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Fragment 31 – Staffelfinale

Letzte Planungen „Wir haben jetzt wirklich alles vorbereitet“, erklärte Mike, als er in das Büro von Juan Hofer trat. Der WSA Vorsitzende hatte ihn zu einem letzten Planungsgespräch für dieses Jahr gebeten, um die Konferenz mit Teilnehmern der Erdregierungen, des Mars und der Union freier Planeten im kommenden Jahr abzustimmen. „Das Kongresszentrum in Genf hat den Termin bestätigt, die Zimmerreservierungen sind getätigt und auch die Security ist im Bilde. Es kann nichts mehr schief gehen.“ Hofer drehte sich in seinem Sessel, um Mike Barnetti in die Augen zu sehen. „Das mag sein, aber wir haben jetzt erst Dezember. Bis zum März vergeht noch eine ganze Weile und ehrlich gesagt bin ich etwas nervös. Die letzten Ausschusssitzungen waren eher zermürbend. Ewig lange Debatten, bürokratische Untersuchungen und zu allem Überfluss auch noch die permanenten Auseinandersetzungen der einzelnen Regierungsvertreter.“ „Politik ist halt eben nur was für ganz Hartgesottene.“ Mike wollte einen Scherz an-bringen, musste aber schnell einsehen, dass die Bemerkung nicht gut ankam. „Ist die Teilnehmerliste auch soweit bestätigt? Haben sich noch welche nachgemeldet?“, überging Hofer Mikes Ausrutscher. „Ja, Miss Chan Bao Ming aus den Sekretariat hatte noch eine Nachmeldung: Doktor Summer von Babel. Er wird die wissenschaftliche Delegation ergänzen.“ „Sehr gut. Doktor Summer ist ein guter Mann. Sehr strukturiert und ergebnisorientiert. Ich wünschte, es wären mehr Leute wie er dabei.“ Mike wusste dazu nichts zu sagen und entschied sich dafür, lieber zu schweigen. „Das wird eine ganz schön heikle Konferenz werden, das ist ihnen doch sicher klar, Mike?“ „Ja. Alleine schon der Teil, der sich um die Konzessionen dreht. Es ist verständlich, dass die Union uns nicht nur aus Nächstenliebe unterstützt, aber das wird einigen Teilnehmern sicher sauer aufstoßen.“ „Ganz sicher, aber das soll nicht unsere Sorge sein. Wir sind nur der Veranstalter. Die meisten Themen werden in erster Linie von Politikern geführt und entschieden. Letztlich ist die WSA hauptsächlich in der Rolle des Botschafters für ein friedliches Miteinander tätig. Das bedeutet für uns, immer schön lächeln und alle dazu zu ermuntern, sich gern zu haben.“ „Das wird sicher nicht bei jedem Teilnehmer leicht“, entgegnete Mike. Hofer bestätigte. „Das ist wohl wahr. Die Eröffnung ist nochmal wann genau?“ „Um 10.00 Uhr am 12.03.2244. Der Tag des intergalaktischen Friedens.“ „Weil hoffentlich alle dieses Papier unterschreiben werden“, meinte Hofer. „Werden Sie eigentlich am Vorabend den kleinen Empfang mitmachen und direkt im Kongresszentrum übernachten?“ „Das weiß ich noch nicht genau. Wahrscheinlich ja, aber es könnte sein, dass ich mich noch auf meine Rede vorbereiten möchte. Dann würde ich doch eher in meiner Genfer Wohnung bleiben.“ Hofer sah ihn mit einem undefinierbaren Blick an. Mike meinte, dass sich die Augen des Vorsitzenden leicht verengten. „Überlegen Sie sich das gut, mein Freund. Als einer der Helden der Voyager Mission ist es wünschenswert, wenn sie unsere Gäste stets begleiten würden.“ „Ja, bestimmt. Ich nehme auch an, dass ich die ganze Zeit da sein werde. Aber man kann ja nie wissen, was in drei, fast vier Monaten passiert.“ „Da gebe ich Ihnen Recht.“ Hofer erhob sich aus seinem Sessel und reichte Mike die Hand. „So wie es aussieht, haben wir erstmal alles geplant. Dann bleibt mir jetzt nur noch, Ihnen ein frohes Weihnachtsfest zu wünschen. Anfang nächsten Jahres werden wir sicher noch einiges mit der Friedenskonferenz zu tun haben.“ Mike ergriff die Hand und schüttelte sie. Als er sie wieder losließ, antwortete er: „Vielen Dank. Auch Ihnen ein frohes Fest und uns ein gute Gelingen für die Konferenz.“ „Der 12.03.2244 wird in die Geschichte eingehen.“ „Ja, ganz bestimmt. Frohes Fest!“ „Frohes Fest, nochmal.“ Damit verließ Mike das Büro und freute sich auf ein paar angenehme freie Tage. Die Zeit bis zum März würde sicher sehr schnell vergehen.

