit ist.“
Der Mann deutete eine Verbeugung an. „Es freut mich, dass Sie sich an meinen Namen erinnern. Aber bevor Sie sich mit Präsidentin Callao um die Schürfrechte auf dem Mars streiten, würde ich dreierlei vorschlagen. Erstens, dass Sie sich erst einmal mit dem Lunarabkommen einig werden. Zweitens, dass Sie nicht vergessen, dass der Mars inzwischen eine eigene Verwaltung hat. Und drittens, dass wir uns jetzt alle auf den Start der Voyager konzentrieren. Denn dafür sind wir hier.“
„Sie sind ein verdammter Klugscheißer“, wetterte Zettler, während Callao sich zurückzog. „Ihre Verwaltung ist von den amerikanischen Versorgungslieferungen abhängig. An Ihrer Stelle würde ich mich nicht zu weit aus dem Fenster lehnen.“
„Auf dem Mars ist dies ohnehin keine gute Idee.“
„Wie bitte?“
„Die mit dem Fenster.“ Jamaal ibn Gafur deutete auf die Voyager, die über das Panoramafenster von der Aussichtsplattform aus in voller Größe zu sehen war.
Als Zettler bemerkte, dass sich nunmehr alle Aufmerksamkeit auf die Voyager richtete, beließ er es dabei.
Hofer trat unterdessen an das Rednerpult, das etwas seitwärts stand, so dass man sowohl ihn, als auch das Raumschiff problemlos sehen konnte.
Fünfzehn Meter hoch und insgesamt etwa vierzig Meter breit. Die Konturen waren geschwungen, fast, als wäre sie ein Vogel, der seine Flügel ausbreitete, um die Weiten des Alls zu erforschen. Die Voyager war in diesem Moment ein beeindruckender Anblick von eleganter Schönheit.
„Ladies and Gentlemen, meine Damen und Herren. Der Moment ist gekommen, um bei diesem historischen Augenblick dabei zu sein“, Hofer begann seine Ansprache, während sich die Voyager langsam aus dem Raumdock löste. „Seit Jahrhunderten strebt der Mensch nach dem Unerforschten. Er fragte sich stets, was hinter dem nächsten Hügel liegen mochte. Hinter dem See, dem hohen Berg oder hinter dem Ozean? Was mochte auf den Menschen auf dem Mond oder dem Mars warten? In unserem Sonnensystem?
Nach all diesen Erfahrungen streben wir nun nach einem weiteren Schritt. Was erwartet uns im benachbarten Sonnensystem Alpha Centauri?“ Er sah sich um, sah kurz auf die Voyager, die sich nunmehr halb gedreht hatte und jetzt in voller Länge zu sehen war. Achtzig Meter. Zettler war beeindruckt und stellte fest, dass es den Anderen ebenso erging.
„Wir wissen, dass Alpha Centauri ein Dreigestirn ist und wir wissen, dass ein Planet um eine der Sonnen kreist. Proxima Centauri b.
Nach unseren Einschätzungen könnte dieser Planet eine zweite Erde sein. Ein sogenannter Exoplanet. Und wie es unsere Vorfahren immer gehandhabt hatten, so wollen auch wir jetzt, an der Schwelle zu neuer Erkenntnis stehend, unserem Wissensdrang nachgeben und eine tapfere Mannschaft ausschicken, um dieses weite Ziel zu erforschen und dort eine erste Station für uns, für die Menschheit zu bauen. Ganz in der Tradition von Männern wie Leif Eriksson, Christoph Kolumbus, Nikolaus Kopernikus, Neil Armstrong und James Sheridan werden vier junge Menschen aus allen Teilen der Erde einen lang gehegten Traum der Menschheit erfüllen. Alexandra Scott, Leandra Thuis, Arthur Jones und Michael Barnetti werden stellvertretend für die gesamte Menschheit nach den Sternen greifen.“
Das Schiff schob sich seitwärts von Babel weg, damit der Antrieb gefahrlos gezündet werden konnte. Die Anwesenden wurden im Vorfeld ausreichend auf die Prozedur vorbereitet. Zettler wollte sicherstellen, dass dadurch eine Panik vermieden wird, sobald die riesigen Triebwerke direkt am Panoramafenster der Aussichtsplattform vorbeizogen.
„Innerhalb der WSA wurde über die Namensgebung dieses Schiffs diskutiert und der Favorit war, es ‚Voyager 3‘ zu nennen. Als Hommage an die Pioniere der Raumfahrt und den beiden Voyager-Sonden der ehemaligen NASA. Wir entschlossen uns aber dazu, unsere eigene Geschichte über die Reisen im Weltraum zu schreiben und haben aus diesem Grund die Ziffer hinter dem Namen gestrichen. Die Hommage dürfte damit dennoch erkennbar sein, doch diese ‚Voyager‘ ist die erste ihres Namens, die für die World Space Administration die Weiten des Weltraums erkunden wird.
Wünschen Sie dem Schiff und der Crew eine gute Reise. Wir werden sehr lange nichts von ihnen hören.“
Genau in diesem Moment zündete die Voyager ihre Triebwerke. Man sah es, doch entgegen aller Erwartung, war nichts zu hören. Zettler kannte dieses Phänomen. Das All konnte keine Schallwellen übertragen und so erschien es, als würde der Antrieb das Schiff lautlos von der Raumstation wegschieben.
„Raumstation Babel, hier ist Michael Barnetti und die Crew der Voyager. Hören Sie mich?“
Zettler bewunderte Hofer in diesem Moment für sein geschicktes Agieren. Hier wurde ganz bewusst ein Moment geschaffen, der Gänsehaut garantierte.
„Hier ist Juan Hofer an Bord der Raumstation Babel. Bitte sprechen Sie.“
„Raumstation Babel. Alle Systeme arbeiten einwandfrei. Wir werden jetzt unseren Kurs nach Alpha Centauri aufnehmen und uns bald in die Stasiskammern begeben. Ich wurde von der Crew darum gebeten, euch alle zu grüßen.“
„Hofer hier. Vielen Dank. Bitte richten Sie der Crew aus, dass wir alle sehr stolz auf Sie sind.“
„Sie haben es gehört und freuen sich auf diese Mission. Wir werden den Traum der Menschheit mit uns tragen.“
„Guten Flug Ihnen allen. Wir werden die SatKom-Anlage regelmäßig abhören.“
„Vielen Dank, Babel. Barnetti für die Voyager. Ende.“
Immer schneller entfernte sich das Schiff, bis nur noch ein kleiner blauer Punkt zu sehen war, der sich kaum von den Sternen abhob. Zettler sah der Voyager so lange er konnte nach und fragte sich, ob er die Mannschaft und das Schiff jemals wieder sehen würde.

