S2-23sm

Fragment 23

Die Sitzung dauerte bereits den halben Tag und nahm kein Ende. Regularien über die Versorgung der Barrafranca, Zugänge zu den Ressourcen von Erde und Mars, Datennutzungsvereinbarungen, Instandsetzungsslots auf der Raumstation Babel. Die Liste der zu regelnden Aufgabenstellungen war endlos. Und würde es nur um solche administrativen Angelegenheiten gehen, hätte Mazan Taisod das Feld ohne mit der Wimper zu zucken seinem diplomatischen Attaché Atras Hydarnes überlassen. Doch der nächste Punkt auf der Tagesordnung war zu wichtig, um nicht selbst an dieser Kommissionssitzung teilzunehmen.
Just in diesem Moment eröffnete der Vorsitzende des Regierungsrates der Erde, James R. Young, den lang erwarteten Tagesordnungspunkt.
„Kommen wir zum Tagesordnungspunkt 137. Proxima Centauri b.“ Er legte eine kurze Kunstpause ein. „Den Berichten der Crew der Voyager nach, ist dieser Planet entgegen unserer Erwartungen als toter Planet zu registrieren. Die Auswertungsdaten haben ergeben, dass die Planetenatmosphäre mit einem als extrem zu bezeichnenden Säuregehalt aufwartet. Aufgrund der gefährlichen Situation, in der sich die Voyager befand, war es nicht möglich, nähere Untersuchungen zu betreiben. Dennoch wurde von der Voyager festgestellt, dass es auf Proxima Centauri b Überreste einer Zivilisation gibt. Die Vermutung liegt nahe, dass dieser Säuregehalt die Ursache für die Auslöschung jeglichen Lebens auf besagtem Planeten ist. Hinzu kommt die ungewöhnliche Situation, dass der Planet von einem Netz von Überwachungssatelliten kontrolliert wurde die jegliche Flucht von dort unmöglich machen sollten. Nur aufgrund des tragischen Ablebens des Besatzungsmitglieds Arthur Jones war es der Voyager möglich, aus dieser Lage zu entfliehen.
Heute wollen wir die Hintergründe dieser eben festgestellten Sachlage erörtern. Dazu haben wir Mazan Taisod als Vertreter der Union freier Planeten eingeladen. Ich erteile Ihnen hiermit das Wort, Mazan. Bitte erläutern Sie uns die Umstände, wie es überhaupt zu dieser verheerenden Situation auf dem Planeten gekommen ist.“
Mazan Taisod schluckte einen Kloß herunter. Der Moment war gekommen. Er erhob sich von seinem Platz und schritt zum Rednerpult. Neben den Regierungsvertretern der Erde waren hohe Staatsbedienstete, Wissenschaftler, führende Wirtschaftsvertreter und auch eine Delegation vom Mars anwesend. Insgesamt etwa fünfzig Menschen. Überschaubar, aber dennoch mit einer fast schon spürbaren Erwartung, welche Informationen er ihnen heute preisgeben mochte.
„Verehrte Damen und Herren, die Lage dieses Planeten ist Ihnen allen hinlänglich bekannt und ich habe großes Verständnis dafür, dass Sie über die Umstände informiert werden wollen, die dazu geführt haben.“ Er holte tief Luft, was jetzt folgen sollte, würde Ihnen allen nicht gefallen, das wusste er. „In Vorbereitung für die Kommissionssitzung habe ich Rücksprache mit meinen Vorgesetzten gehalten. Wie Sie wissen, dauert ein Informationsaustausch aufgrund der Entfernung zum Planeten Sirius III mehrere Monate, was die Angelegenheit etwas verzögert.
Nunmehr wurde ich aber dazu ermächtigt, Ihnen folgende Mitteilung zu machen.“ Noch einmal blickte er auf und sah in die gespannten Gesichter der Anwesenden. Dann öffnete er die entsprechende Datei auf dem im Rednerpult eingesetzten Bildschirm und las den Text vor.
„Sehr geehrte Delegation von Erde und Mars. Der Rat der Union freier Planeten möchte erneut sein tiefes Mitgefühl für den Verlust des Erdmenschen Arthur Jones ausdrücken und versteht Ihr Interesse an den Hintergründen um die Situation von Proxima Centauri b vollumfänglich.
Ihre Mannschaft der Voyager ist bedauerlicherweise in einen interstellaren Konflikt geraten, der seit Generationen andauert. Auch, wenn wir diesen Konflikt nicht entfacht haben, so möchten wir ihn so human wie irgend möglich beenden. Diesem Wunsch steht jedoch die interstellare Konföderation entgegen, deren Verhörmethoden Ihre Mannschaft zu unserem Bedauern am eigenen Leibe erfahren musste.
Die Katastrophe, die vor vielen Jahrhunderten auf Proxima Centauri b geschah, wird als streng vertrauliche militärische Information gehandhabt. Sowohl die Konföderation als auch unsere Regierung behandeln diesen Sektor als Sperrzone. Schiffe, die sich in diesem Gebiet befinden sind umgehend aufzubringen und deren Besatzung einer ausführlichen Befragung zuzuführen. Dass wir die Mannschaft der Voyager stattdessen zurück zur Erde brachten, resultierte einzig auf unsere Erkenntnis, dass hier Menschen aus einem fremden System in die Auswirkungen dieses Konflikts geraten sind. Die Erde und ihre Bewohner sind nach unserer Überzeugung zu schützen. Dieser Schutz schließt jedoch auch die Notwendigkeit ein, dass wir Ihnen keine streng vertraulichen Informationen zukommen lassen werden, die das Wohl der Erde oder die Sicherheit der Union freier Planeten gefährden können.
Wir können Ihnen lediglich mitteilen, dass vor mehreren hundert Jahren eine schwere Katastrophe auf diesem Planeten auftrat, welche irreversibel war und unbedingt eingedämmt werden musste.
Wir hoffen auf Ihr Verständnis und bieten unsere Unterstützung in vielen Gebieten an, die Ihnen in sozialen, wirtschaftlichen, medizinischen und technischen Belangen von großem Nutzen sein werden.
Unterzeichnet vom Rat der Union freier Planeten.“
Er sah erneut auf und erntete fragende und ungläubige Blicke. Genau vor dieser Situation wollte er Hydarnes schützen. Sollte er ihren Ärger abbekommen, so war sein Diplomat etwas abseits und konnte die weiteren Verhandlungen führen.
„Das ist nicht Ihr Ernst!“, beschwerte sich Hermann Zettler als Erster. „Da wird ein globaler Tod verursacht und Sie wollen uns mit den Argumenten einer militärische Sperrzone abspeisen?“
Präsidentin Callao gab dem Nordamerikaner jedoch Contra, noch bevor Taisod etwas erwidern konnte. „Als ob Ihre Regierung das jemals anders gemacht hat. Gerade von Ihnen hätte ich mehr Verständnis erwartet. Darf ich an die uralte Geschichte erinnern, die den Namen Roswell trägt?“
„Das ist etwas völlig anderes. Wir sind schließlich Amerikaner!“
Taisod lauschte dem Streitgespräch verwundert. Offenbar gab es auf der Erde selbst noch ausreichend Konflikte, die nicht aufgearbeitet waren. Es schien ihm an ein Wunder zu grenzen, dass es diesen Menschen überhaupt gelungen war, eine Mission wie die der Voyager gemeinsam auf die Beine zu stellen.
Nur einen Moment später brachte der Vorsitzende Young wieder Ruhe in die Kommissionssitzung und wandte sich dann erneut an Mazan Taisod. „Selbstverständlich kennen wir die Bedeutung von Geheimhaltungspflichten, verehrter Mazan. Aber bitte verstehen Sie, dass wir mit dieser Antwort nicht zufrieden sind. Immerhin sind wir durch unsere Entdeckung Ihrerseits, als auch durch die Konföderation in einen Konflikt geraten, der unsere Möglichkeiten bei weitem übersteigt. Sollte eines Tages die Konföderation den Weg zu uns finden, wer sagt uns denn, dass die Erde nicht ein ähnliches Schicksal ereilt, wie es mit Proxima Centauri b geschah?“
„Zumindest kann ich Ihnen versichern, dass die Konföderation bislang keine Anzeichen gezeigt hat, dass Sie die Position der Erde kennen. Unseren Informanten zufolge, konnte der Datenoverkill, den Captain Scott von der Voyager aus verursacht hatte, bislang nicht entschlüsselt werden. Unseres Wissens nach wurde der Prendal des Konföderationsschiffes sogar für sein Versagen als kommandierender Offizier bestraft und Inquisitor Kardas einem anderen Schiff zugeteilt. Sein Aufenthalt ist uns zur Zeit zwar unbekannt, die Wahrscheinlichkeit, dass die Konföderation der Sache weitere Beachtung schenkt ist jedoch als unwahrscheinlich einzustufen.
„Was macht Sie denn da so sicher?“, wollte Zettler wissen.
Taisod sah ihn direkt an. „Glauben Sie mir – Sie würden es wissen, wenn die Konföderation Ihren Standort herausgefunden hätte.“