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Fragment 30

Seit Jahrtausenden verschüttet TCS Nachricht an Michael Barnetti. Empfangsort: Erde, Eurasien, Genf Absender: Thomas Dreyfus, Planet Mars, Cydonia Mensae. Datum: 04.07.2243. Mike mein Freund, ich habe ihn gefunden. Den Beweis, dass es früher einmal tat-sächlich Leben auf dem Mars gab. Dabei sah die Wahrscheinlichkeit dafür sehr gering aus. Und doch, ich weiß es jetzt. Unweit von hier stehen die Touristenattraktionen. Die Inkastadt und das Marsgesicht. Wie du weißt, werden sie täglich von Luftgleitern angeflogen, damit Geld in die Kassen gespült wird. Die offiziellen Stellen des Mars messen dem historischen Standort keine Bedeutung zu und so wurden sämtliche Anträge zum Schutz der Region abgeschmettert. Es sei nur eine Phantasterei und es wäre erwie-sen, dass die Gebilde einen natürlichen Ursprung hätten. Aber dem ist nicht so. Davon bin ich überzeugt. Meine Untersuchungen haben mich zur Cydonia Mensae, genauer, zum Rand der Acidalia Planitia geführt. Nach den topografischen Karten bestand eine gute Chance, dass hier einst Wasser auf Land traf. Ich habe mich hier von den alten Baumeistern der Antike leiten lassen und daran gedacht, dass beispielsweise die altägyptischen Pyramiden in Gizeh, oder auch die Pyramiden in Yucatán doch immer etwas abseits von Gewässern waren. Dafür mag es verschiedene Gründe gegeben haben, doch hat mich eine bestimmte Hypothese angetrieben. Was wäre, wenn die Inkastadt auf dem Mars eine Totenstadt wäre? Zu Ehren der alten Herrscher erbaut und als Wächter über die Gebeine das körperlose Marsgesicht. Ähnlich, wie die Sphinx über die ägyptischen Pyramiden wacht. Wenn dem so war, dann könnte man davon ausgehen, dass es auch eine Siedlung der Lebenden gab. Und erfahrungsgemäß wird oft in der Nähe von Wasser gesiedelt. Nachdem meine Suche nach Investoren erfolglos blieb, kratzte ich alles Geld zu-sammen, das ich auftreiben konnte und kaufte mir die benötigte Ausrüstung, um der Frage nachzugehen, ob es doch Leben auf dem Mars gab. Du kannst dir nicht vorstellen, wie lange ich gesucht habe und wie verdreckt meine gesamte Ausrüstung mittler-weile ist. Das erinnert mich an unsere alte Zeit auf der Uni. Kannst du dich an das Sportturnier der Universitäten erinnern? Strandrugby. Die blödeste Idee überhaupt. Aber wenigstens hat mich das Turnier irgendwie auf die Unannehmlichkeiten auf dem Mars vorbereitet. Und wir haben uns dort kennen gelernt. Schon seltsam, wie sich al-les verändert. Du bist vor einigen Jahren mit der Voyager