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Fragment 14

Fragment 14 – „Die Liebe eines Vaters“

 „Los Arjay, komm schon. Das ist unser letzter Abend auf der Erde. Sei kein Spielverderber.“ Leandra Thuis versuchte, ihren Kollegen davon zu überzeugen, sich der Gruppe von Astronauten anzuschließen und ein letztes Mal in eine Bar auf der Erde zu gehen. Und selbst wenn diese nur im eingeschränkt zugänglichen Bereich des WSA-Trainingscenters war. Doch Arthur Jones hatte kein Interesse.
„Nein, Lee. Lass mich bitte hierbleiben“, er deutete auf sein ComTerm, „Ich muss ein paar Sachen erledigen, bevor wir morgen mit der Voyager aufbrechen.“
„Arjay!“ Lee versuchte, ihn zu necken und dadurch etwas aufzulockern.
„Lee, bitte!“
„Arjay, komm jetzt. Was ist denn da so wichtig?“ Sie hing sich mit einer Hand am Türrahmen seines Zimmers fest und wackelte dabei fröhlich mit ihrem Kopf von einer Schulter zur anderen.
Arthur wollte allein sein. Warum konnte sie das nicht verstehen? Zudem hasste er es, wenn ihn jemand „Arjay“ nannte. Wenn er Lee nicht so gerne gemocht hätte, wäre ihm schon längst der Kragen geplatzt. Doch er riss sich zusammen.
„Lee, geh doch mit Alia und Mike los und lass mich hier in Ruhe. Vielleicht komme ich ja nach, aber das ist mir jetzt ganz wichtig“, flehte er beinahe.
„Echt jetzt?“, fragte sie dann und trat ein paar Schritte näher. Die WSA war den Astronauten gegenüber recht großzügig. Jeder erhielt sein eigenes Zimmer mit allem, was das Herz begehrte. Der Vorsitzende Juan Hofer erklärte einmal Reportern, dass es ihm wichtig war, dass sich seine Leute wohlfühlen würden. Immerhin wurde ihnen alles abverlangt, also sollten sie dafür jeden Komfort genießen dürfen, den sie bekommen konnten. Und sie bekamen die Annehmlichkeiten. Aber Arthur Jones hätte in diesem Moment jeden Komfort aufgegeben, um Lee endlich loszuwerden. Er wollte seine Ruhe haben.
„Was kann denn jetzt so wichtig sein, dass du nicht mitkommen magst?“, fragte sie und versuchte dabei, auf seinen ComTerm zu blicken.
Jetzt reichte es ihm. „Lee“, fuhr er sie schroff an, „es ist genug. Wenn du es unbedingt wissen willst ... ich möchte eine Nachricht für meinen Sohn aufnehmen. Ich werde ihn sehr lange nicht mehr sehen können. Vielleicht kannst du das ja verstehen. Das ist mir wichtig.“
Endlich entdeckte er in ihren Augen, dass Sie verstand. Ja, er hatte ein Kind. Als Einziger aus der Voyager-Crew. Weder sie, noch Alia oder Mike hatten Nachwuchs. Betreten senkte sie ihren Blick zu Boden, ehe Sie ihn erneut ansah.
„Entschuldige, Arthur. Ich ...“
Er wehrte ab. „Schon gut, Lee. Lass mich einfach hier machen und vielleicht komme ich später noch nach.“
„Versprochen?“, fragte sie zaghaft.
Arthur nickte und gab ihr dann durch eine Kopfbewegung in Richtung ComTerm zu verstehen, dass er jetzt alleine sein wollte.
Als sie endlich weg war, schloss Arthur die Zimmertür, setzte sich an den Tisch und gab dem ComTerm den Befehl, die Aufzeichnung zu starten.
„Sprachaufzeichnung gestartet“, ertönte die Stimme des ComTerms.
Wie sollte er jetzt anfangen? Er hatte so Vieles zu sagen. Für einen Moment sammelte er sich, richtete sich dann etwas auf und begann mit der Aufzeichnung.
„Lieber Timothy, dies ist der Vorabend meiner großen Reise mit der Voyager und den anderen Astronauten zum nächsten Sternensystem Alpha Centauri. Du bist gerade erst drei Jahre alt und kannst nicht wissen, welche unglaubliche Reise deinem Vater bevorsteht. Doch ich kann dir sagen, dass dies vermutlich eines der größten Abenteuer sein wird, die sich ein Mensch nur vorstellen kann.
Fünf Jahre werden wir in Cryoschlafkammern verbringen, damit wir die Reise überstehen und ausgeruht dort ankommen. Das muss sein! So sparen wir Nahrung und werden nur wenig altern. Dann steuern wir den Planeten Proxima Centauri b an. Den gesammelten Daten der Weltraumteleskope nach, soll sich diese Welt optimal dazu eignen, eine Basis in seiner Umlaufbahn zu errichten. Genau werden wir das natürlich erst überprüfen können, wenn wir dort sind. Denn Proxima Centauri b ist viele Lichtjahre von der Erde entfernt und selbst die besten Teleskope können nicht im Detail feststellen, wie es dort tatsächlich aussieht. Doch man vermutet, dass es dort Wasser und Vegetation geben könnte. Nicht so, wie auf der Erde, aber doch zumindest so, dass es uns gelingen sollte, etwas Wasser zum Waschen aufbereiten zu können.“ Er lächelte verlegen. In diesem Moment zweifelte er zum ersten Mal daran, dass seine Entscheidung, bei der Mission mitzumachen, wirklich richtig war.
„Wenn alles reibungslos funktioniert, mein Sohn, dann werden wir für zwei Jahre in der Umlaufbahn von Proxima Centauri b bleiben und dort eine Basis errichten. Etwas Kleines. So, wie die alte Internationale Raumstation ISS, die vor langer Zeit die Erde umkreiste. Gerade groß genug, um vier Menschen Platz zu bieten, damit etwas Forschung betrieben werden kann. Und dann machen wir uns wieder auf die Rückreise. Erneut für fünf Jahre in den Cryoschlafkammern. Das bedeutet, dass wir uns erst in zwölf Jahren wiedersehen werden. Im Jahre 2245. Da wirst du dann schon 15 Jahre alt sein.“
Er hielt einen Augenblick inne. Eine lange Zeit, in der er seinen Sohn nicht sehen würde. War ihm das jemals so bewusst wie in diesem Moment? Er schüttelte kaum merklich den Kopf. Zum Einen, um sich seine eigene Frage zu beantworten und zum Anderen, um diese Gedanken zu vertreiben. Er wollte es so. Es war sein Traum. Raumfahrt, Entdeckungen und die Vorstellung jubelnder Menschen bei seiner Rückkehr. Würde sein Sohn dabei sein? Wie glücklich wäre er wohl in diesem Moment?
„Mein Sohn, auch wenn ich dich lange Zeit nicht sehen werde, so sei dir gewiss, dass ich dich über alles von ganzem Herzen liebe. Ich tue dies, um dir und allen Menschen einen Weg in eine neue Zukunft zu ebnen. Nach der Voyager wird es neuere Schiffe, schnellere Schiffe geben, die diese Reise in kürzerer Zeit zurücklegen können. Proxima Centauri b wird das Tor ins Universum für die Menschen der Erde werden. Eines Tages wird es möglich sein, fremde Planeten zu besiedeln, die Umweltbedingungen anzupassen und so immer weiter hinaus zu ziehen. Und auch immer mehr über das Universum zu lernen.
All das wird mit dem ersten Schritt außerhalb unseres Sonnensystems anfangen. Mit dem Flug der Voyager, die morgen ihre Reise antreten wird. Und dein Vater wird mit an Bord sein.“
Eine kleine Träne bahnte sich ihren Weg über seine Wange, doch er wischte sie nicht weg. Nein, er war nicht traurig, sich für dieses Abenteuer entschieden zu haben. Er war aber traurig darüber, seinen Sohn und auch seine Frau lange Zeit nicht sehen zu können. Doch Helen und er hatten viele Male über alles gesprochen. Sie war damit einverstanden und beteuerte immer wieder, wie stolz sie auf ihn war. Als er daran dachte, fasste er neuen Mut.
„Deine Mutter wird dir sicher viel von mir erzählen. Wir haben uns beide oft darüber unterhalten und ich weiß, dass sie immer für dich da sein wird.
Euch die lange Zeit nicht sehen zu können, wird sicher schwer werden, aber ich weiß, dass es sich lohnen wird. Und für mich vergehen ja auch nur zwei Jahre. Und wenn ich wieder da bin, dann müsst ihr mir beide unbedingt berichten, was in all den Jahren so passiert ist. Ich will alles wissen. Wie du in die Schule gekommen bist, wer deine erste Freundin war, was du manchmal angestellt hast und wie ihr manchen Abend damit verbracht habt, euch darüber zu unterhalten, wie lange es noch dauern wird, bis ich wieder bei euch bin.
Im Herzen werde ich immer bei euch sein und ganz besonders bei dir, mein Sohn.
In Liebe
Dein Vater“
Stille.
Arthur Jones war zufrieden.
„Aufzeichnung beenden und bei Digital Delivery für eine spätere Zustellung speichern.“
„Bitte nennen Sie den Zeitpunkt der geplanten Zusendung der Nachricht“, forderte sein ComTerm daraufhin.
Arthur streckte sich etwas, bevor er antwortete: „Am 1.1.2245. Empfänger ist Timothy Jones. Bitte Accountabfrage über WSA-Registrierung der Familienangehörigen.“
„Bestätigt“, antwortete die Stimme.
Arthur Jones nickte kurz. „Wenn du diese Nachricht erhältst, wird es nicht mehr lange dauern, bis wir uns wieder sehen“, murmelte er vor sich hin.
Sollte er sich jetzt doch auf den Weg zu den anderen machen? Nein! Er entschied, die Zeit dazu zu nutzen, eine weitere Nachricht zu verfassen. Eine Nachricht an Helen. Diese sollte sie aber nicht erst 2245 erhalten, sondern schon kurz nach dem Start. Er musste ihr sagen, wie sehr er sie liebte und wie dankbar er war, dass sie die lange Zeit ohne ihn auf sich nahm, um auf ihn zu warten und ihr gemeinsames Kind aufzuziehen. Es war ihm wichtig.
Danach konnte er sich zum Rest der Voyager-Crew begeben um Abschied von der Erde zu feiern.

