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Fragment 16

Die Chance

„Don, das kann doch nicht dein Ernst sein!“, schrie Maggie aufgebracht. „Wie stellst du dir das eigentlich vor?“ Das Gesicht seiner Frau war feuerrot und sie hatte Tränen vor Wut in ihren blauen Augen.
„Maggie, bitte jetzt beruhige dich erst mal.“ Er hatte gedacht sie wäre über die Nachricht, vom Mars wegzukommen, begeistert. Seit sie vor sechs Jahren geheiratet hatten, lag sie ihm in den Ohren, dass er sich auf einen anderen Posten, weg von der Erdkolonie versetzen lassen sollte. Und jetzt, nachdem er diese einmalige Chance bekommen hatte, auf Babel seine erste Kommandostelle anzutreten, schmetterte sie ihm Vorwürfe an den Kopf.
„Mich beruhigen? Don, kannst du mir mal sagen, wie das funktionieren soll? Die haben da noch nicht einmal eine schulische Einrichtung. Da gibt es nur Bauarbeiter und vielleicht ein paar Militärangehörige. Dort willst du Liza aufwachsen lassen? Zwischen Dockarbeitern auf einer Baustelle?“, schrie sie ihn wieder an. „Soll ich den ganzen Tag in einem kleinen Kabuff sitzen und dann darauf warten, dass der Commander irgendwann nach Hause kommt und ich ihm dann das Abendessen auftischen darf?“
„Wenn du mich mal ausreden lassen würdest, könnte ich es dir sagen, verdammt!“, gab er aggressiv zurück. Er verstand ja durchaus, dass es nicht das war, was sich seine Frau vorgestellt hatte, aber es war ein Anfang. „Hör zu …“, fuhr er gemäßigter fort. „Ja, du hast recht, die Station befindet sich noch im Ausbau. Die neue Werft wird um einiges größer als die bisherige. Das dauert sicher noch etwas, aber in drei Monaten schickt die WSA schon die ersten Wissenschaftler hoch. Die bringen auch alle ihre Familien mit, immerhin ist es als 10-Jahres-Projekt angelegt. Die Schiffswerften sind Babel angegliedert. Es wird eine richtige Stadt im Weltall. Man plant eine schulische Einrichtung und genauso werden sie auch noch die Krankenstation fertigstellen. Wir bekommen hier eine ganz große Chance.“ Don drehte sich zu seiner Frau um und nahm sie bei den Schultern, bevor sie etwas erwidern konnte. „Und die WSA sucht immer noch ziviles Personal für die Station. Sie können sicher dort jemanden mit deinen Fähigkeiten gebrauchen, Liebling.“
„Mach dich nicht lächerlich, Don. Meinst du, die WSA hat nicht genug eigene Leute, die eine Quartierlogistik durchführen können? Du weißt genau, dass es so gut wie unmöglich ist, dass ich den Job bekomme. Die WSA stellt keine Marsianer ein.“ Etwas ungeschickt befreite sie sich aus Dons Griff. „Sie haben dir die Versetzung nur angeboten, weil es sonst niemand machen will. Es ist jeden Tag in den Nachrichten, dass nichts auf Babel funktioniert und alles viel mehr Geld kostet, als sie ursprünglich geplant hatten. Die wollen dich nur abschieben.