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Fragment 26

Fragment 26 – Blaupausen „Was soll das, verdammt nochmal? Ich habe keine Zeit für diesen Unfug!“ Schnellen Schrittes ging Mavis neben der fluchenden Heqet die Flure der Barrafranca entlang und versuchte, durch ihre Kraftausdrücke zu ihr durchzudringen. „Liebling, wenn du mich einmal ausreden lassen würdest, dann könnte ich dir …“ Abrupt blieb sie stehen und funkelte ihn an. „Was? Was könntest du mir dann? Na?“ „Jetzt hör doch mal zu, ich …“ „Du kannst mich mal! Das kannst du. Und zwar gewaltig.“ Sie setzte ihren Gang fort und Mavis trabte hinterher. Es war nicht einfach mit ihr, das wusste er, doch in letzter Zeit benahm sie sich immer ungehobelter, war mürrisch und halsstarrig. Wäre er nicht ihr Lebenspartner, hätte er es sicher leichter gehabt. Manchmal schien es ihm sogar, als würde sie bei ihm erst recht keine Rücksicht nehmen. „Die Arbeit ist wichtig, Heqet und wir brauchen jemanden, der die Sache beaufsichtigt.“ „Pah!“ Der Weg führte sie zum Aufzug, vor dem sie stehen bleiben mussten. Ihre Hand schlug mehrmals auf das Sensorfeld. „Hör mal, wenn du dich bereit erklärst, die Konstruktionsphase zu begleiten, dann wird dir das Kommando über eine der Ernteplattformen zugestanden werden.“ „Über welche denn? Vielleicht Hod? Oder Yesod? Die Dinger die irgendwo platziert werden, in der Hoffnung, dass sie überhaupt irgendetwas ernten?“ Die Aufzugstür öffnete sich und beide traten hinein. Bevor Mavis an das Sensorfeld herankam, hatte sie bereits das Piktogramm für die Konferenzebene betätigt. „Ich rede hier von der Netzach“, antwortete er schließlich und beobachtete sie. Ihr Blick traf ihn und er erkannte, dass Sie damit nicht gerechnet hatte. „Dein Ernst? Die Netzach?“ „Die Netzach!“ „Das wir das Prestigeobjekt schlechthin. Die größte Auslastung aufgrund der hohen Salzdichte im Toten Meer. Die geologischen Reporte schwärmen geradezu von den Möglichkeiten. Und du glaubst wirklich, dass Taisod diese Chance einer kleinen, aufmüpfigen Dalash wie mir überlassen wird? Träum weiter, du Idiot!“ Erneut öffneten sich die Türen des Aufzugs. Das Display der Sensorplattform zeigte an, dass Sie sich nunmehr auf der Konferenzebene befanden. „Du wirst es ja gleich selbst hören, wenn wir an der Besprechung teilnehmen. Aber du solltest dich in Gegenwart vom Mazan lieber zurückhaltender äußern, wenn du dir die Chance auf die Netzach nicht verspielen willst.“ „Ach, verschone mich doch mit deinem albernen Getue. Der Mazan kocht auch nur mit Wasser und ich sehe nicht, dass er mich tatsächlich auf der Netzach haben will. Er ist doch nur ein …“ Weiter kam Sie nicht, denn kurz vor dem Konferenzraum begegneten sie dem Mazan persönlich, der Heqet mit neugierigem Blick musterte. „Was bin ich nur, Dalash Heqet Shifrin?“ „M … Mazan?!“ „Na super“, kommentierte Mavis ächzend. „Sie sind ja nicht gerade zu überhören, Dalash. Dass Sie ein loses Mundwerk haben, ist mir ja nun auch schon seit längerem bekannt. Wenn Ihnen aber die Aussicht auf eine solche Chance dargeboten wird, wundert es mich, dass Sie das einfach so beiseite wischen wollen.“ „Nein, so ist das nicht, mein Mazan. Ich dachte nur, dass …“ „Ja?“ Hilfesuchend sah sie sich nach Mavis um, doch er konnte ihr nur ein Schulterzucken zuwerfen. „Verdammt! Mazan, ich kann nicht glauben, dass Sie mir die Netzach anvertrauen wollen. Ich bin Soldat und keine Schichteinteilerin, oder was immer Sie da benötigen.“ Taisod sah sie mit ernstem Blick an. „Seit wann ist der offizielle Gruß eines Vorgesetzten eigentlich – Verdammt! Mazan?“ Mavis konnte sehen, wie Ihr die Schamesröte ins Gesicht stieg. Das kam selten vor und insgeheim genoss er es sogar ein wenig. Der Mazan kam einen Schritt näher. „Hören Sie zu, Dalash. Was ich brauche, ist jemand, der sich durchsetzen und seinen Trupp zu Höchstleistungen anspornen kann. Der Bau der Ernteplattformen wird voraussichtlich drei Jahre in Anspruch nehmen, ehe sie vollkommen einsatzbereit sind. Wenn man dann noch die schwerfällige Bürokratie der Erde in Betracht zieht, werden daraus wohl eher vier Jahre. Wir müssen also das Beste aus der Situation machen und ich habe leider niemanden, auf den ich Sie mit einem Gewehr im Anschlag hetzen kann. Also reißen Sie sich zusammen und stellen sich der neuen Herausforderung. Tauschen Sie ihr Gewehr gegen die Blaupausen der Ernteplattformen und machen Sie diese zu ihrer Braut!“ Taisod hielt kurz inne. Offenbar merkte er erst jetzt, dass er einem alten Soldatenklischee aufgesessen war. „Meinetwegen auch zu ihrem Mann, oder was auch immer. Auf jeden Fall verlange ich von Ihnen mehr Disziplin und Führungsstärke. Haben wir uns verstanden?“ „Ja, mein Mazan“, antwortete sie, ohne zu zögern. Mavis registrierte, dass Sie plötzlich stramm stand. „Sie werden mit der Angelegenheit sehr lange beschäftigt sein. Erwarten Sie nicht, dass Sie das hier schnell über die Bühne bringen können. Und dass Ihnen jemand in den nächsten Jahren anerkennend auf die Schulter klopfen wird, können Sie sich auch abschminken. Sie werden unbeachtet und im Stillen den Bau kontrollieren und absichern. Dafür sorgen, dass die richtigen Leute zur richtigen Zeit an der richtigen Stelle sind. Ich brauche ihren taktischen Verstand. Und um ehrlich zu sein, ziehen Sie mit ihrer schlechten Laune meine Mannschaft zu sehr in den Keller. Also stellen Sie sich dieser Herausforderung und sie bekommen das Kommando über die Netzach.“ „In vier Jahren?“ Wieder ein prüfender Blick von Taisod. „Wenn Sie sich zusammenreißen und Ihren Job unauffällig bewerkstelligen. Jetzt kommen Sie mit! Die Konferenz hat schon begonnen.“

