Fragment 28 - Herakles

Commander Bell stand mit seinem neuen 1. Offizier Nicole Jacobs an der letzten Fracht-rampe und schaute durch eines der Bullaugen auf die dahinterliegende Konstruktion.
„Es müssen zwingendermaßen Shuttles benutzt werden?“ Jacobs schien darüber nicht glücklich und Bell konnte sie verstehen. Zum normalen Frachtverkehr von Erde, Mars, Mond und der Union kamen etwa 25 Shuttles hinzu, welche in den Flugplan integriert werden mussten.
„Ja, zumindest solange, bis die Außenhülle komplett versiegelt ist und der Innenaus-bau beginnt.“ Als hätte er es beschworen, zeigte sich eines der Kleintransportschiffe hin-ter dem großen Backboardteil, das in einem Stahlgerippe hing und eher an ein Spinnennetz erinnerte, als an eine Schiffswerft. „Wir können froh sein, dass die Werft endlich fertig ist und die Arbeiter ihre Quartiere beziehen können.“
Jacobs nickte. Seit 10 Wochen war sie auf Babel und es war kein Tag vergangen, an dem nicht das Chaos herrschte. Jetzt waren aber die Spaceworker seit etwa einer Woche allesamt direkt auf der Werft untergebracht und die Lage normalisierte sich nach und nach. Die freigewordenen Quartiere wurden sofort in Lagerflächen umgewandelt, sodass die Versorgung wieder besser lief. Weiter konnte man auch die freigegebenen Flächen innerhalb der Werft effektiver nutzen.
„Ja, Sir.“ Eine Weile schauten beide zu, wie Schlepper versuchten, das große Steuerboardteil an die richtige Stelle zu bugsieren, damit diese in den nächsten Wochen verbunden werden konnten. „Aber ich befürchte, die WSA war mit ihrem Zeitplan zur Fertigstellung des Schiffes zu optimistisch.“
„Da gebe ich Ihnen recht, Lieutenant.“ Bell befürchtete das Schlimmste. Die WSA hatte zusammen mit der Union und der Marsregierung einen Zeitplan von nur 7 Jahren zum Bau der beiden Schiffe aufgestellt. Und wenn er sich diesen Plan jetzt anschaute, hingen die Arbeiter bereits mehr als 14 Monate davon hinterher. „Es fehlen Ingenieure, Arbeiter und gut ausgebildete Projektleiter. Major Celilc wird nächste Woche auf die Erde zurückkehren. Dass die WSA meint, der Kommandostab von Babel könnte sich nebenbei zusätzlich um den Schiffsbau kümmern ist hanebüchen.“ Jacobs nickte zustimmend.
„War nicht bereits jemand für die Position vorgesehen?“, fragte Jacobs und folgte dem Commander in Richtung der Shuttlebucht, um auf die Werft zu gelangen.

„Es gab schon mehrere Kandidaten. Aber immer war eine Partei dabei, welche diejenige oder denjenigen nicht akzeptiert hat. Seien Sie froh, Lieutenant, dass Sie sich nur innerhalb der Streitkräfte auf diese Position bewerben mussten.“ Sicherheitschef Germain hielt sich bereits in der Shuttlebucht auf, genauso wie 3 seiner Leute.
„Das war einfacher als Sie denken Chief. Die meisten Offiziere hatten enorme Beden-ken bei der Position. Und wenn es nur vor dem halben Kommandostab ist, der vom Mars stammt.“ Nicole Jacobs und Charles Germain benötigten im Regelfall etwa 30 Sekunden, um aneinanderzugeraten, doch heute schien es besonders schlimm zu werden.
„Ist etwas auf der Werft vorgefallen?“ Bell versuchte, das Thema zu wechseln, bevor sein 1. Offizier und sein Sicherheitschef richtig loslegten. Während es mittlerweile für die zivilen Forscher einen regelrechten Wettkampf um die freien Stellen auf Babel gab, hatte Bell größte Mühe seine Planstellen zu besetzen.
„Nur eine kleine Schlägerei unter einigen Spaceworkern. Aber der Vorarbeiter hat uns gebeten, mehr Präsenz zu zeigen.“, sagte er pflichtschuldig, eh er sich wieder Jacobs zuwandte. „Dann erzählen Sie mal Lieutenant, was hält man auf der Erde von Babel?“
„Das Shuttle ist da“ Bell störte abermals das Gespräch der beiden. Gleich würde er noch ein Gespräch mit Major Celilc führen müssen, nachdem sie sich beim Generalstab massiv über den Kommandostab und die Werftarbeiter beschwert hatte. Auch wenn der Major nur noch wenige Tage an Bord war, musste die Angelegenheit geklärt werden. Bei Eskalation der Situation könnten im schlimmsten Fall die Arbeiter in einen Streik treten.