“ Maggie hatte in den Kommentaren der Nachrichten gehört, dass man einen Kommandanten vom Mars einsetzen würde. Dass aber ausgerechnet ihr Mann diese Totgeburt zum Leben erwecken sollte – die dazu Unsummen verschlang, die auf dem Mars an allen Ecken und Enden fehlten – war für sie unbegreiflich.
„Das haben sie vor fünfzig Jahren auch über den Mars gesagt.“ Donald verstand seine Frau nicht. Erkannte sie nicht, welche Möglichkeiten sie mit dieser Versetzung geboten bekamen? Sie könnten endlich vom Mars weg und nach ein paar Jahren Dienst auf der Station war es sicher kein Problem, eine Stabsstelle auf der Erde zu erhalten. Es würde nur ein paar Jahre dauern. „Und außerdem habe ich mich dafür ausgesprochen, dass Charlie einen Job dort bekommt. Bitte Margret, schlaf wenigstens eine Nacht darüber.“
„Nein! Ich werde dich nicht auf diesen Schrotthaufen im Weltall begleiten und zusehen, wie unsere Tochter deswegen schlechtere Chancen im Leben erhält, als sie bereits jetzt hat.“ Maggie schnappte sich ihre Tasche. „Und schon gar nicht, wenn du diesen Junkie mit im Schlepptau hast.“ Sie schien etwas in ihrer Handtasche zu suchen und funkelte ihn erbost an.
Als Don ansetzte, Charles zu verteidigen, hob seine Frau abwehrend die Hände. „Nicht wieder die alte Leier. Ich weiß, dass er zur Zeit clean ist. Aber für wie lange? Würdest du ihm Lizas Leben anvertrauen? Denn genau das tust du, wenn du mit uns auf diese Station gehen willst.“
„Natürlich würde ich das. Sonst hätte ich ihn nie für die Stelle des Sicherheitschefs vorgeschlagen, Maggie! Er ist ein guter Mann und er macht seinen Job.“
„Ja, aber nur, wenn er keine White-Strike-Nadel im Arm stecken hat.“ Sie kannte Charlie genauso lange, wie sie ihren Mann kannte und wusste, dass Charles Germain mehr als einmal einen Entzug hinter sich gebracht hatte. Bei zweien hatte sie ihn gemeinsam mit Donald sogar unterstützt. Oft genug hatte er beteuert, dass er nie wieder Drogen anrühren würde, aber er war immer wieder rückfällig geworden. Sie glaubte einfach nicht daran, dass er es diesmal schaffen würde.
„Ich hole Liza von der Schule ab und besuche dann meine Eltern.“ Kurz bevor sie das Quartier auf dem Militärstützpunkt inmitten der Amazonis Planitia verließ, drehte sie sich noch mal um und schaute ihren Mann an. „Es liegt an dir, Don. Wenn du meinst, die Versetzung annehmen zu müssen, dann tu es. Aber Liza und ich werden dich nicht begleiten.“
„Maggie … Warte … Lass uns darüber reden …“
Doch sie verließ das gemeinsame Quartier, ohne ein weiteres Wort.