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Fragment 20

Eine neue Aufgabe

„Aaliyah, ich bitte dich. Die Einrichtung des Labors kann ein paar Tage warten.“
Zarah folgte ihr durch alle Räume des Hauses und insgeheim wusste Alia, dass ihre ehemalige Gouvernante recht hatte. Es tat keine Not, ihr Forschungslabor innerhalb der nächsten Stunden einzurichten, aber sie wollte es.
„Du musst mehr schlafen Kind!“
„Sag das nicht mir, sondern denen, welche die Nacht zum Tag machen.“ Im Gegensatz zu den letzten Nächten lagen die beiden Babys zufrieden in ihren Sitzen und schliefen tief, während um sie herum das Chaos herrschte. Es störte die Kinder nicht, dass ständig Leute an ihnen vorbeiliefen, etwas mit einem Krachen abstellten oder Alias Computer unangenehme piepende Signale von sich gaben.
„Du hast immer dann am tiefsten geschlafen, wenn ich das Haus sauber gemacht habe“, erklärte Zarah und strich dem Mädchen vorsichtig über die Stirn. Daraufhin zeigte sich ein kleines Lächeln im Gesicht, aber das Kind wachte nicht auf.
„Das waren sicher die Ausdünstungen der Putzmittel“, war Alias sarkastische Antwort. Dafür erntete sie einen strafenden Blick der älteren Frau. „Ben und Rhia schlafen, nur eben nicht nachts. Ich hoffe, dass sich der Schlafrhythmus in nächster Zeit dem meinem anpasst.“ Sie ging zu ihren Kindern und sah sie an. „Und solange trage ich sie eben nachts durchs Haus, bis sie wieder schlafen.“
„Ich weiß noch, dass dein Vater dich nachts stundenlang durch die Bibliothek getragen hat, wenn du einen Alptraum hattest. Solange, bis du nicht mehr geweint hast und er fast im Stehen eingeschlafen ist.“ Zarah bemerkte in dem Moment, als sie es aussprach, wie sich Alias Gesichtsmuskeln anspannten.
„Wenn du es sagst … Ich kann mich nur daran erinnern, dass der General kaum zuhause war.“ Alia hielt in ihrer Bewegung inne und starrte einen Moment abwesend ins Nichts. Sie erinnerte sich daran, wie es war, wenn er die wenigen Tage im Jahr in Luxor war. Sie und ihr Bruder wurden von einem Empfang zum nächsten geschleift, wurden vorgeführt wie Zuchtkälber, aber an einen liebevollen Umgang ... daran konnte sie sich nicht erinnern.
„Du hast dich von niemandem anderen beruhigen lassen, nicht mal David…“
„Ich will weder über David noch über Vater sprechen!“, fiel ihr Alia so laut ins Wort, dass ihr Sohn aufwachte und anfing zu weinen. „Kleiner Stern...“, vorsichtig nahm sie das nur ein paar Wochen alte Baby aus dem Sitz in ihre Arme, „... nicht weinen.“ Doch der kleine Kerl dachte nicht daran, sich beruhigen zu lassen, als Alia mit ihm durch den Raum lief. Aus Leibeskräften schrie er so laut, wie er konnte, bis schließlich seine Schwester durch das Gebrüll wach wurde und auch zu weinen begann.
„Rhia … nicht du auch noch...“ Das Drama von letzter Nacht schien sich fortzusetzen und zum wiederholten Male stellte sie sich die Frage, woher die Kinder diese Energie nahmen. Alia streichelte ihrer Tochter liebevoll über die Wange und tatsächlich hörte sie auf zu weinen. Stattdessen starrte das Kind ihre Mutter mit großen Augen an. „Kleine Sonne, du musst deinem Bruder nicht immer alles nachmachen.“
„Sitt, wo sollen die Tische und der ganze nutzlose Kram hin?“ Zwei ihrer Angestellten trugen die Möbel ins Haus.
„Bringt es in den Keller in den großen Raum. Die Tische an die Wand, unter die Holo-Wand und die Server in den großen Schrank. Gewöhne dir solche unnützen Phrasen ab, Selim. Davon ist nichts nutzlos.“
„Schon gut, lass mich das machen.“ Zarah hatte ihr das Kind abgenommen, das immer noch lauthals schrie und ging mit ihm in einen anderen Raum. „Richte dein Labor ein. Es sind nur noch wenige Wochen, bis du deine neue Stelle antrittst.“ sagte sie etwas lauter, um Ben zu übertönen, der nicht sehr glücklich darüber war, dass man ihn in ein anderes Zimmer brachte.
„Ich kann es kaum erwarten.“ Alia strahlte über das gesamte Gesicht. „Auch wenn mir erst einmal eine Menge Papierkram bevorsteht.“ Sie war zu ihrer ehemaligen Gouvernante gegangen und nahm ihren Sohn wieder auf den Arm, der sich langsam beruhigte.
„Nun, als Leiterin der Antikenbehörde wird das nie abreißen. Aber wenigstens kannst du selbst noch etwas in die Feldforschung gehen, wenn du dich eingearbeitet hast.“ Zarah blieb stehen und schaute Alia durchdringend an.
„Nein, Zarah, nicht das Thema.“ Ihre Stimmung hatte sofort umgeschlagen und ihre Stimme klang wie ein Peitschenhieb.
„Aber Aliayah, die Kinder brauchen einen Vater und du einen Partner“, versuchte sie, das Thema aufzugreifen, welches jedes Mal im Streit endete.
„Für was? Dass er sie lautstark rügt, wenn sie keine Höchstleistungen in der Schule erzielen? Dass er sie in der größten Not mittellos aus dem Haus wirft? Das ich 50 Wochen im Jahr auf ihn warte?“ Alia drehte sich wütend um. „Nein, Zarah. Ich habe dir gesagt, dass ich mich auf den falschen Mann eingelassen habe. Er will Karriere machen, dabei stören ihn Kinder. Und ich auch.“ Sie ging zu Zarah und nahm ihr das schreiende Baby aus dem Arm.
„Du machst auch Karriere, Kind. Das ist kein Argument.“
„Doch, ist es! Und damit ist die Diskussion ein für alle Mal beendet, Zarah! Das ist mein Leben und ich entscheide, was für die Kinder und mich das Beste ist, hast du verstanden? Wenn es dir nicht passt, steht es dir frei, dir eine andere Stelle zu suchen.“ Damit drehte sich Alia mit Ben auf dem Arm wütend um, nahm den Tragesitz ihrer Tochter und verschwand in ihrem halbfertigen Labor.