Nicole Jacobs nickte und ging direkt zur Andocktür.
„Charles tu mir einen Gefallen und hör mit der Stichelei auf. Wenigstens bis wir wieder zurück sind.“, zischte der Commander Germain zu. Er nickte, versprach aber nichts. Bell ahnte nichts Gutes, doch schafften es die beiden zumindest während des kurzen Fluges keinen neuen Kleinkrieg auszulösen.
„Commander, es wird aber auch Zeit, dass Sie kommen. Ich warte bereits 10 Minuten auf Sie!“ Die eurasische Offizierin mittleren Alters fuhr ihn gleich zur Begrüßung an. „Und Sie...“ Sie schaute auf Germain und seine Sicherheitsleute „...Sorgen Sie endlich dafür, dass sich die Marsianer benehmen und nicht eine Schlägerei nach der nächsten provozieren.“ Ohne auf seine Antwort zu warten, wandte sich Celilc wieder an Bell. „Commander, sagen Sie, was Sie zu sagen haben. Meine Zeit ist kostbar!“
„Major, wenn ich nicht irre, kennen Sie Lieutenant-Commander Nicole Jacobs noch nicht.“ Bell ließ sich von dem Befehlston des Majors nicht aus der Ruhe bringen.
„Lieutenant-Commander“ Celilc gab dem 1. Offizier die Hand.
„Major, es freut mich Sie kennenzulernen.“ Bell bemerkte, dass Jacobs einen nicht definierbaren Ton angenommen hatte.
„Woher stammen Sie Jacobs, Amerikanisches Territorium? Ich schätze mittlerer Westen.“ Mit einem Mal ignorierte sie Bell und Germain.
„Ja, Madam. Ich stamme aus Detroit.“
„Endlich mal ein ordentlicher Offizier. Sie werden hier viel Arbeit haben, Lieutenant-Commander. Lassen Sie mich Ihnen die wichtigsten Dinge erklären.“
„Ich verstehe ich nicht Madam.“
„Sicher werden Sie, zumindest solange, bis mein Nachfolger die Werft erreicht, sich hier um alles kümmern.“ Der Major sah sie überzeugt an.
„Nein, Major. Commander Bell wird sich dieser Aufgabe widmen, während ich ihn auf Babel bei den meisten Aufgaben vertrete.“, klärte Jacobs sie auf. Jedenfalls hatte Bell mit ihr diesen Plan gestern ausgearbeitet.
„Wie schade. Ich hatte gehofft, dass Zucht und Ordnung bestehen bleiben, wenn ein Erdoffizier das Kommando auf der Werft weiterführt. Sie wissen ja, wie Marsianer sein können.“
„Nein, Major, dass weiß ich nicht.“ Jacobs war stehen geblieben und ihr Gesicht zeigte rote Stellen. „Und ich möchte Sie bitten, Major, zumindest noch solange sie auf der Werft sind, diese Art von Kommentaren für sich zu behalten.“
„Was erlauben Sie sich eigentlich, Lieutenant-Commander?“ Jetzt war es an dem Major eine rote Gesichtsfarbe anzunehmen.
„Ich erlaube mir, Ihnen einen wohlwollenden Rat zu geben, Madam. Sie sind zur Zeit der einzige Erdoffizier auf der gesamten Werft und auch auf Babel in der Minderheit, wenn man überhaupt davon sprechen sollte. Wir alle dienen in den vereinten Streitkräften.“
„Jacobs, ich habe gedacht, dass endlich jemand aufgewecktes auf den Posten gesetzt worden wäre, aber scheinbar hat man auch nur wieder auf die zweite Reihe zurückgegriffen.“ Mit diesen Worten ließ sie Jacobs stehen und wandte sich wieder Bell zu, der gemeinsam mit Germain alles gehört hatte.
„Los, Commander. Sie kennen meine Anmerkungen, kommen Sie mit. Sehen Sie sich die ersten Teile der Herakles an.“
Bell nickte und deutete seinem 1. Offizier an, bei Germain zu bleiben.
„Willkommen auf Babel, Jacobs. Gerade sind Sie zu einem von uns Ausgestoßenen geworden.“
„Halten Sie die Klappe Germain!“