Dunkelheit. Tiefschwarze Dunkelheit. Und Stille. Totenstille. Als Astronaut weiß man, dass es nur diese beiden Attribute benötigt, um das All zu beschreiben. Das unendliche, tiefschwarze und totenstille Weltall. Und mittendrin werden die Astronauten nur durch eine dünne Hülle eines kleinen Schiffes vor dem Nichts bewahrt. Eine Hülle gefüllt mit Sauerstoff, Licht und Leben. Doch fünf Jahre lang wird es ein Paradoxon geben. Denn innerhalb dieser Hülle voller Sauerstoff, Licht und Leben werden vier Kammern sein, die hermetisch abgeriegelt nur jeweils drei Dinge beherbergen. Einen Astronauten, tiefschwarze Dunkelheit und Totenstille. Ein grünes Blinken zog Mike aus seinen Gedanken. Die Kälteschlafkammer war im Begriff sich wieder zu öffnen und den Test damit abzuschließen. Mit einem zischenden Geräusch hob sich die Front hoch und Mike erkannte seine drei Crewmitglieder, wie sie um die Testkammer herum standen und ihn erwartungsvoll ansahen. „Es stimmt nicht“, sagte er dann und erntete verwunderte Blicke. „Was? Was stimmt nicht? Was meinst du?“ Lee war die Erste, die bei ihm stand und ihn mit ihren Fragen löcherte. „Sauerstoff. Da ist gar kein Sauerstoff.“ „Was? Das kann nicht sein. Sie waren eine Stunde in der Testkammer. Ohne Sauerstoff hätte es eine Alarmmeldung gegeben. Sie irren sich.“ Der Ingenieur rannte zur Kontrolleinheit der Kälteschlafkammer, zog ein Messgerät aus seinem weißen Kittel, um die Testwerte auszulesen. „Nein“, Mike musste seine Gedanken sortieren. „Es war anzunehmen, dass die Kammern bei den Testläufen Fehlfunktionen aufweisen“, kommentierte Alia arrogant, während Arthur dem Ingenieur über die Schulter sah. Einen Moment später antwortete er: „Die Kammer funktioniert einwandfrei. Mike muss sich geirrt haben.“ „Nicht die Kammer“, murmelte dieser und schüttelte dabei den Kopf, als könnte er seine Gedanken dadurch ordnen. „Das Paradoxon.“ „Das Paradoxon?“ Lee sah ihn neugierig an. „Was meinst du damit?“ „Ich … bäh, was ist das für ein Geschmack?“ Der Ingenieur steckte sein Messinstrument wieder ein und legte Mike dann eine Hand auf die Schulter. „Das kann und wird vorkommen. Wenn Sie nach fünf Jahren aufwachen, werden Sie einen schrecklichen Geschmack im Mund haben und Ihnen werden die Muskeln die erste Zeit versagen. Möglicherweise werden Sie mit schwachen bis mittelschweren Kreislaufproblemen zu kämpfen haben, mit Übelkeit und Schwindel. Der Körper reagiert damit auf die Kältestasis. Der menschliche Organismus wird die Schlafphase zwar insgesamt gut verkraften, aber auf seine Weise mit einem Abwehrmechanismus reagieren. Richten Sie sich also bitte darauf ein, dass Sie während der Aufweckphase zunächst Ihren Körper unter Kontrolle bekommen müssen.“ Er nahm die Hand wieder von Mikes Schulter. „Was meinst du denn mit diesem Paradoxon, Mike?“ Diesmal fragte Arthur. Mike sah ihn und dann die anderen an. „Es war ein Gedanke, der sich festgesetzt hatte. Das Paradoxon. Das dunkle All, das Schiff voller Sauerstoff und dann diese dunkle Kälteschlafkammer. Aber es stimmt ja gar nicht. Das Schiff ist während der Stasis gar nicht mit Sauerstoff gefüllt.“ „Nein, ist es nicht“, stimmte der Ingenieur zu. „Das wäre sinnlos. Der Sauerstoffgehalt würde sich über die fünf Jahre verflüchtigen. Die Sauerstoffaggregate sind das wichtigste Gut, dass Sie auf dieser Mission bei sich führen. Sie sollten gut auf die Geräte aufpassen.“ Ein Mann näherte sich der Gruppe. Wie Mike einen Augenblick später feststellte, war es der WSA-Vorsitzende, Juan Hofer. Mit einem Lächeln im Gesicht, fragte er die Gruppe nach deren Fortschritten. „Es läuft. Wir hatten gerade etwas Sorge, weil Michael Barnetti den Test wohl nicht so gut überstanden hat“, meinte Lee, doch Mike winkte gleich ab. „So schlimm war es nicht. Ich war nur etwas verwirrt.“ Der Ingenieur mischte sich nochmal ein: „Das kann leicht vorkommen. Der Körper muss sich an diese Prozedur gewöhnen. Ich würde vorschlagen, dass wir alle Astronauten auch hier einem ausführlicherem Trainingsprogramm unterziehen, als ursprünglich geplant, um sie ausreichend auf die Stasis vorzubereiten.“ „Vermutlich haben Sie recht. Besprechen Sie das bitte mit dem Einsatzleiter“, erwiderte Hofer. „Gerne“, bestätigte der Ingenieur. „Dann machen wir für heute Feierabend!“, beschloss Hofer freimütig. „Ich möchte euch alle zu einem gesunden Essen einladen. Es wird nicht mehr lange dauern, bis wir diese Mission starten.“ Die Crew war angetan von der Einladung. Mike erkannte, dass Hofers Geste bei allen ein Lächeln ins Gesicht zauberte. Selbst Alia schien erfreut zu sein. Zumindest wahrte sie den Anschein. Er war sich bei Ihr nicht immer sicher, inwieweit sie ihre sonst so akkurate militärische Haltung tatsächlich mal fallen lassen konnte oder dies nur zum Schein tat. Als sich die anderen bereits auf den Weg machten, hielt Hofer Mike kurz am Ärmel fest. „Funktioniert die Kammer einwandfrei?“, wollte er wissen. „Na, Sie sind ja gut“, entgegnete Mike gespielt entrüstet, „mich das zu fragen, nachdem ich schon eine Stunde da drinnen lag. Aber ja, das Gerät funktioniert. Der Ingenieur hat es uns vorgeführt und Arthur hat sich eingehend über die Funktionsweise informiert. Ich denke, dass es funktionieren wird.“ „Sehr gut.“ Er gab Mike zu verstehen, dass auch sie sich auf den Weg machen sollten. „Im Übrigen haben wir unsere Aufbaupräparate miteinander kombiniert und sie mit etwas Aroma versehen. Zwischen Aufweckphase und Abbremsmanöver sollten sie dafür Sorge tragen, dass alle Mitglieder ihre Dosis vom ‚Kaffee‘ bekommen.“ „Kaffee?“ Hofer lächelte. „Ja! War es nicht Arthur Jones‘ Vorschlag, das so zu machen? Wir fanden es eine vortreffliche Idee. Und wenn ich es recht mitbekommen habe, dann ist Alexandra Scott ein regelrechter Kaffeejunkie.“ „Das können Sie aber laut sagen.“ „Also, dann nehmen Sie es als eine Ihrer ersten Aufgaben wahr. Die regenerative Wirkung der Präparate zeigte im Labor einen guten Verlauf.“ Mike nickte bestätigend. „Sie werden schon alle ihren ‚Kaffee‘ bekommen.“