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Fragment 15

Der Traum der Menschheit

Die Voyager. Der Stolz des Raumfahrtprogramms der World Space Administration war endlich im Begriff, ihre große Reise anzutreten. Auf der Aussichtsplattform der Raumstation Babel hatten sich alle Vertreter der sieben Weltregierungen sowie der Repräsentant der Marskolonie zusammengefunden, um dem Vorsitzenden der WSA bei seiner Ansprache zuzuhören und dem Start des Raumschiffs beizuwohnen.
Bevor der offizielle Teil begann, wurden Sektgläser und kleine Snacks gereicht, um allen Anwesenden die Wartezeit zu verkürzen, während die Crew der Voyager alle Systeme des Schiffs gründlich überprüfte. Ein Fehler würde die gesamte Mission gefährden.
„Sagen Sie, Präsidentin Callao, haben Sie sich oder vielmehr die Regierung des Inka-Territoriums inzwischen mit der Frage der Abbaurechte beschäftigt?“ Herman Zettler, Präsident der Nordamerikanischen Union trat näher an die schlanke Frau heran.
„Wollen Sie dieses Thema jetzt anschneiden?“
Er hob das Glas. „Warum nicht? Die Gelegenheit ist günstig und wir warten hier sowieso nur. Es würde mich interessieren …“
„Ich kann mir sehr gut vorstellen, was Sie interessiert. Es muss zu verlockend sein. Rohstoffe auf dem Mond, auf dem Mars und vielleicht auch auf Proxima Centauri b. Nicht wahr?“ Sie lächelte ihn an, doch es lag keine Freundlichkeit darin. „Aber so weit wollen Sie ja gar nicht. Wo doch Mittelamerika quasi Ihr Hinterhof ist.“
„Diese Ansicht ist doch antiquiert, werte Präsidentin.“
„Aber trotzdem zutreffend. Die Durango 400 Grenzlinie stört Sie doch schon lange. Und hätten sich sämtliche Einzelstaaten in Mittel- und Südamerika nicht zum Inka-Territorium zusammengeschlossen, wären Sie sicher schon bis Panama vorgedrungen.“
„Hören Sie auf, verdammt!“
Irritierte Blicke trafen die Zwei. Zettler lächelte höflich, was dazu führte, dass das Interesse an den beiden Streitenden nach einigen Sekunden wieder nachließ.
„Sie haben Recht, ja. Wir benötigen die Rohstoffe. Wir sind der industrielle Teil von Amerika. Was will das Inka-Territorium schon mit den Schürfrechten anfangen? Und das obendrein auf dem Mond oder dem Mars?“
Ein weiterer Mann war dazugekommen und mischte sich ein. Er war Mitte vierzig und wirkte eher unscheinbar. „Entschuldigen Sie, aber wenn Sie schon von Schürfrechten auf dem Mars sprechen, verehrter Präsident Zettler, dann sollte doch die Kolonialverwaltung des Planeten ganz offiziell hinzugezogen werden.“
Zettler wandte sich um. „Mister Jamaal ibn Gafur. Messen Sie Ihrer Position als Verwalter der Marskolonie nicht zuviel Bedeutung zu. Das werden wir sicher machen, wenn es soweit ist.“
Der Mann deutete eine Verbeugung an. „Es freut mich, dass Sie sich an meinen Namen erinnern. Aber bevor Sie sich mit Präsidentin Callao um die Schürfrechte auf dem Mars streiten, würde ich dreierlei vorschlagen. Erstens, dass Sie sich erst einmal mit dem Lunarabkommen einig werden. Zweitens, dass Sie nicht vergessen, dass der Mars inzwischen eine eigene Verwaltung hat. Und drittens, dass wir uns jetzt alle auf den Start der Voyager konzentrieren. Denn dafür sind wir hier.“
„Sie sind ein verdammter Klugscheißer“, wetterte Zettler, während Callao sich zurückzog. „Ihre Verwaltung ist von den amerikanischen Versorgungslieferungen abhängig. An Ihrer Stelle würde ich mich nicht zu weit aus dem Fenster lehnen.“
„Auf dem Mars ist dies ohnehin keine gute Idee.“
„Wie bitte?“
„Die mit dem Fenster.“ Jamaal ibn Gafur deutete auf die Voyager, die über das Panoramafenster von der Aussichtsplattform aus in voller Größe zu sehen war.
Als Zettler bemerkte, dass sich nunmehr alle Aufmerksamkeit auf die Voyager richtete, beließ er es dabei.
Hofer trat unterdessen an das Rednerpult, das etwas seitwärts stand, so dass man sowohl ihn, als auch das Raumschiff problemlos sehen konnte.
Fünfzehn Meter hoch und insgesamt etwa vierzig Meter breit. Die Konturen waren geschwungen, fast, als wäre sie ein Vogel, der seine Flügel ausbreitete, um die Weiten des Alls zu erforschen. Die Voyager war in diesem Moment ein beeindruckender Anblick von eleganter Schönheit.
