S2-25sm

Fragment 25

Eine neue Stadt


Es war nicht gerade das, was Lee sich vor Jahren in der Feldforschung vorgestellt hatte, doch nach den vergangenen zwölf Monaten war dies genau das Richtige für sie. An diesem Ort.
Babel bot alle Möglichkeiten, die man sich nur wünschen konnte. Eine nahezu autarke Stadt im Weltall und dazu fast unbegrenzte finanzielle Möglichkeiten, da das Prestigeprojekt des Schiffbaus der interstellaren Union und allen Erdregierungen mit enormen Zuschüssen gefördert wurde. Sogar die Marsregierung hatte es sich nicht nehmen lassen, einen Teil der Kosten zu tragen. Zudem wurden die Bauarbeiten an der neuen Schiffswerft abgeschlossen, und dem Bau der ersten beiden Forschungsfregatten in den kommenden Monaten stand nichts mehr im Weg. Immer mehr Menschen kamen zum Arbeiten und Forschen nach Babel.
„Wenn ich noch etwas für Sie tun kann, Misses Thuis, lassen Sie es mich wissen.“ Der Mann lächelte Lee freundlich an, gerade waren sie mit ihrer Projektbesprechung fertig geworden.
„Bitte nennen Sie mich Lee, Dr. Summers.“ Dabei unterließ sie es aber, ihn darüber aufzuklären, dass sie nicht verheiratet war.
„Gerne, dann darf ich Sie aber auch bitten, mich Andrew zu nennen.“ Lee nickte und freute sich. Dr. Summers war der Leiter des großangelegten Forschungsprojekts zur Vermessung der kleinteiligen Weltraumtrümmerpopulation auf der Transitstrecke zwischen Erde und Mars.
Lee hatte das Projekt dank ihres entwickelten Lasermessverfahrens schon ein gutes Stück vorwärtsbringen können. Sollte es so weitergehen, würde die dabei genutzte Vektorpeilung in die Steuerungssoftware der Schiffe übernommen werden. Jedoch lag das noch in weiter Ferne. Die Bauzeit der Schiffe war auf acht Jahre kalkuliert worden und Lee glaubte, dass man dabei noch sehr optimistisch gewesen war. Sie hatte während ihrer Reise auf dem Unionsschiff gelegentlich einen Blick auf die verschiedenen technischen Errungenschaften erhaschen können. Auch wenn sie nicht so sprachbegabt wie Alia war, wusste sie, dass man nicht ohne weiteres Erd- und Unionstechnologie kombinieren würde können.
„Aber sicher, Andrew.“, sagte Lee. Es war für sie ein kleines Wunder, dass sie sich mit Summers alleine in einem Raum aufhalten konnte, ohne dass sie in Angstschweiß ausbrach. Dennoch presste sie ihre Aufzeichnungen mit verschränkten Armen vor ihren Oberkörper wie einen Schutzpanzer.
„Sie scheinen keinerlei Schwierigkeiten damit zu haben, im Weltall zu leben, Miss … ich meine Lee. Aber sicher sind Sie nach so vielen Jahren auf Ihrer Reise daran gewöhnt.“ Lee wusste den Versuch zu schätzen, dass er Small Talk mit ihr halten wollte. Sie war noch nicht lange auf Babel und hatte bisher nur wenig Kontakt mit ihren Kollegen. Andrew war ein sympathischer Mensch und durchaus attraktiv, wenn auch vielleicht mit fast zwei Metern Körpergröße etwas groß. Lee musste immer zu ihm hochschauen.
„Ja, auch wenn ich Ihnen gestehen muss, dass ich den Großteil nicht miterlebt habe. Die meiste Zeit habe ich mich in Stasis befunden.“