S2-22sm

Fragement 22

Ein neuer Posten

„Meinen Glückwunsch, Doktor Barnetti. Ab sofort sind Sie der Verbindungsmann zwischen der World Space Administration und der Union freier Planeten. Auf dass Ihr neuer Posten Sie in die unergründlichen Tiefen der Diplomatie einführt und sie jedes Riff galant umschiffen lässt.“ Juan Hofer hob sein Champagnerglas und alle Anwesenden folgten seinem Beispiel. Dass er mit seinem Doktortitel angesprochen wurde, empfand er etwas unangenehm, da er in der Regel keinen Wert auf die explizite Nennung des Titels legte, dennoch war Mike gerührt. Erst vor wenigen Tagen wurde er von Hofer gefragt, ob er sich dazu bereit erklären würde, die offene Position zu besetzen. Zuerst hatte sich Mike etwas zurückhaltend geäußert. Er wollte nicht konkret werden, ehe er sich sicher war. Immerhin schien es ihm, als hätte der Posten an Alia gehen sollen. Doch Hofer versicherte ihm, dass er, Mike, die erste Wahl der Union gewesen war.
Und nun stand er hier. Im Hauptquartier der WSA in Genf und wurde von Hofer, Taisod, den Regierungsvertretern der Erde und auch dem Marsverwalter gefeiert, als hätte er etwas Großartiges geleistet. Dabei brauchte er dafür nichts anderes machen, als die Ernennung anzunehmen.
„Vielen Dank, Herr Vorsitzender“, antwortete er pflichtschuldig. Er wünschte, Alia wäre hier gewesen. „Und meinen Dank auch an alle Anderen, die mir hiermit das Vertrauen ausgesprochen haben. Ich hoffe, mich auf dieser Position als würdig erweisen zu können und dazu beizutragen, dass die Kommunikation zwischen uns allen stets zu einem positiven Ergebnis führen wird.“ Auch er hob sein Glas und fragte sich wiederholt, warum Alia nicht diesen Posten bekommen hatte. Gerne hätte er mit ihr darüber gesprochen.
„Auf Ihr Wohl!“ hörte er von allen Seiten und stieß lächelnd nach und nach mit allen Anwesenden an.
Er leerte sein Glas und stellte es auf der Anrichte neben ihm ab. Der offizielle Teil war damit erledigt. Die Gäste verloren sich in allerlei Gesprächen, nachdem sie Mike die Hand schüttelten und sich dann diskutierend dem Buffet widmeten.
Eine Hand landete auf seiner Schulter, so dass er sich nach hinten umsah. Da stand Juan Hofer, der Vorsitzende der WSA und lächelte ihn gewinnbringend an.
„Nun gehen Sie den nächsten Schritt auf Ihrer Karriereleiter, Mike.“
Er lächelte verlegen. „Ja, wer hätte das noch vor ein paar Jahren gedacht?“ Er drehte sich nun vollends zu Hofer um. „Hätten Sie vor sieben Jahren geahnt, wie sich einmal alles verändern würde?“
„Ganz sicher nicht, Mike. Aber seien Sie versichert, dass es uns allen nicht anders erging. Als die Barrafranca in unser Sonnensystem eindrang, war die Aufregung groß. Der Mars hatte vorsichtshalber sämtliche Kommunikation abgebrochen, um nicht aufzufallen und wir …“, er lächelte in sich hinein, „… wir hatten die Hosen voll.“ Jetzt lachte er herzhaft. „Ein so großes Schiff, dass sich rasend schnell auf die Erde zubewegte. Das hat allen hier Angst gemacht.
Doch sehen Sie, wie wir uns jetzt verhalten. Heute sind Sie der Verbindungsmann zwischen uns allen geworden!“ Mit diesen Worten schlug er Mike freundschaftlich auf die Schulter.
„Ich bin wirklich glücklich, dass wir diesen Weg gehen. Und vor allem, dass uns die Union seinerzeit bei Proxima Centauri b gerettet hat.“
„Vor der Konföderation“, bestätigte Hofer.
„Ja. Sie können sich nicht vorstellen, was dieser Inquisitor für ein Psychopath war.“
„Vorstellen vielleicht schon. Ich habe ja die Berichte gelesen. Aber nachvollziehen eher nicht. Weswegen hat die Konföderation überhaupt einen solchen Mann an Bord?“
Mike sah ihn ernst an. „Mazan Taisod hatte es mir einmal erklärt. Obwohl die Schiffe der Konföderation von deren Prendal geführt werden …“
„Das ist sowas wie ein Captain?“
„Ja, ähnlich wie bei Taisod. Mazan ist ja auch der Titel und ist etwa gleichbedeutend mit Captain. Jedenfalls wird ein Konföderationsschiff in der Regel von einem Prendal geführt. Aber es gibt seit Jahren eine Art politischen Führer an Bord.“
„Und das ist der Inquisitor? Kardas?“
„Ja. Besser könnte das sicher Taisod erklären.“
Wie aufs Stichwort hatte der Mazan seinen Namen offenbar gehört und gesellte sich zu Mike und Juan Hofer.
„Mir war, als ob Sie eben über mich geredet haben. Kann ich behilflich sein?“, fragte er höflich.
Hofer bestätigte kurzerhand: „Wir hatten uns gerade gefragt, wie diese Konstellation mit Inquisitor und Prendal auf einem Konföderationsschiff zustande gekommen ist. Könnten sie mir das bitte kurz erläutern?“
„Aber natürlich“, antwortete Taisod und überlegte kurz, wie er eine kurze aber möglichst konkrete Antwort geben konnte. „Im Grunde ist das eine Art Führungsdreieck, das die Konföderation durchweg benutzt. Auf Raumschiffen besteht dieses Dreieck zum einen aus dem Prendal, das ist vergleichbar mit meinem Posten und bedeutet, dass derjenige der Kommandant des Schiffs ist. Vergleichbar mit dem irdischen Captain.
Dann gibt es den Cegat. Wenn Sie so wollen, der erste Offizier. Er ist für alle Aufgaben der Mannschaft zuständig. Vor allem für die Sicherheit. Bei uns erfüllt das einerseits mein Vertreter, Premazan Oris. Aber auch mein Sicherheitschef, Mavis, übernimmt Teile der Aufgaben, die bei der Konföderation in der Hand eines Cegat liegen.
Und der Dritte im Bunde ist der Inquisitor. Er hat keine militärische Befugnis, sondern soll dafür Sorge tragen, dass sich alle an Bord und auch alle, denen Sie begegnen, entsprechend der Richtlinien der Konföderation und der Dogmen der großen Inquisition benehmen und sich fügen. Diese Institution gibt es bereits seit über tausend Jahren und ist mithin ein Grund dafür, weswegen wir mit der Konföderation im Krieg stehen. Personen wie Kardas, der Inquisitor, dem Sie begegnet sind“, er deutete auf Mike, „steht jenseits jeder Gerichtsbarkeit. So etwas öffnet menschenverachtender Willkür Tür und Tor.“
„Umso glücklicher sind wir, dass uns die Barrafranca erreichte und kein Schiff der Konföderation“, meinte Hofer einen Moment später, nachdem sich zwischen den Dreien eine unangenehme Stille ausbreitete. „Und da wir gerade von Proxima Centauri b reden. Was können Sie denn dem Forschungsausschuss über diesen Planeten berichten? Ich meine, die Blockade und dieser ungeheure Säuregehalt in der Atmosphäre …“, er ließ die restlichen Worte unausgesprochen. Mike vermutete, dass er dies absichtlich tat, um den Mazan aus der Reserve zu locken.
„Verehrter Herr Hofer, genießen Sie doch jetzt bitte diesen Augenblick. Feiern Sie mit. Proxima Centauri b ist ein Thema, das wir auf das nächste Jahr verschieben können.“
Mike stimmte ihm zu. Ohne es zu wollen, waren seine Gedanken mit einem Mal wieder dort. An Bord der Voyager, als Arthur Jones starb.

S2-19SM

Fragment 19

Abschiede

Die Entlassungszeremonie war auf Wunsch der Crew klein gehalten worden. Neben einigen hohen Tieren aus der Politik und der WSA hatte man Lees Eltern eingeladen und auch eine kleine Abordnung der Union, welche von dem Botschafter Atras Hydarnes angeführt wurde.
Mike und Lee hatte man eigens für die Zeremonie neue Astro-Overalls anfertigen lassen, während Alia in ihrer grauen Uniform zwischen den Beiden saß.
Sowohl Hofer als auch Hydarnes hielten eine kleine Rede auf die Crew und man gedachte mit einer Schweigeminute Arthur Jones. Damit war der offizielle Teil abgeschlossen. Der Vorsitzende der WSA hatte die Drei angehalten, zumindest noch eine Zeitlang Smalltalk zu betreiben und nicht gleich wieder zu verschwinden.
»Miss Thuis, ich hoffe, dass wir Sie bald auf Babel begrüßen dürfen.« Dr. Andrew Winters, einer der leitenden Physiker kam auf die Gruppe zu.
»Dr. Winters …« Lee lächelte den Mann an. »Es wird noch etwas dauern, aber ich freue mich schon jetzt auf die neuen Aufgaben.« Man hatte ihr angeboten, ihre Forschungen weiter auf der Raumstation fortsetzen zu können, nachdem sie ihr Reha-Programm abgeschlossen hatte. Nach der Feier würde sie für einige Monate in Buenos Aires bei ihrer Familie leben, ehe sie ihre Stelle auf Babel antrat.

***

Mike und Alia hatten sich etwas von den anderen Anwesenden separiert und unterhielten sich, bis Botschafter Hydarnes auf beide zukam. »Major, ich gratuliere Ihnen zu Ihrer Beförderung.« Der Abgesandte der interstellaren Union gab sich größte Mühe, in allen Punkten dem Protokoll zu entsprechen.
»Danke«, war die wortkarge Antwort von Alia. Mike schaute sie kritisch von der Seite an. Seit ein paar Wochen ging es ihr nicht gut. Die Ermittlung zu Arthurs Tod hatte sie mehr mitgenommen, als sie alle gedacht hatten. Sie war blass und wirkte oft geistig abwesend.
»Haben Sie schon über das Angebot Ihres Vorsitzenden nachdenken können, Major? Der Mazan und ganz besonders ich würden eine positive Entscheidung sehr begrüßen.«
»Ich habe mich damit noch nicht auseinandergesetzt, Botschafter.« Die WSA und die interstellare Union hatten sich dafür ausgesprochen, dass Alia als eine Art Verbindungsoffizier zwischen der Erde und der Union agieren sollte, unter der Schirmherrschaft der WSA. Dazu musste sie allerdings erst Zivilistin sein. »Es sind aber bereits Gespräche mit meinen Vorgesetzten und dem Stabschef anberaumt. Ich werde deswegen heute Abend noch nach Kairo reisen.«
Der Botschafter nickte und beließ es dabei. Alia war froh, dass der Mann nicht weiterbohrte. Doch dafür übernahm Mike jetzt diesen Part.
»Du willst die Armee nicht verlassen?« Er schien überrascht. Zudem wusste er nur, dass man Alia eine Position bei der WSA angeboten hatte, aber nicht welche.
»Ich weiß nicht, ob sie mich gehen lassen. Du weißt, dass ich mich damals für fünfzehn Jahre verpflichtet hatte. Davon sind noch vier Jahre abzuleisten«, fuhr sie ihn gereizter, als sie wollte, an. »Deswegen fliege ich auch heute Abend zurück.«
»Ich wollte keine Diskussion mit meiner Frage auslösen«, versuchte Hydarnes die Situation zu entschärfen. »Und Sie nicht in Bedrängnis bringen, Alia.«
»Das haben Sie nicht. Doktor Barnetti hat nur vergessen, dass er nicht mehr länger der Missionskommandant ist.« Damit drehte sie sich auf dem Absatz um und ließ die beiden allein.
Mike sah ihr nach und bemerkte, dass sie den Empfang verlassen wollte, doch von Hofer kurz vor dem Ausgang abgefangen und in ein erneutes Gespräch verwickelt wurde. Höflich blieb er bei dem Botschafter und führte eine Weile Smalltalk mit ihm und Lees Eltern, die sich zu ihnen gesellten. Es waren nette und aufgeschlossene Menschen. Lee würde es guttun, eine Zeitlang bei ihnen zu bleiben.