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Fragment 13

Fragment 13 – „Öffentlichkeitsarbeit“

„Die Fragen wurden im Vorfeld mit den Vertretern der Presse abgesprochen“, erklärte der WSA-Chef der Crew, die in einem kleinen Raum auf ihren großen Auftritt wartete.
„Sie werden sich genau an die vorgegebenen Antworten halten.“ Hofers Assistentin überreichte der Crew verschiedene Pads. „Sie fügen nichts hinzu und werden auch nichts weglassen, verstanden?“
„Und was sollen wir machen, wenn Fragen gestellt werden, die nicht abgesprochen sind?“ Arthur war nervös. Er konnte keine dreißig Sekunden stillsitzen und lief immer wieder hin und her.
„Das wird nicht passieren, Mister Jones. Wir haben die Pressekonferenz bis ins kleinste Detail durchgeplant.“
„Da bin ich aber mal gespannt, ob sich die Journalisten dran halten.“ Lee war ebenfalls aufgeregt. Heute war ihr großer Tag.
„Das werden sie. Wir machen so etwas schließlich nicht zum ersten Mal“, fügte Hofer mit Nachdruck hinzu. „Sie werden freundlich in die Kameras schauen und ihre Antworten vorlesen.“
„Die meisten Fragen gehen an dich, Mike.“ Lee las sich die Antworten auf dem Pad durch.
„Natürlich. Doktor Barnetti ist der Missionsleiter“, grätschte die Assistentin ein, bevor Mike eine Antwort geben konnte. Er und Alia saßen noch in der Maske.
„Und was sind wir? Schmückendes Beiwerk?“ Alia hatte die kurze Pause des Maskenbildners genutzt, der nach einem weiteren Pinsel griff, um sie mit Make-up vollzuschmieren. Jeder im Raum konnte ihren Unwillen darüber hören.
„Wenn Sie es so wollen, ja. Das sind Sie.“ Hofer drehte sich zu Alia, die wieder von dem Stylisten bearbeitet wurde und die Augen schließen musste. „Wir haben jeden von Ihnen in den letzten Monaten öffentlich so aufgebaut, dass diese Antworten exakt Ihrem Image entsprechen.“
„Und dieses Image wäre?“ Mike war nun auch ärgerlich. Er mochte es nicht, übervorteilt zu werden. Und dass ihn die WSA so ins Rampenlicht rücken wollte, war ihm unangenehm.
„Sie, Doktor Barnetti“, die Frau an Hofers Seite klang genervt, „sind der smarte und sympathische Missionskommandant, der das Team geformt und zusammengeschweißt hat.“
„Mister Jones ist der junge und dynamische Familienvater, der trotz allem um die Wichtigkeit der Mission weiß“, ergänzte Hofer in einem etwas milderen Ton und warf der Frau einen warnenden Blick zu. Es würde nicht helfen, wenn die Crew ärgerlich auf die Bühne trat. Diese nickte, bevor sie fortfuhr.
„Miss Thuis ist die lebensfrohe Wissenschaftlerin, welche die Moral der Gruppe aufrecht erhält und Captain Scott stellen wir der Presse als gutaussehende, aber kühle Militärstrategin vor.“
„Bitte was?!“ Alia war aufgesprungen und hatte dabei dem Stylisten den Pinsel aus der Hand geschlagen, mit dem er immer noch versuchte, sie zu schminken. „Barnetti als Mister Niceguy, Thuis als Pausenclown? Wie kommen Sie überhaupt dazu? Und Jones als Nesthäkchen zu vermarkten ist das Letzte. Was fällt Ihnen insbesondere ein, aus mir eine…“
„Captain, Sie vergreifen sich im Ton!“ Hofer hatte ebenfalls seine Stimme erhoben. „Jeder von Ihnen entspricht einem bestimmten Profil, mit welchem sich die Menschen identifizieren können. Sie alle sind sehr beliebt, jeder bei einer anderen Personengruppe. Und wenn Sie sich gleich bei der Konferenz nicht sehr ungeschickt anstellen, wird Sie die Welt dafür feiern, auf diese Mission zu gehen.“
„Sie sollten bedenken, dass die Mission aus Steuergeldern und von Sponsoren aus der Privatwirtschaft finanziert wird“, wieder mischte sich Hofers Assistentin ein. „Mag man Sie, sind die Menschen bereit, für Missionen wie diese zu zahlen.“
Alia und Mike sahen immer noch wütend aus, während Lee und Arthur nicht genau wussten, was sie von der Situation halten sollten. Dennoch schwiegen alle vier.
„Sehr schön. Nachdem das nun geklärt ist, werden Sie jetzt da raus gehen, brav die Fragen beantworten und in die Kameras lächeln.“