„Naja, jedenfalls solange, bis Sie ein feindliches Schiff lahmgelegt haben, wenn man der Presse glauben will. Ich muss Ihnen gestehen, dass ich Ihre Geschichte sehr aufmerksam verfolgt habe. Ein richtiges Abenteuer!“ Andrew schaute sie mit großen Augen an und wartete wohl darauf, dass sie begann von ihrem ‚Abenteuer‘ zu erzählen.
„Ja…es war…es war sehr aufregend.“ Es war die Hölle gewesen. Nichts würde Lee lieber tun, als diese Reise für immer zu vergessen. „Babel und meine neuen Aufgaben stehen dem aber in Überhaupt nichts nach. Ich meine, immerhin ist letzte Woche fast ein Labor in die Luft geflogen!“ Ihre Stimme war hoch geworden, wie früher, wenn sie etwas spannend oder interessant fand.
„Oh ja. Wenn Sie ein Problem mit Explosionen haben, sollten Sie sich besser von gewissen Kollegen fern halten. Mache haben wirklich ein Händchen dafür, die Sicherheitsvorkehrungen der Station auszutesten.“ Beide lachten über den kleinen Scherz und Lee war froh, dass Andrew den Wink mit dem Themenwechsel verstanden hatte.
„Ich möchte nicht in der Haut des Stationskommandanten stecken.“ Lee hatte den Commander und den Kommandostab bei ihrer Ankunft vor ein paar Wochen kennengelernt.
„Ich auch nicht“, wieder lachte ihr Projektleiter. „Wie steht es mit Ihnen Lee? Ich könnte eine Tasse Tee vertragen.“
Lee wurde schlagartig übel. Unvermittelt schossen ihr Erinnerungen in Ihre Gedanken, die sie lange Zeit erfolgreich verdrängt hatte. „Danke, aber ich trinke keinen Tee“ Sie presste die Unterlagen noch fester an ihren Körper.
„Ich bin mir sicher, dass es auch Kaffee gibt. Oder trinken Sie auch keinen Kaffee?“ Andrew musterte sie von oben bis unten, was Lee noch nervöser werden ließ. Unbewusst ging sie einen Schritt nach hinten, um den Abstand zwischen Ihnen zu vergrößern. Zwar fühlte sie sich einerseits von der Einladung geschmeichelt und ein Teil von Ihr wollte ihm unbedingt näher kommen, doch allein der Gedanke an Nähe und körperliche Anziehung verursachte ihr ein nahezu unbeschreibliches Unbehagen, dem sie sich in diesem Moment nicht entziehen konnte. Es machte sie wütend und traurig zugleich, denn sie wusste, dass dies im Grunde nichts mit dem Mann zu tun hatte, der ihr auf sehr freundliche Weise ein Date angeboten hatte.
„Doch…doch, sicher. Aber leider, habe ich jetzt keine Zeit mehr.“ Lee ging zielstrebig in Richtung Tür, achtete aber sehr genau darauf, Andrew nicht näher zu kommen. „Vielleicht in ein anderes Mal“
„Lee, bitte warten Sie. Ich wollte Ihnen nicht zu nahetreten.“ Er ging einen Schritt auf sie zu, was sie nun panisch werden ließ. „Geht es Ihnen gut?“
„Andrew, bitte bleiben Sie da stehen, wo Sie sind.“ Lee zwang sich, ruhiger zu atmen. „Ich danke Ihnen für die Einladung, aber wie ich bereits sagte, vielleicht ein anderes Mal“ Lee wartete seine Antwort nicht mehr ab und verließ schnellen Schrittes den Besprechungsraum. Kaum war sie um die nächste Ecke gebogen, blieb Lee stehen und starrte auf ihre zitternden Hände. Und zum ersten Mal stieg neben der Angst auch Hass auf den Mann auf, der dafür verantwortlich war und dessen Gesicht sie wohl nie wieder vergessen würde. Kardas.

