S2-26sm

Fragment 26

Fragment 26 – Blaupausen „Was soll das, verdammt nochmal? Ich habe keine Zeit für diesen Unfug!“ Schnellen Schrittes ging Mavis neben der fluchenden Heqet die Flure der Barrafranca entlang und versuchte, durch ihre Kraftausdrücke zu ihr durchzudringen. „Liebling, wenn du mich einmal ausreden lassen würdest, dann könnte ich dir …“ Abrupt blieb sie stehen und funkelte ihn an. „Was? Was könntest du mir dann? Na?“ „Jetzt hör doch mal zu, ich …“ „Du kannst mich mal! Das kannst du. Und zwar gewaltig.“ Sie setzte ihren Gang fort und Mavis trabte hinterher. Es war nicht einfach mit ihr, das wusste er, doch in letzter Zeit benahm sie sich immer ungehobelter, war mürrisch und halsstarrig. Wäre er nicht ihr Lebenspartner, hätte er es sicher leichter gehabt. Manchmal schien es ihm sogar, als würde sie bei ihm erst recht keine Rücksicht nehmen. „Die Arbeit ist wichtig, Heqet und wir brauchen jemanden, der die Sache beaufsichtigt.“ „Pah!“ Der Weg führte sie zum Aufzug, vor dem sie stehen bleiben mussten. Ihre Hand schlug mehrmals auf das Sensorfeld. „Hör mal, wenn du dich bereit erklärst, die Konstruktionsphase zu begleiten, dann wird dir das Kommando über eine der Ernteplattformen zugestanden werden.“ „Über welche denn? Vielleicht Hod? Oder Yesod? Die Dinger die irgendwo platziert werden, in der Hoffnung, dass sie überhaupt irgendetwas ernten?“ Die Aufzugstür öffnete sich und beide traten hinein. Bevor Mavis an das Sensorfeld herankam, hatte sie bereits das Piktogramm für die Konferenzebene betätigt. „Ich rede hier von der Netzach“, antwortete er schließlich und beobachtete sie. Ihr Blick traf ihn und er erkannte, dass Sie damit nicht gerechnet hatte. „Dein Ernst? Die Netzach?“ „Die Netzach!“ „Das wir das Prestigeobjekt schlechthin. Die größte Auslastung aufgrund der hohen Salzdichte im Toten Meer. Die geologischen Reporte schwärmen geradezu von den Möglichkeiten. Und du glaubst wirklich, dass Taisod diese Chance einer kleinen, aufmüpfigen Dalash wie mir überlassen wird? Träum weiter, du Idiot!“ Erneut öffneten sich die Türen des Aufzugs. Das Display der Sensorplattform zeigte an, dass Sie sich nunmehr auf der Konferenzebene befanden. „Du wirst es ja gleich selbst hören, wenn wir an der Besprechung teilnehmen. Aber du solltest dich in Gegenwart vom Mazan lieber zurückhaltender äußern, wenn du dir die Chance auf die Netzach nicht verspielen willst.“ „Ach, verschone mich doch mit deinem albernen Getue. Der Mazan kocht auch nur mit Wasser und ich sehe nicht, dass er mich tatsächlich auf der Netzach haben will. Er ist doch nur ein …“ Weiter kam Sie nicht, denn kurz vor dem Konferenzraum begegneten sie dem Mazan persönlich, der Heqet mit neugierigem Blick musterte. „Was bin ich nur, Dalash Heqet Shifrin?“ „M … Mazan?!“ „Na super“, kommentierte Mavis ächzend. „Sie sind ja nicht gerade zu überhören, Dalash. Dass Sie ein loses Mundwerk haben, ist mir ja nun auch schon seit längerem bekannt. Wenn Ihnen aber die Aussicht auf eine solche Chance dargeboten wird, wundert es mich, dass Sie das einfach so beiseite wischen wollen.“ „Nein, so ist das nicht, mein Mazan. Ich dachte nur, dass …“ „Ja?“ Hilfesuchend sah sie sich nach Mavis um, doch er konnte ihr nur ein Schulterzucken zuwerfen. „Verdammt! Mazan, ich kann nicht glauben, dass Sie mir die Netzach anvertrauen wollen. Ich bin Soldat und keine Schichteinteilerin, oder was immer Sie da benötigen.“ Taisod sah sie mit ernstem Blick an. „Seit wann ist der offizielle Gruß eines Vorgesetzten eigentlich – Verdammt! Mazan?“ Mavis konnte sehen, wie Ihr die Schamesröte ins Gesicht stieg. Das kam selten vor und insgeheim genoss er es sogar ein wenig. Der Mazan kam einen Schritt näher. „Hören Sie zu, Dalash. Was ich brauche, ist jemand, der sich durchsetzen und seinen Trupp zu Höchstleistungen anspornen kann. Der Bau der Ernteplattformen wird voraussichtlich drei Jahre in Anspruch nehmen, ehe sie vollkommen einsatzbereit sind. Wenn man dann noch die schwerfällige Bürokratie der Erde in Betracht zieht, werden daraus wohl eher vier Jahre. Wir müssen also das Beste aus der Situation machen und ich habe leider niemanden, auf den ich Sie mit einem Gewehr im Anschlag hetzen kann. Also reißen Sie sich zusammen und stellen sich der neuen Herausforderung. Tauschen Sie ihr Gewehr gegen die Blaupausen der Ernteplattformen und machen Sie diese zu ihrer Braut!“ Taisod hielt kurz inne. Offenbar merkte er erst jetzt, dass er einem alten Soldatenklischee aufgesessen war. „Meinetwegen auch zu ihrem Mann, oder was auch immer. Auf jeden Fall verlange ich von Ihnen mehr Disziplin und Führungsstärke. Haben wir uns verstanden?“ „Ja, mein Mazan“, antwortete sie, ohne zu zögern. Mavis registrierte, dass Sie plötzlich stramm stand. „Sie werden mit der Angelegenheit sehr lange beschäftigt sein. Erwarten Sie nicht, dass Sie das hier schnell über die Bühne bringen können. Und dass Ihnen jemand in den nächsten Jahren anerkennend auf die Schulter klopfen wird, können Sie sich auch abschminken. Sie werden unbeachtet und im Stillen den Bau kontrollieren und absichern. Dafür sorgen, dass die richtigen Leute zur richtigen Zeit an der richtigen Stelle sind. Ich brauche ihren taktischen Verstand. Und um ehrlich zu sein, ziehen Sie mit ihrer schlechten Laune meine Mannschaft zu sehr in den Keller. Also stellen Sie sich dieser Herausforderung und sie bekommen das Kommando über die Netzach.“ „In vier Jahren?“ Wieder ein prüfender Blick von Taisod. „Wenn Sie sich zusammenreißen und Ihren Job unauffällig bewerkstelligen. Jetzt kommen Sie mit! Die Konferenz hat schon begonnen.“