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Fragment 16

Die Chance

„Don, das kann doch nicht dein Ernst sein!“, schrie Maggie aufgebracht. „Wie stellst du dir das eigentlich vor?“ Das Gesicht seiner Frau war feuerrot und sie hatte Tränen vor Wut in ihren blauen Augen.
„Maggie, bitte jetzt beruhige dich erst mal.“ Er hatte gedacht sie wäre über die Nachricht, vom Mars wegzukommen, begeistert. Seit sie vor sechs Jahren geheiratet hatten, lag sie ihm in den Ohren, dass er sich auf einen anderen Posten, weg von der Erdkolonie versetzen lassen sollte. Und jetzt, nachdem er diese einmalige Chance bekommen hatte, auf Babel seine erste Kommandostelle anzutreten, schmetterte sie ihm Vorwürfe an den Kopf.
„Mich beruhigen? Don, kannst du mir mal sagen, wie das funktionieren soll? Die haben da noch nicht einmal eine schulische Einrichtung. Da gibt es nur Bauarbeiter und vielleicht ein paar Militärangehörige. Dort willst du Liza aufwachsen lassen? Zwischen Dockarbeitern auf einer Baustelle?“, schrie sie ihn wieder an. „Soll ich den ganzen Tag in einem kleinen Kabuff sitzen und dann darauf warten, dass der Commander irgendwann nach Hause kommt und ich ihm dann das Abendessen auftischen darf?“
„Wenn du mich mal ausreden lassen würdest, könnte ich es dir sagen, verdammt!“, gab er aggressiv zurück. Er verstand ja durchaus, dass es nicht das war, was sich seine Frau vorgestellt hatte, aber es war ein Anfang. „Hör zu …“, fuhr er gemäßigter fort. „Ja, du hast recht, die Station befindet sich noch im Ausbau. Die neue Werft wird um einiges größer als die bisherige. Das dauert sicher noch etwas, aber in drei Monaten schickt die WSA schon die ersten Wissenschaftler hoch. Die bringen auch alle ihre Familien mit, immerhin ist es als 10-Jahres-Projekt angelegt. Die Schiffswerften sind Babel angegliedert. Es wird eine richtige Stadt im Weltall. Man plant eine schulische Einrichtung und genauso werden sie auch noch die Krankenstation fertigstellen. Wir bekommen hier eine ganz große Chance.“ Don drehte sich zu seiner Frau um und nahm sie bei den Schultern, bevor sie etwas erwidern konnte. „Und die WSA sucht immer noch ziviles Personal für die Station. Sie können sicher dort jemanden mit deinen Fähigkeiten gebrauchen, Liebling.“
„Mach dich nicht lächerlich, Don. Meinst du, die WSA hat nicht genug eigene Leute, die eine Quartierlogistik durchführen können? Du weißt genau, dass es so gut wie unmöglich ist, dass ich den Job bekomme. Die WSA stellt keine Marsianer ein.“ Etwas ungeschickt befreite sie sich aus Dons Griff. „Sie haben dir die Versetzung nur angeboten, weil es sonst niemand machen will. Es ist jeden Tag in den Nachrichten, dass nichts auf Babel funktioniert und alles viel mehr Geld kostet, als sie ursprünglich geplant hatten. Die wollen dich nur abschieben.“ Maggie hatte in den Kommentaren der Nachrichten gehört, dass man einen Kommandanten vom Mars einsetzen würde. Dass aber ausgerechnet ihr Mann diese Totgeburt zum Leben erwecken sollte – die dazu Unsummen verschlang, die auf dem Mars an allen Ecken und Enden fehlten – war für sie unbegreiflich.
„Das haben sie vor fünfzig Jahren auch über den Mars gesagt.“ Donald verstand seine Frau nicht. Erkannte sie nicht, welche Möglichkeiten sie mit dieser Versetzung geboten bekamen? Sie könnten endlich vom Mars weg und nach ein paar Jahren Dienst auf der Station war es sicher kein Problem, eine Stabsstelle auf der Erde zu erhalten. Es würde nur ein paar Jahre dauern. „Und außerdem habe ich mich dafür ausgesprochen, dass Charlie einen Job dort bekommt. Bitte Margret, schlaf wenigstens eine Nacht darüber.“
„Nein! Ich werde dich nicht auf diesen Schrotthaufen im Weltall begleiten und zusehen, wie unsere Tochter deswegen schlechtere Chancen im Leben erhält, als sie bereits jetzt hat.“ Maggie schnappte sich ihre Tasche. „Und schon gar nicht, wenn du diesen Junkie mit im Schlepptau hast.“ Sie schien etwas in ihrer Handtasche zu suchen und funkelte ihn erbost an.
Als Don ansetzte, Charles zu verteidigen, hob seine Frau abwehrend die Hände. „Nicht wieder die alte Leier. Ich weiß, dass er zur Zeit clean ist. Aber für wie lange? Würdest du ihm Lizas Leben anvertrauen? Denn genau das tust du, wenn du mit uns auf diese Station gehen willst.“
„Natürlich würde ich das. Sonst hätte ich ihn nie für die Stelle des Sicherheitschefs vorgeschlagen, Maggie! Er ist ein guter Mann und er macht seinen Job.“
„Ja, aber nur, wenn er keine White-Strike-Nadel im Arm stecken hat.“ Sie kannte Charlie genauso lange, wie sie ihren Mann kannte und wusste, dass Charles Germain mehr als einmal einen Entzug hinter sich gebracht hatte. Bei zweien hatte sie ihn gemeinsam mit Donald sogar unterstützt. Oft genug hatte er beteuert, dass er nie wieder Drogen anrühren würde, aber er war immer wieder rückfällig geworden. Sie glaubte einfach nicht daran, dass er es diesmal schaffen würde.
„Ich hole Liza von der Schule ab und besuche dann meine Eltern.“ Kurz bevor sie das Quartier auf dem Militärstützpunkt inmitten der Amazonis Planitia verließ, drehte sie sich noch mal um und schaute ihren Mann an. „Es liegt an dir, Don. Wenn du meinst, die Versetzung annehmen zu müssen, dann tu es. Aber Liza und ich werden dich nicht begleiten.“
„Maggie … Warte … Lass uns darüber reden …“
Doch sie verließ das gemeinsame Quartier, ohne ein weiteres Wort.