losgeflogen und jetzt sitze ich hier auf dem Mars. Aber ich schweife ab. Was ich dir eigentlich mitteilen wollte ist, dass ich etwas ge-funden habe. Es hat mich Monate gekostet, aber nach den ersten Anzeichen der Tiefenstrukturanalyse der Oberfläche schien ich einen geeigneten Platz gefunden zu haben. Es war anstrengend und fast hätte ich die ganze Sache aufgegeben, doch letztlich hat sich meine Ausdauer bezahlt gemacht. Bei der sechsten Punktgrabung habe ich ein Artefakt gefunden. Ein versteinertes Ding. Ich kann es nicht anders be-zeichnen. Aufgrund der doch auffällig gleichmäßigen Beschaffenheit habe ich das Fundstück genauestens analysiert und bin mir sicher, dass es im Inneren etwas in sich birgt, das tatsächlich auf eine bearbeitete Struktur hinweist. Fast wäre ich ver-sucht, es als eine Art technisches Gerät zu bezeichnen, denn die in der Analyse festgestellte Beschaffenheit weist auf verschiedene Molekularstrukturen hin, die es nie-mals in der Art in der Natur gegeben haben kann. Was mich nur besonders irritiert ist die Tatsache, dass die ersten Ergebnisse darauf hindeuten, dass dieses – Ding – weit über siebentausend Jahre alt sein soll. Alleine werde ich diesem Geheimnis nie auf den Grund gehen können. Vermutlich werde ich dich aber nicht als Partner gewinnen können, oder? Falls doch, melde dich gerne bei mir. Ich habe vor, Investoren und ein paar Spezialisten aufzutreiben und eine eigene Firma zu gründen, die mit Hilfe von Fördergeldern und hoffentlich großzügigen Investitionen das historische Leben auf dem Mars erkun-den soll. Die Historical Life on Mars Corporation. Mike, das wäre was. Ich könnte dich in der HLoM Corp gut gebrauchen Ich weiß, dass du dich dafür interessierst, aber bitte, verbreite diese Informationen noch nicht. Wenn andere davon Wind bekommen, kann es schnell passieren, dass das kommerziell ausgeschlachtet wird. Ich schicke dir gerne regelmäßig Berichte, damit du auf dem Laufenden bist. Und wer weiß? Vielleicht steigst du eines Tages dann ja doch noch mit ein. Ich wünsche dir alles Gute, alter Freund und lass mal von dir hören. Der Empfang hier draußen ist zwar schlecht, aber ich werde ab und an mal meine TCS Nachrichten abrufen. Dein Freund, Thomas P.S.: Ich bin mal gespannt, ob die TerraComSystems ihr Kommunikationsmonopol auf dem Mars aufrecht erhalten können. Vielleicht entwickelt sich mal wieder ein Konkurrenzunternehmen, wie damals vor rund sechzig Jahren. Zumindest hier auf dem Mars wäre das zu begrüßen. Schlechter geht es mit den teuren TCS Verbindungen doch gar nicht.