S2-25sm

Fragment 25

Eine neue Stadt


Es war nicht gerade das, was Lee sich vor Jahren in der Feldforschung vorgestellt hatte, doch nach den vergangenen zwölf Monaten war dies genau das Richtige für sie. An diesem Ort.
Babel bot alle Möglichkeiten, die man sich nur wünschen konnte. Eine nahezu autarke Stadt im Weltall und dazu fast unbegrenzte finanzielle Möglichkeiten, da das Prestigeprojekt des Schiffbaus der interstellaren Union und allen Erdregierungen mit enormen Zuschüssen gefördert wurde. Sogar die Marsregierung hatte es sich nicht nehmen lassen, einen Teil der Kosten zu tragen. Zudem wurden die Bauarbeiten an der neuen Schiffswerft abgeschlossen, und dem Bau der ersten beiden Forschungsfregatten in den kommenden Monaten stand nichts mehr im Weg. Immer mehr Menschen kamen zum Arbeiten und Forschen nach Babel.
„Wenn ich noch etwas für Sie tun kann, Misses Thuis, lassen Sie es mich wissen.“ Der Mann lächelte Lee freundlich an, gerade waren sie mit ihrer Projektbesprechung fertig geworden.
„Bitte nennen Sie mich Lee, Dr. Summers.“ Dabei unterließ sie es aber, ihn darüber aufzuklären, dass sie nicht verheiratet war.
„Gerne, dann darf ich Sie aber auch bitten, mich Andrew zu nennen.“ Lee nickte und freute sich. Dr. Summers war der Leiter des großangelegten Forschungsprojekts zur Vermessung der kleinteiligen Weltraumtrümmerpopulation auf der Transitstrecke zwischen Erde und Mars.
Lee hatte das Projekt dank ihres entwickelten Lasermessverfahrens schon ein gutes Stück vorwärtsbringen können. Sollte es so weitergehen, würde die dabei genutzte Vektorpeilung in die Steuerungssoftware der Schiffe übernommen werden. Jedoch lag das noch in weiter Ferne. Die Bauzeit der Schiffe war auf acht Jahre kalkuliert worden und Lee glaubte, dass man dabei noch sehr optimistisch gewesen war. Sie hatte während ihrer Reise auf dem Unionsschiff gelegentlich einen Blick auf die verschiedenen technischen Errungenschaften erhaschen können. Auch wenn sie nicht so sprachbegabt wie Alia war, wusste sie, dass man nicht ohne weiteres Erd- und Unionstechnologie kombinieren würde können.
„Aber sicher, Andrew.“, sagte Lee. Es war für sie ein kleines Wunder, dass sie sich mit Summers alleine in einem Raum aufhalten konnte, ohne dass sie in Angstschweiß ausbrach. Dennoch presste sie ihre Aufzeichnungen mit verschränkten Armen vor ihren Oberkörper wie einen Schutzpanzer.
„Sie scheinen keinerlei Schwierigkeiten damit zu haben, im Weltall zu leben, Miss … ich meine Lee. Aber sicher sind Sie nach so vielen Jahren auf Ihrer Reise daran gewöhnt.“ Lee wusste den Versuch zu schätzen, dass er Small Talk mit ihr halten wollte. Sie war noch nicht lange auf Babel und hatte bisher nur wenig Kontakt mit ihren Kollegen. Andrew war ein sympathischer Mensch und durchaus attraktiv, wenn auch vielleicht mit fast zwei Metern Körpergröße etwas groß. Lee musste immer zu ihm hochschauen.
„Ja, auch wenn ich Ihnen gestehen muss, dass ich den Großteil nicht miterlebt habe. Die meiste Zeit habe ich mich in Stasis befunden.“
„Naja, jedenfalls solange, bis Sie ein feindliches Schiff lahmgelegt haben, wenn man der Presse glauben will. Ich muss Ihnen gestehen, dass ich Ihre Geschichte sehr aufmerksam verfolgt habe. Ein richtiges Abenteuer!“ Andrew schaute sie mit großen Augen an und wartete wohl darauf, dass sie begann von ihrem ‚Abenteuer‘ zu erzählen.
„Ja…es war…es war sehr aufregend.“ Es war die Hölle gewesen. Nichts würde Lee lieber tun, als diese Reise für immer zu vergessen. „Babel und meine neuen Aufgaben stehen dem aber in Überhaupt nichts nach. Ich meine, immerhin ist letzte Woche fast ein Labor in die Luft geflogen!“ Ihre Stimme war hoch geworden, wie früher, wenn sie etwas spannend oder interessant fand.
„Oh ja. Wenn Sie ein Problem mit Explosionen haben, sollten Sie sich besser von gewissen Kollegen fern halten. Mache haben wirklich ein Händchen dafür, die Sicherheitsvorkehrungen der Station auszutesten.“ Beide lachten über den kleinen Scherz und Lee war froh, dass Andrew den Wink mit dem Themenwechsel verstanden hatte.
„Ich möchte nicht in der Haut des Stationskommandanten stecken.“ Lee hatte den Commander und den Kommandostab bei ihrer Ankunft vor ein paar Wochen kennengelernt.
„Ich auch nicht“, wieder lachte ihr Projektleiter. „Wie steht es mit Ihnen Lee? Ich könnte eine Tasse Tee vertragen.“
Lee wurde schlagartig übel. Unvermittelt schossen ihr Erinnerungen in Ihre Gedanken, die sie lange Zeit erfolgreich verdrängt hatte. „Danke, aber ich trinke keinen Tee“ Sie presste die Unterlagen noch fester an ihren Körper.
„Ich bin mir sicher, dass es auch Kaffee gibt. Oder trinken Sie auch keinen Kaffee?“ Andrew musterte sie von oben bis unten, was Lee noch nervöser werden ließ. Unbewusst ging sie einen Schritt nach hinten, um den Abstand zwischen Ihnen zu vergrößern. Zwar fühlte sie sich einerseits von der Einladung geschmeichelt und ein Teil von Ihr wollte ihm unbedingt näher kommen, doch allein der Gedanke an Nähe und körperliche Anziehung verursachte ihr ein nahezu unbeschreibliches Unbehagen, dem sie sich in diesem Moment nicht entziehen konnte. Es machte sie wütend und traurig zugleich, denn sie wusste, dass dies im Grunde nichts mit dem Mann zu tun hatte, der ihr auf sehr freundliche Weise ein Date angeboten hatte.
„Doch…doch, sicher. Aber leider, habe ich jetzt keine Zeit mehr.“ Lee ging zielstrebig in Richtung Tür, achtete aber sehr genau darauf, Andrew nicht näher zu kommen. „Vielleicht in ein anderes Mal“
„Lee, bitte warten Sie. Ich wollte Ihnen nicht zu nahetreten.“ Er ging einen Schritt auf sie zu, was sie nun panisch werden ließ. „Geht es Ihnen gut?“
„Andrew, bitte bleiben Sie da stehen, wo Sie sind.“ Lee zwang sich, ruhiger zu atmen. „Ich danke Ihnen für die Einladung, aber wie ich bereits sagte, vielleicht ein anderes Mal“ Lee wartete seine Antwort nicht mehr ab und verließ schnellen Schrittes den Besprechungsraum. Kaum war sie um die nächste Ecke gebogen, blieb Lee stehen und starrte auf ihre zitternden Hände. Und zum ersten Mal stieg neben der Angst auch Hass auf den Mann auf, der dafür verantwortlich war und dessen Gesicht sie wohl nie wieder vergessen würde. Kardas.