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Fragment 15

Der Traum der Menschheit

Die Voyager. Der Stolz des Raumfahrtprogramms der World Space Administration war endlich im Begriff, ihre große Reise anzutreten. Auf der Aussichtsplattform der Raumstation Babel hatten sich alle Vertreter der sieben Weltregierungen sowie der Repräsentant der Marskolonie zusammengefunden, um dem Vorsitzenden der WSA bei seiner Ansprache zuzuhören und dem Start des Raumschiffs beizuwohnen.
Bevor der offizielle Teil begann, wurden Sektgläser und kleine Snacks gereicht, um allen Anwesenden die Wartezeit zu verkürzen, während die Crew der Voyager alle Systeme des Schiffs gründlich überprüfte. Ein Fehler würde die gesamte Mission gefährden.
„Sagen Sie, Präsidentin Callao, haben Sie sich oder vielmehr die Regierung des Inka-Territoriums inzwischen mit der Frage der Abbaurechte beschäftigt?“ Herman Zettler, Präsident der Nordamerikanischen Union trat näher an die schlanke Frau heran.
„Wollen Sie dieses Thema jetzt anschneiden?“
Er hob das Glas. „Warum nicht? Die Gelegenheit ist günstig und wir warten hier sowieso nur. Es würde mich interessieren …“
„Ich kann mir sehr gut vorstellen, was Sie interessiert. Es muss zu verlockend sein. Rohstoffe auf dem Mond, auf dem Mars und vielleicht auch auf Proxima Centauri b. Nicht wahr?“ Sie lächelte ihn an, doch es lag keine Freundlichkeit darin. „Aber so weit wollen Sie ja gar nicht. Wo doch Mittelamerika quasi Ihr Hinterhof ist.“
„Diese Ansicht ist doch antiquiert, werte Präsidentin.“
„Aber trotzdem zutreffend. Die Durango 400 Grenzlinie stört Sie doch schon lange. Und hätten sich sämtliche Einzelstaaten in Mittel- und Südamerika nicht zum Inka-Territorium zusammengeschlossen, wären Sie sicher schon bis Panama vorgedrungen.“
„Hören Sie auf, verdammt!“
Irritierte Blicke trafen die Zwei. Zettler lächelte höflich, was dazu führte, dass das Interesse an den beiden Streitenden nach einigen Sekunden wieder nachließ.
„Sie haben Recht, ja. Wir benötigen die Rohstoffe. Wir sind der industrielle Teil von Amerika. Was will das Inka-Territorium schon mit den Schürfrechten anfangen? Und das obendrein auf dem Mond oder dem Mars?“
Ein weiterer Mann war dazugekommen und mischte sich ein. Er war Mitte vierzig und wirkte eher unscheinbar. „Entschuldigen Sie, aber wenn Sie schon von Schürfrechten auf dem Mars sprechen, verehrter Präsident Zettler, dann sollte doch die Kolonialverwaltung des Planeten ganz offiziell hinzugezogen werden.“
Zettler wandte sich um. „Mister Jamaal ibn Gafur. Messen Sie Ihrer Position als Verwalter der Marskolonie nicht zuviel Bedeutung zu. Das werden wir sicher machen, wenn es soweit ist.“
Der Mann deutete eine Verbeugung an. „Es freut mich, dass Sie sich an meinen Namen erinnern. Aber bevor Sie sich mit Präsidentin Callao um die Schürfrechte auf dem Mars streiten, würde ich dreierlei vorschlagen. Erstens, dass Sie sich erst einmal mit dem Lunarabkommen einig werden. Zweitens, dass Sie nicht vergessen, dass der Mars inzwischen eine eigene Verwaltung hat. Und drittens, dass wir uns jetzt alle auf den Start der Voyager konzentrieren. Denn dafür sind wir hier.“
„Sie sind ein verdammter Klugscheißer“, wetterte Zettler, während Callao sich zurückzog. „Ihre Verwaltung ist von den amerikanischen Versorgungslieferungen abhängig. An Ihrer Stelle würde ich mich nicht zu weit aus dem Fenster lehnen.“
„Auf dem Mars ist dies ohnehin keine gute Idee.“
„Wie bitte?“
„Die mit dem Fenster.“ Jamaal ibn Gafur deutete auf die Voyager, die über das Panoramafenster von der Aussichtsplattform aus in voller Größe zu sehen war.
Als Zettler bemerkte, dass sich nunmehr alle Aufmerksamkeit auf die Voyager richtete, beließ er es dabei.
Hofer trat unterdessen an das Rednerpult, das etwas seitwärts stand, so dass man sowohl ihn, als auch das Raumschiff problemlos sehen konnte.
Fünfzehn Meter hoch und insgesamt etwa vierzig Meter breit. Die Konturen waren geschwungen, fast, als wäre sie ein Vogel, der seine Flügel ausbreitete, um die Weiten des Alls zu erforschen. Die Voyager war in diesem Moment ein beeindruckender Anblick von eleganter Schönheit.
„Ladies and Gentlemen, meine Damen und Herren. Der Moment ist gekommen, um bei diesem historischen Augenblick dabei zu sein“, Hofer begann seine Ansprache, während sich die Voyager langsam aus dem Raumdock löste. „Seit Jahrhunderten strebt der Mensch nach dem Unerforschten. Er fragte sich stets, was hinter dem nächsten Hügel liegen mochte. Hinter dem See, dem hohen Berg oder hinter dem Ozean? Was mochte auf den Menschen auf dem Mond oder dem Mars warten? In unserem Sonnensystem?