„Ladies and Gentlemen, meine Damen und Herren. Der Moment ist gekommen, um bei diesem historischen Augenblick dabei zu sein“, Hofer begann seine Ansprache, während sich die Voyager langsam aus dem Raumdock löste. „Seit Jahrhunderten strebt der Mensch nach dem Unerforschten. Er fragte sich stets, was hinter dem nächsten Hügel liegen mochte. Hinter dem See, dem hohen Berg oder hinter dem Ozean? Was mochte auf den Menschen auf dem Mond oder dem Mars warten? In unserem Sonnensystem?
Nach all diesen Erfahrungen streben wir nun nach einem weiteren Schritt. Was erwartet uns im benachbarten Sonnensystem Alpha Centauri?“ Er sah sich um, sah kurz auf die Voyager, die sich nunmehr halb gedreht hatte und jetzt in voller Länge zu sehen war. Achtzig Meter. Zettler war beeindruckt und stellte fest, dass es den Anderen ebenso erging.
„Wir wissen, dass Alpha Centauri ein Dreigestirn ist und wir wissen, dass ein Planet um eine der Sonnen kreist. Proxima Centauri b.
Nach unseren Einschätzungen könnte dieser Planet eine zweite Erde sein. Ein sogenannter Exoplanet. Und wie es unsere Vorfahren immer gehandhabt hatten, so wollen auch wir jetzt, an der Schwelle zu neuer Erkenntnis stehend, unserem Wissensdrang nachgeben und eine tapfere Mannschaft ausschicken, um dieses weite Ziel zu erforschen und dort eine erste Station für uns, für die Menschheit zu bauen. Ganz in der Tradition von Männern wie Leif Eriksson, Christoph Kolumbus, Nikolaus Kopernikus, Neil Armstrong und James Sheridan werden vier junge Menschen aus allen Teilen der Erde einen lang gehegten Traum der Menschheit erfüllen. Alexandra Scott, Leandra Thuis, Arthur Jones und Michael Barnetti werden stellvertretend für die gesamte Menschheit nach den Sternen greifen.“
Das Schiff schob sich seitwärts von Babel weg, damit der Antrieb gefahrlos gezündet werden konnte. Die Anwesenden wurden im Vorfeld ausreichend auf die Prozedur vorbereitet. Zettler wollte sicherstellen, dass dadurch eine Panik vermieden wird, sobald die riesigen Triebwerke direkt am Panoramafenster der Aussichtsplattform vorbeizogen.
„Innerhalb der WSA wurde über die Namensgebung dieses Schiffs diskutiert und der Favorit war, es ‚Voyager 3‘ zu nennen. Als Hommage an die Pioniere der Raumfahrt und den beiden Voyager-Sonden der ehemaligen NASA. Wir entschlossen uns aber dazu, unsere eigene Geschichte über die Reisen im Weltraum zu schreiben und haben aus diesem Grund die Ziffer hinter dem Namen gestrichen. Die Hommage dürfte damit dennoch erkennbar sein, doch diese ‚Voyager‘ ist die erste ihres Namens, die für die World Space Administration die Weiten des Weltraums erkunden wird.
Wünschen Sie dem Schiff und der Crew eine gute Reise. Wir werden sehr lange nichts von ihnen hören.“
Genau in diesem Moment zündete die Voyager ihre Triebwerke. Man sah es, doch entgegen aller Erwartung, war nichts zu hören. Zettler kannte dieses Phänomen. Das All konnte keine Schallwellen übertragen und so erschien es, als würde der Antrieb das Schiff lautlos von der Raumstation wegschieben.
„Raumstation Babel, hier ist Michael Barnetti und die Crew der Voyager. Hören Sie mich?“
Zettler bewunderte Hofer in diesem Moment für sein geschicktes Agieren. Hier wurde ganz bewusst ein Moment geschaffen, der Gänsehaut garantierte.
„Hier ist Juan Hofer an Bord der Raumstation Babel. Bitte sprechen Sie.“
„Raumstation Babel. Alle Systeme arbeiten einwandfrei. Wir werden jetzt unseren Kurs nach Alpha Centauri aufnehmen und uns bald in die Stasiskammern begeben. Ich wurde von der Crew darum gebeten, euch alle zu grüßen.“
„Hofer hier. Vielen Dank. Bitte richten Sie der Crew aus, dass wir alle sehr stolz auf Sie sind.“
„Sie haben es gehört und freuen sich auf diese Mission. Wir werden den Traum der Menschheit mit uns tragen.“
„Guten Flug Ihnen allen. Wir werden die SatKom-Anlage regelmäßig abhören.“
„Vielen Dank, Babel. Barnetti für die Voyager. Ende.“
Immer schneller entfernte sich das Schiff, bis nur noch ein kleiner blauer Punkt zu sehen war, der sich kaum von den Sternen abhob. Zettler sah der Voyager so lange er konnte nach und fragte sich, ob er die Mannschaft und das Schiff jemals wieder sehen würde.

