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Fragment 25

Eine neue Stadt


Es war nicht gerade das, was Lee sich vor Jahren in der Feldforschung vorgestellt hatte, doch nach den vergangenen zwölf Monaten war dies genau das Richtige für sie. An diesem Ort.
Babel bot alle Möglichkeiten, die man sich nur wünschen konnte. Eine nahezu autarke Stadt im Weltall und dazu fast unbegrenzte finanzielle Möglichkeiten, da das Prestigeprojekt des Schiffbaus der interstellaren Union und allen Erdregierungen mit enormen Zuschüssen gefördert wurde. Sogar die Marsregierung hatte es sich nicht nehmen lassen, einen Teil der Kosten zu tragen. Zudem wurden die Bauarbeiten an der neuen Schiffswerft abgeschlossen, und dem Bau der ersten beiden Forschungsfregatten in den kommenden Monaten stand nichts mehr im Weg. Immer mehr Menschen kamen zum Arbeiten und Forschen nach Babel.
„Wenn ich noch etwas für Sie tun kann, Misses Thuis, lassen Sie es mich wissen.“ Der Mann lächelte Lee freundlich an, gerade waren sie mit ihrer Projektbesprechung fertig geworden.
„Bitte nennen Sie mich Lee, Dr. Summers.“ Dabei unterließ sie es aber, ihn darüber aufzuklären, dass sie nicht verheiratet war.
„Gerne, dann darf ich Sie aber auch bitten, mich Andrew zu nennen.“ Lee nickte und freute sich. Dr. Summers war der Leiter des großangelegten Forschungsprojekts zur Vermessung der kleinteiligen Weltraumtrümmerpopulation auf der Transitstrecke zwischen Erde und Mars.
Lee hatte das Projekt dank ihres entwickelten Lasermessverfahrens schon ein gutes Stück vorwärtsbringen können. Sollte es so weitergehen, würde die dabei genutzte Vektorpeilung in die Steuerungssoftware der Schiffe übernommen werden. Jedoch lag das noch in weiter Ferne. Die Bauzeit der Schiffe war auf acht Jahre kalkuliert worden und Lee glaubte, dass man dabei noch sehr optimistisch gewesen war. Sie hatte während ihrer Reise auf dem Unionsschiff gelegentlich einen Blick auf die verschiedenen technischen Errungenschaften erhaschen können. Auch wenn sie nicht so sprachbegabt wie Alia war, wusste sie, dass man nicht ohne weiteres Erd- und Unionstechnologie kombinieren würde können.
„Aber sicher, Andrew.“, sagte Lee. Es war für sie ein kleines Wunder, dass sie sich mit Summers alleine in einem Raum aufhalten konnte, ohne dass sie in Angstschweiß ausbrach. Dennoch presste sie ihre Aufzeichnungen mit verschränkten Armen vor ihren Oberkörper wie einen Schutzpanzer.
„Sie scheinen keinerlei Schwierigkeiten damit zu haben, im Weltall zu leben, Miss … ich meine Lee. Aber sicher sind Sie nach so vielen Jahren auf Ihrer Reise daran gewöhnt.“ Lee wusste den Versuch zu schätzen, dass er Small Talk mit ihr halten wollte. Sie war noch nicht lange auf Babel und hatte bisher nur wenig Kontakt mit ihren Kollegen. Andrew war ein sympathischer Mensch und durchaus attraktiv, wenn auch vielleicht mit fast zwei Metern Körpergröße etwas groß. Lee musste immer zu ihm hochschauen.
„Ja, auch wenn ich Ihnen gestehen muss, dass ich den Großteil nicht miterlebt habe. Die meiste Zeit habe ich mich in Stasis befunden.“
„Naja, jedenfalls solange, bis Sie ein feindliches Schiff lahmgelegt haben, wenn man der Presse glauben will. Ich muss Ihnen gestehen, dass ich Ihre Geschichte sehr aufmerksam verfolgt habe. Ein richtiges Abenteuer!“ Andrew schaute sie mit großen Augen an und wartete wohl darauf, dass sie begann von ihrem ‚Abenteuer‘ zu erzählen.
„Ja…es war…es war sehr aufregend.“ Es war die Hölle gewesen. Nichts würde Lee lieber tun, als diese Reise für immer zu vergessen. „Babel und meine neuen Aufgaben stehen dem aber in Überhaupt nichts nach. Ich meine, immerhin ist letzte Woche fast ein Labor in die Luft geflogen!“ Ihre Stimme war hoch geworden, wie früher, wenn sie etwas spannend oder interessant fand.
„Oh ja. Wenn Sie ein Problem mit Explosionen haben, sollten Sie sich besser von gewissen Kollegen fern halten. Mache haben wirklich ein Händchen dafür, die Sicherheitsvorkehrungen der Station auszutesten.“ Beide lachten über den kleinen Scherz und Lee war froh, dass Andrew den Wink mit dem Themenwechsel verstanden hatte.
„Ich möchte nicht in der Haut des Stationskommandanten stecken.“ Lee hatte den Commander und den Kommandostab bei ihrer Ankunft vor ein paar Wochen kennengelernt.
„Ich auch nicht“, wieder lachte ihr Projektleiter. „Wie steht es mit Ihnen Lee? Ich könnte eine Tasse Tee vertragen.“
Lee wurde schlagartig übel. Unvermittelt schossen ihr Erinnerungen in Ihre Gedanken, die sie lange Zeit erfolgreich verdrängt hatte. „Danke, aber ich trinke keinen Tee“ Sie presste die Unterlagen noch fester an ihren Körper.
„Ich bin mir sicher, dass es auch Kaffee gibt. Oder trinken Sie auch keinen Kaffee?“ Andrew musterte sie von oben bis unten, was Lee noch nervöser werden ließ. Unbewusst ging sie einen Schritt nach hinten, um den Abstand zwischen Ihnen zu vergrößern. Zwar fühlte sie sich einerseits von der Einladung geschmeichelt und ein Teil von Ihr wollte ihm unbedingt näher kommen, doch allein der Gedanke an Nähe und körperliche Anziehung verursachte ihr ein nahezu unbeschreibliches Unbehagen, dem sie sich in diesem Moment nicht entziehen konnte. Es machte sie wütend und traurig zugleich, denn sie wusste, dass dies im Grunde nichts mit dem Mann zu tun hatte, der ihr auf sehr freundliche Weise ein Date angeboten hatte.
„Doch…doch, sicher. Aber leider, habe ich jetzt keine Zeit mehr.“ Lee ging zielstrebig in Richtung Tür, achtete aber sehr genau darauf, Andrew nicht näher zu kommen. „Vielleicht in ein anderes Mal“
„Lee, bitte warten Sie. Ich wollte Ihnen nicht zu nahetreten.“ Er ging einen Schritt auf sie zu, was sie nun panisch werden ließ. „Geht es Ihnen gut?“
„Andrew, bitte bleiben Sie da stehen, wo Sie sind.“ Lee zwang sich, ruhiger zu atmen. „Ich danke Ihnen für die Einladung, aber wie ich bereits sagte, vielleicht ein anderes Mal“ Lee wartete seine Antwort nicht mehr ab und verließ schnellen Schrittes den Besprechungsraum. Kaum war sie um die nächste Ecke gebogen, blieb Lee stehen und starrte auf ihre zitternden Hände. Und zum ersten Mal stieg neben der Angst auch Hass auf den Mann auf, der dafür verantwortlich war und dessen Gesicht sie wohl nie wieder vergessen würde. Kardas.