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Fragment 12

„Die WSA ist eine globale, zivile Organisation“, erklärte Hofer mit Nachdruck. „Und das Programm ebenfalls.“ „Sicher Herr Vorsitzender. Nichtsdestotrotz dürfen wir den Aspekt nicht unberücksichtigt lassen, dass die Crew auf Situationen treffen könnte, die eine sofortige militärische Entscheidung verlangen.“ Der vehemente Tonfall des neu-ägyptischen Verteidigungsministers war nicht zu überhören. Hofer sah in die Gesichter der ihm zugeschalteten Staatenvertreter, die mit der WSA an dem Projekt arbeiteten oder sich finanziell daran beteiligt hatten. „Was erwarten Sie denn Mister Al-Farah? Dass Außerirdische mit einem Kriegsschiff auftauchen und die „Voyager“ kapern?“ Einige Vertreter unterdrückten ein Grinsen nur mit Mühe, doch waren sie alle klug genug, nicht in die Diskussion einzugreifen. „Nein, natürlich erwarte ich es nicht, aber …“ „Wie ich bereits mitteilte, hat das Auswahlgremium sich für Michael Barnetti als Missionskommandant ausgesprochen. Captain Scott wird jedoch mit weitreichenden Befugnissen ausgestattet, um in einer Notsituation in die Kommandostruktur eingreifen zu können.“ Hofer wusste, dass es Al-Farah nicht in erster Linie darum ging, aus der Forschungsmission eine militärische Angelegenheit zu machen, obwohl er der Verteidigungsminister war. Vielmehr wollte er seine Landsfrau auf der Kommandoposition sehen. Das könnte ihn politisch enorm nach vorne katapultieren. Zudem war Scotts Mutter ebenfalls eine engagierte Politikerin. Es würde Hofer nicht überraschen, wenn sie selbst Al-Farah kontaktiert hatte, um am Ende auf dem Kommandantensessel Platz zu nehmen. „Ich verstehe.“ Al-Farah sah keineswegs danach aus. „Und ich hoffe für Sie, dass das Gremium und Sie die richtige Entscheidung getroffen haben.“ Der Minister konnte es nicht dabei belassen und setzte diese unterschwellige Drohung nach. Gerade jetzt erinnerte Rashid Al-Farah ihn sehr an Scott, die auch kaum eine Gelegenheit ausließ, um ihre Kameraden zu kritisieren. Er überlegte, ob dies ein typografisch geprägter Charakterzug oder ob diese beiden Individuen rundweg narzisstisch veranlagt waren. Dies war einer der Hauptgründe für die Entscheidung zu Gunsten Barnettis gewesen. Er war ein Teamplayer und verfügte gleichzeitig über genug Autorität, um die Mannschaft führen zu können. Scott hingegen fehlte das nötige Verständnis für die moralischen Belange der Crew. Zwar hatte ihr Sozialverhalten in den letzten Monaten einen für die Mission akzeptablen Zustand erreicht, dennoch würde er ihr nicht ruhigen Gewissens das Kommando geben können. Militär hin oder her. „Das freut mich, Herr Verteidigungsminister“, beendete Hofer die Diskussion, ohne auf die vorhergehende Drohgebärde einzugehen. Selbst wenn Al-Farah nicht aufgegeben hätte, war die Entscheidung so gut wie unumstößlich. Bestände der heute hier tagende Ausschuss auf ein Militärkommando, wäre Scott trotz ihrer Fähigkeiten aus dem Programm genommen worden, um einen passenderen Kandidaten zu etablieren. Im Anbetracht der kurzen Zeit, die noch verblieb, wäre ein solches Unterfangen jedoch äußerst riskant gewesen. Selbst mit der Ersatzcrew. Das musste nach Hofers Einschätzung auch Al-Farah klar sein. „Nach dem Ende der Sitzung werden wir die Mannschaft über die Entscheidung informieren. Die für die Öffentlichkeit bestimmte Pressekonferenz findet Ende dieser Woche statt. Dann werden wir der Welt die Crew, ihre Ersatzleute und auch das Schiff präsentieren.“ Hofer drückte einige Felder auf seinem ComTerm und die Teilnehmer erhielten eine vorläufige Tagesordnung für die Konferenz. Hofer würde sich einen Brandy genehmigen, nachdem er Barnetti beglückwünscht und Scott beruhigt hatte. „Herr Hofer, ich habe noch eine Frage zum Zeitablauf ...“ Sofern er heute noch aus dieser Konferenz kommen würde.

