„Es wird Zeit, dass Sie endlich anerkennen, dass der Mars nicht einfach nur ein weiterer Rohstofflieferant ist. Reicht es Ihnen denn nicht, dass die Streitigkeiten um den Mond vor sieben Jahren fast schon zum Krieg zwischen Ihren beiden Regierungen geführt hat?“ Jamaal ibn Gafur deutete mit seinen Händen auf Präsident Zettler von der Nordamerikanischen Union und Pucará Callao, die Staatspräsidentin des Inka-Territoriums. Er machte sich seinem Ärger Luft, denn ausgerechnet Zettler wollte immer wieder die Rechte der Marsregierung unter den Teppich kehren, wenn es um den Abbau der natürlichen Ressourcen des Mars ging.
Neben diesen drei Vertretern hatten auch noch die anderen Regierungschefs der Erde sowie Mazan Taisod und der Leiter seines diplomatischen Stabes, Atras Hydarnes, an der ersten SOL-Konferenz auf der Raumstation Babel teilgenommen.
Letzterer mischte sich in das Gespräch ein. „Aus unserer Sicht ist das absolut nachvollziehbar. Bitte denken Sie daran, dass Sie noch im letzten Jahr Befürchtungen uns gegenüber hatten, wir würden alleine durch unsere Präsenz die Führung über die Erde übernehmen wollen. Genauso ist der Marsregierung Unabhängigkeit und Selbstbestimmung zu gewähren, wenn es um die eigenen Ressourcen geht.“
„Sie vergessen hier aber, dass der Mars Unmengen von Subventionen von der Erde erhält. Dafür erwarten wir eine entsprechende Gegenleistung. Abbaurechte sind da nur ein geringer Beitrag“, erklärte Zettler und erntete damit Zustimmung bei vielen Erdregierungen.
„Wollen Sie uns das wirklich vorhalten?“, fragte Jamaal ibn Gafur. „Vielleicht sollten wir für unsere Freunde von der Union nochmal aufschlüsseln, dass es zwar die Erde war, die den Mars besiedeln wollte, als das Unterfangen aber zu kostspielig wurde, wären fast sämtliche Versorgungsverbindungen gekappt worden. Nur der Druck der Öffentlichkeit hatte verhindert, dass der Mars zu einem Friedhof des ungeliebten Raumfahrtprogramms wurde, das Jahre zuvor noch feierlich bejubelt wurde, nachdem James Sheridan als erster Mensch einen Fuß auf den roten Planeten gesetzt hatte.“
„Das ist doch längst Geschichte“, polterte Zettler los. „Die Zeiten haben sich geändert. Wir akzeptieren, dass die Union in Freundschaft zu uns gekommen ist, dafür auch Interesse am Abbau von Rohstoffen hat. Diese Abgabe an Wertschöpfungsressourcen müssen wir wieder auffangen. Und da ist es natürlich, dass der Mars seinen Teil dazu beitragen muss.“
Jetzt beugte sich Mazan Taisod vor. „Entschuldigen Sie, Präsident Zettler, aber wir haben uns noch gar nicht geeinigt. Ist es da nicht etwas verfrüht, ihrem Nachbarn einen Teil der Rechnung übergeben zu wollen?“
Jamaal ibn Gafur knallte seine Faust auf den Tisch. „Da haben Sie es!“ Er zeigte mit einem Finger direkt auf Zettler. „Sie haben schon versucht, das Mondabkommen zu Ihren Gunsten zu umgehen und jetzt schieben Sie die Union vor, um an unsere Rohstoffe zu kommen. Aber da spielen wir nicht mit!“ Er ließ seine Hand wieder sinken.
„Gentlemen, bitte beruhigen Sie sich wieder“, James R. Young, Präsident der Australischen Union und aktueller Vorsitzender des Regierungsrates der Erde rief alle Beteiligten zur Ordnung. „Wir wissen alle, dass die Ereignisse rund um das Lunarabkommen fast zu einem schwerwiegenden Konflikt geführt hätte. Und wir sind uns einig, dass wir ein solches Desaster nicht noch einmal heraufbeschwören wollen. Wir sollten zudem anerkennen, dass der Mars eine eigenständige Verwaltung hat, deren Mitspracherecht in diesem Gremium gleichwertig anzusehen ist.“
„Reden Sie etwa von Unabhängigkeit von der Erde?“, verlangte Rashid al Farah zu wissen. Der Neu-Ägyptische Staatspräsident zog seine buschigen Augenbrauen zusammen.
„Zuerst einmal rede ich von Gleichberechtigung“, entgegnete Young. „Die sollte in unseren Gesprächen zwischen Erde, Mars und Union stets im Vordergrund stehen.“
„Ihre Gleichberechtigung geht aber auf Kosten der Erde.“ Es war unschwer zu erkennen, dass Zettler unzufrieden mit dem Verlauf des Gespräches war.
„Wenn ich vorschlagen dürfte, dass wir eine kurze Pause einlegen? Nur, um unsere Gedanken zu sortieren, damit wir anschließend wieder frisch die Tagesordnung abarbeiten können.“
„Botschafter Hydarnes, es ist verständlich, dass Sie gerne weiter in der Tagesordnung voranschreiten wollen. Ihre Punkte wurden ja auch noch nicht aufgerufen. Doch die Schürfrechte auf dem Mars …“, weiter kam Präsident Zettler nicht, da er von Jamaal ibn Gafur unterbrochen wurde.
„Hören Sie jetzt auf damit, Ihre eigenen Interessen immer wieder in den Vordergrund zu stellen. Ich erinnere Sie daran, dass wir seinerzeit die Kosten der halben Babel-Station übernommen haben, obwohl es sieben Erdregierungen und nur eine Marsverwaltung gibt.“
„In dieser Frage werden wir heute nicht weiter kommen“, erklärte Young und brach damit jede weitere Diskussion ab. „Wir folgen dem Vorschlag von Botschafter Hydarnes und vertagen unsere Konferenz auf morgen früh, acht Uhr Ortszeit.“ Der kleine Hammer des Vorsitzenden knallte auf das Holzplättchen. Jamaal ibn Gaur fühlte sich an alte Filme erinnert, in denen Richter in einem Gerichtssaal auf ähnliche Weise das letzte Wort hatten. Vermutlich war die Vertagung richtig, doch wusste er auch, dass es noch ein langer Weg werden würde, bis der Mars sich gegenüber der Erde als gleichberechtigt ansehen konnte.