Schließlich leerte sich der Empfangsraum, Hofer war vor einer halben Stunde gegangen und Mike beschloss, nun zu gehen. Auf dem Flur standen Alia und Lee, die sich vertraut unterhielten, bis Lee Alia umarmte, ehe sie ging.
Mike wollte nach dem Disput nochmal mit Alia sprechen und trat auf sie zu. Kurz bevor er sie erreichte, klingelte ihr PortCom.
»Nein, ich brauche kein Hotel. Ich werde auf dem Stützpunkt übernachten. Danke der Nachfrage, Herr Dumont«, hörte Mike sie sagen, als er bei ihr stand.
»Alia, ich wollte nochmal mit dir reden, bevor du abfliegst. Das vorhin war …«
»Hör zu, Mike, ich werde in etwa einer Woche wieder in Genf sein. Dann weiß ich mehr.« Alia wehrte ab und Mike wurde sich bewusst, dass sie sich im Augenblick nicht mit all dem auseinandersetzen wollte. »Ich muss hier weg, um einen klaren Gedanken fassen zu können.«
»Ich verstehe das. Aber…« Er wollte nach ihrer Hand greifen, doch Alia zog sie weg, sodass Mike ins Leere griff. »…wenn ich dir helfen kann, melde dich bitte sofort.« Er gab ihr einen Chip mit seinen persönlichen Kontaktdaten.
»Das werde ich, danke.«
»Major Scott?« Eine junge Frau in einem schwarzen Hosenanzug kam auf sie zu. »Ihr Gleiter ist da und kann sie zum Flughafen bringen.«
Alia nickte. »Mike, wir sehen uns.«

***6 Tage später***

»Entschuldigen Sie, Mr. Dumont!« Mike lief hinter einem jungen Mann her, der daraufhin auf ihn wartete. »Können Sie mir sagen, wann Major Scott wieder in Genf erwartet wird?« Mike wusste, dass der Mann alles für ihre Gruppe organisiert hatte, was es zu organisieren gab.
Nachdem es Alia nicht einmal für nötig gehalten hatte, sich bei ihm zu melden und ihm Bescheid zu geben, musste er sich selbst die Informationen besorgen.
Er war als letztes Crewmitglied noch in Genf. Lee hatte gestern mit ihren Eltern die Stadt in Richtung Südamerika verlassen.
»Oh ich fürchte, da muss ich Sie enttäuschen, Dr. Barnetti. Ich habe für Major Scott keinen Rückflug gebucht. Der Major wurde dauerhaft in Luxor stationiert.«, erklärte er nach einem Blick in seine Aufzeichnungen.
»Bitte was? Wer hat denn so was veranlasst?« Mike war fassungslos. Hatten diese verbohrten Militärs wirklich darauf bestanden, dass Alia ihre Jahre ableistete? Damit legten sie ihr riesige Steine in den Karriereweg.
»Der Major, Doktor Barnetti. Sie selbst hatte um zeitnahe Versetzung gebeten.« Niko Dumont zögerte bei der Antwort, ihm war bewusst, dass er etwas sagte, was Barnetti nicht gefiel.
»Der Major hat um diese Versetzung gebeten?« Mike wiederholte ungläubig die Worte des jungen Mannes. »Sind Sie da wirklich sicher?«
»Ja, sehr sicher.«
»Vielen Dank!« Noch während er es aussprach, hatte er sein PortCom in der Hand und suchte nach Alias Nummer.
»Zur Zeit ist dieser Anschluss nicht vergeben, bitte kontaktieren Sie Ihren Anbieter…«, hörte Mike ein automatische Ansage.
»Haben Sie noch eine andere Kontaktnummer von Major Scott?« Mike schaute Dumont verzweifelt an. Wieso war Alia gegangen, ohne ihm ein Wort zu sagen? Wieso meldete sie sich nicht bei ihm?
»Ja, wir können den Major über den Stützpunkt kontaktieren, aber ich bin nicht befugt, Ihnen die Kontaktdaten zur Verfügung zu stellen, Doktor Barnetti.«
»Dann seien Sie bitte so nett und übermitteln ihr meine Kontaktdaten und sie soll mich anrufen, sobald sie Zeit findet.« Mike musste sich zusammenreißen, dass er den jungen Mann nicht bei den Schultern nahm und schüttelte, bis er ihm die gewünschten Informationen gab. Als Dumont nickte, bedankte sich Mike und ging in sein provisorisches Quartier. Sicher würde sie sich melden. Bald.