Nach all diesen Erfahrungen streben wir nun nach einem weiteren Schritt. Was erwartet uns im benachbarten Sonnensystem Alpha Centauri?“ Er sah sich um, sah kurz auf die Voyager, die sich nunmehr halb gedreht hatte und jetzt in voller Länge zu sehen war. Achtzig Meter. Zettler war beeindruckt und stellte fest, dass es den Anderen ebenso erging.
„Wir wissen, dass Alpha Centauri ein Dreigestirn ist und wir wissen, dass ein Planet um eine der Sonnen kreist. Proxima Centauri b.
Nach unseren Einschätzungen könnte dieser Planet eine zweite Erde sein. Ein sogenannter Exoplanet. Und wie es unsere Vorfahren immer gehandhabt hatten, so wollen auch wir jetzt, an der Schwelle zu neuer Erkenntnis stehend, unserem Wissensdrang nachgeben und eine tapfere Mannschaft ausschicken, um dieses weite Ziel zu erforschen und dort eine erste Station für uns, für die Menschheit zu bauen. Ganz in der Tradition von Männern wie Leif Eriksson, Christoph Kolumbus, Nikolaus Kopernikus, Neil Armstrong und James Sheridan werden vier junge Menschen aus allen Teilen der Erde einen lang gehegten Traum der Menschheit erfüllen. Alexandra Scott, Leandra Thuis, Arthur Jones und Michael Barnetti werden stellvertretend für die gesamte Menschheit nach den Sternen greifen.“
Das Schiff schob sich seitwärts von Babel weg, damit der Antrieb gefahrlos gezündet werden konnte. Die Anwesenden wurden im Vorfeld ausreichend auf die Prozedur vorbereitet. Zettler wollte sicherstellen, dass dadurch eine Panik vermieden wird, sobald die riesigen Triebwerke direkt am Panoramafenster der Aussichtsplattform vorbeizogen.
„Innerhalb der WSA wurde über die Namensgebung dieses Schiffs diskutiert und der Favorit war, es ‚Voyager 3‘ zu nennen. Als Hommage an die Pioniere der Raumfahrt und den beiden Voyager-Sonden der ehemaligen NASA. Wir entschlossen uns aber dazu, unsere eigene Geschichte über die Reisen im Weltraum zu schreiben und haben aus diesem Grund die Ziffer hinter dem Namen gestrichen. Die Hommage dürfte damit dennoch erkennbar sein, doch diese ‚Voyager‘ ist die erste ihres Namens, die für die World Space Administration die Weiten des Weltraums erkunden wird.
Wünschen Sie dem Schiff und der Crew eine gute Reise. Wir werden sehr lange nichts von ihnen hören.“
Genau in diesem Moment zündete die Voyager ihre Triebwerke. Man sah es, doch entgegen aller Erwartung, war nichts zu hören. Zettler kannte dieses Phänomen. Das All konnte keine Schallwellen übertragen und so erschien es, als würde der Antrieb das Schiff lautlos von der Raumstation wegschieben.
„Raumstation Babel, hier ist Michael Barnetti und die Crew der Voyager. Hören Sie mich?“
Zettler bewunderte Hofer in diesem Moment für sein geschicktes Agieren. Hier wurde ganz bewusst ein Moment geschaffen, der Gänsehaut garantierte.
„Hier ist Juan Hofer an Bord der Raumstation Babel. Bitte sprechen Sie.“
„Raumstation Babel. Alle Systeme arbeiten einwandfrei. Wir werden jetzt unseren Kurs nach Alpha Centauri aufnehmen und uns bald in die Stasiskammern begeben. Ich wurde von der Crew darum gebeten, euch alle zu grüßen.“
„Hofer hier. Vielen Dank. Bitte richten Sie der Crew aus, dass wir alle sehr stolz auf Sie sind.“
„Sie haben es gehört und freuen sich auf diese Mission. Wir werden den Traum der Menschheit mit uns tragen.“
„Guten Flug Ihnen allen. Wir werden die SatKom-Anlage regelmäßig abhören.“
„Vielen Dank, Babel. Barnetti für die Voyager. Ende.“
Immer schneller entfernte sich das Schiff, bis nur noch ein kleiner blauer Punkt zu sehen war, der sich kaum von den Sternen abhob. Zettler sah der Voyager so lange er konnte nach und fragte sich, ob er die Mannschaft und das Schiff jemals wieder sehen würde.

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Lesung in Darmstadt

Im Dezember 2018 war ich zu Gast beim Science-Fiction-Stammtisch Darmstadt und gab einige Auszüge aus Kolonie 85 – Der Aufbruch zum Besten. Mit mehr als 30 Besuchern war die Lesung wirklich gut besucht, ich würde sagen, der Heimvorteil hat was gebracht .

Neben ganz vielen und schönen Gesprächen durfte ich auch noch einige Bücher signieren. Interessanterweise kamen einige Leser zu mir und meinten Anspielungen zu uns inspirierenden Serien und Filmen gefunden zu haben … Nun, wir haben hier und da sicher einen kleinen Gag eingebaut, aber nicht alles was „gefunden“ wurde, war bewusst von uns geschrieben worden. Aber für mich war es sehr unterhaltsam, dass andere Dinge gefunden haben, die ich noch gar nicht verloren hatte :-D.

An dieser Stelle nochmal ein Herzliches Dankeschön an Birgit Fischer, Thorsten Reinhardt und Roger Murmann als Orga des Science-Fiction-Stammtisch Darmstadt für die Einladung.