S2-24sm

Fragment 24

Wadi el-Muluk

„Ich halte Ihre geplante Vorgehensweise für prekär, Doktor Scott.“
„Was stört Sie denn daran?“ Alia saß in ihrem Büro der Neu-Ägyptischen Antikenverwaltung und starrte auf den Holoprojektor.
„Um es offen zu sagen, alles.“ Die Frau am anderen Ende der Leistung richtete sich etwas auf, um ihrer Aussage mehr Wertigkeit zu verleihen.
„Sehen Sie, Doktor, Ihre Mutter war eine weltweit geschätzte und angesehene Politikerin. Sie selbst gelten ebenfalls als Pionierin der Wissenschaft, der Großteil des Landes schätzt Sie für Ihre Leistungen in Bezug auf die Voyager-Mission. Jetzt einen Prozess anzustreben, würde Sie in Misskredit bringen. Zumal Sie Ihren neuen Posten als Leiterin der Antikenverwaltung erst vor wenigen Wochen aufgenommen haben, verschärft dies die gesamte Angelegenheit noch mehr.“
„Ich verstehe“ Alia war klar, dass die Anwältin und Testamentsverwalterin Ihrer Mutter die Situation aus juristischer Sicht näherbringen wollte. Neutral betrachtet, hatte die Frau recht. Aber sie sah sich gerade nicht in der Lage, die Angelegenheit neutral zu betrachten. „Nichtsdestotrotz frage ich Sie erneut, wie die Chancen stehen, wenn ich gegen die Verfügung vorgehe.“
Die Anwältin atmete einmal tief ein und aus. „Ich fürchte, außer einem Medienrummel der einen negativen Verlauf für Sie nehmen wird, nicht viel.“ Sie schaute sich Unterlagen auf einem weiteren Monitor an. „Die einstweilige Verfügung Ihres Vaters ist klar und nicht interpretierbar. Selbst wenn Sie einen Eil-Antrag stellen, werden wir eine gerichtliche Entscheidung viel zu spät bekommen.“ Sie blickte ihre Mandantin an. „Außer hohen Kosten und der negativen Publicity werden Sie nichts erreichen, Doktor Scott.“
Alia nickte stumm. Die Anwältin hatte recht. Egal wie viele Eil-Klagen sie einreichen würde, es wäre nicht schnell genug, um an der Beerdigung ihrer Mutter teilzunehmen.
Vor zehn Tagen war sie ins Krankenhaus gekommen, nachdem sie bei einer Ausschusssitzung zusammengebrochen war. Vor 8 Tagen hatte man Alia über den kritischen Zustand ihrer Mutter informiert. Drei Schlaganfälle waren innerhalb weniger Stunden festgestellt worden und seitdem lang sie im Koma. Und auch wenn man alle Spezialisten zu Rate gezogen hatte, die verfügbar waren, konnten sie nichts mehr machen. Alia war ins Krankenhaus gefahren, doch man hatte sie nicht zu ihrer Mutter gelassen, auf Anweisung ihres Vaters. Vor 3 Tagen erhielt sie die Mitteilung über die Anwaltskanzlei ihrer Mutter, dass die lebenserhaltenden Maßnahmen eingestellt wurden und Misses Scott verstorben war.
Heute war Alia eine gerichtliche Verfügung zugestellt worden, welche ihr verbot, ihr Elternhaus und das Familiengrundstück zu betreten, um die Trauerfeier zu besuchen.
„Sollten Sie dennoch darauf bestehen, werde ich selbstverständlich Klage einreichen und Sie entsprechend den testamentarischen Wünschen Ihrer Mutter folgend vertreten. Aber ich weise nochmals darauf hin, dass ich es für aussichtslos halte.“
Wieder nickte Alia. Die Frau hatte recht und Alia trug nicht nur für sich alleine die Verantwortung, sie musste an ihre Kinder denken. Und ganz sicher wollte sie nicht für eine aussichtslose Sache in den Schlagzeilen windiger Klatschblätter landen und dabei ihre Arbeitsstelle riskieren.
„Nein, in Anbetracht der Erfolgsaussichten werde ich von einer gerichtlichen Auseinandersetzung Abstand nehmen.“, erklärte sie. Doch die Verachtung für ihren Vater, der ihr das antat, stieg ins Maßlose.
„In Ordnung. Haben Sie noch Fragen zu den testamentarischen Verfügungen Ihrer Mutter?“
„Die Treuhandfonts ...“ Begann Alia, doch die Anwältin unterbrach sie freundlich.
„Die Fonts sind auf die Enkelkinder, Rhia und Ben, als auch auf Sie ausgestellt, Doktor. Sie können auf den für Sie bestimmten Font jederzeit zugreifen. Bei Antastung der Fonts Ihrer Kinder muss ich zustimmen, bis die Kinder 25 Jahre alt sind, danach können sie ebenfalls frei darüber verfügen.
„Das ist mir klar, aber ich zweifle an der Höhe der Fonts.“ Ihre arrogante Stimme war nicht zu überhören.
„Die Höhe ist korrekt berechnet. Wie festgelegt, hat die Erblasserin Ihnen die gesamten Barvermögen vermacht und Ihr Vater wurde mit den Immobilien bedacht. Haben Sie sonst noch Fragen?“
„Zur Zeit nicht. Bei Bedarf werde ich Sie kontaktieren“ Alia brauchte eine Pause. Ihre Mutter hatte ihr und den Kindern zusammen mehr als 25 Millionen Credits vermacht, eine unvorstellbar hohe Summe, selbst für ihre gehobenen Verhältnisse.
„Gerne Doktor Scott“ Auf Alias Holoprojektor erlosch das Bild. Sie starrte noch eine Weile an die Stelle, bevor das Klingeln ihres ComPorts sie aus den Gedanken riss.
„Doktor Scott, die Gleiter sind soweit. Wir können die Ausgrabungsstellen in Augenschein nehmen“ Es war ihre Assistentin, Mirelah. „Aber bitte bedenken Sie, dass wir zur Zeit Hochsommer haben und jetzt niemand arbeitet.“
„Das ist mir bewusst.“ Alia beendete das Gespräch ohne einen Abschied, suchte ihre Sachen zusammen, die sie benötigte, um die entsprechenden Begutachtungen aufzunehmen. Sie musste ihre Konzentration auf die neuen Aufgaben lenken. Mit nicht einmal vierzig Jahren bekleidete sie eines der höchsten Zivilämter, welches das Land zu vergeben hatte. Und dabei war es Alia egal, ob man ihr die Position nur angeboten hatte, um sie mundtot zu machen, sie zu ehren, oder was die Presse sonst meinte, darin hineingeheimnissen zu müssen. Sie konnte nach so vielen Jahren endlich ihrer Berufung nachgehen. Und seit 2 Tagen war die letzte Bindung an ihr altes Leben nicht mehr da. Und sie war nicht traurig, viel mehr befreit von einer nicht zu beschreibenden Last.
Mike hatte letztes Jahr die eigentlich für sie bestimmte Position bei der WSA übernommen und schien es nicht schlecht zu machen, auch wenn sie mit ihm, seit Genf keinen Kontakt mehr hatte. Ab und an laß sie etwas in der Zeitung über den „Weltraum-Abenteurer“. Es hatte sie beruhigt, dass die WSA die Aufgabe an ihn gab. Er hatte dafür das ruhige Wesen, das charmante Auftreten und das fachlich fundierte Wissen. Während sie noch über Mike nachdachte, war sie den Weg aus dem Büro-Komplex zu den Gleitern gegangen.
„Welche Ausgrabung möchten Sie zuerst sehen, Doktor?“ Ihre Assistentin schien nicht so gut vorbereitet, wie Alia es gerne gehabt hätte.
„Beginnen wir klassisch mit Wadi el-Muluk. Dann sehe ich weiter.“ Ein Lächeln zeigte sich auf ihrem Gesicht. Mehr als 18 Jahre nach ihrem letzten Besuch würde sie bald wieder durch die Grabanlagen laufen können.
„Also gut, dann ins Tal der Könige“

