Fragment 14 – „Die Liebe eines Vaters“

 „Los Arjay, komm schon. Das ist unser letzter Abend auf der Erde. Sei kein Spielverderber.“ Leandra Thuis versuchte, ihren Kollegen davon zu überzeugen, sich der Gruppe von Astronauten anzuschließen und ein letztes Mal in eine Bar auf der Erde zu gehen. Und selbst wenn diese nur im eingeschränkt zugänglichen Bereich des WSA-Trainingscenters war. Doch Arthur Jones hatte kein Interesse.
„Nein, Lee. Lass mich bitte hierbleiben“, er deutete auf sein ComTerm, „Ich muss ein paar Sachen erledigen, bevor wir morgen mit der Voyager aufbrechen.“
„Arjay!“ Lee versuchte, ihn zu necken und dadurch etwas aufzulockern.
„Lee, bitte!“
„Arjay, komm jetzt. Was ist denn da so wichtig?“ Sie hing sich mit einer Hand am Türrahmen seines Zimmers fest und wackelte dabei fröhlich mit ihrem Kopf von einer Schulter zur anderen.
Arthur wollte allein sein. Warum konnte sie das nicht verstehen? Zudem hasste er es, wenn ihn jemand „Arjay“ nannte. Wenn er Lee nicht so gerne gemocht hätte, wäre ihm schon längst der Kragen geplatzt. Doch er riss sich zusammen.
„Lee, geh doch mit Alia und Mike los und lass mich hier in Ruhe. Vielleicht komme ich ja nach, aber das ist mir jetzt ganz wichtig“, flehte er beinahe.
„Echt jetzt?“, fragte sie dann und trat ein paar Schritte näher. Die WSA war den Astronauten gegenüber recht großzügig. Jeder erhielt sein eigenes Zimmer mit allem, was das Herz begehrte. Der Vorsitzende Juan Hofer erklärte einmal Reportern, dass es ihm wichtig war, dass sich seine Leute wohlfühlen würden. Immerhin wurde ihnen alles abverlangt, also sollten sie dafür jeden Komfort genießen dürfen, den sie bekommen konnten. Und sie bekamen die Annehmlichkeiten. Aber Arthur Jones hätte in diesem Moment jeden Komfort aufgegeben, um Lee endlich loszuwerden. Er wollte seine Ruhe haben.
„Was kann denn jetzt so wichtig sein, dass du nicht mitkommen magst?“, fragte sie und versuchte dabei, auf seinen ComTerm zu blicken.
Jetzt reichte es ihm. „Lee“, fuhr er sie schroff an, „es ist genug. Wenn du es unbedingt wissen willst ... ich möchte eine Nachricht für meinen Sohn aufnehmen. Ich werde ihn sehr lange nicht mehr sehen können. Vielleicht kannst du das ja verstehen. Das ist mir wichtig.“
Endlich entdeckte er in ihren Augen, dass Sie verstand. Ja, er hatte ein Kind. Als Einziger aus der Voyager-Crew. Weder sie, noch Alia oder Mike hatten Nachwuchs. Betreten senkte sie ihren Blick zu Boden, ehe Sie ihn erneut ansah.
„Entschuldige, Arthur. Ich ...“
Er wehrte ab. „Schon gut, Lee. Lass mich einfach hier machen und vielleicht komme ich später noch nach.“
„Versprochen?“, fragte sie zaghaft.
Arthur nickte und gab ihr dann durch eine Kopfbewegung in Richtung ComTerm zu verstehen, dass er jetzt alleine sein wollte.
Als sie endlich weg war, schloss Arthur die Zimmertür, setzte sich an den Tisch und gab dem ComTerm den Befehl, die Aufzeichnung zu starten.
„Sprachaufzeichnung gestartet“, ertönte die Stimme des ComTerms.
Wie sollte er jetzt anfangen? Er hatte so Vieles zu sagen. Für einen Moment sammelte er sich, richtete sich dann etwas auf und begann mit der Aufzeichnung.
„Lieber Timothy, dies ist der Vorabend meiner großen Reise mit der Voyager und den anderen Astronauten zum nächsten Sternensystem Alpha Centauri. Du bist gerade erst drei Jahre alt und kannst nicht wissen, welche unglaubliche Reise deinem Vater bevorsteht. Doch ich kann dir sagen, dass dies vermutlich eines der größten Abenteuer sein wird, die sich ein Mensch nur vorstellen kann.
Fünf Jahre werden wir in Cryoschlafkammern verbringen, damit wir die Reise überstehen und ausgeruht dort ankommen. Das muss sein! So sparen wir Nahrung und werden nur wenig altern. Dann steuern wir den Planeten Proxima Centauri b an. Den gesammelten Daten der Weltraumteleskope nach, soll sich diese Welt optimal dazu eignen, eine Basis in seiner Umlaufbahn zu errichten. Genau werden wir das natürlich erst überprüfen können, wenn wir dort sind. Denn Proxima Centauri b ist viele Lichtjahre von der Erde entfernt und selbst die besten Teleskope können nicht im Detail feststellen, wie es dort tatsächlich aussieht. Doch man vermutet, dass es dort Wasser und Vegetation geben könnte. Nicht so, wie auf der Erde, aber doch zumindest so, dass es uns gelingen sollte, etwas Wasser zum Waschen aufbereiten zu können.“ Er lächelte verlegen. In diesem Moment zweifelte er zum ersten Mal daran, dass seine Entscheidung, bei der Mission mitzumachen, wirklich richtig war.