Weitere Infos zum Stammtisch gibt es auf www.sftd-online.de, auf Facebook und Twitter.

Fotos: Timo Christiansen

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Fragment 11

Dunkelheit. Tiefschwarze Dunkelheit. Und Stille. Totenstille. Als Astronaut weiß man, dass es nur diese beiden Attribute benötigt, um das All zu beschreiben. Das unendliche, tiefschwarze und totenstille Weltall. Und mittendrin werden die Astronauten nur durch eine dünne Hülle eines kleinen Schiffes vor dem Nichts bewahrt. Eine Hülle gefüllt mit Sauerstoff, Licht und Leben. Doch fünf Jahre lang wird es ein Paradoxon geben. Denn innerhalb dieser Hülle voller Sauerstoff, Licht und Leben werden vier Kammern sein, die hermetisch abgeriegelt nur jeweils drei Dinge beherbergen. Einen Astronauten, tiefschwarze Dunkelheit und Totenstille. Ein grünes Blinken zog Mike aus seinen Gedanken. Die Kälteschlafkammer war im Begriff sich wieder zu öffnen und den Test damit abzuschließen. Mit einem zischenden Geräusch hob sich die Front hoch und Mike erkannte seine drei Crewmitglieder, wie sie um die Testkammer herum standen und ihn erwartungsvoll ansahen. „Es stimmt nicht“, sagte er dann und erntete verwunderte Blicke. „Was? Was stimmt nicht? Was meinst du?“ Lee war die Erste, die bei ihm stand und ihn mit ihren Fragen löcherte. „Sauerstoff. Da ist gar kein Sauerstoff.“ „Was? Das kann nicht sein. Sie waren eine Stunde in der Testkammer. Ohne Sauerstoff hätte es eine Alarmmeldung gegeben. Sie irren sich.“ Der Ingenieur rannte zur Kontrolleinheit der Kälteschlafkammer, zog ein Messgerät aus seinem weißen Kittel, um die Testwerte auszulesen. „Nein“, Mike musste seine Gedanken sortieren. „Es war anzunehmen, dass die Kammern bei den Testläufen Fehlfunktionen aufweisen“, kommentierte Alia arrogant, während Arthur dem Ingenieur über die Schulter sah. Einen Moment später antwortete er: „Die Kammer funktioniert einwandfrei. Mike muss sich geirrt haben.“ „Nicht die Kammer“, murmelte dieser und schüttelte dabei den Kopf, als könnte er seine Gedanken dadurch ordnen. „Das Paradoxon.“ „Das Paradoxon?“ Lee sah ihn neugierig an. „Was meinst du damit?“ „Ich … bäh, was ist das für ein Geschmack?“ Der Ingenieur steckte sein Messinstrument wieder ein und legte Mike dann eine Hand auf die Schulter. „Das kann und wird vorkommen. Wenn Sie nach fünf Jahren aufwachen, werden Sie einen schrecklichen Geschmack im Mund haben und Ihnen werden die Muskeln die erste Zeit versagen. Möglicherweise werden Sie mit schwachen bis mittelschweren Kreislaufproblemen zu kämpfen haben, mit Übelkeit und Schwindel. Der Körper reagiert damit auf die Kältestasis. Der menschliche Organismus wird die Schlafphase zwar insgesamt gut verkraften, aber auf seine Weise mit einem Abwehrmechanismus reagieren. Richten Sie sich also bitte darauf ein, dass Sie während der Aufweckphase zunächst Ihren Körper unter Kontrolle bekommen müssen.“ Er nahm die Hand wieder von Mikes Schulter. „Was meinst du denn mit diesem Paradoxon, Mike?“ Diesmal fragte Arthur. Mike sah ihn und dann die anderen an. „Es war ein Gedanke, der sich festgesetzt hatte. Das Paradoxon. Das dunkle All, das Schiff voller Sauerstoff und dann diese dunkle Kälteschlafkammer. Aber es stimmt ja gar nicht. Das Schiff ist während der Stasis gar nicht mit Sauerstoff gefüllt.“ „Nein, ist es nicht“, stimmte der Ingenieur zu. „Das wäre sinnlos. Der Sauerstoffgehalt würde sich über die fünf Jahre verflüchtigen. Die Sauerstoffaggregate sind das wichtigste Gut, dass Sie auf dieser Mission bei sich führen. Sie sollten gut auf die Geräte aufpassen.“ Ein Mann näherte sich der Gruppe. Wie Mike einen Augenblick später feststellte, war es der WSA-Vorsitzende, Juan Hofer. Mit einem Lächeln im Gesicht, fragte er die Gruppe nach deren Fortschritten. „Es läuft. Wir hatten gerade etwas Sorge, weil Michael Barnetti den Test wohl nicht so gut überstanden hat“, meinte Lee, doch Mike winkte gleich ab. „So schlimm war es nicht. Ich war nur etwas verwirrt.“ Der Ingenieur mischte sich nochmal ein: „Das kann leicht vorkommen. Der Körper muss sich an diese Prozedur gewöhnen. Ich würde vorschlagen, dass wir alle Astronauten auch hier einem ausführlicherem Trainingsprogramm unterziehen, als ursprünglich geplant, um sie ausreichend auf die Stasis vorzubereiten.“ „Vermutlich haben Sie recht. Besprechen Sie das bitte mit dem Einsatzleiter“, erwiderte Hofer. „Gerne“, bestätigte der Ingenieur. „Dann machen wir für heute Feierabend!“, beschloss Hofer freimütig. „Ich möchte euch alle zu einem gesunden Essen einladen. Es wird nicht mehr lange dauern, bis wir diese Mission starten.“ Die Crew war angetan von der Einladung. Mike erkannte, dass Hofers Geste bei allen ein Lächeln ins Gesicht zauberte. Selbst Alia schien erfreut zu sein. Zumindest wahrte sie den Anschein. Er war sich bei Ihr nicht immer sicher, inwieweit sie ihre sonst so akkurate militärische Haltung tatsächlich mal fallen lassen konnte oder dies nur zum Schein tat. Als sich die anderen bereits auf den Weg machten, hielt Hofer Mike kurz am Ärmel fest. „Funktioniert die Kammer einwandfrei?“, wollte er wissen. „Na, Sie sind ja gut“, entgegnete Mike gespielt entrüstet, „mich das zu fragen, nachdem ich schon eine Stunde da drinnen lag. Aber ja, das Gerät funktioniert. Der Ingenieur hat es uns vorgeführt und Arthur hat sich eingehend über die Funktionsweise informiert. Ich denke, dass es funktionieren wird.“ „Sehr gut.“ Er gab Mike zu verstehen, dass auch sie sich auf den Weg machen sollten. „Im Übrigen haben wir unsere Aufbaupräparate miteinander kombiniert und sie mit etwas Aroma versehen. Zwischen Aufweckphase und Abbremsmanöver sollten sie dafür Sorge tragen, dass alle Mitglieder ihre Dosis vom ‚Kaffee‘ bekommen.“ „Kaffee?“ Hofer lächelte. „Ja! War es nicht Arthur Jones‘ Vorschlag, das so zu machen? Wir fanden es eine vortreffliche Idee. Und wenn ich es recht mitbekommen habe, dann ist Alexandra Scott ein regelrechter Kaffeejunkie.“ „Das können Sie aber laut sagen.“ „Also, dann nehmen Sie es als eine Ihrer ersten Aufgaben wahr. Die regenerative Wirkung der Präparate zeigte im Labor einen guten Verlauf.“ Mike nickte bestätigend. „Sie werden schon alle ihren ‚Kaffee‘ bekommen.“