S2-23sm

Fragment 23

Die Sitzung dauerte bereits den halben Tag und nahm kein Ende. Regularien über die Versorgung der Barrafranca, Zugänge zu den Ressourcen von Erde und Mars, Datennutzungsvereinbarungen, Instandsetzungsslots auf der Raumstation Babel. Die Liste der zu regelnden Aufgabenstellungen war endlos. Und würde es nur um solche administrativen Angelegenheiten gehen, hätte Mazan Taisod das Feld ohne mit der Wimper zu zucken seinem diplomatischen Attaché Atras Hydarnes überlassen. Doch der nächste Punkt auf der Tagesordnung war zu wichtig, um nicht selbst an dieser Kommissionssitzung teilzunehmen.
Just in diesem Moment eröffnete der Vorsitzende des Regierungsrates der Erde, James R. Young, den lang erwarteten Tagesordnungspunkt.
„Kommen wir zum Tagesordnungspunkt 137. Proxima Centauri b.“ Er legte eine kurze Kunstpause ein. „Den Berichten der Crew der Voyager nach, ist dieser Planet entgegen unserer Erwartungen als toter Planet zu registrieren. Die Auswertungsdaten haben ergeben, dass die Planetenatmosphäre mit einem als extrem zu bezeichnenden Säuregehalt aufwartet. Aufgrund der gefährlichen Situation, in der sich die Voyager befand, war es nicht möglich, nähere Untersuchungen zu betreiben. Dennoch wurde von der Voyager festgestellt, dass es auf Proxima Centauri b Überreste einer Zivilisation gibt. Die Vermutung liegt nahe, dass dieser Säuregehalt die Ursache für die Auslöschung jeglichen Lebens auf besagtem Planeten ist. Hinzu kommt die ungewöhnliche Situation, dass der Planet von einem Netz von Überwachungssatelliten kontrolliert wurde die jegliche Flucht von dort unmöglich machen sollten. Nur aufgrund des tragischen Ablebens des Besatzungsmitglieds Arthur Jones war es der Voyager möglich, aus dieser Lage zu entfliehen.
Heute wollen wir die Hintergründe dieser eben festgestellten Sachlage erörtern. Dazu haben wir Mazan Taisod als Vertreter der Union freier Planeten eingeladen. Ich erteile Ihnen hiermit das Wort, Mazan. Bitte erläutern Sie uns die Umstände, wie es überhaupt zu dieser verheerenden Situation auf dem Planeten gekommen ist.“
Mazan Taisod schluckte einen Kloß herunter. Der Moment war gekommen. Er erhob sich von seinem Platz und schritt zum Rednerpult. Neben den Regierungsvertretern der Erde waren hohe Staatsbedienstete, Wissenschaftler, führende Wirtschaftsvertreter und auch eine Delegation vom Mars anwesend. Insgesamt etwa fünfzig Menschen. Überschaubar, aber dennoch mit einer fast schon spürbaren Erwartung, welche Informationen er ihnen heute preisgeben mochte.
„Verehrte Damen und Herren, die Lage dieses Planeten ist Ihnen allen hinlänglich bekannt und ich habe großes Verständnis dafür, dass Sie über die Umstände informiert werden wollen, die dazu geführt haben.“ Er holte tief Luft, was jetzt folgen sollte, würde Ihnen allen nicht gefallen, das wusste er. „In Vorbereitung für die Kommissionssitzung habe ich Rücksprache mit meinen Vorgesetzten gehalten. Wie Sie wissen, dauert ein Informationsaustausch aufgrund der Entfernung zum Planeten Sirius III mehrere Monate, was die Angelegenheit etwas verzögert.
Nunmehr wurde ich aber dazu ermächtigt, Ihnen folgende Mitteilung zu machen.“ Noch einmal blickte er auf und sah in die gespannten Gesichter der Anwesenden. Dann öffnete er die entsprechende Datei auf dem im Rednerpult eingesetzten Bildschirm und las den Text vor.
„Sehr geehrte Delegation von Erde und Mars. Der Rat der Union freier Planeten möchte erneut sein tiefes Mitgefühl für den Verlust des Erdmenschen Arthur Jones ausdrücken und versteht Ihr Interesse an den Hintergründen um die Situation von Proxima Centauri b vollumfänglich.
Ihre Mannschaft der Voyager ist bedauerlicherweise in einen interstellaren Konflikt geraten, der seit Generationen andauert. Auch, wenn wir diesen Konflikt nicht entfacht haben, so möchten wir ihn so human wie irgend möglich beenden. Diesem Wunsch steht jedoch die interstellare Konföderation entgegen, deren Verhörmethoden Ihre Mannschaft zu unserem Bedauern am eigenen Leibe erfahren musste.
Die Katastrophe, die vor vielen Jahrhunderten auf Proxima Centauri b geschah, wird als streng vertrauliche militärische Information gehandhabt. Sowohl die Konföderation als auch unsere Regierung behandeln diesen Sektor als Sperrzone. Schiffe, die sich in diesem Gebiet befinden sind umgehend aufzubringen und deren Besatzung einer ausführlichen Befragung zuzuführen. Dass wir die Mannschaft der Voyager stattdessen zurück zur Erde brachten, resultierte einzig auf unsere Erkenntnis, dass hier Menschen aus einem fremden System in die Auswirkungen dieses Konflikts geraten sind. Die Erde und ihre Bewohner sind nach unserer Überzeugung zu schützen. Dieser Schutz schließt jedoch auch die Notwendigkeit ein, dass wir Ihnen keine streng vertraulichen Informationen zukommen lassen werden, die das Wohl der Erde oder die Sicherheit der Union freier Planeten gefährden können.
Wir können Ihnen lediglich mitteilen, dass vor mehreren hundert Jahren eine schwere Katastrophe auf diesem Planeten auftrat, welche irreversibel war und unbedingt eingedämmt werden musste.
Wir hoffen auf Ihr Verständnis und bieten unsere Unterstützung in vielen Gebieten an, die Ihnen in sozialen, wirtschaftlichen, medizinischen und technischen Belangen von großem Nutzen sein werden.
Unterzeichnet vom Rat der Union freier Planeten.“
Er sah erneut auf und erntete fragende und ungläubige Blicke. Genau vor dieser Situation wollte er Hydarnes schützen. Sollte er ihren Ärger abbekommen, so war sein Diplomat etwas abseits und konnte die weiteren Verhandlungen führen.
„Das ist nicht Ihr Ernst!“, beschwerte sich Hermann Zettler als Erster. „Da wird ein globaler Tod verursacht und Sie wollen uns mit den Argumenten einer militärische Sperrzone abspeisen?“
Präsidentin Callao gab dem Nordamerikaner jedoch Contra, noch bevor Taisod etwas erwidern konnte. „Als ob Ihre Regierung das jemals anders gemacht hat. Gerade von Ihnen hätte ich mehr Verständnis erwartet. Darf ich an die uralte Geschichte erinnern, die den Namen Roswell trägt?“
„Das ist etwas völlig anderes. Wir sind schließlich Amerikaner!“
Taisod lauschte dem Streitgespräch verwundert. Offenbar gab es auf der Erde selbst noch ausreichend Konflikte, die nicht aufgearbeitet waren. Es schien ihm an ein Wunder zu grenzen, dass es diesen Menschen überhaupt gelungen war, eine Mission wie die der Voyager gemeinsam auf die Beine zu stellen.
Nur einen Moment später brachte der Vorsitzende Young wieder Ruhe in die Kommissionssitzung und wandte sich dann erneut an Mazan Taisod. „Selbstverständlich kennen wir die Bedeutung von Geheimhaltungspflichten, verehrter Mazan. Aber bitte verstehen Sie, dass wir mit dieser Antwort nicht zufrieden sind. Immerhin sind wir durch unsere Entdeckung Ihrerseits, als auch durch die Konföderation in einen Konflikt geraten, der unsere Möglichkeiten bei weitem übersteigt. Sollte eines Tages die Konföderation den Weg zu uns finden, wer sagt uns denn, dass die Erde nicht ein ähnliches Schicksal ereilt, wie es mit Proxima Centauri b geschah?“
„Zumindest kann ich Ihnen versichern, dass die Konföderation bislang keine Anzeichen gezeigt hat, dass Sie die Position der Erde kennen. Unseren Informanten zufolge, konnte der Datenoverkill, den Captain Scott von der Voyager aus verursacht hatte, bislang nicht entschlüsselt werden. Unseres Wissens nach wurde der Prendal des Konföderationsschiffes sogar für sein Versagen als kommandierender Offizier bestraft und Inquisitor Kardas einem anderen Schiff zugeteilt. Sein Aufenthalt ist uns zur Zeit zwar unbekannt, die Wahrscheinlichkeit, dass die Konföderation der Sache weitere Beachtung schenkt ist jedoch als unwahrscheinlich einzustufen.
„Was macht Sie denn da so sicher?“, wollte Zettler wissen.
Taisod sah ihn direkt an. „Glauben Sie mir – Sie würden es wissen, wenn die Konföderation Ihren Standort herausgefunden hätte.“

