Fragment_16

Fragment 16

Die Chance

„Don, das kann doch nicht dein Ernst sein!“, schrie Maggie aufgebracht. „Wie stellst du dir das eigentlich vor?“ Das Gesicht seiner Frau war feuerrot und sie hatte Tränen vor Wut in ihren blauen Augen.
„Maggie, bitte jetzt beruhige dich erst mal.“ Er hatte gedacht sie wäre über die Nachricht, vom Mars wegzukommen, begeistert. Seit sie vor sechs Jahren geheiratet hatten, lag sie ihm in den Ohren, dass er sich auf einen anderen Posten, weg von der Erdkolonie versetzen lassen sollte. Und jetzt, nachdem er diese einmalige Chance bekommen hatte, auf Babel seine erste Kommandostelle anzutreten, schmetterte sie ihm Vorwürfe an den Kopf.
„Mich beruhigen? Don, kannst du mir mal sagen, wie das funktionieren soll? Die haben da noch nicht einmal eine schulische Einrichtung. Da gibt es nur Bauarbeiter und vielleicht ein paar Militärangehörige. Dort willst du Liza aufwachsen lassen? Zwischen Dockarbeitern auf einer Baustelle?“, schrie sie ihn wieder an. „Soll ich den ganzen Tag in einem kleinen Kabuff sitzen und dann darauf warten, dass der Commander irgendwann nach Hause kommt und ich ihm dann das Abendessen auftischen darf?“
„Wenn du mich mal ausreden lassen würdest, könnte ich es dir sagen, verdammt!“, gab er aggressiv zurück. Er verstand ja durchaus, dass es nicht das war, was sich seine Frau vorgestellt hatte, aber es war ein Anfang. „Hör zu …“, fuhr er gemäßigter fort. „Ja, du hast recht, die Station befindet sich noch im Ausbau. Die neue Werft wird um einiges größer als die bisherige. Das dauert sicher noch etwas, aber in drei Monaten schickt die WSA schon die ersten Wissenschaftler hoch. Die bringen auch alle ihre Familien mit, immerhin ist es als 10-Jahres-Projekt angelegt. Die Schiffswerften sind Babel angegliedert. Es wird eine richtige Stadt im Weltall. Man plant eine schulische Einrichtung und genauso werden sie auch noch die Krankenstation fertigstellen. Wir bekommen hier eine ganz große Chance.“ Don drehte sich zu seiner Frau um und nahm sie bei den Schultern, bevor sie etwas erwidern konnte. „Und die WSA sucht immer noch ziviles Personal für die Station. Sie können sicher dort jemanden mit deinen Fähigkeiten gebrauchen, Liebling.“
„Mach dich nicht lächerlich, Don. Meinst du, die WSA hat nicht genug eigene Leute, die eine Quartierlogistik durchführen können? Du weißt genau, dass es so gut wie unmöglich ist, dass ich den Job bekomme. Die WSA stellt keine Marsianer ein.“ Etwas ungeschickt befreite sie sich aus Dons Griff. „Sie haben dir die Versetzung nur angeboten, weil es sonst niemand machen will. Es ist jeden Tag in den Nachrichten, dass nichts auf Babel funktioniert und alles viel mehr Geld kostet, als sie ursprünglich geplant hatten. Die wollen dich nur abschieben.“ Maggie hatte in den Kommentaren der Nachrichten gehört, dass man einen Kommandanten vom Mars einsetzen würde. Dass aber ausgerechnet ihr Mann diese Totgeburt zum Leben erwecken sollte – die dazu Unsummen verschlang, die auf dem Mars an allen Ecken und Enden fehlten – war für sie unbegreiflich.
„Das haben sie vor fünfzig Jahren auch über den Mars gesagt.“ Donald verstand seine Frau nicht. Erkannte sie nicht, welche Möglichkeiten sie mit dieser Versetzung geboten bekamen? Sie könnten endlich vom Mars weg und nach ein paar Jahren Dienst auf der Station war es sicher kein Problem, eine Stabsstelle auf der Erde zu erhalten. Es würde nur ein paar Jahre dauern. „Und außerdem habe ich mich dafür ausgesprochen, dass Charlie einen Job dort bekommt. Bitte Margret, schlaf wenigstens eine Nacht darüber.“
„Nein! Ich werde dich nicht auf diesen Schrotthaufen im Weltall begleiten und zusehen, wie unsere Tochter deswegen schlechtere Chancen im Leben erhält, als sie bereits jetzt hat.“ Maggie schnappte sich ihre Tasche. „Und schon gar nicht, wenn du diesen Junkie mit im Schlepptau hast.“ Sie schien etwas in ihrer Handtasche zu suchen und funkelte ihn erbost an.
Als Don ansetzte, Charles zu verteidigen, hob seine Frau abwehrend die Hände. „Nicht wieder die alte Leier. Ich weiß, dass er zur Zeit clean ist. Aber für wie lange? Würdest du ihm Lizas Leben anvertrauen? Denn genau das tust du, wenn du mit uns auf diese Station gehen willst.“
„Natürlich würde ich das. Sonst hätte ich ihn nie für die Stelle des Sicherheitschefs vorgeschlagen, Maggie! Er ist ein guter Mann und er macht seinen Job.“
„Ja, aber nur, wenn er keine White-Strike-Nadel im Arm stecken hat.“ Sie kannte Charlie genauso lange, wie sie ihren Mann kannte und wusste, dass Charles Germain mehr als einmal einen Entzug hinter sich gebracht hatte. Bei zweien hatte sie ihn gemeinsam mit Donald sogar unterstützt. Oft genug hatte er beteuert, dass er nie wieder Drogen anrühren würde, aber er war immer wieder rückfällig geworden. Sie glaubte einfach nicht daran, dass er es diesmal schaffen würde.
„Ich hole Liza von der Schule ab und besuche dann meine Eltern.“ Kurz bevor sie das Quartier auf dem Militärstützpunkt inmitten der Amazonis Planitia verließ, drehte sie sich noch mal um und schaute ihren Mann an. „Es liegt an dir, Don. Wenn du meinst, die Versetzung annehmen zu müssen, dann tu es. Aber Liza und ich werden dich nicht begleiten.“
„Maggie … Warte … Lass uns darüber reden …“
Doch sie verließ das gemeinsame Quartier, ohne ein weiteres Wort.