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Fragment 6

Der Professor richtete seine Lesebrille und betrachtete die grafische Simulation auf dem Holoprojektor, die den Verlauf der geplanten Langzeitraumfahrt zum Nachbarsternensystem Alpha Centauri verdeutlichte.
„Wie Sie sehen, dauert selbst im Zeitraffer die Reise dorthin überaus lange. Ich schlage vor, wir kürzen diesen Part ab und kümmern uns weiter um die Stellarkunde und insbesondere um die Positionierung des Dreifachgestirns Alpha Centauri, welches 4,34 Lichtjahre von unserer Sonne entfernt als direkter Nachbar angesehen wird. Bekanntermaßen besteht das Alpha Centauri System aus den Sternen Alpha Centauri A, B und C. Wobei wir uns auf Grund der Mission darauf konzentrieren werden, das Zielsystem der Einfachheit halber als Alpha Centauri zu beschreiben, die tatsächlichen Koordinaten jedoch zu Alpha Centauri C und damit zum Planeten Proxima Centauri b gehören. Um mit den Buchstaben aber nicht durcheinander zu geraten, ist der allgemeine Sprachgebrauch bei der WSA der, von Proxima Centauri und dem Planeten Proxima Centauri b zu sprechen.“
Mike meldete sich zu Wort. „Können wir nicht generell davon sprechen, nach Proxima Centauri zu reisen, Professor?“
Der Mann sah ihn über seine Brille hinweg an. „Wollen Sie in der Sonne landen, junger Mann? Richten Sie sich an den von mir eben erklärten Sprachgebrauch.“ Er sah wieder auf die Holoprojektion. „Die Sonne Proxima Centauri ist der nächstgelegenste Stern in diesem System und wird bei einer Entfernung von nur 4,22 Lichtjahren früher zu erreichen sein. Obwohl die anderen beiden Sonnen weiter entfernt sind, wird es ihnen anhand der ausgewählten Navigationsroute möglicherweise so vorkommen, als würden sie an den beiden anderen Sonnen vorbeifliegen. Das liegt jedoch …“
„Entschuldigung, Professor, aber ich habe eine Frage.“ Diesmal war es Leandra.
Der Mann nickte ihr zu. „Bitte?“
„Was mich schon seit einiger Zeit wurmt, ist die Frage, weshalb immer wieder von Navigation gesprochen wird. Die nautische Begrifflichkeit ist hierbei doch fehl am Platz. Korrekterweise sollte es doch Astrogation heißen.“
„Da haben Sie natürlich Recht“, bestätigte der Professor. „Aber der Begriff der Navigation hatte sich bekanntermaßen ja schon bei der geografischen Routenführung von Landfahrzeugen vor rund zweihundert Jahren durchgesetzt. Die WSA nutzt diese Begrifflichkeit schon seit ihrer Gründung. Sie müssen modischen Strömungen nicht so viel Bedeutung beimessen. Es bleibt bei der Navigation.“
Mike sah zu Lee und hatte den Eindruck, sie würde mit dem Professor eine Diskussion über diesen Punkt starten wollen. Sie hatte bereits zu einer Erwiderung angesetzt, beließ es aber dann dabei. Er war sich nicht sicher, ob sie sich selbst eines besseren besann, oder ob Captain Scotts Gesichtsausdruck dazu beigetragen hatte. Auf jeden Fall verstummte sie.
„Hat sonst noch jemand Fragen?“ Der Professor sah alle vier erwartungsvoll an. Nachdem sich jedoch niemand mehr meldete, fuhr er mit seinem Unterricht fort. „Also, machen wir weiter mit dem Abbremsmanöver …“