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Fragment 18

Die Untersuchungskommission

Mike standen die Nackenhaare zu Berge. Vor Monaten hatte sich Arthur auf tragische Weise das Leben genommen. Schlimm genug, dass er einen Freund verloren hatte. Doch jetzt sollte diese ganze Geschichte nochmal aufgerollt werden. Es schauderte ihm bei dem Gedanken, das alles erneut durchzugehen.
„Michael Barnetti, bitte.“
Jetzt war es soweit. Er sollte aussagen. Mike schluckte einen Kloß herunter, strich sich seinen Anzug glatt und begab sich in den Anhörungsraum.
„Guten Morgen, Herr Barnetti. Bitte nehmen Sie Platz.“
Ein Stuhl stand für ihn bereit. Gegenüber dem breiten Tisch, an dem die drei Mitglieder der Untersuchungskommission saßen. In der Mitte saß eine akkurat gekleidete Mittvierzigerin. Hosenanzug, kurze Frisur, altmodische Brille, durchdringender Blick. Sie stellte sich ihm als Vorsitzende der Kommission vor. Frau Huber.
Links von ihr saß eine weitere Frau. Etwas älter als Frau Huber, aber nicht weniger aufmerksam. Das Haar war schon leicht angegraut, dafür länger. Frau Svensson.
Das dritte Kommissionsmitglied war ein Herr. Mike vermutete, dass er der älteste im Bunde war. Weißgraue Haare, Kinnbart, tiefe Falten im Gesicht. Er stellte sich selbst als Doktor Smith vor.
Mike folgte der Einladung und setzte sich.
„Sie wissen, weswegen Sie heute vorgeladen wurden?“, fragte Doktor Smith gleich darauf.
Mike bestätigte. „Die Kommission möchte Näheres zum Umstand des Todes meines Kollegen Arthur Jones in Erfahrung bringen.“
„Sehr richtig, Herr Barnetti.“
„Sind Sie bereit für die Befragung?“ Frau Svensson sah ihn fragend an.
„Selbstverständlich“, antwortete er. Dabei war ihm eigentlich gar nicht wohl.
„Dann lassen Sie uns damit beginnen, was Ihre Aussage zum Ereignis betrifft.“
Mike horchte auf. „Entschuldigung, sagten Sie Ereignis? Ist es das, was der Tod von Arthur Jones für Sie darstellt? Ein Ereignis?“
Die Vorsitzende mischte sich ein. „Bitte versuchen Sie, sachlich zu bleiben. Die Wortwahl mag für Sie unpassend erscheinen, aber für die Untersuchung ist es von Nöten, den Hergang so objektiv wie nur möglich zu betrachten. Aus diesem Grunde sprechen wir hier formal von einem Ereignis, auch wenn die Umstände des Todes von Arthur Jones emotional sicher tiefgreifend sind.“
Mike verengte die Lippen zu Schlitzen. Bürokratie. Emotionslose, formelle Bürokratie. Das war vermutlich das Schlimmste, was Arthur posthum widerfahren konnte.
„Zu Ihrer Aussage“, übernahm Frau Svensson wieder das Wort. „Das Protokoll der ersten Vernehmung lässt die Vermutung zu, dass sie Arthur Jones nicht davon abgehalten haben, den Alpha-Centauri-Erkundungs-Transporter oder kurz ACET, zu entwenden, und damit zuließen, dass er nicht nur sich, sondern die gesamte Mannschaft der Voyager in Gefahr brachte.
Ihrer Aussage zufolge öffnete er die Frachtluke der Voyageur, während Sie dabei waren, aus der Blockade des Planeten Proxima Centauri b zu entkommen. Laut der Aussage von Alexandra Scott, wurde zu diesem Zeitpunkt eine Ablenkungssonde gestartet. Ihnen hätte also bewusst sein müssen, dass Arthur Jones das gesamte Vorhaben zur Flucht aus der Blockade gefährdete. Warum haben Sie nicht interveniert? Schließlich sind Sie für die Handlungen ihrer Mannschaft verantwortlich.“
In Mikes Ohren klang das wie eine Anschuldigung. „Wir dachten zunächst, dass es eine Fehlfunktion im Verriegelungssystem des Frachtraums gab. Immerhin wurde die Voyager ja durch die Kollision mit einem der Satelliten beschädigt. Selbstverständlich hatten wir Sorge, dass Arthur in Gefahr schwebte. Allerdings hielten wir die Öffnung der Frachtluke zu diesem Zeitpunkt lediglich für eine Fehlfunktion.“
Die Vorsitzende sah ihn über ihren Brillenrand hinweg an. „Miss Thuis erklärte, Sie hätte Sie dazu aufgefordert, etwas zu unternehmen, um Arthur Jones zu helfen. Warum haben Sie sie ignoriert?“
„Ich habe sie nicht ignoriert!“. Das war nicht nur eine Anschuldigung. Mike fühlte sich mit einem Mal, als würde man Anklage gegen ihn erheben. „Wir haben in der Phase des Sondenstarts plötzlich den Dekompressionsalarm registriert. Natürlich machten wir uns Sorgen um Arthur, weil wir wussten, dass er im Frachtraum war. Doch noch ehe irgendjemand von uns reagieren konnte, überschlugen sich die Ereignisse. Die Sonde begann ihren Steigflug, die Satelliten richteten sich aus und plötzlich war unser Frachtraum offen. Ich wollte ihn fragen was passierte und da meldete er sich mit den Worten, dass es ihm leidtun würde … ‚lebt wohl‘ sagte er auf einmal …“, Mikes Kehle schnürte sich zu. Wieder war dieser schreckliche Moment da. Wieder spürte er diese Verzweiflung in sich. Die Verzweiflung, die damals auch aus Arthurs Stimme zu ihm drang.
„Sie hätten die Frachtluke wieder schließen können“, wandte Doktor Smith ein.
Mike sah ihn an. „Nein“, antwortete er daraufhin. „Das war nicht möglich. Ich meine, vielleicht hätte ich über meine Konsole die Steuerung der Frachtraumluke kontrollieren können.“
„Also geben Sie zu, dass Sie es versäumt haben, das Leben ihres Besatzungsmitglieds zu retten?“
„So ist das nicht gewesen“, widersprach Mike. Innerlich war er angewidert von der emotionslosen Analyse. Er schloss einen Moment lang die Augen. Es fiel ihm schwer, nicht emotional zu werden. „Die Situation war hektisch. Als wir unseren Fluchtversuch starteten und sich gleichzeitig die Frachtluke öffnete, hatten wir keine Zeit zum Überlegen. Ich habe Arthur gefragt, was passiert war, aber es ging alles so unglaublich schnell. Ich wollte den Start der Voyager stoppen. Ich wollte Arthur da raus holen, doch es war zu spät. Die Triebwerke starteten und in diesem Moment hatte Arthur bereits den ACET aus der Verankerung gelöst und gestartet. Wir konnten nur noch zusehen, wie er in sein Verderben flog.“
„Und Ihnen ist nicht in den Sinn gekommen, sich mit der Voyager schützend über dem ACET zu positionieren?“ Diesmal sah ihn die Vorsitzende der Kommission direkt an.
„Es hätte nicht funktioniert. Die Satelliten hätten uns bei einem solchen Manöver abgeschossen. Aber wir hatten vor, ihn einzuholen. Wir wollten ihn zurückholen und sein Leben retten. Doch dazu war keine Chance mehr.“
„Weil Sie nicht schnell genug gehandelt haben?“
Mike spürte wie in ihm Wut aufstieg. Er hatte Mühe, sich zusammenzureißen. „Wir haben so schnell gehandelt, wie es uns möglich war.“
„Aber Sie haben nicht gestoppt, als der ACET abgeschossen wurde. Sie hätten die Pflicht gehabt, Arthur Jones zu bergen. Warum haben Sie diese Pflicht vernachlässigt?“
„Weil ich andere Leben zu retten hatte!“ Seine flache Hand knallte auf den Tisch. Erschrocken sahen ihn die Mitglieder der Untersuchungskommission an.
„Zügeln Sie sich, Herr Barnetti, oder Sie erhalten eine schwere Verwarnung!“
Als ob ihn das interessiert hätte. Doch Mike besann sich und setzte mit leiserer Stimme fort: „Entschuldigen Sie bitte. Das Leben von Leandra Thuis, Alexandra Scott und mein eigenes standen dem gegenüber.“
„Das Fluchtmanöver wurde von Ihnen durchgeführt?“
„Nein. Das hatte Captain Scott übernommen. Ich begab mich zwischenzeitlich in den Frachtraum. Wir wollten ihn retten, doch als die Satelliten auf den ACET schossen, tat Alexandra Scott das einzig Richtige. Sie rettete unser aller Leben. Jede andere Handlung hätte nur dazu geführt, dass auch wir gestorben wären.“ Er spürte, wie Trauer in ihm emporstieg. „Er war mein Freund. Auch, wenn ich ihn öfters ärgerte, weil ich ihn Arjay nannte, obwohl ich wusste, dass ihn das ärgerte. Könnte ich es tun, würde ich jedes Wort davon zurücknehmen, wenn er dafür noch leben würde.“ Er wandte seinen Blick ab. Die Kommission sollte nicht sehen, wie ihm Tränen in die Augen stiegen. Er wischte sich übers Gesicht, atmete tief durch und richtete seinen Blick anschließend wieder nach vorn.
„Wir bedanken uns bei Ihnen, Herr Barnetti. Die Befragung ist hiermit für Sie beendet. Sie können jetzt gehen.“
„Gehen?“, er verstand nicht ganz. „Was passiert denn nun?“
„Wir werden weitere Ermittlungen anstellen und das Ereignis rekonstruieren. Der vorliegenden Sachlage zufolge sind Sie jedoch vom weiteren Verlauf dieser Untersuchung nur noch im geringen Maße betroffen.
Wobei eine Frage vielleicht doch noch bleibt.“
Mike horchte auf. „Ja, Frau Vorsitzende?“
„Können Sie uns sagen, wer diese Blockadesatelliten rund um Proxima Centauri b installiert hat?“
Mike schüttelte seinen Kopf. „Das kann ich nicht mit Gewissheit. Als wir seinerzeit von der Union gerettet und nach Hause gebracht wurden, hatten wir diese Frage dem Mazan des Schiffs gestellt. Er meinte, dass Proxima Centauri b das tragischste Opfer des Krieges war. Genaueren Fragen wich er jedoch immer aus.“
„Welcher Krieg?“, verlangte Doktor Smith zu erfahren.
„Es muss ein großer Krieg gewesen sein, wenn er dazu führte, dass ihm ein ganzer Planet zum Opfer fiel. Aber außer, dass sowohl die Union, als auch diese Konföderation darin verstrickt waren, ließen sich von Mazan Taisod keine weiteren Informationen dazu herausbekommen. Und letztlich waren wir einfach nur glücklich, dass wir diese Katastrophe überlebt haben.“
Frau Huber nickte ihm verständnisvoll zu. „Dann bedanken wir uns bei Ihnen, Herr Barnetti. Lassen Sie uns jetzt bitte allein. Auf Wiedersehen.“
„Auf Wiedersehen.“ Er deutete einen höflichen Gruß an, stand auf und verließ den Anhörungsraum. Auf dem Flur angekommen, atmete er tief durch. Diese Untersuchung hatte ihn aufgewühlt.
„Wer ist das, Mama?“, hörte er eine Jungenstimme fragen. Mike sah sich um und entdeckte eine Frau mit ihrem etwa neun Jahre alten Jungen.
„Helen?“
„Mike.“ Sie ging auf ihn zu, das Kind folgte ihr. „Mike, ich bin froh, dich zu sehen.“ Die Begrüßung war herzlich. Es beruhigte ihn ungemein, dass Sie ihm nie Vorwürfe gemacht hatte.
„Ist das Tim?“, fragte er anschließend und sah den Jungen an, der etwas schüchtern hinter seiner Mutter blieb.
„Ja, Mike.“ Sie bedeutete dem Jungen, näher zu kommen. „Tim, das ist Mike. Er war mit deinem Papa auf der Voyager.“
Der Junge kam näher und musterte ihn. Irgendwie fühlte sich Mike dabei nicht wohl.
„Hallo, Tim. Ich bin Mike, ein Freund deines Vaters.“ Er streckte dem Jungen die Hand entgegen.
„Warum bist du hier, aber mein Papa nicht?“
Mit einem Mal schnürte es ihm die Kehle zu. Wie konnte er dem Kind das Geschehene erklären?