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Fragement 22

Ein neuer Posten

„Meinen Glückwunsch, Doktor Barnetti. Ab sofort sind Sie der Verbindungsmann zwischen der World Space Administration und der Union freier Planeten. Auf dass Ihr neuer Posten Sie in die unergründlichen Tiefen der Diplomatie einführt und sie jedes Riff galant umschiffen lässt.“ Juan Hofer hob sein Champagnerglas und alle Anwesenden folgten seinem Beispiel. Dass er mit seinem Doktortitel angesprochen wurde, empfand er etwas unangenehm, da er in der Regel keinen Wert auf die explizite Nennung des Titels legte, dennoch war Mike gerührt. Erst vor wenigen Tagen wurde er von Hofer gefragt, ob er sich dazu bereit erklären würde, die offene Position zu besetzen. Zuerst hatte sich Mike etwas zurückhaltend geäußert. Er wollte nicht konkret werden, ehe er sich sicher war. Immerhin schien es ihm, als hätte der Posten an Alia gehen sollen. Doch Hofer versicherte ihm, dass er, Mike, die erste Wahl der Union gewesen war.
Und nun stand er hier. Im Hauptquartier der WSA in Genf und wurde von Hofer, Taisod, den Regierungsvertretern der Erde und auch dem Marsverwalter gefeiert, als hätte er etwas Großartiges geleistet. Dabei brauchte er dafür nichts anderes machen, als die Ernennung anzunehmen.
„Vielen Dank, Herr Vorsitzender“, antwortete er pflichtschuldig. Er wünschte, Alia wäre hier gewesen. „Und meinen Dank auch an alle Anderen, die mir hiermit das Vertrauen ausgesprochen haben. Ich hoffe, mich auf dieser Position als würdig erweisen zu können und dazu beizutragen, dass die Kommunikation zwischen uns allen stets zu einem positiven Ergebnis führen wird.“ Auch er hob sein Glas und fragte sich wiederholt, warum Alia nicht diesen Posten bekommen hatte. Gerne hätte er mit ihr darüber gesprochen.
„Auf Ihr Wohl!“ hörte er von allen Seiten und stieß lächelnd nach und nach mit allen Anwesenden an.
Er leerte sein Glas und stellte es auf der Anrichte neben ihm ab. Der offizielle Teil war damit erledigt. Die Gäste verloren sich in allerlei Gesprächen, nachdem sie Mike die Hand schüttelten und sich dann diskutierend dem Buffet widmeten.
Eine Hand landete auf seiner Schulter, so dass er sich nach hinten umsah. Da stand Juan Hofer, der Vorsitzende der WSA und lächelte ihn gewinnbringend an.
„Nun gehen Sie den nächsten Schritt auf Ihrer Karriereleiter, Mike.“
Er lächelte verlegen. „Ja, wer hätte das noch vor ein paar Jahren gedacht?“ Er drehte sich nun vollends zu Hofer um. „Hätten Sie vor sieben Jahren geahnt, wie sich einmal alles verändern würde?“
„Ganz sicher nicht, Mike. Aber seien Sie versichert, dass es uns allen nicht anders erging. Als die Barrafranca in unser Sonnensystem eindrang, war die Aufregung groß. Der Mars hatte vorsichtshalber sämtliche Kommunikation abgebrochen, um nicht aufzufallen und wir …“, er lächelte in sich hinein, „… wir hatten die Hosen voll.“ Jetzt lachte er herzhaft. „Ein so großes Schiff, dass sich rasend schnell auf die Erde zubewegte. Das hat allen hier Angst gemacht.
Doch sehen Sie, wie wir uns jetzt verhalten. Heute sind Sie der Verbindungsmann zwischen uns allen geworden!“ Mit diesen Worten schlug er Mike freundschaftlich auf die Schulter.
„Ich bin wirklich glücklich, dass wir diesen Weg gehen. Und vor allem, dass uns die Union seinerzeit bei Proxima Centauri b gerettet hat.“
„Vor der Konföderation“, bestätigte Hofer.
„Ja. Sie können sich nicht vorstellen, was dieser Inquisitor für ein Psychopath war.“
„Vorstellen vielleicht schon. Ich habe ja die Berichte gelesen. Aber nachvollziehen eher nicht. Weswegen hat die Konföderation überhaupt einen solchen Mann an Bord?“
Mike sah ihn ernst an. „Mazan Taisod hatte es mir einmal erklärt. Obwohl die Schiffe der Konföderation von deren Prendal geführt werden …“
„Das ist sowas wie ein Captain?“
„Ja, ähnlich wie bei Taisod. Mazan ist ja auch der Titel und ist etwa gleichbedeutend mit Captain. Jedenfalls wird ein Konföderationsschiff in der Regel von einem Prendal geführt. Aber es gibt seit Jahren eine Art politischen Führer an Bord.“
„Und das ist der Inquisitor? Kardas?“
„Ja. Besser könnte das sicher Taisod erklären.“
Wie aufs Stichwort hatte der Mazan seinen Namen offenbar gehört und gesellte sich zu Mike und Juan Hofer.
„Mir war, als ob Sie eben über mich geredet haben. Kann ich behilflich sein?“, fragte er höflich.
Hofer bestätigte kurzerhand: „Wir hatten uns gerade gefragt, wie diese Konstellation mit Inquisitor und Prendal auf einem Konföderationsschiff zustande gekommen ist. Könnten sie mir das bitte kurz erläutern?“
„Aber natürlich“, antwortete Taisod und überlegte kurz, wie er eine kurze aber möglichst konkrete Antwort geben konnte. „Im Grunde ist das eine Art Führungsdreieck, das die Konföderation durchweg benutzt. Auf Raumschiffen besteht dieses Dreieck zum einen aus dem Prendal, das ist vergleichbar mit meinem Posten und bedeutet, dass derjenige der Kommandant des Schiffs ist. Vergleichbar mit dem irdischen Captain.
Dann gibt es den Cegat. Wenn Sie so wollen, der erste Offizier. Er ist für alle Aufgaben der Mannschaft zuständig. Vor allem für die Sicherheit. Bei uns erfüllt das einerseits mein Vertreter, Premazan Oris. Aber auch mein Sicherheitschef, Mavis, übernimmt Teile der Aufgaben, die bei der Konföderation in der Hand eines Cegat liegen.
Und der Dritte im Bunde ist der Inquisitor. Er hat keine militärische Befugnis, sondern soll dafür Sorge tragen, dass sich alle an Bord und auch alle, denen Sie begegnen, entsprechend der Richtlinien der Konföderation und der Dogmen der großen Inquisition benehmen und sich fügen. Diese Institution gibt es bereits seit über tausend Jahren und ist mithin ein Grund dafür, weswegen wir mit der Konföderation im Krieg stehen. Personen wie Kardas, der Inquisitor, dem Sie begegnet sind“, er deutete auf Mike, „steht jenseits jeder Gerichtsbarkeit. So etwas öffnet menschenverachtender Willkür Tür und Tor.“
„Umso glücklicher sind wir, dass uns die Barrafranca erreichte und kein Schiff der Konföderation“, meinte Hofer einen Moment später, nachdem sich zwischen den Dreien eine unangenehme Stille ausbreitete. „Und da wir gerade von Proxima Centauri b reden. Was können Sie denn dem Forschungsausschuss über diesen Planeten berichten? Ich meine, die Blockade und dieser ungeheure Säuregehalt in der Atmosphäre …“, er ließ die restlichen Worte unausgesprochen. Mike vermutete, dass er dies absichtlich tat, um den Mazan aus der Reserve zu locken.
„Verehrter Herr Hofer, genießen Sie doch jetzt bitte diesen Augenblick. Feiern Sie mit. Proxima Centauri b ist ein Thema, das wir auf das nächste Jahr verschieben können.“
Mike stimmte ihm zu. Ohne es zu wollen, waren seine Gedanken mit einem Mal wieder dort. An Bord der Voyager, als Arthur Jones starb.