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Fragment 3

Es war ein Versuch. Mike wusste, dass es nicht mehr und auch nicht weniger war. Ein letztes Mal hoffte er, dass sie es akzeptieren würden. Es war an der Zeit, einen eigenen Weg einzuschlagen. Vielleicht verstanden sie es diesmal.
„Wie oft soll ich es dir noch sagen, dass das der falsche Weg für dich ist, mein Sohn? Diese ganzen Phantastereien über Wissenschaft, Technik und Raumfahrt führen zu nichts Gutem“, hörte Mike die aufgebrachte Stimme seines Vaters über das PortCom.
„Darüber hatten wir uns doch schon oft unterhalten. Meine Studiengänge sind durch. Ich hätte gedacht, dass du dich vielleicht überwinden kannst und endlich akzeptierst, dass ich ganz andere Interessen habe.“
„Und was ist mit deiner Mutter, Michael? Weißt du eigentlich, wie enttäuscht sie ist, weil du dich von unserer Familie abwendest?“
Mike verdrehte die Augen. „Oh, man. Nicht wieder dieses Thema. Nur, weil ich meinem Traum nachgehe, heißt das noch lange nicht, dass ich mich von euch abwende.“
„Und ob du das tust!“, widersprach sein Vater vehement. „Wir sind beide schwer krank und brauchen deine Hilfe. Doch anstatt uns beizustehen, jagst du irgendwelchen schwachsinnigen Ideen von fremden Welten nach. Junge, wach auf! Eines Tages werden wir nicht mehr da sein und dann wird es dir leid tun, dass du nicht auf uns gehört hast. Nimm dieses Angebot nicht an. Lass es und komm zu uns zurück.“
„Wie stellst du dir das denn vor?“, fragte Mike daraufhin, während er aus dem Fenster seiner Wohnung sah. Es war ein verregneter Morgen in Köln. Grau und unangenehm. Passend zum Gespräch, fand Mike. „Die World Space Administration lehnt man doch nicht einfach ab. Es ist eine der höchsten Ehren für einen Raumfahrtwissenschaftler, von der WSA einberufen zu werden. Warum sollte ich das ablehnen? Das ist vermutlich die einzige Chance, die ich jemals bekommen werde.“
„Und die letzte Chance, unser Sohn zu bleiben.“
Mike schluckte. So deutlich hatte sein Vater noch nie gedroht und eine solche Konsequenz war bislang undenkbar.
„Vater, bitte. Kannst du nicht verstehen, wie wichtig mir das ist?“
„Nein, DU kannst offenbar nicht verstehen, wie sehr wir dich brauchen. Michael, ich beschwöre dich. Mach es nicht. Komm zu uns. Wir werden vielleicht nicht mehr lange leben und dann kannst du machen, was immer du willst. Komm zu uns und vor allen tu deiner Mutter das nicht an. Sie vermisst dich so sehr.“
Mike hatte Tränen in den Augen. „Verdammt, ich vermisse euch doch auch, aber was du hier von mir verlangst ist einfach zu viel. Ich liebe euch, aber ich kann diese Chance nicht verstreichen lassen und darauf hoffen, in ein paar Jahren noch einmal gefragt zu werden. So funktioniert das nicht.“
Die Stimme seines Vaters wurde eisiger. „Dann enterben wir dich! Dann sind wir die längste Zeit deine Eltern gewesen.“
Jetzt überkam Mike ein Gefühl der Hilflosigkeit und Tränen rannen ihm über sein Gesicht. Wieso wollte sein Vater nicht verstehen, wie wichtig ihm diese Chance war?
„Vater, das kannst du doch nicht ernst meinen“, flehte er. „Wir können doch immer in Verbindung bleiben und uns austauschen. Ihr könntet stolz auf euren Sohn sein und ...“
„Ein Sohn ist für seine Eltern da und würde nicht versuchen, seine eigenen egoistischen Interessen über das Wohl der Familie zu stellen!“
Er versuchte, seine Gefühle unter Kontrolle zu bekommen. Dieses Gespräch nahm einen Verlauf, der ihm ganz und gar nicht behagte. Ja, sie waren krank und es war durchaus möglich, dass sich ihr Gesundheitszustand weiter verschlechterte. Diese Aussicht machte ihn traurig. Die Zeit schien lange stehen zu bleiben und seine Eltern fast schon alterslos. Irgendwann änderte sich das aber. Erst ein paar leichte Schmerzen, dann graue Haare und jetzt, da er selbst in der Blüte seines Lebens stand, waren sie alt und krank. Diesen Umstand zu akzeptieren, fiel ihm auch so schon schwer genug, doch jetzt setzte ihm Diego Barnetti, sein Vater, regelrecht die Pistole auf die Brust.
Beide Männer schwiegen einen Moment. Mike holte mehrmals tief Luft, ehe er sich dazu überwandt, die folgenden Worte zu sagen: „Vater, hör mir bitte zu. Ich liebe euch von ganzem Herzen. Doch ihr könnt nicht verlangen, dass ich alles aufgebe, um nur für euch da sein zu können. Ob ich in Köln, auf Babel, dem Mars oder eben irgendwo anders bin, spielt doch keine Rolle, wie ich für euch empfinde. Ich würde immer alles dafür tun, dass es euch gut geht.“
„Dann komm zu uns, Junge!“
„Das kann ich nicht. Es wird nur diese eine Chance geben und wenn ich sie jetzt nicht ergreife, dann war alles, wofür ich mich all die Jahre so angestrengt habe, umsonst. Bitte, Vater. Es wird euch bestimmt an nichts mangeln und ...“
„Du verrätst uns, nur um deiner Selbst willen. So haben wir dich nicht erzogen!“
„Verdammt. Kannst du nicht begreifen, dass ich erwachsen bin und meinen eigenen Weg gehe?“
Sein Vater schnaubte. „Nicht, wenn du uns vergisst. Nicht, wenn du nur an dich denkst und schon gar nicht, wenn du deine Mutter derart enttäuschst. Du hattest deine Chance, Michael. Wenn du sie jetzt nicht wahrnimmst, dann habe ich dir nichts mehr zu sagen. Und dann erlaube ich es dir auch nicht länger, mich Vater zu nennen.“
Erneut herrschte Stille. Mike war wütend und traurig zugleich. Für einen Moment war er versucht, einen weiteren Vorstoß zu wagen. Noch einmal darauf zu hoffen, ihn überzeugen zu können. Doch dann schüttelte er lautlos den Kopf und gestand sich ein, dass sie niemals verstehen würden, wie wichtig ihm diese Chance war, sein Wissen und all seine Erfahrungen in den Dienst der WSA zu stellen.
„Es tut mir leid, Vater. Dann müssen wir das Gespräch jetzt beenden.“
„Ja ... Michael, mir auch.“ Die Stimme am anderen Ende der Verbindung klang betreten. „Du wirst von unserer Anwaltskanzlei hören.“
Damit endete das Gespräch und Mike blieb mit einem Gefühl zwischen Unverständnis, Wut und Trauer zurück. Für einen langen Moment beobachtete er nur die Regentropfen auf seiner Fensterscheibe, wie sie stetig mehr und mehr wurden, sich verbanden, um sich dann wie Tränen einen Weg nach unten zu bahnen.

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