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Fragment 29

Blindflackern Nachtschicht an Bord der Barrafranca. Im Grunde war der Begriff Nachtschicht auf einem Raumschiff im Weltall nicht korrekt, da es immer Dunkel war. Selbst die Tagesschicht wurde im Dunkeln vollführt. Doch darum ging es dem Mann nicht. Es ging darum, dass die Stationen nur mit einer kleinen Rumpfcrew besetzt waren und er sich unbemerkt an seine Aufgabe machen konnte. Vorbei an dem Taisod. Vorbei an dem obersten Investigator. Es war gefährlich, das war ihm von Anfang an klar. Doch die Nachricht musste auf den Weg gebracht werden. Er wusste, wohin er sich begeben musste. Die Kommunikationsstation kam dafür nicht in Frage. Selbst in der sogenannten Nachtschicht hatte immer ein Crewmitglied ein Auge auf die eingehenden Nachrichten und hätte einen Verbindungsaufbau sofort bemerkt. Aber in der Schaltzentrale gab es ein Notfallterminal. Eigentlich war es für Wartungszwecke gedacht. Mit ein paar Handgriffen konnte das Terminal aber kurzzeitig auch umfunktioniert werden. Er schlüpfte unbemerkt in die Schaltzentrale und machte sich daran, das Terminal umzuprogrammieren. Wichtig war, dass es bei einer Überprüfung nach einer automatischen Wartungsroutine aussah. Nicht ganz einfach, aber zu schaffen. Ein paar Programmiereingaben später war es soweit. Der gefährlichste Moment war die Aktivie-rung. Er wusste, dass die Kommunikationsstation drei kurze Blinksignale abgeben würde. Eins bei der Aktivierung, eins bei der Übertragung und ein letztes bei der Zurücksetzung des Programms. Er zögerte. Es gab keine Möglichkeit für Ihn, sicher zu gehen, dass nicht ausgerechnet in diesem Moment jemand an der Kommunikations-station war. Er zwang sich dazu, tief durch zu atmen und im Gedanken bis drei zu zählen. Eins – Es musste sein. Schließlich wurde er gut für diesen Verrat bezahlt. Zwei – Oder besser, würde gut bezahlt werden, wenn erst alles vorbei war. Drei – Er gab den letzten Befehl und die Programmierung startete. Verschlüsselte Trägerwelle, nur zu finden, wenn jemand genau danach suchen würde. Doch solange niemand Verdacht schöpfte, würde das Signal als sogenanntes „Blindflackern“ nicht einmal Erwähnung in den Kommunikationsprotokollen finden. Er durfte sich jetzt nur keinen Fehler leisten. Ein kaum wahrnehmbarer Ton signalisierte ihm, dass die Übermittlung beendet und das Verschlüsselungsprogramm erfolgreich eine gefälschte Wartungsroutine im System hinterlegt hat. „Nur ein einziges Zeichen“, murmelte er vor sich hin. „Wenn ich doch nur mehr senden könnte. So wird das ewig dauern, bis die Konföderation die Koordinaten zusammen hat.“ Das und die Tatsache, dass er mindestens einen Monat Abstand zwischen den Zeichen halten musste, zermürbten ihn innerlich. Als er sich auf Denebola III anwerben ließ, war ihm nicht klar, wie elendig langsam Spionagearbeit sein konnte. Seine Utensilien hatte er wieder eingepackt und er verließ die Schaltzentrale kurz darauf. Immer wachsam, dass ihn nur niemand entdeckte und damit seine Deckung aufflog. Auch diesmal ist wieder alles reibungslos verlaufen und er erlaubte sich ein zufriedenes Aufatmen, als er in den nächsten Gang des Schiffes einbog. „Sie? So spät noch unterwegs?“ Verdammt! Mavis hatte ihn erwischt. Warum schlief dieser Kerl nicht oder war bei Heqet Shifrin, sondern spazierte mitten in der Nacht im Schiff herum? „Ja“, stammelte er. Irgendwie musste er sich schnell herausreden. „Ich hatte plötzlich Hunger und wollte nachsehen, ob ich noch etwas in der Bordküche auftreiben kann.“ „Und? Was brauchbares gefunden?“ „Ach, das Übliche halt. Wenn man Nachts unterwegs ist, darf man nicht viel erwarten.“ Er hoffte, dass diese ungenaue Aussage ausrechte. „Da haben Sie recht. Vielleicht sehe ich da auch gleich noch vorbei. Gute Nacht!“ „Ja, viel Erfolg und gute Nacht.“ Ihre Wege trennten sich wieder und er bemühte sich, unauffällig schlendernd zurück in sein Quartier zu gelangen. Diesmal war es knapp für ihn.

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Fragment 28

Fragment 28 - Herakles

Commander Bell stand mit seinem neuen 1. Offizier Nicole Jacobs an der letzten Fracht-rampe und schaute durch eines der Bullaugen auf die dahinterliegende Konstruktion.