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Fragment 18

Die Untersuchungskommission

Mike standen die Nackenhaare zu Berge. Vor Monaten hatte sich Arthur auf tragische Weise das Leben genommen. Schlimm genug, dass er einen Freund verloren hatte. Doch jetzt sollte diese ganze Geschichte nochmal aufgerollt werden. Es schauderte ihm bei dem Gedanken, das alles erneut durchzugehen.
„Michael Barnetti, bitte.“
Jetzt war es soweit. Er sollte aussagen. Mike schluckte einen Kloß herunter, strich sich seinen Anzug glatt und begab sich in den Anhörungsraum.
„Guten Morgen, Herr Barnetti. Bitte nehmen Sie Platz.“
Ein Stuhl stand für ihn bereit. Gegenüber dem breiten Tisch, an dem die drei Mitglieder der Untersuchungskommission saßen. In der Mitte saß eine akkurat gekleidete Mittvierzigerin. Hosenanzug, kurze Frisur, altmodische Brille, durchdringender Blick. Sie stellte sich ihm als Vorsitzende der Kommission vor. Frau Huber.
Links von ihr saß eine weitere Frau. Etwas älter als Frau Huber, aber nicht weniger aufmerksam. Das Haar war schon leicht angegraut, dafür länger. Frau Svensson.
Das dritte Kommissionsmitglied war ein Herr. Mike vermutete, dass er der älteste im Bunde war. Weißgraue Haare, Kinnbart, tiefe Falten im Gesicht. Er stellte sich selbst als Doktor Smith vor.
Mike folgte der Einladung und setzte sich.
„Sie wissen, weswegen Sie heute vorgeladen wurden?“, fragte Doktor Smith gleich darauf.
Mike bestätigte. „Die Kommission möchte Näheres zum Umstand des Todes meines Kollegen Arthur Jones in Erfahrung bringen.“
„Sehr richtig, Herr Barnetti.“
„Sind Sie bereit für die Befragung?“ Frau Svensson sah ihn fragend an.
„Selbstverständlich“, antwortete er. Dabei war ihm eigentlich gar nicht wohl.
„Dann lassen Sie uns damit beginnen, was Ihre Aussage zum Ereignis betrifft.“
Mike horchte auf. „Entschuldigung, sagten Sie Ereignis? Ist es das, was der Tod von Arthur Jones für Sie darstellt? Ein Ereignis?“
Die Vorsitzende mischte sich ein. „Bitte versuchen Sie, sachlich zu bleiben. Die Wortwahl mag für Sie unpassend erscheinen, aber für die Untersuchung ist es von Nöten, den Hergang so objektiv wie nur möglich zu betrachten. Aus diesem Grunde sprechen wir hier formal von einem Ereignis, auch wenn die Umstände des Todes von Arthur Jones emotional sicher tiefgreifend sind.“
Mike verengte die Lippen zu Schlitzen. Bürokratie. Emotionslose, formelle Bürokratie. Das war vermutlich das Schlimmste, was Arthur posthum widerfahren konnte.
„Zu Ihrer Aussage“, übernahm Frau Svensson wieder das Wort. „Das Protokoll der ersten Vernehmung lässt die Vermutung zu, dass sie Arthur Jones nicht davon abgehalten haben, den Alpha-Centauri-Erkundungs-Transporter oder kurz ACET, zu entwenden, und damit zuließen, dass er nicht nur sich, sondern die gesamte Mannschaft der Voyager in Gefahr brachte.
Ihrer Aussage zufolge öffnete er die Frachtluke der Voyageur, während Sie dabei waren, aus der Blockade des Planeten Proxima Centauri b zu entkommen. Laut der Aussage von Alexandra Scott, wurde zu diesem Zeitpunkt eine Ablenkungssonde gestartet. Ihnen hätte also bewusst sein müssen, dass Arthur Jones das gesamte Vorhaben zur Flucht aus der Blockade gefährdete. Warum haben Sie nicht interveniert? Schließlich sind Sie für die Handlungen ihrer Mannschaft verantwortlich.“
In Mikes Ohren klang das wie eine Anschuldigung. „Wir dachten zunächst, dass es eine Fehlfunktion im Verriegelungssystem des Frachtraums gab. Immerhin wurde die Voyager ja durch die Kollision mit einem der Satelliten beschädigt. Selbstverständlich hatten wir Sorge, dass Arthur in Gefahr schwebte. Allerdings hielten wir die Öffnung der Frachtluke zu diesem Zeitpunkt lediglich für eine Fehlfunktion.“
Die Vorsitzende sah ihn über ihren Brillenrand hinweg an. „Miss Thuis erklärte, Sie hätte Sie dazu aufgefordert, etwas zu unternehmen, um Arthur Jones zu helfen. Warum haben Sie sie ignoriert?“
„Ich habe sie nicht ignoriert!“. Das war nicht nur eine Anschuldigung. Mike fühlte sich mit einem Mal, als würde man Anklage gegen ihn erheben. „Wir haben in der Phase des Sondenstarts plötzlich den Dekompressionsalarm registriert. Natürlich machten wir uns Sorgen um Arthur, weil wir wussten, dass er im Frachtraum war. Doch noch ehe irgendjemand von uns reagieren konnte, überschlugen sich die Ereignisse. Die Sonde begann ihren Steigflug, die Satelliten richteten sich aus und plötzlich war unser Frachtraum offen. Ich wollte ihn fragen was passierte und da meldete er sich mit den Worten, dass es ihm leidtun würde … ‚lebt wohl‘ sagte er auf einmal …“, Mikes Kehle schnürte sich zu. Wieder war dieser schreckliche Moment da. Wieder spürte er diese Verzweiflung in sich. Die Verzweiflung, die damals auch aus Arthurs Stimme zu ihm drang.
„Sie hätten die Frachtluke wieder schließen können“, wandte Doktor Smith ein.
Mike sah ihn an. „Nein“, antwortete er daraufhin. „Das war nicht möglich. Ich meine, vielleicht hätte ich über meine Konsole die Steuerung der Frachtraumluke kontrollieren können.“
„Also geben Sie zu, dass Sie es versäumt haben, das Leben ihres Besatzungsmitglieds zu retten?“
„So ist das nicht gewesen“, widersprach Mike. Innerlich war er angewidert von der emotionslosen Analyse. Er schloss einen Moment lang die Augen. Es fiel ihm schwer, nicht emotional zu werden. „Die Situation war hektisch. Als wir unseren Fluchtversuch starteten und sich gleichzeitig die Frachtluke öffnete, hatten wir keine Zeit zum Überlegen. Ich habe Arthur gefragt, was passiert war, aber es ging alles so unglaublich schnell. Ich wollte den Start der Voyager stoppen. Ich wollte Arthur da raus holen, doch es war zu spät. Die Triebwerke starteten und in diesem Moment hatte Arthur bereits den ACET aus der Verankerung gelöst und gestartet. Wir konnten nur noch zusehen, wie er in sein Verderben flog.“
„Und Ihnen ist nicht in den Sinn gekommen, sich mit der Voyager schützend über dem ACET zu positionieren?“ Diesmal sah ihn die Vorsitzende der Kommission direkt an.
„Es hätte nicht funktioniert. Die Satelliten hätten uns bei einem solchen Manöver abgeschossen. Aber wir hatten vor, ihn einzuholen. Wir wollten ihn zurückholen und sein Leben retten. Doch dazu war keine Chance mehr.“
„Weil Sie nicht schnell genug gehandelt haben?“
Mike spürte wie in ihm Wut aufstieg. Er hatte Mühe, sich zusammenzureißen. „Wir haben so schnell gehandelt, wie es uns möglich war.“
„Aber Sie haben nicht gestoppt, als der ACET abgeschossen wurde. Sie hätten die Pflicht gehabt, Arthur Jones zu bergen. Warum haben Sie diese Pflicht vernachlässigt?“
„Weil ich andere Leben zu retten hatte!“ Seine flache Hand knallte auf den Tisch. Erschrocken sahen ihn die Mitglieder der Untersuchungskommission an.
„Zügeln Sie sich, Herr Barnetti, oder Sie erhalten eine schwere Verwarnung!“
Als ob ihn das interessiert hätte. Doch Mike besann sich und setzte mit leiserer Stimme fort: „Entschuldigen Sie bitte. Das Leben von Leandra Thuis, Alexandra Scott und mein eigenes standen dem gegenüber.“
„Das Fluchtmanöver wurde von Ihnen durchgeführt?“
„Nein. Das hatte Captain Scott übernommen. Ich begab mich zwischenzeitlich in den Frachtraum. Wir wollten ihn retten, doch als die Satelliten auf den ACET schossen, tat Alexandra Scott das einzig Richtige. Sie rettete unser aller Leben. Jede andere Handlung hätte nur dazu geführt, dass auch wir gestorben wären.“ Er spürte, wie Trauer in ihm emporstieg. „Er war mein Freund. Auch, wenn ich ihn öfters ärgerte, weil ich ihn Arjay nannte, obwohl ich wusste, dass ihn das ärgerte. Könnte ich es tun, würde ich jedes Wort davon zurücknehmen, wenn er dafür noch leben würde.“ Er wandte seinen Blick ab. Die Kommission sollte nicht sehen, wie ihm Tränen in die Augen stiegen. Er wischte sich übers Gesicht, atmete tief durch und richtete seinen Blick anschließend wieder nach vorn.
„Wir bedanken uns bei Ihnen, Herr Barnetti. Die Befragung ist hiermit für Sie beendet. Sie können jetzt gehen.“
„Gehen?“, er verstand nicht ganz. „Was passiert denn nun?“
„Wir werden weitere Ermittlungen anstellen und das Ereignis rekonstruieren. Der vorliegenden Sachlage zufolge sind Sie jedoch vom weiteren Verlauf dieser Untersuchung nur noch im geringen Maße betroffen.
Wobei eine Frage vielleicht doch noch bleibt.“
Mike horchte auf. „Ja, Frau Vorsitzende?“
„Können Sie uns sagen, wer diese Blockadesatelliten rund um Proxima Centauri b installiert hat?“
Mike schüttelte seinen Kopf. „Das kann ich nicht mit Gewissheit. Als wir seinerzeit von der Union gerettet und nach Hause gebracht wurden, hatten wir diese Frage dem Mazan des Schiffs gestellt. Er meinte, dass Proxima Centauri b das tragischste Opfer des Krieges war. Genaueren Fragen wich er jedoch immer aus.“
„Welcher Krieg?“, verlangte Doktor Smith zu erfahren.
„Es muss ein großer Krieg gewesen sein, wenn er dazu führte, dass ihm ein ganzer Planet zum Opfer fiel. Aber außer, dass sowohl die Union, als auch diese Konföderation darin verstrickt waren, ließen sich von Mazan Taisod keine weiteren Informationen dazu herausbekommen. Und letztlich waren wir einfach nur glücklich, dass wir diese Katastrophe überlebt haben.“
Frau Huber nickte ihm verständnisvoll zu. „Dann bedanken wir uns bei Ihnen, Herr Barnetti. Lassen Sie uns jetzt bitte allein. Auf Wiedersehen.“
„Auf Wiedersehen.“ Er deutete einen höflichen Gruß an, stand auf und verließ den Anhörungsraum. Auf dem Flur angekommen, atmete er tief durch. Diese Untersuchung hatte ihn aufgewühlt.
„Wer ist das, Mama?“, hörte er eine Jungenstimme fragen. Mike sah sich um und entdeckte eine Frau mit ihrem etwa neun Jahre alten Jungen.
„Helen?“
„Mike.“ Sie ging auf ihn zu, das Kind folgte ihr. „Mike, ich bin froh, dich zu sehen.“ Die Begrüßung war herzlich. Es beruhigte ihn ungemein, dass Sie ihm nie Vorwürfe gemacht hatte.
„Ist das Tim?“, fragte er anschließend und sah den Jungen an, der etwas schüchtern hinter seiner Mutter blieb.
„Ja, Mike.“ Sie bedeutete dem Jungen, näher zu kommen. „Tim, das ist Mike. Er war mit deinem Papa auf der Voyager.“
Der Junge kam näher und musterte ihn. Irgendwie fühlte sich Mike dabei nicht wohl.
„Hallo, Tim. Ich bin Mike, ein Freund deines Vaters.“ Er streckte dem Jungen die Hand entgegen.
„Warum bist du hier, aber mein Papa nicht?“
Mit einem Mal schnürte es ihm die Kehle zu. Wie konnte er dem Kind das Geschehene erklären?