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Fragment 11

Dunkelheit. Tiefschwarze Dunkelheit. Und Stille. Totenstille. Als Astronaut weiß man, dass es nur diese beiden Attribute benötigt, um das All zu beschreiben. Das unendliche, tiefschwarze und totenstille Weltall. Und mittendrin werden die Astronauten nur durch eine dünne Hülle eines kleinen Schiffes vor dem Nichts bewahrt. Eine Hülle gefüllt mit Sauerstoff, Licht und Leben. Doch fünf Jahre lang wird es ein Paradoxon geben. Denn innerhalb dieser Hülle voller Sauerstoff, Licht und Leben werden vier Kammern sein, die hermetisch abgeriegelt nur jeweils drei Dinge beherbergen. Einen Astronauten, tiefschwarze Dunkelheit und Totenstille. Ein grünes Blinken zog Mike aus seinen Gedanken. Die Kälteschlafkammer war im Begriff sich wieder zu öffnen und den Test damit abzuschließen. Mit einem zischenden Geräusch hob sich die Front hoch und Mike erkannte seine drei Crewmitglieder, wie sie um die Testkammer herum standen und ihn erwartungsvoll ansahen. „Es stimmt nicht“, sagte er dann und erntete verwunderte Blicke. „Was? Was stimmt nicht? Was meinst du?“ Lee war die Erste, die bei ihm stand und ihn mit ihren Fragen löcherte. „Sauerstoff. Da ist gar kein Sauerstoff.“ „Was? Das kann nicht sein. Sie waren eine Stunde in der Testkammer. Ohne Sauerstoff hätte es eine Alarmmeldung gegeben. Sie irren sich.“ Der Ingenieur rannte zur Kontrolleinheit der Kälteschlafkammer, zog ein Messgerät aus seinem weißen Kittel, um die Testwerte auszulesen. „Nein“, Mike musste seine Gedanken sortieren. „Es war anzunehmen, dass die Kammern bei den Testläufen Fehlfunktionen aufweisen“, kommentierte Alia arrogant, während Arthur dem Ingenieur über die Schulter sah. Einen Moment später antwortete er: „Die Kammer funktioniert einwandfrei. Mike muss sich geirrt haben.“ „Nicht die Kammer“, murmelte dieser und schüttelte dabei den Kopf, als könnte er seine Gedanken dadurch ordnen. „Das Paradoxon.“ „Das Paradoxon?“ Lee sah ihn neugierig an. „Was meinst du damit?“ „Ich … bäh, was ist das für ein Geschmack?“ Der Ingenieur steckte sein Messinstrument wieder ein und legte Mike dann eine Hand auf die Schulter. „Das kann und wird vorkommen. Wenn Sie nach fünf Jahren aufwachen, werden Sie einen schrecklichen Geschmack im Mund haben und Ihnen werden die Muskeln die erste Zeit versagen. Möglicherweise werden Sie mit schwachen bis mittelschweren Kreislaufproblemen zu kämpfen haben, mit Übelkeit und Schwindel. Der Körper reagiert damit auf die Kältestasis. Der menschliche Organismus wird die Schlafphase zwar insgesamt gut verkraften, aber auf seine Weise mit einem Abwehrmechanismus reagieren. Richten Sie sich also bitte darauf ein, dass Sie während der Aufweckphase zunächst Ihren Körper unter Kontrolle bekommen müssen.“ Er nahm die Hand wieder von Mikes Schulter. „Was meinst du denn mit diesem Paradoxon, Mike?“ Diesmal fragte Arthur. Mike sah ihn und dann die anderen an. „Es war ein Gedanke, der sich festgesetzt hatte. Das Paradoxon. Das dunkle All, das Schiff voller Sauerstoff und dann diese dunkle Kälteschlafkammer. Aber es stimmt ja gar nicht. Das Schiff ist während der Stasis gar nicht mit Sauerstoff gefüllt.“ „Nein, ist es nicht“, stimmte der Ingenieur zu. „Das wäre sinnlos. Der Sauerstoffgehalt würde sich über die fünf Jahre verflüchtigen. Die Sauerstoffaggregate sind das wichtigste Gut, dass Sie auf dieser Mission bei sich führen. Sie sollten gut auf die Geräte aufpassen.“ Ein Mann näherte sich der Gruppe. Wie Mike einen Augenblick später feststellte, war es der WSA-Vorsitzende, Juan Hofer. Mit einem Lächeln im Gesicht, fragte er die Gruppe nach deren Fortschritten. „Es läuft. Wir hatten gerade etwas Sorge, weil Michael Barnetti den Test wohl nicht so gut überstanden hat“, meinte Lee, doch Mike winkte gleich ab. „So schlimm war es nicht. Ich war nur etwas verwirrt.“ Der Ingenieur mischte sich nochmal ein: „Das kann leicht vorkommen. Der Körper muss sich an diese Prozedur gewöhnen. Ich würde vorschlagen, dass wir alle Astronauten auch hier einem ausführlicherem Trainingsprogramm unterziehen, als ursprünglich geplant, um sie ausreichend auf die Stasis vorzubereiten.“ „Vermutlich haben Sie recht. Besprechen Sie das bitte mit dem Einsatzleiter“, erwiderte Hofer. „Gerne“, bestätigte der Ingenieur. „Dann machen wir für heute Feierabend!“, beschloss Hofer freimütig. „Ich möchte euch alle zu einem gesunden Essen einladen. Es wird nicht mehr lange dauern, bis wir diese Mission starten.“ Die Crew war angetan von der Einladung. Mike erkannte, dass Hofers Geste bei allen ein Lächeln ins Gesicht zauberte. Selbst Alia schien erfreut zu sein. Zumindest wahrte sie den Anschein. Er war sich bei Ihr nicht immer sicher, inwieweit sie ihre sonst so akkurate militärische Haltung tatsächlich mal fallen lassen konnte oder dies nur zum Schein tat. Als sich die anderen bereits auf den Weg machten, hielt Hofer Mike kurz am Ärmel fest. „Funktioniert die Kammer einwandfrei?“, wollte er wissen. „Na, Sie sind ja gut“, entgegnete Mike gespielt entrüstet, „mich das zu fragen, nachdem ich schon eine Stunde da drinnen lag. Aber ja, das Gerät funktioniert. Der Ingenieur hat es uns vorgeführt und Arthur hat sich eingehend über die Funktionsweise informiert. Ich denke, dass es funktionieren wird.“ „Sehr gut.“ Er gab Mike zu verstehen, dass auch sie sich auf den Weg machen sollten. „Im Übrigen haben wir unsere Aufbaupräparate miteinander kombiniert und sie mit etwas Aroma versehen. Zwischen Aufweckphase und Abbremsmanöver sollten sie dafür Sorge tragen, dass alle Mitglieder ihre Dosis vom ‚Kaffee‘ bekommen.“ „Kaffee?“ Hofer lächelte. „Ja! War es nicht Arthur Jones‘ Vorschlag, das so zu machen? Wir fanden es eine vortreffliche Idee. Und wenn ich es recht mitbekommen habe, dann ist Alexandra Scott ein regelrechter Kaffeejunkie.“ „Das können Sie aber laut sagen.“ „Also, dann nehmen Sie es als eine Ihrer ersten Aufgaben wahr. Die regenerative Wirkung der Präparate zeigte im Labor einen guten Verlauf.“ Mike nickte bestätigend. „Sie werden schon alle ihren ‚Kaffee‘ bekommen.“