S2-20sm

Fragment 20

Eine neue Aufgabe

„Aaliyah, ich bitte dich. Die Einrichtung des Labors kann ein paar Tage warten.“
Zarah folgte ihr durch alle Räume des Hauses und insgeheim wusste Alia, dass ihre ehemalige Gouvernante recht hatte. Es tat keine Not, ihr Forschungslabor innerhalb der nächsten Stunden einzurichten, aber sie wollte es.
„Du musst mehr schlafen Kind!“
„Sag das nicht mir, sondern denen, welche die Nacht zum Tag machen.“ Im Gegensatz zu den letzten Nächten lagen die beiden Babys zufrieden in ihren Sitzen und schliefen tief, während um sie herum das Chaos herrschte. Es störte die Kinder nicht, dass ständig Leute an ihnen vorbeiliefen, etwas mit einem Krachen abstellten oder Alias Computer unangenehme piepende Signale von sich gaben.
„Du hast immer dann am tiefsten geschlafen, wenn ich das Haus sauber gemacht habe“, erklärte Zarah und strich dem Mädchen vorsichtig über die Stirn. Daraufhin zeigte sich ein kleines Lächeln im Gesicht, aber das Kind wachte nicht auf.
„Das waren sicher die Ausdünstungen der Putzmittel“, war Alias sarkastische Antwort. Dafür erntete sie einen strafenden Blick der älteren Frau. „Ben und Rhia schlafen, nur eben nicht nachts. Ich hoffe, dass sich der Schlafrhythmus in nächster Zeit dem meinem anpasst.“ Sie ging zu ihren Kindern und sah sie an. „Und solange trage ich sie eben nachts durchs Haus, bis sie wieder schlafen.“
„Ich weiß noch, dass dein Vater dich nachts stundenlang durch die Bibliothek getragen hat, wenn du einen Alptraum hattest. Solange, bis du nicht mehr geweint hast und er fast im Stehen eingeschlafen ist.“ Zarah bemerkte in dem Moment, als sie es aussprach, wie sich Alias Gesichtsmuskeln anspannten.
„Wenn du es sagst … Ich kann mich nur daran erinnern, dass der General kaum zuhause war.“ Alia hielt in ihrer Bewegung inne und starrte einen Moment abwesend ins Nichts. Sie erinnerte sich daran, wie es war, wenn er die wenigen Tage im Jahr in Luxor war. Sie und ihr Bruder wurden von einem Empfang zum nächsten geschleift, wurden vorgeführt wie Zuchtkälber, aber an einen liebevollen Umgang ... daran konnte sie sich nicht erinnern.
„Du hast dich von niemandem anderen beruhigen lassen, nicht mal David…“
„Ich will weder über David noch über Vater sprechen!“, fiel ihr Alia so laut ins Wort, dass ihr Sohn aufwachte und anfing zu weinen. „Kleiner Stern...“, vorsichtig nahm sie das nur ein paar Wochen alte Baby aus dem Sitz in ihre Arme, „... nicht weinen.“ Doch der kleine Kerl dachte nicht daran, sich beruhigen zu lassen, als Alia mit ihm durch den Raum lief. Aus Leibeskräften schrie er so laut, wie er konnte, bis schließlich seine Schwester durch das Gebrüll wach wurde und auch zu weinen begann.
„Rhia … nicht du auch noch...“ Das Drama von letzter Nacht schien sich fortzusetzen und zum wiederholten Male stellte sie sich die Frage, woher die Kinder diese Energie nahmen. Alia streichelte ihrer Tochter liebevoll über die Wange und tatsächlich hörte sie auf zu weinen. Stattdessen starrte das Kind ihre Mutter mit großen Augen an. „Kleine Sonne, du musst deinem Bruder nicht immer alles nachmachen.“
„Sitt, wo sollen die Tische und der ganze nutzlose Kram hin?“ Zwei ihrer Angestellten trugen die Möbel ins Haus.