Fragment 17

Fragment 17

Der erste Kontakt

„Sie sind neu hier, nicht wahr?“, meinte Kazuko Yamato, als er den jungen Mann ansah, der ihm im großen Ratssaal in Genf gegenüber stand.
Niko Dumont nickte nur. Seine Nervosität war kaum zu übersehen und doch schafften es die meisten Mitglieder der einzelnen Territorialregierungen, die an diesem Tag in Genf versammelt waren, ihn nicht wahrzunehmen. Er hoffte, nicht aufzufallen und doch hatte er die Aufmerksamkeit dieses einen Mannes erregt.
„Seien Sie versichert, dass das hier nicht immer so zugeht“, versuchte der Präsident der Vereinigten Asiatischen Staaten ihn zu beruhigen. Der Mann legte Niko seine Hand auf die Schulter und sprach in ruhigem Ton weiter. „Heute ist ein ganz besonderer Tag. Wir sind alle aufgeregt, glauben Sie mir. Sie hätten die anderen mal sehen sollen, als die erste Meldung vom Erscheinen dieses Raumschiffs eingetroffen ist. Blanke Panik stand in den Augen vieler.“ Er kicherte, was Niko etwas auflockerte. Yamato nahm seine Hand zurück und nickte Niko freundlich zu, ehe er weitersprach.
„Niemand konnte sich vorstellen, dass ein Raumschiff tatsächlich so schnell reisen konnte und als dann die erste Nachricht eintraf, dass die Barrafranca, also dieses Schiff, unsere Crew von der Voyager umgebracht hatte, da gingen alle Alarmsirenen los.“
„Ja, ich weiß. Es war einer meiner ersten Tage hier“, stammelte Niko nervös.
Yamato schmunzelte wieder. „Was für ein fatales Missverständnis. Hätte kurz darauf nicht Captain Scott die Nachricht korrigiert, hätten wir vermutlich dieses Schiff mit allem beschossen, was wir ihnen entgegenbringen konnten.
Glücklicherweise reagierte Captain Scott sehr schnell und aus umgebracht wurde mitgebracht.
Das war natürlich eine enorme Erleichterung. Was glauben Sie, wie Präsident Al Fahras gezuckt hat? Wahrscheinlich hatte er im Gedanken schon seine Raketensilos durchgezählt.“ Jetzt lachte Kazuko Yamato und steckte Niko damit an. Es war bekannt, dass Präsident Rashid Al Farahs ein Mann der Tat war. Niko konnte sich gut vorstellen, dass der Neu-Ägyptische Präsident tatsächlich einen Schlachtplan durchging, als er diese Nachricht hörte.
„Zum Glück ist es nicht soweit gekommen“, meinte Niko daraufhin. Er war erleichtert. Präsident Yamato hatte es geschafft ihm etwas von seiner Nervosität zu nehmen. Beide Männer standen abseits von den Anderen, die sich bereits auf die Ankunft der Delegation des fremden Raumschiffs vorbereiteten. Der Saal war festlich hergerichtet worden, alle trugen feinste Anzüge und Kleider. Ein großes Buffet wurde angerichtet und ein kleines Quartett von Streichern hatte sich bereit gemacht, den Abend mit sanfter Musik zu begleiten. Niko wusste, dass für diesen Empfang zwei Violinen, eine Viola und ein Violoncello ausgewählt wurden.
„Was wird wohl die Öffentlichkeit dazu sagen?“
„Hierzu?“, fragte Yamato mit aufgesetztem Erstaunen. „Hören Sie, junger Mann. Als die ersten Meldungen die Öffentlichkeit erreichten, dass ein fremdes Raumschiff die Erde ansteuerte, und obendrein die Voyager Crew mitbringen würde, da war die Freude bei allen Menschen unbeschreiblich. Es gab sicher einige Zweifler, doch den meisten war klar, was auch immer dieses Schiff für uns bedeuten mochte“, er machte eine kurze Pause, so als ob er sich die Bedeutung des nächsten Satzes selbst in Erinnerung rufen wollte, „Wir sehen unsere Leute von der Voyager wieder. Lebend!“
Niko war der Meinung, eine Träne in den Augen des Mannes zu erkennen.
„Naja“, murmelte er, entschied sich dann aber, nichts weiter zu sagen.
Diesmal nickte Yamato nur und rieb sich anschließend kurz die Augen. „Ja, Sie haben recht. Bis auf Arthur Jones. Sein Schicksal wird sicherlich Bestandteil unserer ersten Unterhaltung mit den Außerirdischen sein.“
Niko stutzte. „Außerirdische“, wiederholte er. „Das klingt nach Science Fiction.“
„Das klingt nach der Wahrheit“, entgegnete Yamato. „Auch wenn es Menschen sind, stammt die Mannschaft der Barrafranca nicht von der Erde ab. Also sind es Außerirdische.“
„Irgendwie hätte ich erwartet, dass sie anders aussehen. Also, eben keine Menschen sind.“
„Jetzt klingen Ihre Worte aber nach Science Fiction.“ Erneut lachte Yamato und diesmal fiel Niko mit ein.
Der Moment wurde jedoch jäh unterbrochen, als hinter Dumont ein Mann das Wort mit scharfen Ton an ihn richtete.
„Halten Sie den Präsidenten nicht von seinen Aufgaben ab, Mann!“
Erschrocken zuckte Niko zusammen und wandte sich um. Vor ihm stand nun Hermann Zettler. Präsident der Nordamerikanischen Union, welche die ehemaligen Gebiete der Vereinigten Staaten und Kanada in sich vereinten.
„Entschuldigung … ich“, weiter kam Niko nicht.
Rüde fiel ihm Zettler ins Wort. „Sie brauchen hier nicht auch noch meine Zeit zu vertrödeln. In wenigen Augenblicken trifft hier die Delegation ein. Gehen Sie also auf Ihren Posten und machen Sie Ihren verdammten Job. Haben Sie mich verstanden?“
Niko nickte und versuchte sich, schnell davon zu machen.
„Halt!“, rief ihm Zettler nach und bewirkte damit, dass Niko stehen blieb und sich noch einmal zu ihm wandte.
„Wie ist Ihr Name, Bursche?“
„Dumont, Sir. Niko Dumont.“
„Sind Sie etwa mit Jaqueline Dumont verwandt?“, wollte Zettler wissen. In seiner Stimme schwang Enttäuschung mit.
Niko nickte. „Ich bin ihr Sohn.“
Zettler winkte ab. „Ist mir egal, wer Sie sind. Sorgen Sie lieber dafür, dass man Sie hier nicht umsonst bezahlt.“
Mit diesen Worten wandte sich Zettler ab und nahm Präsident Yamato mit sich. Niko sah den Asiaten noch kurz an und dessen Blick gab ihm zu verstehen, dass er sich den rauen Ton nicht zu Herzen nehmen sollte.
Als die Streicher anfingen, eine Melodie anzustimmen, Mozarts Quartett in G major, wussten alle, dass nun der Moment des ersten Kontakts zu Außerirdischen gekommen war. Niko korrigierte sich im Gedanken. Der erste Kontakt auf der Erde.
Er nahm seinen Platz ein und wartete. Eine ganze Reihe von Angestellten, Assistenten, Dienern und Gästen standen nun direkt hinter den Spalier stehenden Soldaten in Galauniform, die einen Korridor für die Delegation der Barrafranca freihielten. Dahinter versammelten sich die Gäste und versuchten, so unaufgeregt zu wirken, wie es ihre eigene Neugier zuließ.
Dann plötzlich war es soweit. Blitzlichtgewitter und aufgeregte Stimmen auf dem Foyer des Gebäudes verrieten, dass die Delegation nunmehr eingetroffen war. Niko konnte von seiner Position nicht erkennen, wie viele Menschen von der Barrafranca angekommen waren, doch das sollte sich nur einen Moment später ändern.
Zuallererst schritt ein großer Mann den Korridor entlang. Gekleidet in einer prächtigen Uniform. Anschließend folgten die drei Besatzungsmitglieder der Voyager, was ein hörbares Aufatmen in der Menge des Saales verursachte. Niko blickte kurz zu den Anführern der Territorialregierungen der Erde und erkannte, dass auch sie einen leichten Ausdruck der Erleichterung erkennen ließen. Im Anschluss folge eine Gruppe von sechs weiteren Personen, welche ähnliche Uniformen wie der Erste trugen, nur weit weniger prunkvoll.
William Hephroh, der Eurasische Staatspräsident und aktueller Vorsitzender des Rates der Territorialregierungen trat einen Schritt vor, um die Gäste zu begrüßen.
„Willkommen auf der Erde“, empfang er die Delegation. „Wir reichen ihnen die Hände in Frieden.“ Um seine Worte zu unterstützen, zeigte Hephroh seine geöffneten Handflächen nach vorne. Niko wusste, dass diese Geste Vertrauen und Offenheit symbolisieren sollte, da sie bewies, dass man selbst keine Waffe in den Händen hielt.
Der prunkvoll uniformierte Mann tat ihm die Geste gleich und antwortete dann. „Wir danken für die Ehrerbietung und bringen Ihnen als Zeichen unserer Freundschaft Ihre Mannschaft unversehrt zurück.“
Die Menge klatschte und auch Niko tat es allen anderen gleich. Der Moment war aufwühlend und derart emotional, dass selbst die Streicher kurz innehielten. Alexandra Scott, Leandra Thuis und Michael Barnetti wurden geradezu gefeiert und von allen Mitgliedern des Territorialrates mit Handschlag und angemessen distanzierter Umarmung begrüßt.
Als sich die aufgewühlte Stimmung wieder beruhigt hatte, ergriff der prächtig uniformierte Mann das Wort.
„Im Namen der Union freier Planeten nehme ich Ihr friedliches Willkommen an und hoffe, dass wir uns in aller Freundschaft auf einer Ebene der Gleichberechtigung begegnen. Mein Name ist Mazan Taisod und auch ich reiche Ihnen meine Hand in Frieden.“
Erneut gab es einen großen Applaus. Doch aus Respekt gegenüber dieses historischen Moments ebbte der Beifall rasch wieder ab, sodass die Zeremonie weitergeführt werden konnte.
„Lassen Sie mich bitte meinen Stab vorstellen, der mich heute bei diesem denkwürdigen Ereignis begleitet“, intonierte Mazan Taisod, wandte sich anschließend zur Seite und deutete einer nach dem Anderen auf die sechs Begleiter, die jeder für sich eine leichte Verbeugung andeuteten, als sie aufgerufen wurden. „Mein Stellvertreter, Premazan Teldan Oris. Atras Hydarnes, der Diplomat an Bord der Barrafranca. Oberster Investigator Tren Echnan und sein Stellvertreter Semabu Cansil. Unsere Bordärztin Djawada Neith und zu guter Letzt mein Sicherheitschef Stakah Mavis.“
Niko Dumont beobachtete, wie William Hephroh jedem Einzelnen zur Begrüßung zunickte. Er fand die Haltung des Eurasischen Präsidenten bemerkenswert majestätisch und im Gedanken stellte er sich vor, Hephroh wäre eine Art König, der zu einer Audienz geladen hatte. Er fragte sich, ob es anderen Anwesenden wohl ähnlich gehen mochte.
„Verehrter Mazan Taisod, erlauben Sie mir bitte eine Frage. Ich bin glücklich und überrascht zugleich, dass Sie unsere Sprache derart gut beherrschen. Als wir die erste Mitteilung von Ihrem Schiff erhielten, war dies jedoch noch bei Weitem nicht vergleichbar. Wie haben Sie unsere Sprache so schnell lernen können?“
Mazan Taisod lächelte verschmitzt und deutete anschließend auf Alexandra Scott. „Diese Frau hat uns unermüdlich unterrichtet“, meinte er dann und bedankte sich bei ihr mit einer leichten Verbeugung. „Und glauben Sie mir, dass Sie eine unnachgiebige Lehrerin war.“
Als sie offenbar etwas sagen wollte, bemerkte Niko, wie Michael Barnetti ihre Hand festhielt und sie daraufhin lediglich Taisods Verbeugung erwiderte.
Nun waren die Ratsmitglieder an der Reihe, sich vorzustellen.
„Als Präsident Eurasiens und derzeitiger Amtsinhaber des Ratsvorsitzes der Territorialregierungen der Erde erlaube ich mir, William Hephroh, nun meinerseits die führenden Vertreter unseres Planeten vorzustellen.“ Es klang staksig und auch etwas unbeholfen, fand Niko. Er musste sich allerdings eingestehen, dass es wohl schwierig war, die richtigen Worte zu finden, wenn man zum ersten Mal, seit Menschengedenken versuchte, mit Außerirdischen auf neuen diplomatischen Pfaden zu wandeln.
William Hephroh wandte sich seinerseits den anderen Ratsmitgliedern zu. „Pucará Callao, Staatspräsidentin des Inka-Territoriums. Rashid Al Farahs, Regierungsoberhaupt von Neu-Ägypten.“ Der hagere Mann trat bestimmt einen Schritt vor, ehe er sich verbeugte. Danach schritt er wieder zurück. „Hermann Zettler. Präsident der Nordamerikanischen Union. Kazuko Yamato, Präsident der Vereinigten Asiatischen Staaten und James R. Young, der Präsident der Australischen Union. Zudem möchte ich Ihnen gerne Juan Hofer vorstellen. Den Vorsitzenden der World Space Administration und damit Vorgesetzter unserer drei Astronauten, deren Leben Sie gerettet haben.“
Hofer trat lächelnd vor und reichte Taisod die Hand. „Ich möchte mich bei Ihnen für diese große Tat bedanken.“
Taisod schien zu bemerken, dass Hofer gerade gegen die Etikette verstieß, denn Niko konnte beobachten, wie er Hephroh mit einem fragenden Blick bedachte. Als dieser jedoch seine Zustimmung signalisierte, ergriff Taisod die ausgestreckte Hand Hofers und versicherte ihm, dass er und seine Mannschaft nur ihre Pflicht gegenüber einem in Not geratenen Schiff mit Menschen an Bord erfüllt hätten.
Erneut ergriff Applaus alle Anwesenden und Niko schien es, als wäre das erste Eis durch diese Geste gebrochen worden.
Die Hände wurden gegenseitig in Freundschaft gereicht. Ihn durchfuhr ein erleichterndes Gefühl der Entspannung und er war sich sicher, dass er eben Zeuge des entscheidenden Momentes einer langen Periode des Friedens wurde.