„Es müssen zwingendermaßen Shuttles benutzt werden?“ Jacobs schien darüber nicht glücklich und Bell konnte sie verstehen. Zum normalen Frachtverkehr von Erde, Mars, Mond und der Union kamen etwa 25 Shuttles hinzu, welche in den Flugplan integriert werden mussten.
„Ja, zumindest solange, bis die Außenhülle komplett versiegelt ist und der Innenaus-bau beginnt.“ Als hätte er es beschworen, zeigte sich eines der Kleintransportschiffe hin-ter dem großen Backboardteil, das in einem Stahlgerippe hing und eher an ein Spinnennetz erinnerte, als an eine Schiffswerft. „Wir können froh sein, dass die Werft endlich fertig ist und die Arbeiter ihre Quartiere beziehen können.“
Jacobs nickte. Seit 10 Wochen war sie auf Babel und es war kein Tag vergangen, an dem nicht das Chaos herrschte. Jetzt waren aber die Spaceworker seit etwa einer Woche allesamt direkt auf der Werft untergebracht und die Lage normalisierte sich nach und nach. Die freigewordenen Quartiere wurden sofort in Lagerflächen umgewandelt, sodass die Versorgung wieder besser lief. Weiter konnte man auch die freigegebenen Flächen innerhalb der Werft effektiver nutzen.
„Ja, Sir.“ Eine Weile schauten beide zu, wie Schlepper versuchten, das große Steuerboardteil an die richtige Stelle zu bugsieren, damit diese in den nächsten Wochen verbunden werden konnten. „Aber ich befürchte, die WSA war mit ihrem Zeitplan zur Fertigstellung des Schiffes zu optimistisch.“
„Da gebe ich Ihnen recht, Lieutenant.“ Bell befürchtete das Schlimmste. Die WSA hatte zusammen mit der Union und der Marsregierung einen Zeitplan von nur 7 Jahren zum Bau der beiden Schiffe aufgestellt. Und wenn er sich diesen Plan jetzt anschaute, hingen die Arbeiter bereits mehr als 14 Monate davon hinterher. „Es fehlen Ingenieure, Arbeiter und gut ausgebildete Projektleiter. Major Celilc wird nächste Woche auf die Erde zurückkehren. Dass die WSA meint, der Kommandostab von Babel könnte sich nebenbei zusätzlich um den Schiffsbau kümmern ist hanebüchen.“ Jacobs nickte zustimmend.
„War nicht bereits jemand für die Position vorgesehen?“, fragte Jacobs und folgte dem Commander in Richtung der Shuttlebucht, um auf die Werft zu gelangen.

„Es gab schon mehrere Kandidaten. Aber immer war eine Partei dabei, welche diejenige oder denjenigen nicht akzeptiert hat. Seien Sie froh, Lieutenant, dass Sie sich nur innerhalb der Streitkräfte auf diese Position bewerben mussten.“ Sicherheitschef Germain hielt sich bereits in der Shuttlebucht auf, genauso wie 3 seiner Leute.
„Das war einfacher als Sie denken Chief. Die meisten Offiziere hatten enorme Beden-ken bei der Position. Und wenn es nur vor dem halben Kommandostab ist, der vom Mars stammt.“ Nicole Jacobs und Charles Germain benötigten im Regelfall etwa 30 Sekunden, um aneinanderzugeraten, doch heute schien es besonders schlimm zu werden.
„Ist etwas auf der Werft vorgefallen?“ Bell versuchte, das Thema zu wechseln, bevor sein 1. Offizier und sein Sicherheitschef richtig loslegten. Während es mittlerweile für die zivilen Forscher einen regelrechten Wettkampf um die freien Stellen auf Babel gab, hatte Bell größte Mühe seine Planstellen zu besetzen.
