Fragment 27 - Langeweile

Atras Hydarnes saß seit zwei Stunden in der Sitzung mit den Abgesandten der Erde und des Mars. Leider waren sie außer einer Vorstellung noch nicht sehr weit gekom-men. Statt sich über die Möglichkeiten eines Informationsaustausches über die unterschiedlichen Kulturen zu verständigen, diskutierte man zunächst, wer welche Aufgaben innerhalb dieser Kommission übernehmen sollte. Er musste sich zwingen, den Worten der Redner weiterhin zu folgen und bereute es in solchen Momenten, sich für die Mission Atlantis gemeldet zu haben. Die Erdenmenschen waren erschreckend langatmig, kamen oft nicht zur Kernaussage und waren für ihn ermüdend und lang-weilig.
‚Nein‘, rief er sich gedanklich zur Ordnung. Die drei Menschen, welche Taisod da-mals aus den Fängen der Konföderation gerettet und nach Atlantis begleitet hatte, wa-ren alles andere als langweilig. Jeder für sich war eine interessante Persönlichkeit. Neben Michael Barnetti war auch Leandra Thuis heute erschienen. Barnetti hatte sich in seiner neuen Rolle des leitenden Kommunikationsspezialisten für übergreifende Verständigung zwischen Erde und der Interstellaren Union im Namen der World Space Administration gut eingefunden.
Vor der Zusammenkunft hatte ihm Mike unter vier Augen erzählt, dass man fast 4 Wochen an seinem Berufstitel gearbeitet hatte.
„Wenn es nach mir gegangen wäre, hätte auch so etwas einfaches wie Erd-Botschafter im Namen der WSA völlig gereicht. Aber das war manchen Leuten nicht eindrucksvoll genug.“ Atras hatte ihm zugestimmt, ein kürzerer Titel wäre sicher erstre-benswert gewesen. Aber so waren viele Erdenmenschen nun, wie er des Öftern fest-gestellt hatte. Sie ließen sich von Titeln beeindrucken, ohne genau zu wissen, was er überhaupt aussagte. Sein Blick ging an dem langen Tisch mit seinen 36 Stühlen ent-lang und blieb bei Leandra Thuis stehen.
Thuis hatte man zu dem Treffen gebeten, da sie ein ehemaliges Mitglied der Voyager-Crew war. Weiterhin fand das Treffen auf Babel statt und Thuis arbeitete dort seit knapp einem Jahr. Es lag nahe, sie dabei zu haben, zumal es eine gute Presse geben würde. Und wie Atras durch diverse Quellen hatte in Erfahrung bringen kön-nen, schien sie sich gut einzugliedern und erzielte einige Erfolge bei ihrer Arbeit. Nichtsdestotrotz schien sie sich hier unwohl zu fühlen.
Einzig Scott war nicht erschienen. Gerade mit ihr hatte Atras fest gerechnet. Sie hat-te nicht nur die nötige wissenschaftliche Expertise, sie konnte Dinge auf den Punkt bringen, wie eine Redewendung der Erde lautete.
Stattdessen hatte man Forscher aus der Anthropologie, Geschichte, Archäologie, Theologen und Geologen geschickt, die vermutliche nie die Grenze des Universitäts-campus überschritten hatten.
Mazan Taisod hatte ihn mit zwei weiteren Mitarbeitern des diplomatischen Corps da-zu gedrungen, da entsprechende Wissenschaftler der Union aufgrund eines neuen Kriegsherds es nicht rechtzeitig in den Erdsektor schaffen würden. Und der Mazan nicht wollte, dass dieser Umstand bekannt wurde. Die diplomatischen Beziehungen nahmen gerade wieder etwas mehr Geschwindigkeit auf, die Bauarbeiten an den Werften und den geplanten Schiffen gingen gut voran. Da wäre die Mitteilung über eine zu Ungunsten der Union verschobene Front alles andere als hilfreich.
„Meine Damen und Herren, ich schlage eine kleine Pause vor, bevor wir dann an die Details gehen“, hörte er den Commander der Babel-Station entfernt. Man hatte Bell gebeten, das erste Treffen zu leiten, bis man jemand innerhalb der Teilnehmer gefun-den hatte, der bereit war, diese Position zu übernehmen.
Als ein allgemeines zustimmendes Murmeln zu vernehmen war, unterbrach Com-mander Bell die Sitzung für 30 Minuten.
Der Botschafter der Union verließ als einer der letzten Gäste den Konferenzraum. Thuis und Barnetti standen bereits zusammen und unterhielten sich angeregt. Als Barnetti ihn entdeckte, winkte dieser Atras zu sich.
Lee ergriff das Wort: „Botschafter, wie schaffen Sie es, immer so aufmerksam auszu-sehen? Mike und ich sind beinahe eingeschlafen.“, lachte sie ihn an.
„Oh Miss Thuis, Sie sollten meinem Gesichtsausdruck nicht immer so viel Glauben schenken“ Seine Antwort war für ein Mitglied der Union ungewöhnlich humorvoll. At-ras hatte extra dazu ein ausführliches Studium aufgenommen um die Gepflogenhei-ten besser anwenden zu können. „Aber wenn Sie beide mir die Frage erlauben, hat es eine besondere Bewandnis, dass Major Scott bei dieser Zusammenkunft nicht anwe-send ist?“
Verdutzt sahen sich die beiden ehemaligen Crewmitglieder an, ehe Mike antwortete. „Ich fürchte, das können wir Ihnen nicht sagen, Botschafter. Seit unserer Verabschie-dung in Genf vor Jahren haben wir keinerlei Kontakt mehr mit Alia.“ Der WSA-Abgesandte klang ärgerlich, aber sein Gesichtsausdruck verriet nicht, ob es wirklich so wahr.
„Ich habe über ein paar Ecken gehört, dass sie jetzt in Luxor als Archäologin arbeitet. Sie will mit der ganzen Angelegenheit nichts mehr zu tun haben.“
„Ah, ja. Ich verstehe.“ Atras verstand es nicht. Er wusste um Scotts unbändiges Inte-resse über die Kulturen der Union, doch beließ er es dabei. Von Barnetti und Thuis würde er nicht mehr Informationen erhalten.
„Sagen Sie Botschafter, wie lange werden Sie noch hier bleiben? Immerhin sind Sie schon fast vier Jahre auf der Barrafranca. Machen Sie nie Urlaub?“ Leandra Thuis schaute ihn interessiert an.
„Sehen Sie, ich war in dieser Zeit bereits wieder auf meinem Heimatplaneten. Aber ich stehe immer mit meinen Leuten und selbstverständlich auch dem Mazan in Kon-takt, sodass meine Abwesenheit kaum auffällt. Im übrigen tun das die meisten der Crewmitglieder.“
„Meine Damen und Herren, wir möchten das Treffen fortsetzen, wenn Sie bitte wie-der im Konferenzraum Platz nehmen wollen“ Bell rief die Leute zusammen, die auch nach und nach in den Raum zurückkehrten.
„Gerne berichte ich Ihnen bei der nächsten Pause von der Heimreise, sollte Sie es interessieren.“ Damit ging auch der Botschafter wieder in den Sitzungsraum, um sich die nächsten Stunden zu langweilen.