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Fragment 15

Der Traum der Menschheit

Die Voyager. Der Stolz des Raumfahrtprogramms der World Space Administration war endlich im Begriff, ihre große Reise anzutreten. Auf der Aussichtsplattform der Raumstation Babel hatten sich alle Vertreter der sieben Weltregierungen sowie der Repräsentant der Marskolonie zusammengefunden, um dem Vorsitzenden der WSA bei seiner Ansprache zuzuhören und dem Start des Raumschiffs beizuwohnen.
Bevor der offizielle Teil begann, wurden Sektgläser und kleine Snacks gereicht, um allen Anwesenden die Wartezeit zu verkürzen, während die Crew der Voyager alle Systeme des Schiffs gründlich überprüfte. Ein Fehler würde die gesamte Mission gefährden.
„Sagen Sie, Präsidentin Callao, haben Sie sich oder vielmehr die Regierung des Inka-Territoriums inzwischen mit der Frage der Abbaurechte beschäftigt?“ Herman Zettler, Präsident der Nordamerikanischen Union trat näher an die schlanke Frau heran.
„Wollen Sie dieses Thema jetzt anschneiden?“
Er hob das Glas. „Warum nicht? Die Gelegenheit ist günstig und wir warten hier sowieso nur. Es würde mich interessieren …“
„Ich kann mir sehr gut vorstellen, was Sie interessiert. Es muss zu verlockend sein. Rohstoffe auf dem Mond, auf dem Mars und vielleicht auch auf Proxima Centauri b. Nicht wahr?“ Sie lächelte ihn an, doch es lag keine Freundlichkeit darin. „Aber so weit wollen Sie ja gar nicht. Wo doch Mittelamerika quasi Ihr Hinterhof ist.“
„Diese Ansicht ist doch antiquiert, werte Präsidentin.“
„Aber trotzdem zutreffend. Die Durango 400 Grenzlinie stört Sie doch schon lange. Und hätten sich sämtliche Einzelstaaten in Mittel- und Südamerika nicht zum Inka-Territorium zusammengeschlossen, wären Sie sicher schon bis Panama vorgedrungen.“
„Hören Sie auf, verdammt!“
Irritierte Blicke trafen die Zwei. Zettler lächelte höflich, was dazu führte, dass das Interesse an den beiden Streitenden nach einigen Sekunden wieder nachließ.
„Sie haben Recht, ja. Wir benötigen die Rohstoffe. Wir sind der industrielle Teil von Amerika. Was will das Inka-Territorium schon mit den Schürfrechten anfangen? Und das obendrein auf dem Mond oder dem Mars?“
Ein weiterer Mann war dazugekommen und mischte sich ein. Er war Mitte vierzig und wirkte eher unscheinbar. „Entschuldigen Sie, aber wenn Sie schon von Schürfrechten auf dem Mars sprechen, verehrter Präsident Zettler, dann sollte doch die Kolonialverwaltung des Planeten ganz offiziell hinzugezogen werden.“
Zettler wandte sich um. „Mister Jamaal ibn Gafur. Messen Sie Ihrer Position als Verwalter der Marskolonie nicht zuviel Bedeutung zu. Das werden wir sicher machen, wenn es soweit ist.“
Der Mann deutete eine Verbeugung an. „Es freut mich, dass Sie sich an meinen Namen erinnern. Aber bevor Sie sich mit Präsidentin Callao um die Schürfrechte auf dem Mars streiten, würde ich dreierlei vorschlagen. Erstens, dass Sie sich erst einmal mit dem Lunarabkommen einig werden. Zweitens, dass Sie nicht vergessen, dass der Mars inzwischen eine eigene Verwaltung hat. Und drittens, dass wir uns jetzt alle auf den Start der Voyager konzentrieren. Denn dafür sind wir hier.“
„Sie sind ein verdammter Klugscheißer“, wetterte Zettler, während Callao sich zurückzog. „Ihre Verwaltung ist von den amerikanischen Versorgungslieferungen abhängig. An Ihrer Stelle würde ich mich nicht zu weit aus dem Fenster lehnen.“
„Auf dem Mars ist dies ohnehin keine gute Idee.“
„Wie bitte?“
„Die mit dem Fenster.“ Jamaal ibn Gafur deutete auf die Voyager, die über das Panoramafenster von der Aussichtsplattform aus in voller Größe zu sehen war.
Als Zettler bemerkte, dass sich nunmehr alle Aufmerksamkeit auf die Voyager richtete, beließ er es dabei.
Hofer trat unterdessen an das Rednerpult, das etwas seitwärts stand, so dass man sowohl ihn, als auch das Raumschiff problemlos sehen konnte.
Fünfzehn Meter hoch und insgesamt etwa vierzig Meter breit. Die Konturen waren geschwungen, fast, als wäre sie ein Vogel, der seine Flügel ausbreitete, um die Weiten des Alls zu erforschen. Die Voyager war in diesem Moment ein beeindruckender Anblick von eleganter Schönheit.
„Ladies and Gentlemen, meine Damen und Herren. Der Moment ist gekommen, um bei diesem historischen Augenblick dabei zu sein“, Hofer begann seine Ansprache, während sich die Voyager langsam aus dem Raumdock löste. „Seit Jahrhunderten strebt der Mensch nach dem Unerforschten. Er fragte sich stets, was hinter dem nächsten Hügel liegen mochte. Hinter dem See, dem hohen Berg oder hinter dem Ozean? Was mochte auf den Menschen auf dem Mond oder dem Mars warten? In unserem Sonnensystem?
Nach all diesen Erfahrungen streben wir nun nach einem weiteren Schritt. Was erwartet uns im benachbarten Sonnensystem Alpha Centauri?“ Er sah sich um, sah kurz auf die Voyager, die sich nunmehr halb gedreht hatte und jetzt in voller Länge zu sehen war. Achtzig Meter. Zettler war beeindruckt und stellte fest, dass es den Anderen ebenso erging.
„Wir wissen, dass Alpha Centauri ein Dreigestirn ist und wir wissen, dass ein Planet um eine der Sonnen kreist. Proxima Centauri b.
Nach unseren Einschätzungen könnte dieser Planet eine zweite Erde sein. Ein sogenannter Exoplanet. Und wie es unsere Vorfahren immer gehandhabt hatten, so wollen auch wir jetzt, an der Schwelle zu neuer Erkenntnis stehend, unserem Wissensdrang nachgeben und eine tapfere Mannschaft ausschicken, um dieses weite Ziel zu erforschen und dort eine erste Station für uns, für die Menschheit zu bauen. Ganz in der Tradition von Männern wie Leif Eriksson, Christoph Kolumbus, Nikolaus Kopernikus, Neil Armstrong und James Sheridan werden vier junge Menschen aus allen Teilen der Erde einen lang gehegten Traum der Menschheit erfüllen. Alexandra Scott, Leandra Thuis, Arthur Jones und Michael Barnetti werden stellvertretend für die gesamte Menschheit nach den Sternen greifen.“
Das Schiff schob sich seitwärts von Babel weg, damit der Antrieb gefahrlos gezündet werden konnte. Die Anwesenden wurden im Vorfeld ausreichend auf die Prozedur vorbereitet. Zettler wollte sicherstellen, dass dadurch eine Panik vermieden wird, sobald die riesigen Triebwerke direkt am Panoramafenster der Aussichtsplattform vorbeizogen.
„Innerhalb der WSA wurde über die Namensgebung dieses Schiffs diskutiert und der Favorit war, es ‚Voyager 3‘ zu nennen. Als Hommage an die Pioniere der Raumfahrt und den beiden Voyager-Sonden der ehemaligen NASA. Wir entschlossen uns aber dazu, unsere eigene Geschichte über die Reisen im Weltraum zu schreiben und haben aus diesem Grund die Ziffer hinter dem Namen gestrichen. Die Hommage dürfte damit dennoch erkennbar sein, doch diese ‚Voyager‘ ist die erste ihres Namens, die für die World Space Administration die Weiten des Weltraums erkunden wird.
Wünschen Sie dem Schiff und der Crew eine gute Reise. Wir werden sehr lange nichts von ihnen hören.“
Genau in diesem Moment zündete die Voyager ihre Triebwerke. Man sah es, doch entgegen aller Erwartung, war nichts zu hören. Zettler kannte dieses Phänomen. Das All konnte keine Schallwellen übertragen und so erschien es, als würde der Antrieb das Schiff lautlos von der Raumstation wegschieben.
„Raumstation Babel, hier ist Michael Barnetti und die Crew der Voyager. Hören Sie mich?“
Zettler bewunderte Hofer in diesem Moment für sein geschicktes Agieren. Hier wurde ganz bewusst ein Moment geschaffen, der Gänsehaut garantierte.
„Hier ist Juan Hofer an Bord der Raumstation Babel. Bitte sprechen Sie.“
„Raumstation Babel. Alle Systeme arbeiten einwandfrei. Wir werden jetzt unseren Kurs nach Alpha Centauri aufnehmen und uns bald in die Stasiskammern begeben. Ich wurde von der Crew darum gebeten, euch alle zu grüßen.“
„Hofer hier. Vielen Dank. Bitte richten Sie der Crew aus, dass wir alle sehr stolz auf Sie sind.“
„Sie haben es gehört und freuen sich auf diese Mission. Wir werden den Traum der Menschheit mit uns tragen.“
„Guten Flug Ihnen allen. Wir werden die SatKom-Anlage regelmäßig abhören.“
„Vielen Dank, Babel. Barnetti für die Voyager. Ende.“
Immer schneller entfernte sich das Schiff, bis nur noch ein kleiner blauer Punkt zu sehen war, der sich kaum von den Sternen abhob. Zettler sah der Voyager so lange er konnte nach und fragte sich, ob er die Mannschaft und das Schiff jemals wieder sehen würde.