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Fragment 10

„Er ist wendig. Er ist schnell. Er gleicht mit seinen Steuerdüsen Unebenheiten von bis zu zwanzig Metern aus und verfügt über ein derart ausgeglichenes Fahrwerk, dass es eine Freude sein wird, ihn auf dem Zielplaneten über die Landschaften zu steuern.“ Die Präsentation zeigte ein Fahrzeug, dass über Felder, Flüsse und Hügel manövrierte. Die Landschaft war ausgesprochen einladend, nur der Himmel war mit seiner eher gelblichen Farbe etwas gewöhnungsbedürftig. „Dazu ist er mit allem ausgerüstet, was das Forscherherz begehrt. Die neuste Sensorik, ein mobiles Labor zur sofortigen Analyse von Bodenproben. Infrarot- und Wärmebildkameras, Seismographen und vieles mehr. Dieser Prototyp wurde unter den widrigsten Umständen im Versuchslabor der Babel-Werft getestet. Sein Zwilling – der Mars-Versuchs-Transporter – durchlief unzählige Testreihen, um zu gewährleisten, dass der Alpha-Centauri-Erkundungs-Transporter mit dem Besten ausgestattet ist, was wir zu bieten haben. Er wird Ihnen stets ein zuverlässiger Begleiter sein. Freuen Sie sich auf den Alpha-Centauri-Erkundungs-Transporter. Freuen Sie sich auf den ACET.“ Die Präsentation endete und das Licht wurde im Schulungsraum wieder eingeschaltet. Arthur rutsche nervös auf seinem Sitz hin und her. „Mann, ich bin echt gespannt auf dieses Fahrzeug. Zwanzig Meter soll es ausgleichen können.“ „Und die ganzen Sensoren. Das Labor. Mit dem ACET werden wir den Planeten rasend schnell erforschen können.“ Lee stimmte in Arthurs Aufregung mit ein. Doch Alia gab ihnen einen Dämpfer. „Selbstverständlich. Unabhängig davon, dass an diesem Promotionclip vermutlich mehr Menschen gearbeitet haben, als am beworbenen Fahrzeug. Das sind nicht einmal Originalaufnahmen, sondern reine Computeranimationen. Wir wissen nun, was der Transporter in der Theorie kann, jedoch sehe ich weder Auswertungen noch Nachweise über praktische Tests und Prüfungen. Wir konnten uns selbst kein Bild des Zustands und der Fähigkeiten machen, daher stelle ich die angepriesene Perfektion des ACET in Frage.“ „Mensch Alia, muss das sein?“ Lee verzog ihr Gesicht zu einem Schmollen. „Möchten Sie auch etwas zur Präsentation sagen, Herr Barnetti?“ Ausbilder Sanchez, ein langjähriger Mitarbeiter im Trainingscenter der WSA, sorgte mit der Frage für Ruhe. Mike schüttelte den Kopf. „Nein. Es war eine großartige Präsentation.“ Dann fügte er aber doch einen Satz hinzu. „Aber es wäre wünschenswert, dass wir den ACET selbst testen könnten, um seine Funktionsweise kennen zu lernen.“ „Das wird bedauerlicherweise warten müssen“, erwiderte Sanchez. „Solange wir uns auf der Erde befinden und der ACET auf Babel, wird es keine Gelegenheit dazu geben. Doch die Präsentation soll Ihnen einen Eindruck vermitteln, welche Mühe und finanziellen Mittel die WSA in diese Mission investiert hat. Lesen Sie das Benutzerhandbuch ausführlich. Es wird Ihnen ein Leitfaden sein.“ „Aber wenn es nur auf Babel montiert und dann auf das Schiff gebracht wird, dann wird das Gefährt wohl nicht einmal drei Kilometer auf der Uhr haben.“ „Es werden schon etwa zwanzig sein, Herr Barnetti“, erwiderte Sanchez. „Die Labortests sind extrem gründlich und genaustens dokumentiert.“ „Na, jedenfalls kann ich es kaum erwarten, den ACET das erste Mal zu starten.“ Arthurs Begeisterung kannte keine Zweifel und so sah er auch nicht, wie Alia ihre Augen verdrehte.