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Fragment 16

Die Chance

„Don, das kann doch nicht dein Ernst sein!“, schrie Maggie aufgebracht. „Wie stellst du dir das eigentlich vor?“ Das Gesicht seiner Frau war feuerrot und sie hatte Tränen vor Wut in ihren blauen Augen.
„Maggie, bitte jetzt beruhige dich erst mal.“ Er hatte gedacht sie wäre über die Nachricht, vom Mars wegzukommen, begeistert. Seit sie vor sechs Jahren geheiratet hatten, lag sie ihm in den Ohren, dass er sich auf einen anderen Posten, weg von der Erdkolonie versetzen lassen sollte. Und jetzt, nachdem er diese einmalige Chance bekommen hatte, auf Babel seine erste Kommandostelle anzutreten, schmetterte sie ihm Vorwürfe an den Kopf.
„Mich beruhigen? Don, kannst du mir mal sagen, wie das funktionieren soll? Die haben da noch nicht einmal eine schulische Einrichtung. Da gibt es nur Bauarbeiter und vielleicht ein paar Militärangehörige. Dort willst du Liza aufwachsen lassen? Zwischen Dockarbeitern auf einer Baustelle?“, schrie sie ihn wieder an. „Soll ich den ganzen Tag in einem kleinen Kabuff sitzen und dann darauf warten, dass der Commander irgendwann nach Hause kommt und ich ihm dann das Abendessen auftischen darf?“
„Wenn du mich mal ausreden lassen würdest, könnte ich es dir sagen, verdammt!“, gab er aggressiv zurück. Er verstand ja durchaus, dass es nicht das war, was sich seine Frau vorgestellt hatte, aber es war ein Anfang. „Hör zu …“, fuhr er gemäßigter fort. „Ja, du hast recht, die Station befindet sich noch im Ausbau. Die neue Werft wird um einiges größer als die bisherige. Das dauert sicher noch etwas, aber in drei Monaten schickt die WSA schon die ersten Wissenschaftler hoch. Die bringen auch alle ihre Familien mit, immerhin ist es als 10-Jahres-Projekt angelegt. Die Schiffswerften sind Babel angegliedert. Es wird eine richtige Stadt im Weltall. Man plant eine schulische Einrichtung und genauso werden sie auch noch die Krankenstation fertigstellen. Wir bekommen hier eine ganz große Chance.“ Don drehte sich zu seiner Frau um und nahm sie bei den Schultern, bevor sie etwas erwidern konnte. „Und die WSA sucht immer noch ziviles Personal für die Station. Sie können sicher dort jemanden mit deinen Fähigkeiten gebrauchen, Liebling.“
„Mach dich nicht lächerlich, Don. Meinst du, die WSA hat nicht genug eigene Leute, die eine Quartierlogistik durchführen können? Du weißt genau, dass es so gut wie unmöglich ist, dass ich den Job bekomme. Die WSA stellt keine Marsianer ein.“ Etwas ungeschickt befreite sie sich aus Dons Griff. „Sie haben dir die Versetzung nur angeboten, weil es sonst niemand machen will. Es ist jeden Tag in den Nachrichten, dass nichts auf Babel funktioniert und alles viel mehr Geld kostet, als sie ursprünglich geplant hatten. Die wollen dich nur abschieben.“ Maggie hatte in den Kommentaren der Nachrichten gehört, dass man einen Kommandanten vom Mars einsetzen würde. Dass aber ausgerechnet ihr Mann diese Totgeburt zum Leben erwecken sollte – die dazu Unsummen verschlang, die auf dem Mars an allen Ecken und Enden fehlten – war für sie unbegreiflich.
„Das haben sie vor fünfzig Jahren auch über den Mars gesagt.“ Donald verstand seine Frau nicht. Erkannte sie nicht, welche Möglichkeiten sie mit dieser Versetzung geboten bekamen? Sie könnten endlich vom Mars weg und nach ein paar Jahren Dienst auf der Station war es sicher kein Problem, eine Stabsstelle auf der Erde zu erhalten. Es würde nur ein paar Jahre dauern. „Und außerdem habe ich mich dafür ausgesprochen, dass Charlie einen Job dort bekommt. Bitte Margret, schlaf wenigstens eine Nacht darüber.“
„Nein! Ich werde dich nicht auf diesen Schrotthaufen im Weltall begleiten und zusehen, wie unsere Tochter deswegen schlechtere Chancen im Leben erhält, als sie bereits jetzt hat.“ Maggie schnappte sich ihre Tasche. „Und schon gar nicht, wenn du diesen Junkie mit im Schlepptau hast.“ Sie schien etwas in ihrer Handtasche zu suchen und funkelte ihn erbost an.
Als Don ansetzte, Charles zu verteidigen, hob seine Frau abwehrend die Hände. „Nicht wieder die alte Leier. Ich weiß, dass er zur Zeit clean ist. Aber für wie lange? Würdest du ihm Lizas Leben anvertrauen? Denn genau das tust du, wenn du mit uns auf diese Station gehen willst.“
„Natürlich würde ich das. Sonst hätte ich ihn nie für die Stelle des Sicherheitschefs vorgeschlagen, Maggie! Er ist ein guter Mann und er macht seinen Job.“
„Ja, aber nur, wenn er keine White-Strike-Nadel im Arm stecken hat.“ Sie kannte Charlie genauso lange, wie sie ihren Mann kannte und wusste, dass Charles Germain mehr als einmal einen Entzug hinter sich gebracht hatte. Bei zweien hatte sie ihn gemeinsam mit Donald sogar unterstützt. Oft genug hatte er beteuert, dass er nie wieder Drogen anrühren würde, aber er war immer wieder rückfällig geworden. Sie glaubte einfach nicht daran, dass er es diesmal schaffen würde.
„Ich hole Liza von der Schule ab und besuche dann meine Eltern.“ Kurz bevor sie das Quartier auf dem Militärstützpunkt inmitten der Amazonis Planitia verließ, drehte sie sich noch mal um und schaute ihren Mann an. „Es liegt an dir, Don. Wenn du meinst, die Versetzung annehmen zu müssen, dann tu es. Aber Liza und ich werden dich nicht begleiten.“
„Maggie … Warte … Lass uns darüber reden …“
Doch sie verließ das gemeinsame Quartier, ohne ein weiteres Wort.

