Wadi el-Muluk

„Ich halte Ihre geplante Vorgehensweise für prekär, Doktor Scott.“
„Was stört Sie denn daran?“ Alia saß in ihrem Büro der Neu-Ägyptischen Antikenverwaltung und starrte auf den Holoprojektor.
„Um es offen zu sagen, alles.“ Die Frau am anderen Ende der Leistung richtete sich etwas auf, um ihrer Aussage mehr Wertigkeit zu verleihen.
„Sehen Sie, Doktor, Ihre Mutter war eine weltweit geschätzte und angesehene Politikerin. Sie selbst gelten ebenfalls als Pionierin der Wissenschaft, der Großteil des Landes schätzt Sie für Ihre Leistungen in Bezug auf die Voyager-Mission. Jetzt einen Prozess anzustreben, würde Sie in Misskredit bringen. Zumal Sie Ihren neuen Posten als Leiterin der Antikenverwaltung erst vor wenigen Wochen aufgenommen haben, verschärft dies die gesamte Angelegenheit noch mehr.“
„Ich verstehe“ Alia war klar, dass die Anwältin und Testamentsverwalterin Ihrer Mutter die Situation aus juristischer Sicht näherbringen wollte. Neutral betrachtet, hatte die Frau recht. Aber sie sah sich gerade nicht in der Lage, die Angelegenheit neutral zu betrachten. „Nichtsdestotrotz frage ich Sie erneut, wie die Chancen stehen, wenn ich gegen die Verfügung vorgehe.“
Die Anwältin atmete einmal tief ein und aus. „Ich fürchte, außer einem Medienrummel der einen negativen Verlauf für Sie nehmen wird, nicht viel.“ Sie schaute sich Unterlagen auf einem weiteren Monitor an. „Die einstweilige Verfügung Ihres Vaters ist klar und nicht interpretierbar. Selbst wenn Sie einen Eil-Antrag stellen, werden wir eine gerichtliche Entscheidung viel zu spät bekommen.“ Sie blickte ihre Mandantin an. „Außer hohen Kosten und der negativen Publicity werden Sie nichts erreichen, Doktor Scott.“
Alia nickte stumm. Die Anwältin hatte recht. Egal wie viele Eil-Klagen sie einreichen würde, es wäre nicht schnell genug, um an der Beerdigung ihrer Mutter teilzunehmen.
Vor zehn Tagen war sie ins Krankenhaus gekommen, nachdem sie bei einer Ausschusssitzung zusammengebrochen war. Vor 8 Tagen hatte man Alia über den kritischen Zustand ihrer Mutter informiert. Drei Schlaganfälle waren innerhalb weniger Stunden festgestellt worden und seitdem lang sie im Koma. Und auch wenn man alle Spezialisten zu Rate gezogen hatte, die verfügbar waren, konnten sie nichts mehr machen. Alia war ins Krankenhaus gefahren, doch man hatte sie nicht zu ihrer Mutter gelassen, auf Anweisung ihres Vaters. Vor 3 Tagen erhielt sie die Mitteilung über die Anwaltskanzlei ihrer Mutter, dass die lebenserhaltenden Maßnahmen eingestellt wurden und Misses Scott verstorben war.
Heute war Alia eine gerichtliche Verfügung zugestellt worden, welche ihr verbot, ihr Elternhaus und das Familiengrundstück zu betreten, um die Trauerfeier zu besuchen.
„Sollten Sie dennoch darauf bestehen, werde ich selbstverständlich Klage einreichen und Sie entsprechend den testamentarischen Wünschen Ihrer Mutter folgend vertreten. Aber ich weise nochmals darauf hin, dass ich es für aussichtslos halte.“
Wieder nickte Alia. Die Frau hatte recht und Alia trug nicht nur für sich alleine die Verantwortung, sie musste an ihre Kinder denken. Und ganz sicher wollte sie nicht für eine aussichtslose Sache in den Schlagzeilen windiger Klatschblätter landen und dabei ihre Arbeitsstelle riskieren.