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Fragment 13

Fragment 13 – „Öffentlichkeitsarbeit“

„Die Fragen wurden im Vorfeld mit den Vertretern der Presse abgesprochen“, erklärte der WSA-Chef der Crew, die in einem kleinen Raum auf ihren großen Auftritt wartete.
„Sie werden sich genau an die vorgegebenen Antworten halten.“ Hofers Assistentin überreichte der Crew verschiedene Pads. „Sie fügen nichts hinzu und werden auch nichts weglassen, verstanden?“
„Und was sollen wir machen, wenn Fragen gestellt werden, die nicht abgesprochen sind?“ Arthur war nervös. Er konnte keine dreißig Sekunden stillsitzen und lief immer wieder hin und her.
„Das wird nicht passieren, Mister Jones. Wir haben die Pressekonferenz bis ins kleinste Detail durchgeplant.“
„Da bin ich aber mal gespannt, ob sich die Journalisten dran halten.“ Lee war ebenfalls aufgeregt. Heute war ihr großer Tag.
„Das werden sie. Wir machen so etwas schließlich nicht zum ersten Mal“, fügte Hofer mit Nachdruck hinzu. „Sie werden freundlich in die Kameras schauen und ihre Antworten vorlesen.“
„Die meisten Fragen gehen an dich, Mike.“ Lee las sich die Antworten auf dem Pad durch.
„Natürlich. Doktor Barnetti ist der Missionsleiter“, grätschte die Assistentin ein, bevor Mike eine Antwort geben konnte. Er und Alia saßen noch in der Maske.
„Und was sind wir? Schmückendes Beiwerk?“ Alia hatte die kurze Pause des Maskenbildners genutzt, der nach einem weiteren Pinsel griff, um sie mit Make-up vollzuschmieren. Jeder im Raum konnte ihren Unwillen darüber hören.
„Wenn Sie es so wollen, ja. Das sind Sie.“ Hofer drehte sich zu Alia, die wieder von dem Stylisten bearbeitet wurde und die Augen schließen musste. „Wir haben jeden von Ihnen in den letzten Monaten öffentlich so aufgebaut, dass diese Antworten exakt Ihrem Image entsprechen.“
„Und dieses Image wäre?“ Mike war nun auch ärgerlich. Er mochte es nicht, übervorteilt zu werden. Und dass ihn die WSA so ins Rampenlicht rücken wollte, war ihm unangenehm.
„Sie, Doktor Barnetti“, die Frau an Hofers Seite klang genervt, „sind der smarte und sympathische Missionskommandant, der das Team geformt und zusammengeschweißt hat.“
„Mister Jones ist der junge und dynamische Familienvater, der trotz allem um die Wichtigkeit der Mission weiß“, ergänzte Hofer in einem etwas milderen Ton und warf der Frau einen warnenden Blick zu. Es würde nicht helfen, wenn die Crew ärgerlich auf die Bühne trat. Diese nickte, bevor sie fortfuhr.
„Miss Thuis ist die lebensfrohe Wissenschaftlerin, welche die Moral der Gruppe aufrecht erhält und Captain Scott stellen wir der Presse als gutaussehende, aber kühle Militärstrategin vor.“
„Bitte was?!“ Alia war aufgesprungen und hatte dabei dem Stylisten den Pinsel aus der Hand geschlagen, mit dem er immer noch versuchte, sie zu schminken. „Barnetti als Mister Niceguy, Thuis als Pausenclown? Wie kommen Sie überhaupt dazu? Und Jones als Nesthäkchen zu vermarkten ist das Letzte. Was fällt Ihnen insbesondere ein, aus mir eine…“
„Captain, Sie vergreifen sich im Ton!“ Hofer hatte ebenfalls seine Stimme erhoben. „Jeder von Ihnen entspricht einem bestimmten Profil, mit welchem sich die Menschen identifizieren können. Sie alle sind sehr beliebt, jeder bei einer anderen Personengruppe. Und wenn Sie sich gleich bei der Konferenz nicht sehr ungeschickt anstellen, wird Sie die Welt dafür feiern, auf diese Mission zu gehen.“
„Sie sollten bedenken, dass die Mission aus Steuergeldern und von Sponsoren aus der Privatwirtschaft finanziert wird“, wieder mischte sich Hofers Assistentin ein. „Mag man Sie, sind die Menschen bereit, für Missionen wie diese zu zahlen.“
Alia und Mike sahen immer noch wütend aus, während Lee und Arthur nicht genau wussten, was sie von der Situation halten sollten. Dennoch schwiegen alle vier.
„Sehr schön. Nachdem das nun geklärt ist, werden Sie jetzt da raus gehen, brav die Fragen beantworten und in die Kameras lächeln.“

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Fragment 11

Dunkelheit. Tiefschwarze Dunkelheit. Und Stille. Totenstille. Als Astronaut weiß man, dass es nur diese beiden Attribute benötigt, um das All zu beschreiben. Das unendliche, tiefschwarze und totenstille Weltall. Und mittendrin werden die Astronauten nur durch eine dünne Hülle eines kleinen Schiffes vor dem Nichts bewahrt. Eine Hülle gefüllt mit Sauerstoff, Licht und Leben. Doch fünf Jahre lang wird es ein Paradoxon geben. Denn innerhalb dieser Hülle voller Sauerstoff, Licht und Leben werden vier Kammern sein, die hermetisch abgeriegelt nur jeweils drei Dinge beherbergen. Einen Astronauten, tiefschwarze Dunkelheit und Totenstille. Ein grünes Blinken zog Mike aus seinen Gedanken. Die Kälteschlafkammer war im Begriff sich wieder zu öffnen und den Test damit abzuschließen. Mit einem zischenden Geräusch hob sich die Front hoch und Mike erkannte seine drei Crewmitglieder, wie sie um die Testkammer herum standen und ihn erwartungsvoll ansahen. „Es stimmt nicht“, sagte er dann und erntete verwunderte Blicke. „Was? Was stimmt nicht? Was meinst du?“ Lee war die Erste, die bei ihm stand und ihn mit ihren Fragen löcherte. „Sauerstoff. Da ist gar kein Sauerstoff.“ „Was? Das kann nicht sein. Sie waren eine Stunde in der Testkammer. Ohne Sauerstoff hätte es eine Alarmmeldung gegeben. Sie irren sich.“ Der Ingenieur rannte zur Kontrolleinheit der Kälteschlafkammer, zog ein Messgerät aus seinem weißen Kittel, um die Testwerte auszulesen. „Nein“, Mike musste seine Gedanken sortieren. „Es war anzunehmen, dass die Kammern bei den Testläufen Fehlfunktionen aufweisen“, kommentierte Alia arrogant, während Arthur dem Ingenieur über die Schulter sah. Einen Moment später antwortete er: „Die Kammer funktioniert einwandfrei. Mike muss sich geirrt haben.“ „Nicht die Kammer“, murmelte dieser und schüttelte dabei den Kopf, als könnte er seine Gedanken dadurch ordnen. „Das Paradoxon.“ „Das Paradoxon?“ Lee sah ihn neugierig an. „Was meinst du damit?“ „Ich … bäh, was ist das für ein Geschmack?“ Der Ingenieur steckte sein Messinstrument wieder ein und legte Mike dann eine Hand auf die Schulter. „Das kann und wird vorkommen. Wenn Sie nach fünf Jahren aufwachen, werden Sie einen schrecklichen Geschmack im Mund haben und Ihnen werden die Muskeln die erste Zeit versagen. Möglicherweise werden Sie mit schwachen bis mittelschweren Kreislaufproblemen zu kämpfen haben, mit Übelkeit und Schwindel. Der Körper reagiert damit auf die Kältestasis. Der menschliche Organismus wird die Schlafphase zwar insgesamt gut verkraften, aber auf seine Weise mit einem Abwehrmechanismus reagieren. Richten Sie sich also bitte darauf ein, dass Sie während der Aufweckphase zunächst Ihren Körper unter Kontrolle bekommen müssen.“ Er nahm die Hand wieder von Mikes Schulter. „Was meinst du denn mit diesem Paradoxon, Mike?“ Diesmal fragte Arthur. Mike sah ihn und dann die anderen an. „Es war ein Gedanke, der sich festgesetzt hatte. Das Paradoxon. Das dunkle All, das Schiff voller Sauerstoff und dann diese dunkle Kälteschlafkammer. Aber es stimmt ja gar nicht. Das Schiff ist während der Stasis gar nicht mit Sauerstoff gefüllt.“ „Nein, ist es nicht“, stimmte der Ingenieur zu. „Das wäre sinnlos. Der Sauerstoffgehalt würde sich über die fünf Jahre verflüchtigen. Die Sauerstoffaggregate sind das wichtigste Gut, dass Sie auf dieser Mission bei sich führen. Sie sollten gut auf die Geräte aufpassen.“ Ein Mann näherte sich der Gruppe. Wie Mike einen Augenblick später feststellte, war es der WSA-Vorsitzende, Juan Hofer. Mit einem Lächeln im Gesicht, fragte er die Gruppe nach deren Fortschritten. „Es läuft. Wir hatten gerade etwas Sorge, weil Michael Barnetti den Test wohl nicht so gut überstanden hat“, meinte Lee, doch Mike winkte gleich ab. „So schlimm war es nicht. Ich war nur etwas verwirrt.“ Der Ingenieur mischte sich nochmal ein: „Das kann leicht vorkommen. Der Körper muss sich an diese Prozedur gewöhnen. Ich würde vorschlagen, dass wir alle Astronauten auch hier einem ausführlicherem Trainingsprogramm unterziehen, als ursprünglich geplant, um sie ausreichend auf die Stasis vorzubereiten.“ „Vermutlich haben Sie recht. Besprechen Sie das bitte mit dem Einsatzleiter“, erwiderte Hofer. „Gerne“, bestätigte der Ingenieur. „Dann machen wir für heute Feierabend!“, beschloss Hofer freimütig. „Ich möchte euch alle zu einem gesunden Essen einladen. Es wird nicht mehr lange dauern, bis wir diese Mission starten.“ Die Crew war angetan von der Einladung. Mike erkannte, dass Hofers Geste bei allen ein Lächeln ins Gesicht zauberte. Selbst Alia schien erfreut zu sein. Zumindest wahrte sie den Anschein. Er war sich bei Ihr nicht immer sicher, inwieweit sie ihre sonst so akkurate militärische Haltung tatsächlich mal fallen lassen konnte oder dies nur zum Schein tat. Als sich die anderen bereits auf den Weg machten, hielt Hofer Mike kurz am Ärmel fest. „Funktioniert die Kammer einwandfrei?“, wollte er wissen. „Na, Sie sind ja gut“, entgegnete Mike gespielt entrüstet, „mich das zu fragen, nachdem ich schon eine Stunde da drinnen lag. Aber ja, das Gerät funktioniert. Der Ingenieur hat es uns vorgeführt und Arthur hat sich eingehend über die Funktionsweise informiert. Ich denke, dass es funktionieren wird.“ „Sehr gut.“ Er gab Mike zu verstehen, dass auch sie sich auf den Weg machen sollten. „Im Übrigen haben wir unsere Aufbaupräparate miteinander kombiniert und sie mit etwas Aroma versehen. Zwischen Aufweckphase und Abbremsmanöver sollten sie dafür Sorge tragen, dass alle Mitglieder ihre Dosis vom ‚Kaffee‘ bekommen.“ „Kaffee?“ Hofer lächelte. „Ja! War es nicht Arthur Jones‘ Vorschlag, das so zu machen? Wir fanden es eine vortreffliche Idee. Und wenn ich es recht mitbekommen habe, dann ist Alexandra Scott ein regelrechter Kaffeejunkie.“ „Das können Sie aber laut sagen.“ „Also, dann nehmen Sie es als eine Ihrer ersten Aufgaben wahr. Die regenerative Wirkung der Präparate zeigte im Labor einen guten Verlauf.“ Mike nickte bestätigend. „Sie werden schon alle ihren ‚Kaffee‘ bekommen.“