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Fragment 15

Der Traum der Menschheit

Die Voyager. Der Stolz des Raumfahrtprogramms der World Space Administration war endlich im Begriff, ihre große Reise anzutreten. Auf der Aussichtsplattform der Raumstation Babel hatten sich alle Vertreter der sieben Weltregierungen sowie der Repräsentant der Marskolonie zusammengefunden, um dem Vorsitzenden der WSA bei seiner Ansprache zuzuhören und dem Start des Raumschiffs beizuwohnen.
Bevor der offizielle Teil begann, wurden Sektgläser und kleine Snacks gereicht, um allen Anwesenden die Wartezeit zu verkürzen, während die Crew der Voyager alle Systeme des Schiffs gründlich überprüfte. Ein Fehler würde die gesamte Mission gefährden.
„Sagen Sie, Präsidentin Callao, haben Sie sich oder vielmehr die Regierung des Inka-Territoriums inzwischen mit der Frage der Abbaurechte beschäftigt?“ Herman Zettler, Präsident der Nordamerikanischen Union trat näher an die schlanke Frau heran.
„Wollen Sie dieses Thema jetzt anschneiden?“
Er hob das Glas. „Warum nicht? Die Gelegenheit ist günstig und wir warten hier sowieso nur. Es würde mich interessieren …“
„Ich kann mir sehr gut vorstellen, was Sie interessiert. Es muss zu verlockend sein. Rohstoffe auf dem Mond, auf dem Mars und vielleicht auch auf Proxima Centauri b. Nicht wahr?“ Sie lächelte ihn an, doch es lag keine Freundlichkeit darin. „Aber so weit wollen Sie ja gar nicht. Wo doch Mittelamerika quasi Ihr Hinterhof ist.“
„Diese Ansicht ist doch antiquiert, werte Präsidentin.“
„Aber trotzdem zutreffend. Die Durango 400 Grenzlinie stört Sie doch schon lange. Und hätten sich sämtliche Einzelstaaten in Mittel- und Südamerika nicht zum Inka-Territorium zusammengeschlossen, wären Sie sicher schon bis Panama vorgedrungen.“
„Hören Sie auf, verdammt!“
Irritierte Blicke trafen die Zwei. Zettler lächelte höflich, was dazu führte, dass das Interesse an den beiden Streitenden nach einigen Sekunden wieder nachließ.
„Sie haben Recht, ja. Wir benötigen die Rohstoffe. Wir sind der industrielle Teil von Amerika. Was will das Inka-Territorium schon mit den Schürfrechten anfangen? Und das obendrein auf dem Mond oder dem Mars?“
Ein weiterer Mann war dazugekommen und mischte sich ein. Er war Mitte vierzig und wirkte eher unscheinbar. „Entschuldigen Sie, aber wenn Sie schon von Schürfrechten auf dem Mars sprechen, verehrter Präsident Zettler, dann sollte doch die Kolonialverwaltung des Planeten ganz offiziell hinzugezogen werden.“
Zettler wandte sich um. „Mister Jamaal ibn Gafur. Messen Sie Ihrer Position als Verwalter der Marskolonie nicht zuviel Bedeutung zu. Das werden wir sicher machen, wenn es soweit ist.“
Der Mann deutete eine Verbeugung an. „Es freut mich, dass Sie sich an meinen Namen erinnern. Aber bevor Sie sich mit Präsidentin Callao um die Schürfrechte auf dem Mars streiten, würde ich dreierlei vorschlagen. Erstens, dass Sie sich erst einmal mit dem Lunarabkommen einig werden. Zweitens, dass Sie nicht vergessen, dass der Mars inzwischen eine eigene Verwaltung hat. Und drittens, dass wir uns jetzt alle auf den Start der Voyager konzentrieren. Denn dafür sind wir hier.“
„Sie sind ein verdammter Klugscheißer“, wetterte Zettler, während Callao sich zurückzog. „Ihre Verwaltung ist von den amerikanischen Versorgungslieferungen abhängig. An Ihrer Stelle würde ich mich nicht zu weit aus dem Fenster lehnen.“
„Auf dem Mars ist dies ohnehin keine gute Idee.“
„Wie bitte?“
„Die mit dem Fenster.“ Jamaal ibn Gafur deutete auf die Voyager, die über das Panoramafenster von der Aussichtsplattform aus in voller Größe zu sehen war.
Als Zettler bemerkte, dass sich nunmehr alle Aufmerksamkeit auf die Voyager richtete, beließ er es dabei.
Hofer trat unterdessen an das Rednerpult, das etwas seitwärts stand, so dass man sowohl ihn, als auch das Raumschiff problemlos sehen konnte.
Fünfzehn Meter hoch und insgesamt etwa vierzig Meter breit. Die Konturen waren geschwungen, fast, als wäre sie ein Vogel, der seine Flügel ausbreitete, um die Weiten des Alls zu erforschen. Die Voyager war in diesem Moment ein beeindruckender Anblick von eleganter Schönheit.
„Ladies and Gentlemen, meine Damen und Herren. Der Moment ist gekommen, um bei diesem historischen Augenblick dabei zu sein“, Hofer begann seine Ansprache, während sich die Voyager langsam aus dem Raumdock löste. „Seit Jahrhunderten strebt der Mensch nach dem Unerforschten. Er fragte sich stets, was hinter dem nächsten Hügel liegen mochte. Hinter dem See, dem hohen Berg oder hinter dem Ozean? Was mochte auf den Menschen auf dem Mond oder dem Mars warten? In unserem Sonnensystem?
Nach all diesen Erfahrungen streben wir nun nach einem weiteren Schritt. Was erwartet uns im benachbarten Sonnensystem Alpha Centauri?“ Er sah sich um, sah kurz auf die Voyager, die sich nunmehr halb gedreht hatte und jetzt in voller Länge zu sehen war. Achtzig Meter. Zettler war beeindruckt und stellte fest, dass es den Anderen ebenso erging.
„Wir wissen, dass Alpha Centauri ein Dreigestirn ist und wir wissen, dass ein Planet um eine der Sonnen kreist. Proxima Centauri b.
Nach unseren Einschätzungen könnte dieser Planet eine zweite Erde sein. Ein sogenannter Exoplanet. Und wie es unsere Vorfahren immer gehandhabt hatten, so wollen auch wir jetzt, an der Schwelle zu neuer Erkenntnis stehend, unserem Wissensdrang nachgeben und eine tapfere Mannschaft ausschicken, um dieses weite Ziel zu erforschen und dort eine erste Station für uns, für die Menschheit zu bauen. Ganz in der Tradition von Männern wie Leif Eriksson, Christoph Kolumbus, Nikolaus Kopernikus, Neil Armstrong und James Sheridan werden vier junge Menschen aus allen Teilen der Erde einen lang gehegten Traum der Menschheit erfüllen. Alexandra Scott, Leandra Thuis, Arthur Jones und Michael Barnetti werden stellvertretend für die gesamte Menschheit nach den Sternen greifen.“
Das Schiff schob sich seitwärts von Babel weg, damit der Antrieb gefahrlos gezündet werden konnte. Die Anwesenden wurden im Vorfeld ausreichend auf die Prozedur vorbereitet. Zettler wollte sicherstellen, dass dadurch eine Panik vermieden wird, sobald die riesigen Triebwerke direkt am Panoramafenster der Aussichtsplattform vorbeizogen.
„Innerhalb der WSA wurde über die Namensgebung dieses Schiffs diskutiert und der Favorit war, es ‚Voyager 3‘ zu nennen. Als Hommage an die Pioniere der Raumfahrt und den beiden Voyager-Sonden der ehemaligen NASA. Wir entschlossen uns aber dazu, unsere eigene Geschichte über die Reisen im Weltraum zu schreiben und haben aus diesem Grund die Ziffer hinter dem Namen gestrichen. Die Hommage dürfte damit dennoch erkennbar sein, doch diese ‚Voyager‘ ist die erste ihres Namens, die für die World Space Administration die Weiten des Weltraums erkunden wird.
Wünschen Sie dem Schiff und der Crew eine gute Reise. Wir werden sehr lange nichts von ihnen hören.“
Genau in diesem Moment zündete die Voyager ihre Triebwerke. Man sah es, doch entgegen aller Erwartung, war nichts zu hören. Zettler kannte dieses Phänomen. Das All konnte keine Schallwellen übertragen und so erschien es, als würde der Antrieb das Schiff lautlos von der Raumstation wegschieben.
„Raumstation Babel, hier ist Michael Barnetti und die Crew der Voyager. Hören Sie mich?“
Zettler bewunderte Hofer in diesem Moment für sein geschicktes Agieren. Hier wurde ganz bewusst ein Moment geschaffen, der Gänsehaut garantierte.
„Hier ist Juan Hofer an Bord der Raumstation Babel. Bitte sprechen Sie.“
„Raumstation Babel. Alle Systeme arbeiten einwandfrei. Wir werden jetzt unseren Kurs nach Alpha Centauri aufnehmen und uns bald in die Stasiskammern begeben. Ich wurde von der Crew darum gebeten, euch alle zu grüßen.“
„Hofer hier. Vielen Dank. Bitte richten Sie der Crew aus, dass wir alle sehr stolz auf Sie sind.“
„Sie haben es gehört und freuen sich auf diese Mission. Wir werden den Traum der Menschheit mit uns tragen.“
„Guten Flug Ihnen allen. Wir werden die SatKom-Anlage regelmäßig abhören.“
„Vielen Dank, Babel. Barnetti für die Voyager. Ende.“
Immer schneller entfernte sich das Schiff, bis nur noch ein kleiner blauer Punkt zu sehen war, der sich kaum von den Sternen abhob. Zettler sah der Voyager so lange er konnte nach und fragte sich, ob er die Mannschaft und das Schiff jemals wieder sehen würde.