S2-22sm

Fragement 22

Ein neuer Posten

„Meinen Glückwunsch, Doktor Barnetti. Ab sofort sind Sie der Verbindungsmann zwischen der World Space Administration und der Union freier Planeten. Auf dass Ihr neuer Posten Sie in die unergründlichen Tiefen der Diplomatie einführt und sie jedes Riff galant umschiffen lässt.“ Juan Hofer hob sein Champagnerglas und alle Anwesenden folgten seinem Beispiel. Dass er mit seinem Doktortitel angesprochen wurde, empfand er etwas unangenehm, da er in der Regel keinen Wert auf die explizite Nennung des Titels legte, dennoch war Mike gerührt. Erst vor wenigen Tagen wurde er von Hofer gefragt, ob er sich dazu bereit erklären würde, die offene Position zu besetzen. Zuerst hatte sich Mike etwas zurückhaltend geäußert. Er wollte nicht konkret werden, ehe er sich sicher war. Immerhin schien es ihm, als hätte der Posten an Alia gehen sollen. Doch Hofer versicherte ihm, dass er, Mike, die erste Wahl der Union gewesen war.
Und nun stand er hier. Im Hauptquartier der WSA in Genf und wurde von Hofer, Taisod, den Regierungsvertretern der Erde und auch dem Marsverwalter gefeiert, als hätte er etwas Großartiges geleistet. Dabei brauchte er dafür nichts anderes machen, als die Ernennung anzunehmen.
„Vielen Dank, Herr Vorsitzender“, antwortete er pflichtschuldig. Er wünschte, Alia wäre hier gewesen. „Und meinen Dank auch an alle Anderen, die mir hiermit das Vertrauen ausgesprochen haben. Ich hoffe, mich auf dieser Position als würdig erweisen zu können und dazu beizutragen, dass die Kommunikation zwischen uns allen stets zu einem positiven Ergebnis führen wird.“ Auch er hob sein Glas und fragte sich wiederholt, warum Alia nicht diesen Posten bekommen hatte. Gerne hätte er mit ihr darüber gesprochen.
„Auf Ihr Wohl!“ hörte er von allen Seiten und stieß lächelnd nach und nach mit allen Anwesenden an.
Er leerte sein Glas und stellte es auf der Anrichte neben ihm ab. Der offizielle Teil war damit erledigt. Die Gäste verloren sich in allerlei Gesprächen, nachdem sie Mike die Hand schüttelten und sich dann diskutierend dem Buffet widmeten.
Eine Hand landete auf seiner Schulter, so dass er sich nach hinten umsah. Da stand Juan Hofer, der Vorsitzende der WSA und lächelte ihn gewinnbringend an.
„Nun gehen Sie den nächsten Schritt auf Ihrer Karriereleiter, Mike.“
Er lächelte verlegen. „Ja, wer hätte das noch vor ein paar Jahren gedacht?“ Er drehte sich nun vollends zu Hofer um. „Hätten Sie vor sieben Jahren geahnt, wie sich einmal alles verändern würde?“
„Ganz sicher nicht, Mike. Aber seien Sie versichert, dass es uns allen nicht anders erging. Als die Barrafranca in unser Sonnensystem eindrang, war die Aufregung groß. Der Mars hatte vorsichtshalber sämtliche Kommunikation abgebrochen, um nicht aufzufallen und wir …“, er lächelte in sich hinein, „… wir hatten die Hosen voll.“ Jetzt lachte er herzhaft. „Ein so großes Schiff, dass sich rasend schnell auf die Erde zubewegte. Das hat allen hier Angst gemacht.
Doch sehen Sie, wie wir uns jetzt verhalten. Heute sind Sie der Verbindungsmann zwischen uns allen geworden!“ Mit diesen Worten schlug er Mike freundschaftlich auf die Schulter.
„Ich bin wirklich glücklich, dass wir diesen Weg gehen. Und vor allem, dass uns die Union seinerzeit bei Proxima Centauri b gerettet hat.“
„Vor der Konföderation“, bestätigte Hofer.
„Ja. Sie können sich nicht vorstellen, was dieser Inquisitor für ein Psychopath war.“
„Vorstellen vielleicht schon. Ich habe ja die Berichte gelesen. Aber nachvollziehen eher nicht. Weswegen hat die Konföderation überhaupt einen solchen Mann an Bord?“
Mike sah ihn ernst an. „Mazan Taisod hatte es mir einmal erklärt. Obwohl die Schiffe der Konföderation von deren Prendal geführt werden …“
„Das ist sowas wie ein Captain?“
„Ja, ähnlich wie bei Taisod. Mazan ist ja auch der Titel und ist etwa gleichbedeutend mit Captain. Jedenfalls wird ein Konföderationsschiff in der Regel von einem Prendal geführt. Aber es gibt seit Jahren eine Art politischen Führer an Bord.“
„Und das ist der Inquisitor? Kardas?“
„Ja. Besser könnte das sicher Taisod erklären.“
Wie aufs Stichwort hatte der Mazan seinen Namen offenbar gehört und gesellte sich zu Mike und Juan Hofer.
„Mir war, als ob Sie eben über mich geredet haben. Kann ich behilflich sein?“, fragte er höflich.
Hofer bestätigte kurzerhand: „Wir hatten uns gerade gefragt, wie diese Konstellation mit Inquisitor und Prendal auf einem Konföderationsschiff zustande gekommen ist. Könnten sie mir das bitte kurz erläutern?“
„Aber natürlich“, antwortete Taisod und überlegte kurz, wie er eine kurze aber möglichst konkrete Antwort geben konnte. „Im Grunde ist das eine Art Führungsdreieck, das die Konföderation durchweg benutzt. Auf Raumschiffen besteht dieses Dreieck zum einen aus dem Prendal, das ist vergleichbar mit meinem Posten und bedeutet, dass derjenige der Kommandant des Schiffs ist. Vergleichbar mit dem irdischen Captain.
Dann gibt es den Cegat. Wenn Sie so wollen, der erste Offizier. Er ist für alle Aufgaben der Mannschaft zuständig. Vor allem für die Sicherheit. Bei uns erfüllt das einerseits mein Vertreter, Premazan Oris. Aber auch mein Sicherheitschef, Mavis, übernimmt Teile der Aufgaben, die bei der Konföderation in der Hand eines Cegat liegen.
Und der Dritte im Bunde ist der Inquisitor. Er hat keine militärische Befugnis, sondern soll dafür Sorge tragen, dass sich alle an Bord und auch alle, denen Sie begegnen, entsprechend der Richtlinien der Konföderation und der Dogmen der großen Inquisition benehmen und sich fügen. Diese Institution gibt es bereits seit über tausend Jahren und ist mithin ein Grund dafür, weswegen wir mit der Konföderation im Krieg stehen. Personen wie Kardas, der Inquisitor, dem Sie begegnet sind“, er deutete auf Mike, „steht jenseits jeder Gerichtsbarkeit. So etwas öffnet menschenverachtender Willkür Tür und Tor.“
„Umso glücklicher sind wir, dass uns die Barrafranca erreichte und kein Schiff der Konföderation“, meinte Hofer einen Moment später, nachdem sich zwischen den Dreien eine unangenehme Stille ausbreitete. „Und da wir gerade von Proxima Centauri b reden. Was können Sie denn dem Forschungsausschuss über diesen Planeten berichten? Ich meine, die Blockade und dieser ungeheure Säuregehalt in der Atmosphäre …“, er ließ die restlichen Worte unausgesprochen. Mike vermutete, dass er dies absichtlich tat, um den Mazan aus der Reserve zu locken.
„Verehrter Herr Hofer, genießen Sie doch jetzt bitte diesen Augenblick. Feiern Sie mit. Proxima Centauri b ist ein Thema, das wir auf das nächste Jahr verschieben können.“
Mike stimmte ihm zu. Ohne es zu wollen, waren seine Gedanken mit einem Mal wieder dort. An Bord der Voyager, als Arthur Jones starb.