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Fragment 13

Fragment 13 – „Öffentlichkeitsarbeit“

„Die Fragen wurden im Vorfeld mit den Vertretern der Presse abgesprochen“, erklärte der WSA-Chef der Crew, die in einem kleinen Raum auf ihren großen Auftritt wartete.
„Sie werden sich genau an die vorgegebenen Antworten halten.“ Hofers Assistentin überreichte der Crew verschiedene Pads. „Sie fügen nichts hinzu und werden auch nichts weglassen, verstanden?“
„Und was sollen wir machen, wenn Fragen gestellt werden, die nicht abgesprochen sind?“ Arthur war nervös. Er konnte keine dreißig Sekunden stillsitzen und lief immer wieder hin und her.
„Das wird nicht passieren, Mister Jones. Wir haben die Pressekonferenz bis ins kleinste Detail durchgeplant.“
„Da bin ich aber mal gespannt, ob sich die Journalisten dran halten.“ Lee war ebenfalls aufgeregt. Heute war ihr großer Tag.
„Das werden sie. Wir machen so etwas schließlich nicht zum ersten Mal“, fügte Hofer mit Nachdruck hinzu. „Sie werden freundlich in die Kameras schauen und ihre Antworten vorlesen.“
„Die meisten Fragen gehen an dich, Mike.“ Lee las sich die Antworten auf dem Pad durch.
„Natürlich. Doktor Barnetti ist der Missionsleiter“, grätschte die Assistentin ein, bevor Mike eine Antwort geben konnte. Er und Alia saßen noch in der Maske.
„Und was sind wir? Schmückendes Beiwerk?“ Alia hatte die kurze Pause des Maskenbildners genutzt, der nach einem weiteren Pinsel griff, um sie mit Make-up vollzuschmieren. Jeder im Raum konnte ihren Unwillen darüber hören.
„Wenn Sie es so wollen, ja. Das sind Sie.“ Hofer drehte sich zu Alia, die wieder von dem Stylisten bearbeitet wurde und die Augen schließen musste. „Wir haben jeden von Ihnen in den letzten Monaten öffentlich so aufgebaut, dass diese Antworten exakt Ihrem Image entsprechen.“
„Und dieses Image wäre?“ Mike war nun auch ärgerlich. Er mochte es nicht, übervorteilt zu werden. Und dass ihn die WSA so ins Rampenlicht rücken wollte, war ihm unangenehm.
„Sie, Doktor Barnetti“, die Frau an Hofers Seite klang genervt, „sind der smarte und sympathische Missionskommandant, der das Team geformt und zusammengeschweißt hat.“
„Mister Jones ist der junge und dynamische Familienvater, der trotz allem um die Wichtigkeit der Mission weiß“, ergänzte Hofer in einem etwas milderen Ton und warf der Frau einen warnenden Blick zu. Es würde nicht helfen, wenn die Crew ärgerlich auf die Bühne trat. Diese nickte, bevor sie fortfuhr.
„Miss Thuis ist die lebensfrohe Wissenschaftlerin, welche die Moral der Gruppe aufrecht erhält und Captain Scott stellen wir der Presse als gutaussehende, aber kühle Militärstrategin vor.“
„Bitte was?!“ Alia war aufgesprungen und hatte dabei dem Stylisten den Pinsel aus der Hand geschlagen, mit dem er immer noch versuchte, sie zu schminken. „Barnetti als Mister Niceguy, Thuis als Pausenclown? Wie kommen Sie überhaupt dazu? Und Jones als Nesthäkchen zu vermarkten ist das Letzte. Was fällt Ihnen insbesondere ein, aus mir eine…“
„Captain, Sie vergreifen sich im Ton!“ Hofer hatte ebenfalls seine Stimme erhoben. „Jeder von Ihnen entspricht einem bestimmten Profil, mit welchem sich die Menschen identifizieren können. Sie alle sind sehr beliebt, jeder bei einer anderen Personengruppe. Und wenn Sie sich gleich bei der Konferenz nicht sehr ungeschickt anstellen, wird Sie die Welt dafür feiern, auf diese Mission zu gehen.“
„Sie sollten bedenken, dass die Mission aus Steuergeldern und von Sponsoren aus der Privatwirtschaft finanziert wird“, wieder mischte sich Hofers Assistentin ein. „Mag man Sie, sind die Menschen bereit, für Missionen wie diese zu zahlen.“
Alia und Mike sahen immer noch wütend aus, während Lee und Arthur nicht genau wussten, was sie von der Situation halten sollten. Dennoch schwiegen alle vier.
„Sehr schön. Nachdem das nun geklärt ist, werden Sie jetzt da raus gehen, brav die Fragen beantworten und in die Kameras lächeln.“