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Fragment 14

Fragment 14 – „Die Liebe eines Vaters“

 „Los Arjay, komm schon. Das ist unser letzter Abend auf der Erde. Sei kein Spielverderber.“ Leandra Thuis versuchte, ihren Kollegen davon zu überzeugen, sich der Gruppe von Astronauten anzuschließen und ein letztes Mal in eine Bar auf der Erde zu gehen. Und selbst wenn diese nur im eingeschränkt zugänglichen Bereich des WSA-Trainingscenters war. Doch Arthur Jones hatte kein Interesse.
„Nein, Lee. Lass mich bitte hierbleiben“, er deutete auf sein ComTerm, „Ich muss ein paar Sachen erledigen, bevor wir morgen mit der Voyager aufbrechen.“
„Arjay!“ Lee versuchte, ihn zu necken und dadurch etwas aufzulockern.
„Lee, bitte!“
„Arjay, komm jetzt. Was ist denn da so wichtig?“ Sie hing sich mit einer Hand am Türrahmen seines Zimmers fest und wackelte dabei fröhlich mit ihrem Kopf von einer Schulter zur anderen.
Arthur wollte allein sein. Warum konnte sie das nicht verstehen? Zudem hasste er es, wenn ihn jemand „Arjay“ nannte. Wenn er Lee nicht so gerne gemocht hätte, wäre ihm schon längst der Kragen geplatzt. Doch er riss sich zusammen.
„Lee, geh doch mit Alia und Mike los und lass mich hier in Ruhe. Vielleicht komme ich ja nach, aber das ist mir jetzt ganz wichtig“, flehte er beinahe.
„Echt jetzt?“, fragte sie dann und trat ein paar Schritte näher. Die WSA war den Astronauten gegenüber recht großzügig. Jeder erhielt sein eigenes Zimmer mit allem, was das Herz begehrte. Der Vorsitzende Juan Hofer erklärte einmal Reportern, dass es ihm wichtig war, dass sich seine Leute wohlfühlen würden. Immerhin wurde ihnen alles abverlangt, also sollten sie dafür jeden Komfort genießen dürfen, den sie bekommen konnten. Und sie bekamen die Annehmlichkeiten. Aber Arthur Jones hätte in diesem Moment jeden Komfort aufgegeben, um Lee endlich loszuwerden. Er wollte seine Ruhe haben.
„Was kann denn jetzt so wichtig sein, dass du nicht mitkommen magst?“, fragte sie und versuchte dabei, auf seinen ComTerm zu blicken.
Jetzt reichte es ihm. „Lee“, fuhr er sie schroff an, „es ist genug. Wenn du es unbedingt wissen willst ... ich möchte eine Nachricht für meinen Sohn aufnehmen. Ich werde ihn sehr lange nicht mehr sehen können. Vielleicht kannst du das ja verstehen. Das ist mir wichtig.“
Endlich entdeckte er in ihren Augen, dass Sie verstand. Ja, er hatte ein Kind. Als Einziger aus der Voyager-Crew. Weder sie, noch Alia oder Mike hatten Nachwuchs. Betreten senkte sie ihren Blick zu Boden, ehe Sie ihn erneut ansah.
„Entschuldige, Arthur. Ich ...“
Er wehrte ab. „Schon gut, Lee. Lass mich einfach hier machen und vielleicht komme ich später noch nach.“
„Versprochen?“, fragte sie zaghaft.
Arthur nickte und gab ihr dann durch eine Kopfbewegung in Richtung ComTerm zu verstehen, dass er jetzt alleine sein wollte.
Als sie endlich weg war, schloss Arthur die Zimmertür, setzte sich an den Tisch und gab dem ComTerm den Befehl, die Aufzeichnung zu starten.
„Sprachaufzeichnung gestartet“, ertönte die Stimme des ComTerms.
Wie sollte er jetzt anfangen? Er hatte so Vieles zu sagen. Für einen Moment sammelte er sich, richtete sich dann etwas auf und begann mit der Aufzeichnung.
„Lieber Timothy, dies ist der Vorabend meiner großen Reise mit der Voyager und den anderen Astronauten zum nächsten Sternensystem Alpha Centauri. Du bist gerade erst drei Jahre alt und kannst nicht wissen, welche unglaubliche Reise deinem Vater bevorsteht. Doch ich kann dir sagen, dass dies vermutlich eines der größten Abenteuer sein wird, die sich ein Mensch nur vorstellen kann.
Fünf Jahre werden wir in Cryoschlafkammern verbringen, damit wir die Reise überstehen und ausgeruht dort ankommen. Das muss sein! So sparen wir Nahrung und werden nur wenig altern. Dann steuern wir den Planeten Proxima Centauri b an. Den gesammelten Daten der Weltraumteleskope nach, soll sich diese Welt optimal dazu eignen, eine Basis in seiner Umlaufbahn zu errichten. Genau werden wir das natürlich erst überprüfen können, wenn wir dort sind. Denn Proxima Centauri b ist viele Lichtjahre von der Erde entfernt und selbst die besten Teleskope können nicht im Detail feststellen, wie es dort tatsächlich aussieht. Doch man vermutet, dass es dort Wasser und Vegetation geben könnte. Nicht so, wie auf der Erde, aber doch zumindest so, dass es uns gelingen sollte, etwas Wasser zum Waschen aufbereiten zu können.“ Er lächelte verlegen. In diesem Moment zweifelte er zum ersten Mal daran, dass seine Entscheidung, bei der Mission mitzumachen, wirklich richtig war.
„Wenn alles reibungslos funktioniert, mein Sohn, dann werden wir für zwei Jahre in der Umlaufbahn von Proxima Centauri b bleiben und dort eine Basis errichten. Etwas Kleines. So, wie die alte Internationale Raumstation ISS, die vor langer Zeit die Erde umkreiste. Gerade groß genug, um vier Menschen Platz zu bieten, damit etwas Forschung betrieben werden kann. Und dann machen wir uns wieder auf die Rückreise. Erneut für fünf Jahre in den Cryoschlafkammern. Das bedeutet, dass wir uns erst in zwölf Jahren wiedersehen werden. Im Jahre 2245. Da wirst du dann schon 15 Jahre alt sein.“
Er hielt einen Augenblick inne. Eine lange Zeit, in der er seinen Sohn nicht sehen würde. War ihm das jemals so bewusst wie in diesem Moment? Er schüttelte kaum merklich den Kopf. Zum Einen, um sich seine eigene Frage zu beantworten und zum Anderen, um diese Gedanken zu vertreiben. Er wollte es so. Es war sein Traum. Raumfahrt, Entdeckungen und die Vorstellung jubelnder Menschen bei seiner Rückkehr. Würde sein Sohn dabei sein? Wie glücklich wäre er wohl in diesem Moment?
„Mein Sohn, auch wenn ich dich lange Zeit nicht sehen werde, so sei dir gewiss, dass ich dich über alles von ganzem Herzen liebe. Ich tue dies, um dir und allen Menschen einen Weg in eine neue Zukunft zu ebnen. Nach der Voyager wird es neuere Schiffe, schnellere Schiffe geben, die diese Reise in kürzerer Zeit zurücklegen können. Proxima Centauri b wird das Tor ins Universum für die Menschen der Erde werden. Eines Tages wird es möglich sein, fremde Planeten zu besiedeln, die Umweltbedingungen anzupassen und so immer weiter hinaus zu ziehen. Und auch immer mehr über das Universum zu lernen.
All das wird mit dem ersten Schritt außerhalb unseres Sonnensystems anfangen. Mit dem Flug der Voyager, die morgen ihre Reise antreten wird. Und dein Vater wird mit an Bord sein.“
Eine kleine Träne bahnte sich ihren Weg über seine Wange, doch er wischte sie nicht weg. Nein, er war nicht traurig, sich für dieses Abenteuer entschieden zu haben. Er war aber traurig darüber, seinen Sohn und auch seine Frau lange Zeit nicht sehen zu können. Doch Helen und er hatten viele Male über alles gesprochen. Sie war damit einverstanden und beteuerte immer wieder, wie stolz sie auf ihn war. Als er daran dachte, fasste er neuen Mut.
„Deine Mutter wird dir sicher viel von mir erzählen. Wir haben uns beide oft darüber unterhalten und ich weiß, dass sie immer für dich da sein wird.
Euch die lange Zeit nicht sehen zu können, wird sicher schwer werden, aber ich weiß, dass es sich lohnen wird. Und für mich vergehen ja auch nur zwei Jahre. Und wenn ich wieder da bin, dann müsst ihr mir beide unbedingt berichten, was in all den Jahren so passiert ist. Ich will alles wissen. Wie du in die Schule gekommen bist, wer deine erste Freundin war, was du manchmal angestellt hast und wie ihr manchen Abend damit verbracht habt, euch darüber zu unterhalten, wie lange es noch dauern wird, bis ich wieder bei euch bin.
Im Herzen werde ich immer bei euch sein und ganz besonders bei dir, mein Sohn.
In Liebe
Dein Vater“
Stille.
Arthur Jones war zufrieden.
„Aufzeichnung beenden und bei Digital Delivery für eine spätere Zustellung speichern.“
„Bitte nennen Sie den Zeitpunkt der geplanten Zusendung der Nachricht“, forderte sein ComTerm daraufhin.
Arthur streckte sich etwas, bevor er antwortete: „Am 1.1.2245. Empfänger ist Timothy Jones. Bitte Accountabfrage über WSA-Registrierung der Familienangehörigen.“
„Bestätigt“, antwortete die Stimme.
Arthur Jones nickte kurz. „Wenn du diese Nachricht erhältst, wird es nicht mehr lange dauern, bis wir uns wieder sehen“, murmelte er vor sich hin.
Sollte er sich jetzt doch auf den Weg zu den anderen machen? Nein! Er entschied, die Zeit dazu zu nutzen, eine weitere Nachricht zu verfassen. Eine Nachricht an Helen. Diese sollte sie aber nicht erst 2245 erhalten, sondern schon kurz nach dem Start. Er musste ihr sagen, wie sehr er sie liebte und wie dankbar er war, dass sie die lange Zeit ohne ihn auf sich nahm, um auf ihn zu warten und ihr gemeinsames Kind aufzuziehen. Es war ihm wichtig.
Danach konnte er sich zum Rest der Voyager-Crew begeben um Abschied von der Erde zu feiern.