„Nur eine kleine Schlägerei unter einigen Spaceworkern. Aber der Vorarbeiter hat uns gebeten, mehr Präsenz zu zeigen.“, sagte er pflichtschuldig, eh er sich wieder Jacobs zuwandte. „Dann erzählen Sie mal Lieutenant, was hält man auf der Erde von Babel?“
„Das Shuttle ist da“ Bell störte abermals das Gespräch der beiden. Gleich würde er noch ein Gespräch mit Major Celilc führen müssen, nachdem sie sich beim Generalstab massiv über den Kommandostab und die Werftarbeiter beschwert hatte. Auch wenn der Major nur noch wenige Tage an Bord war, musste die Angelegenheit geklärt werden. Bei Eskalation der Situation könnten im schlimmsten Fall die Arbeiter in einen Streik treten.
Nicole Jacobs nickte und ging direkt zur Andocktür.
„Charles tu mir einen Gefallen und hör mit der Stichelei auf. Wenigstens bis wir wieder zurück sind.“, zischte der Commander Germain zu. Er nickte, versprach aber nichts. Bell ahnte nichts Gutes, doch schafften es die beiden zumindest während des kurzen Fluges keinen neuen Kleinkrieg auszulösen.
„Commander, es wird aber auch Zeit, dass Sie kommen. Ich warte bereits 10 Minuten auf Sie!“ Die eurasische Offizierin mittleren Alters fuhr ihn gleich zur Begrüßung an. „Und Sie...“ Sie schaute auf Germain und seine Sicherheitsleute „...Sorgen Sie endlich dafür, dass sich die Marsianer benehmen und nicht eine Schlägerei nach der nächsten provozieren.“ Ohne auf seine Antwort zu warten, wandte sich Celilc wieder an Bell. „Commander, sagen Sie, was Sie zu sagen haben. Meine Zeit ist kostbar!“
„Major, wenn ich nicht irre, kennen Sie Lieutenant-Commander Nicole Jacobs noch nicht.“ Bell ließ sich von dem Befehlston des Majors nicht aus der Ruhe bringen.
„Lieutenant-Commander“ Celilc gab dem 1. Offizier die Hand.
„Major, es freut mich Sie kennenzulernen.“ Bell bemerkte, dass Jacobs einen nicht definierbaren Ton angenommen hatte.
„Woher stammen Sie Jacobs, Amerikanisches Territorium? Ich schätze mittlerer Westen.“ Mit einem Mal ignorierte sie Bell und Germain.
„Ja, Madam. Ich stamme aus Detroit.“
„Endlich mal ein ordentlicher Offizier. Sie werden hier viel Arbeit haben, Lieutenant-Commander. Lassen Sie mich Ihnen die wichtigsten Dinge erklären.“
„Ich verstehe ich nicht Madam.“
„Sicher werden Sie, zumindest solange, bis mein Nachfolger die Werft erreicht, sich hier um alles kümmern.“ Der Major sah sie überzeugt an.
„Nein, Major. Commander Bell wird sich dieser Aufgabe widmen, während ich ihn auf Babel bei den meisten Aufgaben vertrete.“, klärte Jacobs sie auf. Jedenfalls hatte Bell mit ihr diesen Plan gestern ausgearbeitet.
„Wie schade. Ich hatte gehofft, dass Zucht und Ordnung bestehen bleiben, wenn ein Erdoffizier das Kommando auf der Werft weiterführt. Sie wissen ja, wie Marsianer sein können.“
„Nein, Major, dass weiß ich nicht.“ Jacobs war stehen geblieben und ihr Gesicht zeigte rote Stellen. „Und ich möchte Sie bitten, Major, zumindest noch solange sie auf der Werft sind, diese Art von Kommentaren für sich zu behalten.“
„Was erlauben Sie sich eigentlich, Lieutenant-Commander?“ Jetzt war es an dem Major eine rote Gesichtsfarbe anzunehmen.
„Ich erlaube mir, Ihnen einen wohlwollenden Rat zu geben, Madam. Sie sind zur Zeit der einzige Erdoffizier auf der gesamten Werft und auch auf Babel in der Minderheit, wenn man überhaupt davon sprechen sollte. Wir alle dienen in den vereinten Streitkräften.“
„Jacobs, ich habe gedacht, dass endlich jemand aufgewecktes auf den Posten gesetzt worden wäre, aber scheinbar hat man auch nur wieder auf die zweite Reihe zurückgegriffen.“ Mit diesen Worten ließ sie Jacobs stehen und wandte sich wieder Bell zu, der gemeinsam mit Germain alles gehört hatte.