S2-20sm

Fragment 20

Eine neue Aufgabe

„Aaliyah, ich bitte dich. Die Einrichtung des Labors kann ein paar Tage warten.“
Zarah folgte ihr durch alle Räume des Hauses und insgeheim wusste Alia, dass ihre ehemalige Gouvernante recht hatte. Es tat keine Not, ihr Forschungslabor innerhalb der nächsten Stunden einzurichten, aber sie wollte es.
„Du musst mehr schlafen Kind!“
„Sag das nicht mir, sondern denen, welche die Nacht zum Tag machen.“ Im Gegensatz zu den letzten Nächten lagen die beiden Babys zufrieden in ihren Sitzen und schliefen tief, während um sie herum das Chaos herrschte. Es störte die Kinder nicht, dass ständig Leute an ihnen vorbeiliefen, etwas mit einem Krachen abstellten oder Alias Computer unangenehme piepende Signale von sich gaben.
„Du hast immer dann am tiefsten geschlafen, wenn ich das Haus sauber gemacht habe“, erklärte Zarah und strich dem Mädchen vorsichtig über die Stirn. Daraufhin zeigte sich ein kleines Lächeln im Gesicht, aber das Kind wachte nicht auf.
„Das waren sicher die Ausdünstungen der Putzmittel“, war Alias sarkastische Antwort. Dafür erntete sie einen strafenden Blick der älteren Frau. „Ben und Rhia schlafen, nur eben nicht nachts. Ich hoffe, dass sich der Schlafrhythmus in nächster Zeit dem meinem anpasst.“ Sie ging zu ihren Kindern und sah sie an. „Und solange trage ich sie eben nachts durchs Haus, bis sie wieder schlafen.“
„Ich weiß noch, dass dein Vater dich nachts stundenlang durch die Bibliothek getragen hat, wenn du einen Alptraum hattest. Solange, bis du nicht mehr geweint hast und er fast im Stehen eingeschlafen ist.“ Zarah bemerkte in dem Moment, als sie es aussprach, wie sich Alias Gesichtsmuskeln anspannten.
„Wenn du es sagst … Ich kann mich nur daran erinnern, dass der General kaum zuhause war.“ Alia hielt in ihrer Bewegung inne und starrte einen Moment abwesend ins Nichts. Sie erinnerte sich daran, wie es war, wenn er die wenigen Tage im Jahr in Luxor war. Sie und ihr Bruder wurden von einem Empfang zum nächsten geschleift, wurden vorgeführt wie Zuchtkälber, aber an einen liebevollen Umgang ... daran konnte sie sich nicht erinnern.
„Du hast dich von niemandem anderen beruhigen lassen, nicht mal David…“
„Ich will weder über David noch über Vater sprechen!“, fiel ihr Alia so laut ins Wort, dass ihr Sohn aufwachte und anfing zu weinen. „Kleiner Stern...“, vorsichtig nahm sie das nur ein paar Wochen alte Baby aus dem Sitz in ihre Arme, „... nicht weinen.“ Doch der kleine Kerl dachte nicht daran, sich beruhigen zu lassen, als Alia mit ihm durch den Raum lief. Aus Leibeskräften schrie er so laut, wie er konnte, bis schließlich seine Schwester durch das Gebrüll wach wurde und auch zu weinen begann.
„Rhia … nicht du auch noch...“ Das Drama von letzter Nacht schien sich fortzusetzen und zum wiederholten Male stellte sie sich die Frage, woher die Kinder diese Energie nahmen. Alia streichelte ihrer Tochter liebevoll über die Wange und tatsächlich hörte sie auf zu weinen. Stattdessen starrte das Kind ihre Mutter mit großen Augen an. „Kleine Sonne, du musst deinem Bruder nicht immer alles nachmachen.“
„Sitt, wo sollen die Tische und der ganze nutzlose Kram hin?“ Zwei ihrer Angestellten trugen die Möbel ins Haus.
„Bringt es in den Keller in den großen Raum. Die Tische an die Wand, unter die Holo-Wand und die Server in den großen Schrank. Gewöhne dir solche unnützen Phrasen ab, Selim. Davon ist nichts nutzlos.“
„Schon gut, lass mich das machen.“ Zarah hatte ihr das Kind abgenommen, das immer noch lauthals schrie und ging mit ihm in einen anderen Raum. „Richte dein Labor ein. Es sind nur noch wenige Wochen, bis du deine neue Stelle antrittst.“ sagte sie etwas lauter, um Ben zu übertönen, der nicht sehr glücklich darüber war, dass man ihn in ein anderes Zimmer brachte.
„Ich kann es kaum erwarten.“ Alia strahlte über das gesamte Gesicht. „Auch wenn mir erst einmal eine Menge Papierkram bevorsteht.“ Sie war zu ihrer ehemaligen Gouvernante gegangen und nahm ihren Sohn wieder auf den Arm, der sich langsam beruhigte.
„Nun, als Leiterin der Antikenbehörde wird das nie abreißen. Aber wenigstens kannst du selbst noch etwas in die Feldforschung gehen, wenn du dich eingearbeitet hast.“ Zarah blieb stehen und schaute Alia durchdringend an.
„Nein, Zarah, nicht das Thema.“ Ihre Stimmung hatte sofort umgeschlagen und ihre Stimme klang wie ein Peitschenhieb.
„Aber Aliayah, die Kinder brauchen einen Vater und du einen Partner“, versuchte sie, das Thema aufzugreifen, welches jedes Mal im Streit endete.
„Für was? Dass er sie lautstark rügt, wenn sie keine Höchstleistungen in der Schule erzielen? Dass er sie in der größten Not mittellos aus dem Haus wirft? Das ich 50 Wochen im Jahr auf ihn warte?“ Alia drehte sich wütend um. „Nein, Zarah. Ich habe dir gesagt, dass ich mich auf den falschen Mann eingelassen habe. Er will Karriere machen, dabei stören ihn Kinder. Und ich auch.“ Sie ging zu Zarah und nahm ihr das schreiende Baby aus dem Arm.
„Du machst auch Karriere, Kind. Das ist kein Argument.“
„Doch, ist es! Und damit ist die Diskussion ein für alle Mal beendet, Zarah! Das ist mein Leben und ich entscheide, was für die Kinder und mich das Beste ist, hast du verstanden? Wenn es dir nicht passt, steht es dir frei, dir eine andere Stelle zu suchen.“ Damit drehte sich Alia mit Ben auf dem Arm wütend um, nahm den Tragesitz ihrer Tochter und verschwand in ihrem halbfertigen Labor.

