Die Untersuchungskommission

Mike standen die Nackenhaare zu Berge. Vor Monaten hatte sich Arthur auf tragische Weise das Leben genommen. Schlimm genug, dass er einen Freund verloren hatte. Doch jetzt sollte diese ganze Geschichte nochmal aufgerollt werden. Es schauderte ihm bei dem Gedanken, das alles erneut durchzugehen.
„Michael Barnetti, bitte.“
Jetzt war es soweit. Er sollte aussagen. Mike schluckte einen Kloß herunter, strich sich seinen Anzug glatt und begab sich in den Anhörungsraum.
„Guten Morgen, Herr Barnetti. Bitte nehmen Sie Platz.“
Ein Stuhl stand für ihn bereit. Gegenüber dem breiten Tisch, an dem die drei Mitglieder der Untersuchungskommission saßen. In der Mitte saß eine akkurat gekleidete Mittvierzigerin. Hosenanzug, kurze Frisur, altmodische Brille, durchdringender Blick. Sie stellte sich ihm als Vorsitzende der Kommission vor. Frau Huber.
Links von ihr saß eine weitere Frau. Etwas älter als Frau Huber, aber nicht weniger aufmerksam. Das Haar war schon leicht angegraut, dafür länger. Frau Svensson.
Das dritte Kommissionsmitglied war ein Herr. Mike vermutete, dass er der älteste im Bunde war. Weißgraue Haare, Kinnbart, tiefe Falten im Gesicht. Er stellte sich selbst als Doktor Smith vor.
Mike folgte der Einladung und setzte sich.
„Sie wissen, weswegen Sie heute vorgeladen wurden?“, fragte Doktor Smith gleich darauf.
Mike bestätigte. „Die Kommission möchte Näheres zum Umstand des Todes meines Kollegen Arthur Jones in Erfahrung bringen.“
„Sehr richtig, Herr Barnetti.“
„Sind Sie bereit für die Befragung?“ Frau Svensson sah ihn fragend an.
„Selbstverständlich“, antwortete er. Dabei war ihm eigentlich gar nicht wohl.
„Dann lassen Sie uns damit beginnen, was Ihre Aussage zum Ereignis betrifft.“
Mike horchte auf. „Entschuldigung, sagten Sie Ereignis? Ist es das, was der Tod von Arthur Jones für Sie darstellt? Ein Ereignis?“
Die Vorsitzende mischte sich ein. „Bitte versuchen Sie, sachlich zu bleiben. Die Wortwahl mag für Sie unpassend erscheinen, aber für die Untersuchung ist es von Nöten, den Hergang so objektiv wie nur möglich zu betrachten. Aus diesem Grunde sprechen wir hier formal von einem Ereignis, auch wenn die Umstände des Todes von Arthur Jones emotional sicher tiefgreifend sind.“
Mike verengte die Lippen zu Schlitzen. Bürokratie. Emotionslose, formelle Bürokratie. Das war vermutlich das Schlimmste, was Arthur posthum widerfahren konnte.
„Zu Ihrer Aussage“, übernahm Frau Svensson wieder das Wort. „Das Protokoll der ersten Vernehmung lässt die Vermutung zu, dass sie Arthur Jones nicht davon abgehalten haben, den Alpha-Centauri-Erkundungs-Transporter oder kurz ACET, zu entwenden, und damit zuließen, dass er nicht nur sich, sondern die gesamte Mannschaft der Voyager in Gefahr brachte.