„Los, Commander. Sie kennen meine Anmerkungen, kommen Sie mit. Sehen Sie sich die ersten Teile der Herakles an.“
Bell nickte und deutete seinem 1. Offizier an, bei Germain zu bleiben.
„Willkommen auf Babel, Jacobs. Gerade sind Sie zu einem von uns Ausgestoßenen geworden.“
„Halten Sie die Klappe Germain!“

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Fragment 27

Fragment 27 - Langeweile

Atras Hydarnes saß seit zwei Stunden in der Sitzung mit den Abgesandten der Erde und des Mars. Leider waren sie außer einer Vorstellung noch nicht sehr weit gekom-men. Statt sich über die Möglichkeiten eines Informationsaustausches über die unterschiedlichen Kulturen zu verständigen, diskutierte man zunächst, wer welche Aufgaben innerhalb dieser Kommission übernehmen sollte. Er musste sich zwingen, den Worten der Redner weiterhin zu folgen und bereute es in solchen Momenten, sich für die Mission Atlantis gemeldet zu haben. Die Erdenmenschen waren erschreckend langatmig, kamen oft nicht zur Kernaussage und waren für ihn ermüdend und lang-weilig.
‚Nein‘, rief er sich gedanklich zur Ordnung. Die drei Menschen, welche Taisod da-mals aus den Fängen der Konföderation gerettet und nach Atlantis begleitet hatte, wa-ren alles andere als langweilig. Jeder für sich war eine interessante Persönlichkeit. Neben Michael Barnetti war auch Leandra Thuis heute erschienen. Barnetti hatte sich in seiner neuen Rolle des leitenden Kommunikationsspezialisten für übergreifende Verständigung zwischen Erde und der Interstellaren Union im Namen der World Space Administration gut eingefunden.
Vor der Zusammenkunft hatte ihm Mike unter vier Augen erzählt, dass man fast 4 Wochen an seinem Berufstitel gearbeitet hatte.
„Wenn es nach mir gegangen wäre, hätte auch so etwas einfaches wie Erd-Botschafter im Namen der WSA völlig gereicht. Aber das war manchen Leuten nicht eindrucksvoll genug.“ Atras hatte ihm zugestimmt, ein kürzerer Titel wäre sicher erstre-benswert gewesen. Aber so waren viele Erdenmenschen nun, wie er des Öftern fest-gestellt hatte. Sie ließen sich von Titeln beeindrucken, ohne genau zu wissen, was er überhaupt aussagte. Sein Blick ging an dem langen Tisch mit seinen 36 Stühlen ent-lang und blieb bei Leandra Thuis stehen.
Thuis hatte man zu dem Treffen gebeten, da sie ein ehemaliges Mitglied der Voyager-Crew war. Weiterhin fand das Treffen auf Babel statt und Thuis arbeitete dort seit knapp einem Jahr. Es lag nahe, sie dabei zu haben, zumal es eine gute Presse geben würde. Und wie Atras durch diverse Quellen hatte in Erfahrung bringen kön-nen, schien sie sich gut einzugliedern und erzielte einige Erfolge bei ihrer Arbeit. Nichtsdestotrotz schien sie sich hier unwohl zu fühlen.
Einzig Scott war nicht erschienen. Gerade mit ihr hatte Atras fest gerechnet. Sie hat-te nicht nur die nötige wissenschaftliche Expertise, sie konnte Dinge auf den Punkt bringen, wie eine Redewendung der Erde lautete.
Stattdessen hatte man Forscher aus der Anthropologie, Geschichte, Archäologie, Theologen und Geologen geschickt, die vermutliche nie die Grenze des Universitäts-campus überschritten hatten.