„Nein, in Anbetracht der Erfolgsaussichten werde ich von einer gerichtlichen Auseinandersetzung Abstand nehmen.“, erklärte sie. Doch die Verachtung für ihren Vater, der ihr das antat, stieg ins Maßlose.
„In Ordnung. Haben Sie noch Fragen zu den testamentarischen Verfügungen Ihrer Mutter?“
„Die Treuhandfonts ...“ Begann Alia, doch die Anwältin unterbrach sie freundlich.
„Die Fonts sind auf die Enkelkinder, Rhia und Ben, als auch auf Sie ausgestellt, Doktor. Sie können auf den für Sie bestimmten Font jederzeit zugreifen. Bei Antastung der Fonts Ihrer Kinder muss ich zustimmen, bis die Kinder 25 Jahre alt sind, danach können sie ebenfalls frei darüber verfügen.
„Das ist mir klar, aber ich zweifle an der Höhe der Fonts.“ Ihre arrogante Stimme war nicht zu überhören.
„Die Höhe ist korrekt berechnet. Wie festgelegt, hat die Erblasserin Ihnen die gesamten Barvermögen vermacht und Ihr Vater wurde mit den Immobilien bedacht. Haben Sie sonst noch Fragen?“
„Zur Zeit nicht. Bei Bedarf werde ich Sie kontaktieren“ Alia brauchte eine Pause. Ihre Mutter hatte ihr und den Kindern zusammen mehr als 25 Millionen Credits vermacht, eine unvorstellbar hohe Summe, selbst für ihre gehobenen Verhältnisse.
„Gerne Doktor Scott“ Auf Alias Holoprojektor erlosch das Bild. Sie starrte noch eine Weile an die Stelle, bevor das Klingeln ihres ComPorts sie aus den Gedanken riss.
„Doktor Scott, die Gleiter sind soweit. Wir können die Ausgrabungsstellen in Augenschein nehmen“ Es war ihre Assistentin, Mirelah. „Aber bitte bedenken Sie, dass wir zur Zeit Hochsommer haben und jetzt niemand arbeitet.“
„Das ist mir bewusst.“ Alia beendete das Gespräch ohne einen Abschied, suchte ihre Sachen zusammen, die sie benötigte, um die entsprechenden Begutachtungen aufzunehmen. Sie musste ihre Konzentration auf die neuen Aufgaben lenken. Mit nicht einmal vierzig Jahren bekleidete sie eines der höchsten Zivilämter, welches das Land zu vergeben hatte. Und dabei war es Alia egal, ob man ihr die Position nur angeboten hatte, um sie mundtot zu machen, sie zu ehren, oder was die Presse sonst meinte, darin hineingeheimnissen zu müssen. Sie konnte nach so vielen Jahren endlich ihrer Berufung nachgehen. Und seit 2 Tagen war die letzte Bindung an ihr altes Leben nicht mehr da. Und sie war nicht traurig, viel mehr befreit von einer nicht zu beschreibenden Last.
Mike hatte letztes Jahr die eigentlich für sie bestimmte Position bei der WSA übernommen und schien es nicht schlecht zu machen, auch wenn sie mit ihm, seit Genf keinen Kontakt mehr hatte. Ab und an laß sie etwas in der Zeitung über den „Weltraum-Abenteurer“. Es hatte sie beruhigt, dass die WSA die Aufgabe an ihn gab. Er hatte dafür das ruhige Wesen, das charmante Auftreten und das fachlich fundierte Wissen. Während sie noch über Mike nachdachte, war sie den Weg aus dem Büro-Komplex zu den Gleitern gegangen.
„Welche Ausgrabung möchten Sie zuerst sehen, Doktor?“ Ihre Assistentin schien nicht so gut vorbereitet, wie Alia es gerne gehabt hätte.
„Beginnen wir klassisch mit Wadi el-Muluk. Dann sehe ich weiter.“ Ein Lächeln zeigte sich auf ihrem Gesicht. Mehr als 18 Jahre nach ihrem letzten Besuch würde sie bald wieder durch die Grabanlagen laufen können.
„Also gut, dann ins Tal der Könige“