S2-19SM

Fragment 19

Abschiede

Die Entlassungszeremonie war auf Wunsch der Crew klein gehalten worden. Neben einigen hohen Tieren aus der Politik und der WSA hatte man Lees Eltern eingeladen und auch eine kleine Abordnung der Union, welche von dem Botschafter Atras Hydarnes angeführt wurde.
Mike und Lee hatte man eigens für die Zeremonie neue Astro-Overalls anfertigen lassen, während Alia in ihrer grauen Uniform zwischen den Beiden saß.
Sowohl Hofer als auch Hydarnes hielten eine kleine Rede auf die Crew und man gedachte mit einer Schweigeminute Arthur Jones. Damit war der offizielle Teil abgeschlossen. Der Vorsitzende der WSA hatte die Drei angehalten, zumindest noch eine Zeitlang Smalltalk zu betreiben und nicht gleich wieder zu verschwinden.
»Miss Thuis, ich hoffe, dass wir Sie bald auf Babel begrüßen dürfen.« Dr. Andrew Winters, einer der leitenden Physiker kam auf die Gruppe zu.
»Dr. Winters …« Lee lächelte den Mann an. »Es wird noch etwas dauern, aber ich freue mich schon jetzt auf die neuen Aufgaben.« Man hatte ihr angeboten, ihre Forschungen weiter auf der Raumstation fortsetzen zu können, nachdem sie ihr Reha-Programm abgeschlossen hatte. Nach der Feier würde sie für einige Monate in Buenos Aires bei ihrer Familie leben, ehe sie ihre Stelle auf Babel antrat.

***

Mike und Alia hatten sich etwas von den anderen Anwesenden separiert und unterhielten sich, bis Botschafter Hydarnes auf beide zukam. »Major, ich gratuliere Ihnen zu Ihrer Beförderung.« Der Abgesandte der interstellaren Union gab sich größte Mühe, in allen Punkten dem Protokoll zu entsprechen.
»Danke«, war die wortkarge Antwort von Alia. Mike schaute sie kritisch von der Seite an. Seit ein paar Wochen ging es ihr nicht gut. Die Ermittlung zu Arthurs Tod hatte sie mehr mitgenommen, als sie alle gedacht hatten. Sie war blass und wirkte oft geistig abwesend.
»Haben Sie schon über das Angebot Ihres Vorsitzenden nachdenken können, Major? Der Mazan und ganz besonders ich würden eine positive Entscheidung sehr begrüßen.«
»Ich habe mich damit noch nicht auseinandergesetzt, Botschafter.« Die WSA und die interstellare Union hatten sich dafür ausgesprochen, dass Alia als eine Art Verbindungsoffizier zwischen der Erde und der Union agieren sollte, unter der Schirmherrschaft der WSA. Dazu musste sie allerdings erst Zivilistin sein. »Es sind aber bereits Gespräche mit meinen Vorgesetzten und dem Stabschef anberaumt. Ich werde deswegen heute Abend noch nach Kairo reisen.«
Der Botschafter nickte und beließ es dabei. Alia war froh, dass der Mann nicht weiterbohrte. Doch dafür übernahm Mike jetzt diesen Part.
»Du willst die Armee nicht verlassen?« Er schien überrascht. Zudem wusste er nur, dass man Alia eine Position bei der WSA angeboten hatte, aber nicht welche.
»Ich weiß nicht, ob sie mich gehen lassen. Du weißt, dass ich mich damals für fünfzehn Jahre verpflichtet hatte. Davon sind noch vier Jahre abzuleisten«, fuhr sie ihn gereizter, als sie wollte, an. »Deswegen fliege ich auch heute Abend zurück.«
»Ich wollte keine Diskussion mit meiner Frage auslösen«, versuchte Hydarnes die Situation zu entschärfen. »Und Sie nicht in Bedrängnis bringen, Alia.«
»Das haben Sie nicht. Doktor Barnetti hat nur vergessen, dass er nicht mehr länger der Missionskommandant ist.« Damit drehte sie sich auf dem Absatz um und ließ die beiden allein.
Mike sah ihr nach und bemerkte, dass sie den Empfang verlassen wollte, doch von Hofer kurz vor dem Ausgang abgefangen und in ein erneutes Gespräch verwickelt wurde. Höflich blieb er bei dem Botschafter und führte eine Weile Smalltalk mit ihm und Lees Eltern, die sich zu ihnen gesellten. Es waren nette und aufgeschlossene Menschen. Lee würde es guttun, eine Zeitlang bei ihnen zu bleiben.

Schließlich leerte sich der Empfangsraum, Hofer war vor einer halben Stunde gegangen und Mike beschloss, nun zu gehen. Auf dem Flur standen Alia und Lee, die sich vertraut unterhielten, bis Lee Alia umarmte, ehe sie ging.
Mike wollte nach dem Disput nochmal mit Alia sprechen und trat auf sie zu. Kurz bevor er sie erreichte, klingelte ihr PortCom.
»Nein, ich brauche kein Hotel. Ich werde auf dem Stützpunkt übernachten. Danke der Nachfrage, Herr Dumont«, hörte Mike sie sagen, als er bei ihr stand.
»Alia, ich wollte nochmal mit dir reden, bevor du abfliegst. Das vorhin war …«
»Hör zu, Mike, ich werde in etwa einer Woche wieder in Genf sein. Dann weiß ich mehr.« Alia wehrte ab und Mike wurde sich bewusst, dass sie sich im Augenblick nicht mit all dem auseinandersetzen wollte. »Ich muss hier weg, um einen klaren Gedanken fassen zu können.«
»Ich verstehe das. Aber…« Er wollte nach ihrer Hand greifen, doch Alia zog sie weg, sodass Mike ins Leere griff. »…wenn ich dir helfen kann, melde dich bitte sofort.« Er gab ihr einen Chip mit seinen persönlichen Kontaktdaten.
»Das werde ich, danke.«
»Major Scott?« Eine junge Frau in einem schwarzen Hosenanzug kam auf sie zu. »Ihr Gleiter ist da und kann sie zum Flughafen bringen.«
Alia nickte. »Mike, wir sehen uns.«

***6 Tage später***

»Entschuldigen Sie, Mr. Dumont!« Mike lief hinter einem jungen Mann her, der daraufhin auf ihn wartete. »Können Sie mir sagen, wann Major Scott wieder in Genf erwartet wird?« Mike wusste, dass der Mann alles für ihre Gruppe organisiert hatte, was es zu organisieren gab.
Nachdem es Alia nicht einmal für nötig gehalten hatte, sich bei ihm zu melden und ihm Bescheid zu geben, musste er sich selbst die Informationen besorgen.
Er war als letztes Crewmitglied noch in Genf. Lee hatte gestern mit ihren Eltern die Stadt in Richtung Südamerika verlassen.
»Oh ich fürchte, da muss ich Sie enttäuschen, Dr. Barnetti. Ich habe für Major Scott keinen Rückflug gebucht. Der Major wurde dauerhaft in Luxor stationiert.«, erklärte er nach einem Blick in seine Aufzeichnungen.
»Bitte was? Wer hat denn so was veranlasst?« Mike war fassungslos. Hatten diese verbohrten Militärs wirklich darauf bestanden, dass Alia ihre Jahre ableistete? Damit legten sie ihr riesige Steine in den Karriereweg.
»Der Major, Doktor Barnetti. Sie selbst hatte um zeitnahe Versetzung gebeten.« Niko Dumont zögerte bei der Antwort, ihm war bewusst, dass er etwas sagte, was Barnetti nicht gefiel.
»Der Major hat um diese Versetzung gebeten?« Mike wiederholte ungläubig die Worte des jungen Mannes. »Sind Sie da wirklich sicher?«
»Ja, sehr sicher.«
»Vielen Dank!« Noch während er es aussprach, hatte er sein PortCom in der Hand und suchte nach Alias Nummer.
»Zur Zeit ist dieser Anschluss nicht vergeben, bitte kontaktieren Sie Ihren Anbieter…«, hörte Mike ein automatische Ansage.
»Haben Sie noch eine andere Kontaktnummer von Major Scott?« Mike schaute Dumont verzweifelt an. Wieso war Alia gegangen, ohne ihm ein Wort zu sagen? Wieso meldete sie sich nicht bei ihm?
»Ja, wir können den Major über den Stützpunkt kontaktieren, aber ich bin nicht befugt, Ihnen die Kontaktdaten zur Verfügung zu stellen, Doktor Barnetti.«
»Dann seien Sie bitte so nett und übermitteln ihr meine Kontaktdaten und sie soll mich anrufen, sobald sie Zeit findet.« Mike musste sich zusammenreißen, dass er den jungen Mann nicht bei den Schultern nahm und schüttelte, bis er ihm die gewünschten Informationen gab. Als Dumont nickte, bedankte sich Mike und ging in sein provisorisches Quartier. Sicher würde sie sich melden. Bald.