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„In drei Jahren soll die Mission starten und Sie haben noch immer keine Mannschaft zusammen?“ Der Kopf des Vorsitzenden der World Space Administration war knallrot, seine Stimme bebte. Bill Jones fühlte sich unwohl. Seit mehreren Monaten war die WSA auf der Suche nach geeignetem Personal, um das größte Raumfahrtprogramm seit der Marsbesiedelung auf die Beine zu stellen. Ihn und sein Team hatte man damit betraut, die Bewerbungsunterlagen von tausenden Bewerbern zu sichten. Anfangs schien die Aufgabe einfach zu sein, weil sich die meisten Kandidaten als ungeeignet erwiesen. Zu groß; zu klein; Augenfehler; Zahnersatz; Rheuma; Fußpilz; zu dick; zu alt … Die Liste der Ausschlusskriterien war schier endlos.

Doch die Zeit wurde knapp und Juan Hofer setzte eine Frist, bis wann entscheiden werden musste, welche Bewerber sich durchgesetzt hatten. Doch Bill konnte nicht liefern.

„Es tut mir leid, Herr Vorsitzender. Wir haben hier noch einen Stapel von fünfzig Kandidaten“, versuchte er zu erklären. „Jeder ist auf seinem Gebiet eine Koryphäe. Spezialisten allesamt. Wir brauchen mehr Zeit.“

„Es wird aber nicht mehr Zeit bleiben. Verstehen Sie denn nicht, dass wir die drei Jahre unbedingt brauchen? Das Startfenster ist genau berechnet. Die Treibstoffmenge steht fest. Es ist unumstößlich, dass wir 2233 starten müssen, sonst wird die Voyager Proxima Centauri b verpassen.“

Die beiden Männer sahen sich nun den Aktenstapel an, den Bill Jones in das Büro des WSA-Präsidenten mitgebracht hatte.

„Sind das hier ihre fünfzig Kandidaten?“, forderte Hofer wissen.

Bill Jones nickte stumm.

„Na gut, dann machen wir jetzt mal die Endausscheidung“, erklärte er entschlossen und nahm etwa die Hälfte des Stapels hoch. „Die hier…“, er sah Jones an und warf die Unterlagen anschließend beiseite, „…sind ausgeschieden.“

Bill wollte protestieren, doch Hofer signalisierte ihm, ruhig zu bleiben.