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Fragment 6

Der Professor richtete seine Lesebrille und betrachtete die grafische Simulation auf dem Holoprojektor, die den Verlauf der geplanten Langzeitraumfahrt zum Nachbarsternensystem Alpha Centauri verdeutlichte.
„Wie Sie sehen, dauert selbst im Zeitraffer die Reise dorthin überaus lange. Ich schlage vor, wir kürzen diesen Part ab und kümmern uns weiter um die Stellarkunde und insbesondere um die Positionierung des Dreifachgestirns Alpha Centauri, welches 4,34 Lichtjahre von unserer Sonne entfernt als direkter Nachbar angesehen wird. Bekanntermaßen besteht das Alpha Centauri System aus den Sternen Alpha Centauri A, B und C. Wobei wir uns auf Grund der Mission darauf konzentrieren werden, das Zielsystem der Einfachheit halber als Alpha Centauri zu beschreiben, die tatsächlichen Koordinaten jedoch zu Alpha Centauri C und damit zum Planeten Proxima Centauri b gehören. Um mit den Buchstaben aber nicht durcheinander zu geraten, ist der allgemeine Sprachgebrauch bei der WSA der, von Proxima Centauri und dem Planeten Proxima Centauri b zu sprechen.“
Mike meldete sich zu Wort. „Können wir nicht generell davon sprechen, nach Proxima Centauri zu reisen, Professor?“
Der Mann sah ihn über seine Brille hinweg an. „Wollen Sie in der Sonne landen, junger Mann? Richten Sie sich an den von mir eben erklärten Sprachgebrauch.“ Er sah wieder auf die Holoprojektion. „Die Sonne Proxima Centauri ist der nächstgelegenste Stern in diesem System und wird bei einer Entfernung von nur 4,22 Lichtjahren früher zu erreichen sein. Obwohl die anderen beiden Sonnen weiter entfernt sind, wird es ihnen anhand der ausgewählten Navigationsroute möglicherweise so vorkommen, als würden sie an den beiden anderen Sonnen vorbeifliegen. Das liegt jedoch …“
„Entschuldigung, Professor, aber ich habe eine Frage.“ Diesmal war es Leandra.
Der Mann nickte ihr zu. „Bitte?“
„Was mich schon seit einiger Zeit wurmt, ist die Frage, weshalb immer wieder von Navigation gesprochen wird. Die nautische Begrifflichkeit ist hierbei doch fehl am Platz. Korrekterweise sollte es doch Astrogation heißen.“
„Da haben Sie natürlich Recht“, bestätigte der Professor. „Aber der Begriff der Navigation hatte sich bekanntermaßen ja schon bei der geografischen Routenführung von Landfahrzeugen vor rund zweihundert Jahren durchgesetzt. Die WSA nutzt diese Begrifflichkeit schon seit ihrer Gründung. Sie müssen modischen Strömungen nicht so viel Bedeutung beimessen. Es bleibt bei der Navigation.“
Mike sah zu Lee und hatte den Eindruck, sie würde mit dem Professor eine Diskussion über diesen Punkt starten wollen. Sie hatte bereits zu einer Erwiderung angesetzt, beließ es aber dann dabei. Er war sich nicht sicher, ob sie sich selbst eines besseren besann, oder ob Captain Scotts Gesichtsausdruck dazu beigetragen hatte. Auf jeden Fall verstummte sie.
„Hat sonst noch jemand Fragen?“ Der Professor sah alle vier erwartungsvoll an. Nachdem sich jedoch niemand mehr meldete, fuhr er mit seinem Unterricht fort. „Also, machen wir weiter mit dem Abbremsmanöver …“

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Fragment 3

Es war ein Versuch. Mike wusste, dass es nicht mehr und auch nicht weniger war. Ein letztes Mal hoffte er, dass sie es akzeptieren würden. Es war an der Zeit, einen eigenen Weg einzuschlagen. Vielleicht verstanden sie es diesmal.
„Wie oft soll ich es dir noch sagen, dass das der falsche Weg für dich ist, mein Sohn? Diese ganzen Phantastereien über Wissenschaft, Technik und Raumfahrt führen zu nichts Gutem“, hörte Mike die aufgebrachte Stimme seines Vaters über das PortCom.
„Darüber hatten wir uns doch schon oft unterhalten. Meine Studiengänge sind durch. Ich hätte gedacht, dass du dich vielleicht überwinden kannst und endlich akzeptierst, dass ich ganz andere Interessen habe.“
„Und was ist mit deiner Mutter, Michael? Weißt du eigentlich, wie enttäuscht sie ist, weil du dich von unserer Familie abwendest?“
Mike verdrehte die Augen. „Oh, man. Nicht wieder dieses Thema. Nur, weil ich meinem Traum nachgehe, heißt das noch lange nicht, dass ich mich von euch abwende.“
„Und ob du das tust!“, widersprach sein Vater vehement. „Wir sind beide schwer krank und brauchen deine Hilfe. Doch anstatt uns beizustehen, jagst du irgendwelchen schwachsinnigen Ideen von fremden Welten nach. Junge, wach auf! Eines Tages werden wir nicht mehr da sein und dann wird es dir leid tun, dass du nicht auf uns gehört hast. Nimm dieses Angebot nicht an. Lass es und komm zu uns zurück.“
„Wie stellst du dir das denn vor?“, fragte Mike daraufhin, während er aus dem Fenster seiner Wohnung sah. Es war ein verregneter Morgen in Köln. Grau und unangenehm. Passend zum Gespräch, fand Mike. „Die World Space Administration lehnt man doch nicht einfach ab. Es ist eine der höchsten Ehren für einen Raumfahrtwissenschaftler, von der WSA einberufen zu werden. Warum sollte ich das ablehnen? Das ist vermutlich die einzige Chance, die ich jemals bekommen werde.“
„Und die letzte Chance, unser Sohn zu bleiben.“
Mike schluckte. So deutlich hatte sein Vater noch nie gedroht und eine solche Konsequenz war bislang undenkbar.
„Vater, bitte. Kannst du nicht verstehen, wie wichtig mir das ist?“
„Nein, DU kannst offenbar nicht verstehen, wie sehr wir dich brauchen. Michael, ich beschwöre dich. Mach es nicht. Komm zu uns. Wir werden vielleicht nicht mehr lange leben und dann kannst du machen, was immer du willst. Komm zu uns und vor allen tu deiner Mutter das nicht an. Sie vermisst dich so sehr.“
Mike hatte Tränen in den Augen. „Verdammt, ich vermisse euch doch auch, aber was du hier von mir verlangst ist einfach zu viel. Ich liebe euch, aber ich kann diese Chance nicht verstreichen lassen und darauf hoffen, in ein paar Jahren noch einmal gefragt zu werden. So funktioniert das nicht.“
Die Stimme seines Vaters wurde eisiger. „Dann enterben wir dich! Dann sind wir die längste Zeit deine Eltern gewesen.“
Jetzt überkam Mike ein Gefühl der Hilflosigkeit und Tränen rannen ihm über sein Gesicht. Wieso wollte sein Vater nicht verstehen, wie wichtig ihm diese Chance war?
„Vater, das kannst du doch nicht ernst meinen“, flehte er. „Wir können doch immer in Verbindung bleiben und uns austauschen. Ihr könntet stolz auf euren Sohn sein und ...“
„Ein Sohn ist für seine Eltern da und würde nicht versuchen, seine eigenen egoistischen Interessen über das Wohl der Familie zu stellen!“
Er versuchte, seine Gefühle unter Kontrolle zu bekommen. Dieses Gespräch nahm einen Verlauf, der ihm ganz und gar nicht behagte. Ja, sie waren krank und es war durchaus möglich, dass sich ihr Gesundheitszustand weiter verschlechterte. Diese Aussicht machte ihn traurig. Die Zeit schien lange stehen zu bleiben und seine Eltern fast schon alterslos. Irgendwann änderte sich das aber. Erst ein paar leichte Schmerzen, dann graue Haare und jetzt, da er selbst in der Blüte seines Lebens stand, waren sie alt und krank. Diesen Umstand zu akzeptieren, fiel ihm auch so schon schwer genug, doch jetzt setzte ihm Diego Barnetti, sein Vater, regelrecht die Pistole auf die Brust.
Beide Männer schwiegen einen Moment. Mike holte mehrmals tief Luft, ehe er sich dazu überwandt, die folgenden Worte zu sagen: „Vater, hör mir bitte zu. Ich liebe euch von ganzem Herzen. Doch ihr könnt nicht verlangen, dass ich alles aufgebe, um nur für euch da sein zu können. Ob ich in Köln, auf Babel, dem Mars oder eben irgendwo anders bin, spielt doch keine Rolle, wie ich für euch empfinde. Ich würde immer alles dafür tun, dass es euch gut geht.“
„Dann komm zu uns, Junge!“
„Das kann ich nicht. Es wird nur diese eine Chance geben und wenn ich sie jetzt nicht ergreife, dann war alles, wofür ich mich all die Jahre so angestrengt habe, umsonst. Bitte, Vater. Es wird euch bestimmt an nichts mangeln und ...“
„Du verrätst uns, nur um deiner Selbst willen. So haben wir dich nicht erzogen!“
„Verdammt. Kannst du nicht begreifen, dass ich erwachsen bin und meinen eigenen Weg gehe?“
Sein Vater schnaubte. „Nicht, wenn du uns vergisst. Nicht, wenn du nur an dich denkst und schon gar nicht, wenn du deine Mutter derart enttäuschst. Du hattest deine Chance, Michael. Wenn du sie jetzt nicht wahrnimmst, dann habe ich dir nichts mehr zu sagen. Und dann erlaube ich es dir auch nicht länger, mich Vater zu nennen.“
Erneut herrschte Stille. Mike war wütend und traurig zugleich. Für einen Moment war er versucht, einen weiteren Vorstoß zu wagen. Noch einmal darauf zu hoffen, ihn überzeugen zu können. Doch dann schüttelte er lautlos den Kopf und gestand sich ein, dass sie niemals verstehen würden, wie wichtig ihm diese Chance war, sein Wissen und all seine Erfahrungen in den Dienst der WSA zu stellen.
„Es tut mir leid, Vater. Dann müssen wir das Gespräch jetzt beenden.“
„Ja ... Michael, mir auch.“ Die Stimme am anderen Ende der Verbindung klang betreten. „Du wirst von unserer Anwaltskanzlei hören.“
Damit endete das Gespräch und Mike blieb mit einem Gefühl zwischen Unverständnis, Wut und Trauer zurück. Für einen langen Moment beobachtete er nur die Regentropfen auf seiner Fensterscheibe, wie sie stetig mehr und mehr wurden, sich verbanden, um sich dann wie Tränen einen Weg nach unten zu bahnen.

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