Fragment_16

Fragment 16

Die Chance

„Don, das kann doch nicht dein Ernst sein!“, schrie Maggie aufgebracht. „Wie stellst du dir das eigentlich vor?“ Das Gesicht seiner Frau war feuerrot und sie hatte Tränen vor Wut in ihren blauen Augen.
„Maggie, bitte jetzt beruhige dich erst mal.“ Er hatte gedacht sie wäre über die Nachricht, vom Mars wegzukommen, begeistert. Seit sie vor sechs Jahren geheiratet hatten, lag sie ihm in den Ohren, dass er sich auf einen anderen Posten, weg von der Erdkolonie versetzen lassen sollte. Und jetzt, nachdem er diese einmalige Chance bekommen hatte, auf Babel seine erste Kommandostelle anzutreten, schmetterte sie ihm Vorwürfe an den Kopf.
„Mich beruhigen? Don, kannst du mir mal sagen, wie das funktionieren soll? Die haben da noch nicht einmal eine schulische Einrichtung. Da gibt es nur Bauarbeiter und vielleicht ein paar Militärangehörige. Dort willst du Liza aufwachsen lassen? Zwischen Dockarbeitern auf einer Baustelle?“, schrie sie ihn wieder an. „Soll ich den ganzen Tag in einem kleinen Kabuff sitzen und dann darauf warten, dass der Commander irgendwann nach Hause kommt und ich ihm dann das Abendessen auftischen darf?“
„Wenn du mich mal ausreden lassen würdest, könnte ich es dir sagen, verdammt!“, gab er aggressiv zurück. Er verstand ja durchaus, dass es nicht das war, was sich seine Frau vorgestellt hatte, aber es war ein Anfang. „Hör zu …“, fuhr er gemäßigter fort. „Ja, du hast recht, die Station befindet sich noch im Ausbau. Die neue Werft wird um einiges größer als die bisherige. Das dauert sicher noch etwas, aber in drei Monaten schickt die WSA schon die ersten Wissenschaftler hoch. Die bringen auch alle ihre Familien mit, immerhin ist es als 10-Jahres-Projekt angelegt. Die Schiffswerften sind Babel angegliedert. Es wird eine richtige Stadt im Weltall. Man plant eine schulische Einrichtung und genauso werden sie auch noch die Krankenstation fertigstellen. Wir bekommen hier eine ganz große Chance.“ Don drehte sich zu seiner Frau um und nahm sie bei den Schultern, bevor sie etwas erwidern konnte. „Und die WSA sucht immer noch ziviles Personal für die Station. Sie können sicher dort jemanden mit deinen Fähigkeiten gebrauchen, Liebling.“
„Mach dich nicht lächerlich, Don. Meinst du, die WSA hat nicht genug eigene Leute, die eine Quartierlogistik durchführen können? Du weißt genau, dass es so gut wie unmöglich ist, dass ich den Job bekomme. Die WSA stellt keine Marsianer ein.“ Etwas ungeschickt befreite sie sich aus Dons Griff. „Sie haben dir die Versetzung nur angeboten, weil es sonst niemand machen will. Es ist jeden Tag in den Nachrichten, dass nichts auf Babel funktioniert und alles viel mehr Geld kostet, als sie ursprünglich geplant hatten. Die wollen dich nur abschieben.“ Maggie hatte in den Kommentaren der Nachrichten gehört, dass man einen Kommandanten vom Mars einsetzen würde. Dass aber ausgerechnet ihr Mann diese Totgeburt zum Leben erwecken sollte – die dazu Unsummen verschlang, die auf dem Mars an allen Ecken und Enden fehlten – war für sie unbegreiflich.
„Das haben sie vor fünfzig Jahren auch über den Mars gesagt.“ Donald verstand seine Frau nicht. Erkannte sie nicht, welche Möglichkeiten sie mit dieser Versetzung geboten bekamen? Sie könnten endlich vom Mars weg und nach ein paar Jahren Dienst auf der Station war es sicher kein Problem, eine Stabsstelle auf der Erde zu erhalten. Es würde nur ein paar Jahre dauern. „Und außerdem habe ich mich dafür ausgesprochen, dass Charlie einen Job dort bekommt. Bitte Margret, schlaf wenigstens eine Nacht darüber.“
„Nein! Ich werde dich nicht auf diesen Schrotthaufen im Weltall begleiten und zusehen, wie unsere Tochter deswegen schlechtere Chancen im Leben erhält, als sie bereits jetzt hat.“ Maggie schnappte sich ihre Tasche. „Und schon gar nicht, wenn du diesen Junkie mit im Schlepptau hast.“ Sie schien etwas in ihrer Handtasche zu suchen und funkelte ihn erbost an.
Als Don ansetzte, Charles zu verteidigen, hob seine Frau abwehrend die Hände. „Nicht wieder die alte Leier. Ich weiß, dass er zur Zeit clean ist. Aber für wie lange? Würdest du ihm Lizas Leben anvertrauen? Denn genau das tust du, wenn du mit uns auf diese Station gehen willst.“
„Natürlich würde ich das. Sonst hätte ich ihn nie für die Stelle des Sicherheitschefs vorgeschlagen, Maggie! Er ist ein guter Mann und er macht seinen Job.“
„Ja, aber nur, wenn er keine White-Strike-Nadel im Arm stecken hat.“ Sie kannte Charlie genauso lange, wie sie ihren Mann kannte und wusste, dass Charles Germain mehr als einmal einen Entzug hinter sich gebracht hatte. Bei zweien hatte sie ihn gemeinsam mit Donald sogar unterstützt. Oft genug hatte er beteuert, dass er nie wieder Drogen anrühren würde, aber er war immer wieder rückfällig geworden. Sie glaubte einfach nicht daran, dass er es diesmal schaffen würde.
„Ich hole Liza von der Schule ab und besuche dann meine Eltern.“ Kurz bevor sie das Quartier auf dem Militärstützpunkt inmitten der Amazonis Planitia verließ, drehte sie sich noch mal um und schaute ihren Mann an. „Es liegt an dir, Don. Wenn du meinst, die Versetzung annehmen zu müssen, dann tu es. Aber Liza und ich werden dich nicht begleiten.“
„Maggie … Warte … Lass uns darüber reden …“
Doch sie verließ das gemeinsame Quartier, ohne ein weiteres Wort.

Jetzt erhältlich!

Kategorien

Fragmente

Veranstaltungen

  • Keine Veranstaltungen

Copyright © 2019 Kolonie 85  Alle Rechte vorbehalten.