Hofer zählte die übriggebliebenen. „Neunundzwanzig und wie ich sehe, sind die hier farblich markiert. Rot, Grün, Gelb, Blau. Wofür stehen die Farben?“

„Die richten sich nach den Bereichen, zu denen wir die Kandidaten zugeordnet haben. Rot steht für …“

„Egal“, fiel er ihm ins Wort und fing an, die Mappen nach ihren Farben zu sortieren, bis er vier Stapel hatte.

„Vier Stapel für vier Plätze.“ Eine Mappe wanderte auf den anderen Stapel. „Wir brauchen einen Ingenieur, zwei Wissenschaftler und …“

„Einen Militär“, ergänzte Bill.

Hofer sah ihn Fragen an. „Wofür brauchen wir eigentlich einen Militär?“

„Entschuldigung, Herr Präsident. Das war die Anforderung der Territorialregierungen. Sie wollten, dass die Kommandostruktur so ausgerichtet ist, dass im Notfall ein Militär das Kommando übernehmen und …“

„Ja, das weiß ich selbst!“, unterbrach Hofer erneut. „Aber irgendwie will mir der Sinn dahinter nicht so recht klar werden. Aber auch das soll mir jetzt egal sein, wenn wir nur die Besatzung endlich zusammen bekommen.“

Bill sah, wie Hofer erneut ein paar Mappen von den vier Stapeln weg nahm und sie zu dem Stapel mit den ausgeschiedenen Kandidaten warf.

Dann klappte er die vier Schutzdeckel der obersten Mappen auf.

„Leandra Thuis, Quanten- und Astrophysikerin am MIT. Wenn das kein Glücksgriff ist“ Hofer lächelte Bill an und dieser war erleichtert.

Dann griff Hofer zur nächsten Mappe. „Alexandra Scott. Captain der Neu-Ägyptischen Armee. Informatikerin, Linguistik, Archäologie“, er sah zu Bill. „Die hier können wir alleine da hinschicken. Wozu brauchen wir vier Spezialisten, wenn wir eine“, er sah nochmal auf die Mappe, „Scott haben können? Naja, aber es sind noch zwei Plätze frei.“

Der Griff ging zum nächsten Stapel. „Julie Dexter“. Er hob die Augenbrauen hoch. „Sieht ja ganz hübsch aus, für eine Ingenieurin.

„Sie hat auch ausgezeichnete Referenzen“, ergänzte Bill, doch Hofer winkte ab.

„Wir müssen hier für ein ausgeglichenes Verhältnis der Geschlechter sorgen. Julie Dexter muss hierbleiben.“ Hofer nahm die nächste Mappe. „Arthur Jones. Ein waschechter Brite. Ebenfalls Ingenieur. Na, was will man mehr?“

„Aber er hat Familie“, warf Bill ein.

„Umso besser. Das lässt sich perfekt verkaufen. Sehen wir, was uns der letzte Stapel bringt.“

„Ein Deutsch-Italiener“, bemerkte Bill.

„Ja, das ist eine schön bunte Gruppe mit Michael Barnetti. Studierte Astronomie und Naturwissenschaften in Köln.“

„Und Raumfahrttechnik in Nürnberg.“

„Also mit diesen vier Leuten kann die Mission doch nur ein Erfolg werden.“ Er drückte Bill die vier Mappen vor die Brust. „Sehen sie zu, dass die wichtigsten Eckdaten an die Presseabteilung gehen. Morgen werden die Auserwählten bekannt gegeben.“

Bill stutzte. „Aber Herr Vorsitzender! Sollten wir nicht noch ein paar Eignungstests durchführen, um die Sozialkompetenz und die physische und psychische Belastbarkeits…“

Erneut unterbrach Hofer. Bill ärgerte sich schon längst nicht mehr über diese Unart. „Sie haben ja im Grunde Recht. Doch die Zeit reicht nicht mehr. Wir müssen darauf vertrauen, dass diese Leute miteinander klarkommen und sich professionell genug benehmen werden. Immerhin sind das alles erwachsene Menschen und hochgebildet. Das wird schon funktionieren. Wir haben ja im Zweifel drei Jahre, um sie ein wenig zu lenken. Und jetzt ab mit den Mappen zur Pressestelle.“

„Ja, Herr Vorsitzender.“ Bill deutete eine formelle Verbeugung an und verließ das Büro des Leiters der World Space Administration.

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Fluchtgefahr

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