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Fragment 9

„Sie stehen kurz davor aus dem Programm zu fliegen, Captain!“ Hofer sah Alexandra Scott wütend an. Beide saßen in seinem Büro in Genf. „Ich verstehe nicht, was Sie zu dieser Aussage veranlasst, Sir.“ Allein schon durch ihren herablassenden Ton provozierte sie Hofer. „Meine Ergebnisse bei den Tests liegen weit über den Anforderungen und den Resultaten der Anderen.“ „Tatsächlich? Glauben Sie nur nicht, dass Sie nicht ersetzbar wären. Vielleicht nicht ganz so leicht, wie ein Jones oder Barnetti, aber Major Vasquez steht bereits in den Startlöchern.“ Er warf Alia ein Pad mit Ergebnissen hin. „Sie haben bei vielen Anforderungen an das Sozialverhalten nur Mindestmaß erreicht. Bei einigen Punkten sind Sie sogar durchgefallen!“ Sie schaute sich die Ergebnisse der Tests an. Hofer hatte recht, sie hatte bei den Prüfungen auf Empathie, Kritikfähigkeit und sozialer Interaktion versagt. „Das ist für mich nicht nachvollziehbar, Herr Hofer. Diese Ergebnisse können nicht korrekt sein. Die Prüfungen sind falsch ausgewertet worden.“ Alia argumentierte damit, dass ihre Ausführungen in den Tests nicht entsprechend bewertet wurden. „Im Gegenteil, Alexandra.“ Hofer holte tief Luft, um sich nicht vom arroganten Tonfall der Ägypterin aus der Fassung bringen zu lassen. „Neben den schriftlichen Tests und den psychologischen Untersuchungen haben wir ein soziales Profil von jedem Teammitglied erstellen lassen. Sie wurden bei allen Übungen, bei jeder gemeinsamen Interaktion beobachtet und entsprechend bewertet.“ Er stand auf und nahm ihr das Pad ab. „Und wenn ich danach gehe, müsste ich Sie sofort aus dem Programm werfen.“ Alia rutschte auf ihrem Sitz hin und her, sie fühle sich unwohl. Es war ihr egal, was andere von ihr hielten, aber sie dufte nicht aus dem Programm fliegen. „Ihre Kollegen bezeichnen Sie als anstrengend, niemand will mit Ihnen Dienst machen. Ihr Team“, damit bezog sich Hofer auf Barnetti, Thuis und Jones, „scheint immerhin soweit mit Ihnen klar zukommen, weil sie Ihre Fachkompetenzen sehr schätzen, wenn ich nach deren Essay gehe.“ Sie hatte selbst eine Einschätzung über die anderen drei Mitglieder der Mission abgegeben. „Aber auch hier ... warten Sie, gerne gebe ich Ihnen ein Beispiel“, Hofer rief an seinem ComTerm die Berichte der anderen auf. „Scott verfügt über ein breites Fachwissen, aber manchmal ist sie wie ein Teebeutel und hängt sich überall rein“, zitierte Hofer. Alia erkannte schon anhand der Wortwahl, dass er aus Thuis´ Bericht vorgelesen hatte. „Oder hier...“ Der Leiter der WSA sprang zum nächsten Essay. „Wenn Alia uns allen etwas weniger Arroganz und Selbstverliebtheit entgegenbringen würde, wäre der Teamgedanke viel mehr vorangebracht.“ Sie schluckte. Das musste von Barnetti stammen. Arthur würde sie nie mit ‚Alia‘ in einem offiziellen Dokument benennen. „Möchten Sie mehr hören?“ Hofer schaute sie an, während er sich in seinen Sessel zurücklehnte. Nach einer Weile schüttelte Alia den Kopf. Jones war höchstwahrscheinlich nicht milder mit ihr ins Gericht gegangen, zumal sie ihn vor zwei Tagen bei der misslungenen Unterwasserübung vor allen Anwesenden seine Unzulänglichkeit vor Augen geführt hatte. „In Ordnung.“ Hofer lehnte sich wieder vom ComTerm zurück. „Wir haben bereits sehr viel Geld und Zeit in Ihre Ausbildung investiert. Daher gebe ich Ihnen eine Gnadenfrist von vier Wochen, um Ihr Verhalten sozialkompetenter zu gestalten. Ansonsten sind Sie raus! Haben Sie das verstanden, Captain?“ „Verstanden, Herr Vorsitzender.“ „Sie werden ab sofort jeden Tag mit den Psychologen sprechen und gemeinsam an Ihren Defiziten arbeiten.“ Alia war im Begriff aufzubegehren, doch Hofer signalisierte ihr zu schweigen. „Ich werde mich laufend über Sie informieren und erscheinen Sie einmal nicht oder die Kollegen sehen keinen Fortschritt, werde ich die vier Wochen nicht abwarten. Vasquez wird dann schneller ihren Platz einnehmen, als Ihnen recht ist. Es liegt nun ganz bei Ihnen.“ „Herr Vorsitzender, ich sehe es bis zu einem gewissen Grad ein, dass Sie Ihre Investitionen schützen müssen, doch werden sie eher dadurch gefährdet sein, wissenschaftlich inkompetente Arbeiter auf diese Reise zu schicken. Das ist kein Kindergartenausflug, Herr Hofer.“ Sie war wütend, dass man ihr unterstellte, die Mission zu gefährden. Ihr Gesicht musste feuerrot sein, sie hatte das Gefühl, dass ihre Wangen glühten. „Captain, mir scheint, Sie haben es immer noch nicht verstanden, was mich nun auch an Ihrer fachlichen Kompetenz für diese Mission zweifeln lässt. Ganz zu schweigen davon, dass Sie sich dadurch als Kandidat auf den Posten der Missionsleiterin disqualifiziert haben könnten.“ Er beugte sich vor und sah sie eindringlich an. „Sie tun genau das, was ich Ihnen sage, oder Sie können sofort Ihre Sachen packen. Morgen melden Sie sich bei Doktor Borelli zu Ihrer ersten Besprechung. Und jetzt werden Sie sich mit ihren anderen Teammitgliedern treffen. Arthur Jones‘ Frau und sein Sohn sind hier.“ Alia nickte. Sie wusste, dass sie den Anweisungen des Vorsitzenden der World Space Administration zu folgen hatte, wenn sie weiterhin an der Mission teilnehmen wollte. „Gehen Sie jetzt.“ Ohne Hofer eines weiteren Blickes zu würdigen, verließ Alia sein Büro. Sie war so wütend, dass man sie rauswerfen wollte, nur weil die anderen solche Mimosen waren. Dennoch begab sie sich auf den Weg in den großen Aufenthaltsraum. „Alia, schön, dass du auch endlich mal kommst.“ Mike Barnetti hatte sie gleich beim Hereinkommen bemerkt. „Ich hatte noch eine Unterredung mit Herrn Hofer“, antwortete sie pflichtschuldig. Mike und Lee, die mit Arthur und seiner Frau am Tisch saßen, nickten. Für Alias Geschmack ein wenig zu eifrig. „Hallo!“, brüllte es plötzlich unter dem Tisch hervor und Alia wurde von zwei riesigen Kinderaugen angestrahlt. Beinahe erschrocken schaute sie das Kind an. „Das ist Timothy, mein Sohn“, erklärte Arthur stolz. „Und das ist meine Frau Helen.“ „Angenehm“, sagte Alia und reichte ihr die Hand. „Helen, das ist Captain Alexandra Scott.“ „Es freut mich sehr, Captain, Sie kennenzulernen“, erklärte Helen auch eher pflichtschuldig. „Capein ... Hallo!“, tönte es wieder unter dem Tisch hervor. „Hallo, Timothy.“ Als hätte er nur darauf gewartet, schoss er heraus, lachte sie an und sprang wieder zu Arthur. „Er mag dich, Alia“, sagte Arthur und schien sich darüber zu freuen, während die anderen erstaunt dreinblickten.

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Fragment 8

Fragment 08 – Im Wassertank

Der Schwenkarm bewegte sich langsam. Mike sah, wie Arthur damit kämpfte, die Bewegungen im Wassertank zu koordinieren. Es war für alle ungewohnt, in einem Becken voller Wasser die Schwerelosigkeit im Weltall zu simulieren und sich innerhalb der Raumanzüge auf die verfälschten Aktivitäten einzustellen. Das betraf sowohl die eigenen, als auch jene Bewegungen der Werkzeuge.
Als Arthur vorhin wütend die Mensa verlassen hatte, ging Mike danach nochmal zu ihm, um das Thema aus der Welt zu schaffen. Ihn Arjay zu nennen war sicher nicht die beste Entscheidung gewesen, aber letztlich hatten sie sich alle darauf geeinigt, sich mit ihren Spitznamen anzureden. Mike, Lee, sogar Alia und … Arthur blieb Arthur. Wohl auch, weil es den anderen eher albern vorkam, ihn, wie er es selbst manchmal scherzhaft tat, „King Arthur“ zu nennen.
Alia hingegen hatte große Schwierigkeiten damit, sich mit den Spitznamen anzufreunden. Umso angenehmer empfand es Mike, dass sie ihre abweisende Haltung etwas lockerte und den Anderen erlaubte, sie „Alia“ zu nennen.
„Pass auf, Arthur! Der Arm kracht gleich gegen das Modul und dann müssen wir von vorne…“
Zu spät. Es war schwer, die Aktivität einzuschätzen, und das Wasser erhöhte den Schwierigkeitsgrad enorm. Was selten bedacht wurde, war die Tatsache, dass die Mobilität zwar ähnlich langsam wie in der Schwerelosigkeit war, aber sobald sich etwas erst einmal in Bewegung gesetzt hatte, sorgte die Wellenbewegung des Wassers dafür, dass jede Aktivität schwieriger abzubremsen war.
„Verdammt nochmal!“, hörte er Arthur durch den Funk im Helm. „Dieser Schwenkarm macht nicht das, was er soll.“
„Für einen Astroingenieur stellst du dich extrem ungeschickt an, Jones.“ Das war Alia, die auf der anderen Seite des Beckens ebenfalls im Raumanzug unter Wasser wartete, bis sie an der Reihe war. Der Captain hatte es perfektioniert, die Leute zu sticheln und zu triezen.
„Alia“, warf Mike jetzt ein. „Lass es gut sein. Wir versuchen das Ganze nochmal. Es wird schon noch klappen.“
Lee stimmte mit ein. „Das denke ich auch. Wenn wir Erfolg haben wollen, müssen wir das Ganze immer und immer wieder üben. Solange bis es funktioniert.“
„Natürlich. Ihr müsst das auf jeden Fall noch einige Male üben.“
Irrte sich Mike, oder hatte Alia das Wort „Ihr“ auffallend betont? Es war vermutlich besser, nicht weiter darauf einzugehen.
„Also los, alles auf Null. Wir versuchen es nochmal“, rief er stattdessen alle wieder zur Aufmerksamkeit auf. „Schwenkarm auf Ausgangsposition, Modul 3 bereitstellen.“ Die Luft in seinem Helm roch verbraucht. Aber das kümmerte ihn in diesem Moment nicht. „Einen Durchgang noch, dann werten wir diese Übung aus und beenden das Training für heute.“
„Einverstanden“, antworteten Lee, Alia und Arthur einstimmig.