Ihrer Aussage zufolge öffnete er die Frachtluke der Voyageur, während Sie dabei waren, aus der Blockade des Planeten Proxima Centauri b zu entkommen. Laut der Aussage von Alexandra Scott, wurde zu diesem Zeitpunkt eine Ablenkungssonde gestartet. Ihnen hätte also bewusst sein müssen, dass Arthur Jones das gesamte Vorhaben zur Flucht aus der Blockade gefährdete. Warum haben Sie nicht interveniert? Schließlich sind Sie für die Handlungen ihrer Mannschaft verantwortlich.“
In Mikes Ohren klang das wie eine Anschuldigung. „Wir dachten zunächst, dass es eine Fehlfunktion im Verriegelungssystem des Frachtraums gab. Immerhin wurde die Voyager ja durch die Kollision mit einem der Satelliten beschädigt. Selbstverständlich hatten wir Sorge, dass Arthur in Gefahr schwebte. Allerdings hielten wir die Öffnung der Frachtluke zu diesem Zeitpunkt lediglich für eine Fehlfunktion.“
Die Vorsitzende sah ihn über ihren Brillenrand hinweg an. „Miss Thuis erklärte, Sie hätte Sie dazu aufgefordert, etwas zu unternehmen, um Arthur Jones zu helfen. Warum haben Sie sie ignoriert?“
„Ich habe sie nicht ignoriert!“. Das war nicht nur eine Anschuldigung. Mike fühlte sich mit einem Mal, als würde man Anklage gegen ihn erheben. „Wir haben in der Phase des Sondenstarts plötzlich den Dekompressionsalarm registriert. Natürlich machten wir uns Sorgen um Arthur, weil wir wussten, dass er im Frachtraum war. Doch noch ehe irgendjemand von uns reagieren konnte, überschlugen sich die Ereignisse. Die Sonde begann ihren Steigflug, die Satelliten richteten sich aus und plötzlich war unser Frachtraum offen. Ich wollte ihn fragen was passierte und da meldete er sich mit den Worten, dass es ihm leidtun würde … ‚lebt wohl‘ sagte er auf einmal …“, Mikes Kehle schnürte sich zu. Wieder war dieser schreckliche Moment da. Wieder spürte er diese Verzweiflung in sich. Die Verzweiflung, die damals auch aus Arthurs Stimme zu ihm drang.
„Sie hätten die Frachtluke wieder schließen können“, wandte Doktor Smith ein.
Mike sah ihn an. „Nein“, antwortete er daraufhin. „Das war nicht möglich. Ich meine, vielleicht hätte ich über meine Konsole die Steuerung der Frachtraumluke kontrollieren können.“
„Also geben Sie zu, dass Sie es versäumt haben, das Leben ihres Besatzungsmitglieds zu retten?“
„So ist das nicht gewesen“, widersprach Mike. Innerlich war er angewidert von der emotionslosen Analyse. Er schloss einen Moment lang die Augen. Es fiel ihm schwer, nicht emotional zu werden. „Die Situation war hektisch. Als wir unseren Fluchtversuch starteten und sich gleichzeitig die Frachtluke öffnete, hatten wir keine Zeit zum Überlegen. Ich habe Arthur gefragt, was passiert war, aber es ging alles so unglaublich schnell. Ich wollte den Start der Voyager stoppen. Ich wollte Arthur da raus holen, doch es war zu spät. Die Triebwerke starteten und in diesem Moment hatte Arthur bereits den ACET aus der Verankerung gelöst und gestartet. Wir konnten nur noch zusehen, wie er in sein Verderben flog.“
„Und Ihnen ist nicht in den Sinn gekommen, sich mit der Voyager schützend über dem ACET zu positionieren?“ Diesmal sah ihn die Vorsitzende der Kommission direkt an.
„Es hätte nicht funktioniert. Die Satelliten hätten uns bei einem solchen Manöver abgeschossen. Aber wir hatten vor, ihn einzuholen. Wir wollten ihn zurückholen und sein Leben retten. Doch dazu war keine Chance mehr.“
„Weil Sie nicht schnell genug gehandelt haben?“
Mike spürte wie in ihm Wut aufstieg. Er hatte Mühe, sich zusammenzureißen. „Wir haben so schnell gehandelt, wie es uns möglich war.“
„Aber Sie haben nicht gestoppt, als der ACET abgeschossen wurde. Sie hätten die Pflicht gehabt, Arthur Jones zu bergen. Warum haben Sie diese Pflicht vernachlässigt?“
„Weil ich andere Leben zu retten hatte!“ Seine flache Hand knallte auf den Tisch. Erschrocken sahen ihn die Mitglieder der Untersuchungskommission an.