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„In drei Jahren soll die Mission starten und Sie haben noch immer keine Mannschaft zusammen?“ Der Kopf des Vorsitzenden der World Space Administration war knallrot, seine Stimme bebte. Bill Jones fühlte sich unwohl. Seit mehreren Monaten war die WSA auf der Suche nach geeignetem Personal, um das größte Raumfahrtprogramm seit der Marsbesiedelung auf die Beine zu stellen. Ihn und sein Team hatte man damit betraut, die Bewerbungsunterlagen von tausenden Bewerbern zu sichten. Anfangs schien die Aufgabe einfach zu sein, weil sich die meisten Kandidaten als ungeeignet erwiesen. Zu groß; zu klein; Augenfehler; Zahnersatz; Rheuma; Fußpilz; zu dick; zu alt … Die Liste der Ausschlusskriterien war schier endlos.

Doch die Zeit wurde knapp und Juan Hofer setzte eine Frist, bis wann entscheiden werden musste, welche Bewerber sich durchgesetzt hatten. Doch Bill konnte nicht liefern.

„Es tut mir leid, Herr Vorsitzender. Wir haben hier noch einen Stapel von fünfzig Kandidaten“, versuchte er zu erklären. „Jeder ist auf seinem Gebiet eine Koryphäe. Spezialisten allesamt. Wir brauchen mehr Zeit.“

„Es wird aber nicht mehr Zeit bleiben. Verstehen Sie denn nicht, dass wir die drei Jahre unbedingt brauchen? Das Startfenster ist genau berechnet. Die Treibstoffmenge steht fest. Es ist unumstößlich, dass wir 2233 starten müssen, sonst wird die Voyager Proxima Centauri b verpassen.“

Die beiden Männer sahen sich nun den Aktenstapel an, den Bill Jones in das Büro des WSA-Präsidenten mitgebracht hatte.

„Sind das hier ihre fünfzig Kandidaten?“, forderte Hofer wissen.

Bill Jones nickte stumm.

„Na gut, dann machen wir jetzt mal die Endausscheidung“, erklärte er entschlossen und nahm etwa die Hälfte des Stapels hoch. „Die hier…“, er sah Jones an und warf die Unterlagen anschließend beiseite, „…sind ausgeschieden.“

Bill wollte protestieren, doch Hofer signalisierte ihm, ruhig zu bleiben.

Hofer zählte die übriggebliebenen. „Neunundzwanzig und wie ich sehe, sind die hier farblich markiert. Rot, Grün, Gelb, Blau. Wofür stehen die Farben?“

„Die richten sich nach den Bereichen, zu denen wir die Kandidaten zugeordnet haben. Rot steht für …“

„Egal“, fiel er ihm ins Wort und fing an, die Mappen nach ihren Farben zu sortieren, bis er vier Stapel hatte.