Mazan Taisod hatte ihn mit zwei weiteren Mitarbeitern des diplomatischen Corps da-zu gedrungen, da entsprechende Wissenschaftler der Union aufgrund eines neuen Kriegsherds es nicht rechtzeitig in den Erdsektor schaffen würden. Und der Mazan nicht wollte, dass dieser Umstand bekannt wurde. Die diplomatischen Beziehungen nahmen gerade wieder etwas mehr Geschwindigkeit auf, die Bauarbeiten an den Werften und den geplanten Schiffen gingen gut voran. Da wäre die Mitteilung über eine zu Ungunsten der Union verschobene Front alles andere als hilfreich.
„Meine Damen und Herren, ich schlage eine kleine Pause vor, bevor wir dann an die Details gehen“, hörte er den Commander der Babel-Station entfernt. Man hatte Bell gebeten, das erste Treffen zu leiten, bis man jemand innerhalb der Teilnehmer gefun-den hatte, der bereit war, diese Position zu übernehmen.
Als ein allgemeines zustimmendes Murmeln zu vernehmen war, unterbrach Com-mander Bell die Sitzung für 30 Minuten.
Der Botschafter der Union verließ als einer der letzten Gäste den Konferenzraum. Thuis und Barnetti standen bereits zusammen und unterhielten sich angeregt. Als Barnetti ihn entdeckte, winkte dieser Atras zu sich.
Lee ergriff das Wort: „Botschafter, wie schaffen Sie es, immer so aufmerksam auszu-sehen? Mike und ich sind beinahe eingeschlafen.“, lachte sie ihn an.
„Oh Miss Thuis, Sie sollten meinem Gesichtsausdruck nicht immer so viel Glauben schenken“ Seine Antwort war für ein Mitglied der Union ungewöhnlich humorvoll. At-ras hatte extra dazu ein ausführliches Studium aufgenommen um die Gepflogenhei-ten besser anwenden zu können. „Aber wenn Sie beide mir die Frage erlauben, hat es eine besondere Bewandnis, dass Major Scott bei dieser Zusammenkunft nicht anwe-send ist?“
Verdutzt sahen sich die beiden ehemaligen Crewmitglieder an, ehe Mike antwortete. „Ich fürchte, das können wir Ihnen nicht sagen, Botschafter. Seit unserer Verabschie-dung in Genf vor Jahren haben wir keinerlei Kontakt mehr mit Alia.“ Der WSA-Abgesandte klang ärgerlich, aber sein Gesichtsausdruck verriet nicht, ob es wirklich so wahr.
„Ich habe über ein paar Ecken gehört, dass sie jetzt in Luxor als Archäologin arbeitet. Sie will mit der ganzen Angelegenheit nichts mehr zu tun haben.“
„Ah, ja. Ich verstehe.“ Atras verstand es nicht. Er wusste um Scotts unbändiges Inte-resse über die Kulturen der Union, doch beließ er es dabei. Von Barnetti und Thuis würde er nicht mehr Informationen erhalten.
„Sagen Sie Botschafter, wie lange werden Sie noch hier bleiben? Immerhin sind Sie schon fast vier Jahre auf der Barrafranca. Machen Sie nie Urlaub?“ Leandra Thuis schaute ihn interessiert an.
„Sehen Sie, ich war in dieser Zeit bereits wieder auf meinem Heimatplaneten. Aber ich stehe immer mit meinen Leuten und selbstverständlich auch dem Mazan in Kon-takt, sodass meine Abwesenheit kaum auffällt. Im übrigen tun das die meisten der Crewmitglieder.“
„Meine Damen und Herren, wir möchten das Treffen fortsetzen, wenn Sie bitte wie-der im Konferenzraum Platz nehmen wollen“ Bell rief die Leute zusammen, die auch nach und nach in den Raum zurückkehrten.
„Gerne berichte ich Ihnen bei der nächsten Pause von der Heimreise, sollte Sie es interessieren.“ Damit ging auch der Botschafter wieder in den Sitzungsraum, um sich die nächsten Stunden zu langweilen.

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Fluchtgefahr

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