„Bringt es in den Keller in den großen Raum. Die Tische an die Wand, unter die Holo-Wand und die Server in den großen Schrank. Gewöhne dir solche unnützen Phrasen ab, Selim. Davon ist nichts nutzlos.“
„Schon gut, lass mich das machen.“ Zarah hatte ihr das Kind abgenommen, das immer noch lauthals schrie und ging mit ihm in einen anderen Raum. „Richte dein Labor ein. Es sind nur noch wenige Wochen, bis du deine neue Stelle antrittst.“ sagte sie etwas lauter, um Ben zu übertönen, der nicht sehr glücklich darüber war, dass man ihn in ein anderes Zimmer brachte.
„Ich kann es kaum erwarten.“ Alia strahlte über das gesamte Gesicht. „Auch wenn mir erst einmal eine Menge Papierkram bevorsteht.“ Sie war zu ihrer ehemaligen Gouvernante gegangen und nahm ihren Sohn wieder auf den Arm, der sich langsam beruhigte.
„Nun, als Leiterin der Antikenbehörde wird das nie abreißen. Aber wenigstens kannst du selbst noch etwas in die Feldforschung gehen, wenn du dich eingearbeitet hast.“ Zarah blieb stehen und schaute Alia durchdringend an.
„Nein, Zarah, nicht das Thema.“ Ihre Stimmung hatte sofort umgeschlagen und ihre Stimme klang wie ein Peitschenhieb.
„Aber Aliayah, die Kinder brauchen einen Vater und du einen Partner“, versuchte sie, das Thema aufzugreifen, welches jedes Mal im Streit endete.
„Für was? Dass er sie lautstark rügt, wenn sie keine Höchstleistungen in der Schule erzielen? Dass er sie in der größten Not mittellos aus dem Haus wirft? Das ich 50 Wochen im Jahr auf ihn warte?“ Alia drehte sich wütend um. „Nein, Zarah. Ich habe dir gesagt, dass ich mich auf den falschen Mann eingelassen habe. Er will Karriere machen, dabei stören ihn Kinder. Und ich auch.“ Sie ging zu Zarah und nahm ihr das schreiende Baby aus dem Arm.
„Du machst auch Karriere, Kind. Das ist kein Argument.“
„Doch, ist es! Und damit ist die Diskussion ein für alle Mal beendet, Zarah! Das ist mein Leben und ich entscheide, was für die Kinder und mich das Beste ist, hast du verstanden? Wenn es dir nicht passt, steht es dir frei, dir eine andere Stelle zu suchen.“ Damit drehte sich Alia mit Ben auf dem Arm wütend um, nahm den Tragesitz ihrer Tochter und verschwand in ihrem halbfertigen Labor.

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Lesung in Darmstadt

Im Dezember 2018 war ich zu Gast beim Science-Fiction-Stammtisch Darmstadt und gab einige Auszüge aus Kolonie 85 – Der Aufbruch zum Besten. Mit mehr als 30 Besuchern war die Lesung wirklich gut besucht, ich würde sagen, der Heimvorteil hat was gebracht .

Neben ganz vielen und schönen Gesprächen durfte ich auch noch einige Bücher signieren. Interessanterweise kamen einige Leser zu mir und meinten Anspielungen zu uns inspirierenden Serien und Filmen gefunden zu haben … Nun, wir haben hier und da sicher einen kleinen Gag eingebaut, aber nicht alles was „gefunden“ wurde, war bewusst von uns geschrieben worden. Aber für mich war es sehr unterhaltsam, dass andere Dinge gefunden haben, die ich noch gar nicht verloren hatte :-D.

An dieser Stelle nochmal ein Herzliches Dankeschön an Birgit Fischer, Thorsten Reinhardt und Roger Murmann als Orga des Science-Fiction-Stammtisch Darmstadt für die Einladung.

Weitere Infos zum Stammtisch gibt es auf www.sftd-online.de, auf Facebook und Twitter.

Fotos: Timo Christiansen

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