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Fragment 13

Fragment 13 – „Öffentlichkeitsarbeit“

„Die Fragen wurden im Vorfeld mit den Vertretern der Presse abgesprochen“, erklärte der WSA-Chef der Crew, die in einem kleinen Raum auf ihren großen Auftritt wartete.
„Sie werden sich genau an die vorgegebenen Antworten halten.“ Hofers Assistentin überreichte der Crew verschiedene Pads. „Sie fügen nichts hinzu und werden auch nichts weglassen, verstanden?“
„Und was sollen wir machen, wenn Fragen gestellt werden, die nicht abgesprochen sind?“ Arthur war nervös. Er konnte keine dreißig Sekunden stillsitzen und lief immer wieder hin und her.
„Das wird nicht passieren, Mister Jones. Wir haben die Pressekonferenz bis ins kleinste Detail durchgeplant.“
„Da bin ich aber mal gespannt, ob sich die Journalisten dran halten.“ Lee war ebenfalls aufgeregt. Heute war ihr großer Tag.
„Das werden sie. Wir machen so etwas schließlich nicht zum ersten Mal“, fügte Hofer mit Nachdruck hinzu. „Sie werden freundlich in die Kameras schauen und ihre Antworten vorlesen.“
„Die meisten Fragen gehen an dich, Mike.“ Lee las sich die Antworten auf dem Pad durch.
„Natürlich. Doktor Barnetti ist der Missionsleiter“, grätschte die Assistentin ein, bevor Mike eine Antwort geben konnte. Er und Alia saßen noch in der Maske.
„Und was sind wir? Schmückendes Beiwerk?“ Alia hatte die kurze Pause des Maskenbildners genutzt, der nach einem weiteren Pinsel griff, um sie mit Make-up vollzuschmieren. Jeder im Raum konnte ihren Unwillen darüber hören.
„Wenn Sie es so wollen, ja. Das sind Sie.“ Hofer drehte sich zu Alia, die wieder von dem Stylisten bearbeitet wurde und die Augen schließen musste. „Wir haben jeden von Ihnen in den letzten Monaten öffentlich so aufgebaut, dass diese Antworten exakt Ihrem Image entsprechen.“
„Und dieses Image wäre?“ Mike war nun auch ärgerlich. Er mochte es nicht, übervorteilt zu werden. Und dass ihn die WSA so ins Rampenlicht rücken wollte, war ihm unangenehm.
„Sie, Doktor Barnetti“, die Frau an Hofers Seite klang genervt, „sind der smarte und sympathische Missionskommandant, der das Team geformt und zusammengeschweißt hat.“
„Mister Jones ist der junge und dynamische Familienvater, der trotz allem um die Wichtigkeit der Mission weiß“, ergänzte Hofer in einem etwas milderen Ton und warf der Frau einen warnenden Blick zu. Es würde nicht helfen, wenn die Crew ärgerlich auf die Bühne trat. Diese nickte, bevor sie fortfuhr.
„Miss Thuis ist die lebensfrohe Wissenschaftlerin, welche die Moral der Gruppe aufrecht erhält und Captain Scott stellen wir der Presse als gutaussehende, aber kühle Militärstrategin vor.“
„Bitte was?!“ Alia war aufgesprungen und hatte dabei dem Stylisten den Pinsel aus der Hand geschlagen, mit dem er immer noch versuchte, sie zu schminken. „Barnetti als Mister Niceguy, Thuis als Pausenclown? Wie kommen Sie überhaupt dazu? Und Jones als Nesthäkchen zu vermarkten ist das Letzte. Was fällt Ihnen insbesondere ein, aus mir eine…“
„Captain, Sie vergreifen sich im Ton!“ Hofer hatte ebenfalls seine Stimme erhoben. „Jeder von Ihnen entspricht einem bestimmten Profil, mit welchem sich die Menschen identifizieren können. Sie alle sind sehr beliebt, jeder bei einer anderen Personengruppe. Und wenn Sie sich gleich bei der Konferenz nicht sehr ungeschickt anstellen, wird Sie die Welt dafür feiern, auf diese Mission zu gehen.“
„Sie sollten bedenken, dass die Mission aus Steuergeldern und von Sponsoren aus der Privatwirtschaft finanziert wird“, wieder mischte sich Hofers Assistentin ein. „Mag man Sie, sind die Menschen bereit, für Missionen wie diese zu zahlen.“
Alia und Mike sahen immer noch wütend aus, während Lee und Arthur nicht genau wussten, was sie von der Situation halten sollten. Dennoch schwiegen alle vier.
„Sehr schön. Nachdem das nun geklärt ist, werden Sie jetzt da raus gehen, brav die Fragen beantworten und in die Kameras lächeln.“

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Fragment 10

„Er ist wendig. Er ist schnell. Er gleicht mit seinen Steuerdüsen Unebenheiten von bis zu zwanzig Metern aus und verfügt über ein derart ausgeglichenes Fahrwerk, dass es eine Freude sein wird, ihn auf dem Zielplaneten über die Landschaften zu steuern.“ Die Präsentation zeigte ein Fahrzeug, dass über Felder, Flüsse und Hügel manövrierte. Die Landschaft war ausgesprochen einladend, nur der Himmel war mit seiner eher gelblichen Farbe etwas gewöhnungsbedürftig. „Dazu ist er mit allem ausgerüstet, was das Forscherherz begehrt. Die neuste Sensorik, ein mobiles Labor zur sofortigen Analyse von Bodenproben. Infrarot- und Wärmebildkameras, Seismographen und vieles mehr. Dieser Prototyp wurde unter den widrigsten Umständen im Versuchslabor der Babel-Werft getestet. Sein Zwilling – der Mars-Versuchs-Transporter – durchlief unzählige Testreihen, um zu gewährleisten, dass der Alpha-Centauri-Erkundungs-Transporter mit dem Besten ausgestattet ist, was wir zu bieten haben. Er wird Ihnen stets ein zuverlässiger Begleiter sein. Freuen Sie sich auf den Alpha-Centauri-Erkundungs-Transporter. Freuen Sie sich auf den ACET.“ Die Präsentation endete und das Licht wurde im Schulungsraum wieder eingeschaltet. Arthur rutsche nervös auf seinem Sitz hin und her. „Mann, ich bin echt gespannt auf dieses Fahrzeug. Zwanzig Meter soll es ausgleichen können.“ „Und die ganzen Sensoren. Das Labor. Mit dem ACET werden wir den Planeten rasend schnell erforschen können.“ Lee stimmte in Arthurs Aufregung mit ein. Doch Alia gab ihnen einen Dämpfer. „Selbstverständlich. Unabhängig davon, dass an diesem Promotionclip vermutlich mehr Menschen gearbeitet haben, als am beworbenen Fahrzeug. Das sind nicht einmal Originalaufnahmen, sondern reine Computeranimationen. Wir wissen nun, was der Transporter in der Theorie kann, jedoch sehe ich weder Auswertungen noch Nachweise über praktische Tests und Prüfungen. Wir konnten uns selbst kein Bild des Zustands und der Fähigkeiten machen, daher stelle ich die angepriesene Perfektion des ACET in Frage.“ „Mensch Alia, muss das sein?“ Lee verzog ihr Gesicht zu einem Schmollen. „Möchten Sie auch etwas zur Präsentation sagen, Herr Barnetti?“ Ausbilder Sanchez, ein langjähriger Mitarbeiter im Trainingscenter der WSA, sorgte mit der Frage für Ruhe. Mike schüttelte den Kopf. „Nein. Es war eine großartige Präsentation.“ Dann fügte er aber doch einen Satz hinzu. „Aber es wäre wünschenswert, dass wir den ACET selbst testen könnten, um seine Funktionsweise kennen zu lernen.“ „Das wird bedauerlicherweise warten müssen“, erwiderte Sanchez. „Solange wir uns auf der Erde befinden und der ACET auf Babel, wird es keine Gelegenheit dazu geben. Doch die Präsentation soll Ihnen einen Eindruck vermitteln, welche Mühe und finanziellen Mittel die WSA in diese Mission investiert hat. Lesen Sie das Benutzerhandbuch ausführlich. Es wird Ihnen ein Leitfaden sein.“ „Aber wenn es nur auf Babel montiert und dann auf das Schiff gebracht wird, dann wird das Gefährt wohl nicht einmal drei Kilometer auf der Uhr haben.“ „Es werden schon etwa zwanzig sein, Herr Barnetti“, erwiderte Sanchez. „Die Labortests sind extrem gründlich und genaustens dokumentiert.“ „Na, jedenfalls kann ich es kaum erwarten, den ACET das erste Mal zu starten.“ Arthurs Begeisterung kannte keine Zweifel und so sah er auch nicht, wie Alia ihre Augen verdrehte.