„Vier Stapel für vier Plätze.“ Eine Mappe wanderte auf den anderen Stapel. „Wir brauchen einen Ingenieur, zwei Wissenschaftler und …“

„Einen Militär“, ergänzte Bill.

Hofer sah ihn Fragen an. „Wofür brauchen wir eigentlich einen Militär?“

„Entschuldigung, Herr Präsident. Das war die Anforderung der Territorialregierungen. Sie wollten, dass die Kommandostruktur so ausgerichtet ist, dass im Notfall ein Militär das Kommando übernehmen und …“

„Ja, das weiß ich selbst!“, unterbrach Hofer erneut. „Aber irgendwie will mir der Sinn dahinter nicht so recht klar werden. Aber auch das soll mir jetzt egal sein, wenn wir nur die Besatzung endlich zusammen bekommen.“

Bill sah, wie Hofer erneut ein paar Mappen von den vier Stapeln weg nahm und sie zu dem Stapel mit den ausgeschiedenen Kandidaten warf.

Dann klappte er die vier Schutzdeckel der obersten Mappen auf.

„Leandra Thuis, Quanten- und Astrophysikerin am MIT. Wenn das kein Glücksgriff ist“ Hofer lächelte Bill an und dieser war erleichtert.

Dann griff Hofer zur nächsten Mappe. „Alexandra Scott. Captain der Neu-Ägyptischen Armee. Informatikerin, Linguistik, Archäologie“, er sah zu Bill. „Die hier können wir alleine da hinschicken. Wozu brauchen wir vier Spezialisten, wenn wir eine“, er sah nochmal auf die Mappe, „Scott haben können? Naja, aber es sind noch zwei Plätze frei.“

Der Griff ging zum nächsten Stapel. „Julie Dexter“. Er hob die Augenbrauen hoch. „Sieht ja ganz hübsch aus, für eine Ingenieurin.

„Sie hat auch ausgezeichnete Referenzen“, ergänzte Bill, doch Hofer winkte ab.

„Wir müssen hier für ein ausgeglichenes Verhältnis der Geschlechter sorgen. Julie Dexter muss hierbleiben.“ Hofer nahm die nächste Mappe. „Arthur Jones. Ein waschechter Brite. Ebenfalls Ingenieur. Na, was will man mehr?“

„Aber er hat Familie“, warf Bill ein.

„Umso besser. Das lässt sich perfekt verkaufen. Sehen wir, was uns der letzte Stapel bringt.“

„Ein Deutsch-Italiener“, bemerkte Bill.

„Ja, das ist eine schön bunte Gruppe mit Michael Barnetti. Studierte Astronomie und Naturwissenschaften in Köln.“

„Und Raumfahrttechnik in Nürnberg.“

„Also mit diesen vier Leuten kann die Mission doch nur ein Erfolg werden.“ Er drückte Bill die vier Mappen vor die Brust. „Sehen sie zu, dass die wichtigsten Eckdaten an die Presseabteilung gehen. Morgen werden die Auserwählten bekannt gegeben.“

Bill stutzte. „Aber Herr Vorsitzender! Sollten wir nicht noch ein paar Eignungstests durchführen, um die Sozialkompetenz und die physische und psychische Belastbarkeits…“

Erneut unterbrach Hofer. Bill ärgerte sich schon längst nicht mehr über diese Unart. „Sie haben ja im Grunde Recht. Doch die Zeit reicht nicht mehr. Wir müssen darauf vertrauen, dass diese Leute miteinander klarkommen und sich professionell genug benehmen werden. Immerhin sind das alles erwachsene Menschen und hochgebildet. Das wird schon funktionieren. Wir haben ja im Zweifel drei Jahre, um sie ein wenig zu lenken. Und jetzt ab mit den Mappen zur Pressestelle.“

„Ja, Herr Vorsitzender.“ Bill deutete eine formelle Verbeugung an und verließ das Büro des Leiters der World Space Administration.

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