„Zügeln Sie sich, Herr Barnetti, oder Sie erhalten eine schwere Verwarnung!“
Als ob ihn das interessiert hätte. Doch Mike besann sich und setzte mit leiserer Stimme fort: „Entschuldigen Sie bitte. Das Leben von Leandra Thuis, Alexandra Scott und mein eigenes standen dem gegenüber.“
„Das Fluchtmanöver wurde von Ihnen durchgeführt?“
„Nein. Das hatte Captain Scott übernommen. Ich begab mich zwischenzeitlich in den Frachtraum. Wir wollten ihn retten, doch als die Satelliten auf den ACET schossen, tat Alexandra Scott das einzig Richtige. Sie rettete unser aller Leben. Jede andere Handlung hätte nur dazu geführt, dass auch wir gestorben wären.“ Er spürte, wie Trauer in ihm emporstieg. „Er war mein Freund. Auch, wenn ich ihn öfters ärgerte, weil ich ihn Arjay nannte, obwohl ich wusste, dass ihn das ärgerte. Könnte ich es tun, würde ich jedes Wort davon zurücknehmen, wenn er dafür noch leben würde.“ Er wandte seinen Blick ab. Die Kommission sollte nicht sehen, wie ihm Tränen in die Augen stiegen. Er wischte sich übers Gesicht, atmete tief durch und richtete seinen Blick anschließend wieder nach vorn.
„Wir bedanken uns bei Ihnen, Herr Barnetti. Die Befragung ist hiermit für Sie beendet. Sie können jetzt gehen.“
„Gehen?“, er verstand nicht ganz. „Was passiert denn nun?“
„Wir werden weitere Ermittlungen anstellen und das Ereignis rekonstruieren. Der vorliegenden Sachlage zufolge sind Sie jedoch vom weiteren Verlauf dieser Untersuchung nur noch im geringen Maße betroffen.
Wobei eine Frage vielleicht doch noch bleibt.“
Mike horchte auf. „Ja, Frau Vorsitzende?“
„Können Sie uns sagen, wer diese Blockadesatelliten rund um Proxima Centauri b installiert hat?“
Mike schüttelte seinen Kopf. „Das kann ich nicht mit Gewissheit. Als wir seinerzeit von der Union gerettet und nach Hause gebracht wurden, hatten wir diese Frage dem Mazan des Schiffs gestellt. Er meinte, dass Proxima Centauri b das tragischste Opfer des Krieges war. Genaueren Fragen wich er jedoch immer aus.“
„Welcher Krieg?“, verlangte Doktor Smith zu erfahren.
„Es muss ein großer Krieg gewesen sein, wenn er dazu führte, dass ihm ein ganzer Planet zum Opfer fiel. Aber außer, dass sowohl die Union, als auch diese Konföderation darin verstrickt waren, ließen sich von Mazan Taisod keine weiteren Informationen dazu herausbekommen. Und letztlich waren wir einfach nur glücklich, dass wir diese Katastrophe überlebt haben.“
Frau Huber nickte ihm verständnisvoll zu. „Dann bedanken wir uns bei Ihnen, Herr Barnetti. Lassen Sie uns jetzt bitte allein. Auf Wiedersehen.“
„Auf Wiedersehen.“ Er deutete einen höflichen Gruß an, stand auf und verließ den Anhörungsraum. Auf dem Flur angekommen, atmete er tief durch. Diese Untersuchung hatte ihn aufgewühlt.
„Wer ist das, Mama?“, hörte er eine Jungenstimme fragen. Mike sah sich um und entdeckte eine Frau mit ihrem etwa neun Jahre alten Jungen.
„Helen?“
„Mike.“ Sie ging auf ihn zu, das Kind folgte ihr. „Mike, ich bin froh, dich zu sehen.“ Die Begrüßung war herzlich. Es beruhigte ihn ungemein, dass Sie ihm nie Vorwürfe gemacht hatte.
„Ist das Tim?“, fragte er anschließend und sah den Jungen an, der etwas schüchtern hinter seiner Mutter blieb.
„Ja, Mike.“ Sie bedeutete dem Jungen, näher zu kommen. „Tim, das ist Mike. Er war mit deinem Papa auf der Voyager.“
Der Junge kam näher und musterte ihn. Irgendwie fühlte sich Mike dabei nicht wohl.
„Hallo, Tim. Ich bin Mike, ein Freund deines Vaters.“ Er streckte dem Jungen die Hand entgegen.
„Warum bist du hier, aber mein Papa nicht?“
Mit einem Mal schnürte es ihm die Kehle zu. Wie konnte er dem Kind das Geschehene erklären?