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Fragment 7

„Der Antrieb, der für das Schiff gebaut wird, ist absolut unfassbar. Wisst ihr, dass wir damit fast schon an der Lichtgeschwindigkeit kratzen?“ Arthur war derart aufgedreht, dass er die anderen allmählich nervte. Wäre er nicht so in die Technik des Raumschiffs verliebt, hätte er es vermutlich gemerkt. „Mensch Arthur, lass uns doch erstmal unsere Mittagspause machen.“ Leandra Thuis, die sich sonst gerne mitreißen ließ, sah man an, dass sie vom Training erschöpft war. Die letzten Tests für die physische Belastbarkeit hatten sie geschafft. Arthur ging unterdessen zur Essensausgabe der WSA-Mensa, um sich seine Mahlzeit zu holen. Als er zurückkam, beachteten ihn die Anderen kaum. Leandra kaute müde auf ihrem Essen herum, Michael studierte nebenbei die Unterlagen für die anstehende Übung im Wassertank, während Alexandra steif am Tisch saß und ihre Mahlzeit einnahm. Neben ihrem Tablett stand eine Tasse heißer Kaffee. Arthur nahm diesen Umstand als Gelegenheit, mit ihr ins Gespräch zu kommen. „Du kannst wohl immer Kaffee trinken, was Captain?“ Sie sah ihn missbilligend an, ohne eine Antwort zu erwidern. „Ich meine, bei deinem Konsum, bräuchten wir da oben zwei Kaffeemaschinen. Ich glaube nicht, dass die WSA das eingeplant hat? Was meint Ihr?“ „Hmm“, war das Einzige, was daraufhin von Michael zur Antwort kam. Arthur ließ sich davon nicht bremsen. „Nach dem Kälteschlaf werden uns sicher sämtliche Mineralien fehlen. Wie wäre es, wenn ich mal mit den Leuten hier spreche, ob die uns die Aufbaupräparate nicht als Zusatzstoffe in den Kaffee mischen?“ Jetzt sah Scott ihn durchdringend an. „Das ist eine brillante Idee, Jones. Es wird vorzüglich schmecken. Alternativ schlage ich vor, Magnesiumtabletten in die Filtertüte zu stopfen und dann den Salzstreuer darüber auszuleeren.“ Nicht nur Arthur lachte daraufhin. Auch Michael und Leandra amüsierten sich über diese Bemerkung. „Jetzt mal im Ernst“, meinte Mike einen Augenblick später. „Die Idee klingt nicht übel. Das sollten wir mal ansprechen. Gegebenenfalls lässt sich da ja was machen.“ Captain Scott verdrehte die Augen. Sie hatte ihre Aussage nicht als Scherz gedacht und schaute entnervt in eine andere Richtung. „Vielleicht solltest du doch lieber etwas über den tollen Antrieb erzählen“, bemerkte Leandra daraufhin gelangweilt. Arthur nahm die Aufforderung gerne an. Sein Essen wurde indes allmählich kalt. „Ich habe mal recherchiert. Vor der WSA gab es doch die Raumfahrtbehörden ESA, NASA und so weiter. Ja und die NASA hatte tatsächlich vor rund zweihundert Jahren an Antrieben gebaut, die den Weltraum falten sollten.“ „Vor zweihundert Jahren schon? Was ist daraus geworden?“, wollte Michael wissen. „Leider liefen die Forschungen nur in der Theorie und die praktischen Versuche waren wenig erfolgreich. Die Alcubierre Theorien gaben damals einen interessanten Ansatz, doch fürchtete man, dass innerhalb einer Raumkrümmungsblase die Temperaturen derart stark steigen würden, dass alles in ihr kochen und zerfließen würde.“ „Alles?“, fragte Leandra überrascht. „Ja. Auch und vor allem die Besatzung.“ Michael runzelte die Stirn. „Das waren die Forschungen vor zweihundert Jahren. Heute sieht das alles ganz anders aus.“ „Genau“, bestätigte Arthur freudig. „In der Alcubierre Theorie hätte man negative Energie benötigt.“ „Der reinste Wahnwitz“, mischte sich Scott knapp ein und erntete mit diesem Kommentar einhellige Zustimmung. Nach einer kurzen Redepause und ein paar Bissen seiner Mahlzeit ergriff Arthur erneut das Wort. „Wisst ihr eigentlich, wie das geniale Prinzip dieses neuen Antriebs funktioniert? Ich meine, dass es echt möglich sein wird, dass wir innerhalb von nur fünf Jahren von der Erde nach Alpha Centauri reisen?“ „Arjay, bitte“, Mike hob abwehrend die Hände, „verschone uns in der Mittagspause mit den technischen Details.“ Arthur verstummte. Nicht, weil er darum gebeten wurde, die Pause zu akzeptieren, sondern, weil Michael ihn „Arjay“ nannte. Das konnte er absolut nicht leiden. „Verdammt nochmal, das habe ich dir schonmal gesagt. Ich nenne dich ja auch nicht Spaghetti Barnetti. Hör mit diesem scheiß „Arjay“ auf!“ „Also hör mal, ich…“ „Nein, hör du doch mal zu! Mein Vorname beginnt nicht mit ‚R‘, sondern mit ‚A‘. Arthur Jones. Nicht Ronald, Rufus, Richard oder irgendwas mit ‚R‘ Jones. Sondern A-R-T-H-U-R. Ich habe nichts dagegen, wenn wir uns mit Spitznamen anreden, aber dein dämliches „Arjay“ kannst du dir ans Knie nageln.“ Verärgert nahm er sein Tablett, stand auf und ließ seinen kaum angerührten Teller auf den Wagen der Geschirrrückgabe krachen, ehe er die Mensa verließ.

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Fragment 6

Der Professor richtete seine Lesebrille und betrachtete die grafische Simulation auf dem Holoprojektor, die den Verlauf der geplanten Langzeitraumfahrt zum Nachbarsternensystem Alpha Centauri verdeutlichte.
„Wie Sie sehen, dauert selbst im Zeitraffer die Reise dorthin überaus lange. Ich schlage vor, wir kürzen diesen Part ab und kümmern uns weiter um die Stellarkunde und insbesondere um die Positionierung des Dreifachgestirns Alpha Centauri, welches 4,34 Lichtjahre von unserer Sonne entfernt als direkter Nachbar angesehen wird. Bekanntermaßen besteht das Alpha Centauri System aus den Sternen Alpha Centauri A, B und C. Wobei wir uns auf Grund der Mission darauf konzentrieren werden, das Zielsystem der Einfachheit halber als Alpha Centauri zu beschreiben, die tatsächlichen Koordinaten jedoch zu Alpha Centauri C und damit zum Planeten Proxima Centauri b gehören. Um mit den Buchstaben aber nicht durcheinander zu geraten, ist der allgemeine Sprachgebrauch bei der WSA der, von Proxima Centauri und dem Planeten Proxima Centauri b zu sprechen.“
Mike meldete sich zu Wort. „Können wir nicht generell davon sprechen, nach Proxima Centauri zu reisen, Professor?“
Der Mann sah ihn über seine Brille hinweg an. „Wollen Sie in der Sonne landen, junger Mann? Richten Sie sich an den von mir eben erklärten Sprachgebrauch.“ Er sah wieder auf die Holoprojektion. „Die Sonne Proxima Centauri ist der nächstgelegenste Stern in diesem System und wird bei einer Entfernung von nur 4,22 Lichtjahren früher zu erreichen sein. Obwohl die anderen beiden Sonnen weiter entfernt sind, wird es ihnen anhand der ausgewählten Navigationsroute möglicherweise so vorkommen, als würden sie an den beiden anderen Sonnen vorbeifliegen. Das liegt jedoch …“
„Entschuldigung, Professor, aber ich habe eine Frage.“ Diesmal war es Leandra.
Der Mann nickte ihr zu. „Bitte?“
„Was mich schon seit einiger Zeit wurmt, ist die Frage, weshalb immer wieder von Navigation gesprochen wird. Die nautische Begrifflichkeit ist hierbei doch fehl am Platz. Korrekterweise sollte es doch Astrogation heißen.“
„Da haben Sie natürlich Recht“, bestätigte der Professor. „Aber der Begriff der Navigation hatte sich bekanntermaßen ja schon bei der geografischen Routenführung von Landfahrzeugen vor rund zweihundert Jahren durchgesetzt. Die WSA nutzt diese Begrifflichkeit schon seit ihrer Gründung. Sie müssen modischen Strömungen nicht so viel Bedeutung beimessen. Es bleibt bei der Navigation.“
Mike sah zu Lee und hatte den Eindruck, sie würde mit dem Professor eine Diskussion über diesen Punkt starten wollen. Sie hatte bereits zu einer Erwiderung angesetzt, beließ es aber dann dabei. Er war sich nicht sicher, ob sie sich selbst eines besseren besann, oder ob Captain Scotts Gesichtsausdruck dazu beigetragen hatte. Auf jeden Fall verstummte sie.
„Hat sonst noch jemand Fragen?“ Der Professor sah alle vier erwartungsvoll an. Nachdem sich jedoch niemand mehr meldete, fuhr er mit seinem Unterricht fort. „Also, machen wir weiter mit dem Abbremsmanöver …“

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