„Wenn alles reibungslos funktioniert, mein Sohn, dann werden wir für zwei Jahre in der Umlaufbahn von Proxima Centauri b bleiben und dort eine Basis errichten. Etwas Kleines. So, wie die alte Internationale Raumstation ISS, die vor langer Zeit die Erde umkreiste. Gerade groß genug, um vier Menschen Platz zu bieten, damit etwas Forschung betrieben werden kann. Und dann machen wir uns wieder auf die Rückreise. Erneut für fünf Jahre in den Cryoschlafkammern. Das bedeutet, dass wir uns erst in zwölf Jahren wiedersehen werden. Im Jahre 2245. Da wirst du dann schon 15 Jahre alt sein.“
Er hielt einen Augenblick inne. Eine lange Zeit, in der er seinen Sohn nicht sehen würde. War ihm das jemals so bewusst wie in diesem Moment? Er schüttelte kaum merklich den Kopf. Zum Einen, um sich seine eigene Frage zu beantworten und zum Anderen, um diese Gedanken zu vertreiben. Er wollte es so. Es war sein Traum. Raumfahrt, Entdeckungen und die Vorstellung jubelnder Menschen bei seiner Rückkehr. Würde sein Sohn dabei sein? Wie glücklich wäre er wohl in diesem Moment?
„Mein Sohn, auch wenn ich dich lange Zeit nicht sehen werde, so sei dir gewiss, dass ich dich über alles von ganzem Herzen liebe. Ich tue dies, um dir und allen Menschen einen Weg in eine neue Zukunft zu ebnen. Nach der Voyager wird es neuere Schiffe, schnellere Schiffe geben, die diese Reise in kürzerer Zeit zurücklegen können. Proxima Centauri b wird das Tor ins Universum für die Menschen der Erde werden. Eines Tages wird es möglich sein, fremde Planeten zu besiedeln, die Umweltbedingungen anzupassen und so immer weiter hinaus zu ziehen. Und auch immer mehr über das Universum zu lernen.
All das wird mit dem ersten Schritt außerhalb unseres Sonnensystems anfangen. Mit dem Flug der Voyager, die morgen ihre Reise antreten wird. Und dein Vater wird mit an Bord sein.“
Eine kleine Träne bahnte sich ihren Weg über seine Wange, doch er wischte sie nicht weg. Nein, er war nicht traurig, sich für dieses Abenteuer entschieden zu haben. Er war aber traurig darüber, seinen Sohn und auch seine Frau lange Zeit nicht sehen zu können. Doch Helen und er hatten viele Male über alles gesprochen. Sie war damit einverstanden und beteuerte immer wieder, wie stolz sie auf ihn war. Als er daran dachte, fasste er neuen Mut.
„Deine Mutter wird dir sicher viel von mir erzählen. Wir haben uns beide oft darüber unterhalten und ich weiß, dass sie immer für dich da sein wird.
Euch die lange Zeit nicht sehen zu können, wird sicher schwer werden, aber ich weiß, dass es sich lohnen wird. Und für mich vergehen ja auch nur zwei Jahre. Und wenn ich wieder da bin, dann müsst ihr mir beide unbedingt berichten, was in all den Jahren so passiert ist. Ich will alles wissen. Wie du in die Schule gekommen bist, wer deine erste Freundin war, was du manchmal angestellt hast und wie ihr manchen Abend damit verbracht habt, euch darüber zu unterhalten, wie lange es noch dauern wird, bis ich wieder bei euch bin.
Im Herzen werde ich immer bei euch sein und ganz besonders bei dir, mein Sohn.
In Liebe
Dein Vater“
Stille.
Arthur Jones war zufrieden.
„Aufzeichnung beenden und bei Digital Delivery für eine spätere Zustellung speichern.“
„Bitte nennen Sie den Zeitpunkt der geplanten Zusendung der Nachricht“, forderte sein ComTerm daraufhin.
Arthur streckte sich etwas, bevor er antwortete: „Am 1.1.2245. Empfänger ist Timothy Jones. Bitte Accountabfrage über WSA-Registrierung der Familienangehörigen.“
„Bestätigt“, antwortete die Stimme.
Arthur Jones nickte kurz. „Wenn du diese Nachricht erhältst, wird es nicht mehr lange dauern, bis wir uns wieder sehen“, murmelte er vor sich hin.
Sollte er sich jetzt doch auf den Weg zu den anderen machen? Nein! Er entschied, die Zeit dazu zu nutzen, eine weitere Nachricht zu verfassen. Eine Nachricht an Helen. Diese sollte sie aber nicht erst 2245 erhalten, sondern schon kurz nach dem Start. Er musste ihr sagen, wie sehr er sie liebte und wie dankbar er war, dass sie die lange Zeit ohne ihn auf sich nahm, um auf ihn zu warten und ihr gemeinsames Kind aufzuziehen. Es war ihm wichtig.
Danach konnte er sich zum Rest der Voyager-Crew begeben um Abschied von der Erde zu feiern.