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Fragment 7

„Der Antrieb, der für das Schiff gebaut wird, ist absolut unfassbar. Wisst ihr, dass wir damit fast schon an der Lichtgeschwindigkeit kratzen?“ Arthur war derart aufgedreht, dass er die anderen allmählich nervte. Wäre er nicht so in die Technik des Raumschiffs verliebt, hätte er es vermutlich gemerkt. „Mensch Arthur, lass uns doch erstmal unsere Mittagspause machen.“ Leandra Thuis, die sich sonst gerne mitreißen ließ, sah man an, dass sie vom Training erschöpft war. Die letzten Tests für die physische Belastbarkeit hatten sie geschafft. Arthur ging unterdessen zur Essensausgabe der WSA-Mensa, um sich seine Mahlzeit zu holen. Als er zurückkam, beachteten ihn die Anderen kaum. Leandra kaute müde auf ihrem Essen herum, Michael studierte nebenbei die Unterlagen für die anstehende Übung im Wassertank, während Alexandra steif am Tisch saß und ihre Mahlzeit einnahm. Neben ihrem Tablett stand eine Tasse heißer Kaffee. Arthur nahm diesen Umstand als Gelegenheit, mit ihr ins Gespräch zu kommen. „Du kannst wohl immer Kaffee trinken, was Captain?“ Sie sah ihn missbilligend an, ohne eine Antwort zu erwidern. „Ich meine, bei deinem Konsum, bräuchten wir da oben zwei Kaffeemaschinen. Ich glaube nicht, dass die WSA das eingeplant hat? Was meint Ihr?“ „Hmm“, war das Einzige, was daraufhin von Michael zur Antwort kam. Arthur ließ sich davon nicht bremsen. „Nach dem Kälteschlaf werden uns sicher sämtliche Mineralien fehlen. Wie wäre es, wenn ich mal mit den Leuten hier spreche, ob die uns die Aufbaupräparate nicht als Zusatzstoffe in den Kaffee mischen?“ Jetzt sah Scott ihn durchdringend an. „Das ist eine brillante Idee, Jones. Es wird vorzüglich schmecken. Alternativ schlage ich vor, Magnesiumtabletten in die Filtertüte zu stopfen und dann den Salzstreuer darüber auszuleeren.“ Nicht nur Arthur lachte daraufhin. Auch Michael und Leandra amüsierten sich über diese Bemerkung. „Jetzt mal im Ernst“, meinte Mike einen Augenblick später. „Die Idee klingt nicht übel. Das sollten wir mal ansprechen. Gegebenenfalls lässt sich da ja was machen.“ Captain Scott verdrehte die Augen. Sie hatte ihre Aussage nicht als Scherz gedacht und schaute entnervt in eine andere Richtung. „Vielleicht solltest du doch lieber etwas über den tollen Antrieb erzählen“, bemerkte Leandra daraufhin gelangweilt. Arthur nahm die Aufforderung gerne an. Sein Essen wurde indes allmählich kalt. „Ich habe mal recherchiert. Vor der WSA gab es doch die Raumfahrtbehörden ESA, NASA und so weiter. Ja und die NASA hatte tatsächlich vor rund zweihundert Jahren an Antrieben gebaut, die den Weltraum falten sollten.“ „Vor zweihundert Jahren schon? Was ist daraus geworden?“, wollte Michael wissen. „Leider liefen die Forschungen nur in der Theorie und die praktischen Versuche waren wenig erfolgreich. Die Alcubierre Theorien gaben damals einen interessanten Ansatz, doch fürchtete man, dass innerhalb einer Raumkrümmungsblase die Temperaturen derart stark steigen würden, dass alles in ihr kochen und zerfließen würde.“ „Alles?“, fragte Leandra überrascht. „Ja. Auch und vor allem die Besatzung.“ Michael runzelte die Stirn. „Das waren die Forschungen vor zweihundert Jahren. Heute sieht das alles ganz anders aus.“ „Genau“, bestätigte Arthur freudig. „In der Alcubierre Theorie hätte man negative Energie benötigt.“ „Der reinste Wahnwitz“, mischte sich Scott knapp ein und erntete mit diesem Kommentar einhellige Zustimmung. Nach einer kurzen Redepause und ein paar Bissen seiner Mahlzeit ergriff Arthur erneut das Wort. „Wisst ihr eigentlich, wie das geniale Prinzip dieses neuen Antriebs funktioniert? Ich meine, dass es echt möglich sein wird, dass wir innerhalb von nur fünf Jahren von der Erde nach Alpha Centauri reisen?“ „Arjay, bitte“, Mike hob abwehrend die Hände, „verschone uns in der Mittagspause mit den technischen Details.“ Arthur verstummte. Nicht, weil er darum gebeten wurde, die Pause zu akzeptieren, sondern, weil Michael ihn „Arjay“ nannte. Das konnte er absolut nicht leiden. „Verdammt nochmal, das habe ich dir schonmal gesagt. Ich nenne dich ja auch nicht Spaghetti Barnetti. Hör mit diesem scheiß „Arjay“ auf!“ „Also hör mal, ich…“ „Nein, hör du doch mal zu! Mein Vorname beginnt nicht mit ‚R‘, sondern mit ‚A‘. Arthur Jones. Nicht Ronald, Rufus, Richard oder irgendwas mit ‚R‘ Jones. Sondern A-R-T-H-U-R. Ich habe nichts dagegen, wenn wir uns mit Spitznamen anreden, aber dein dämliches „Arjay“ kannst du dir ans Knie nageln.“ Verärgert nahm er sein Tablett, stand auf und ließ seinen kaum angerührten Teller auf den Wagen der Geschirrrückgabe krachen, ehe er die Mensa verließ.

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