S2-18sm

Fragment 18

Die Untersuchungskommission

Mike standen die Nackenhaare zu Berge. Vor Monaten hatte sich Arthur auf tragische Weise das Leben genommen. Schlimm genug, dass er einen Freund verloren hatte. Doch jetzt sollte diese ganze Geschichte nochmal aufgerollt werden. Es schauderte ihm bei dem Gedanken, das alles erneut durchzugehen.
„Michael Barnetti, bitte.“
Jetzt war es soweit. Er sollte aussagen. Mike schluckte einen Kloß herunter, strich sich seinen Anzug glatt und begab sich in den Anhörungsraum.
„Guten Morgen, Herr Barnetti. Bitte nehmen Sie Platz.“
Ein Stuhl stand für ihn bereit. Gegenüber dem breiten Tisch, an dem die drei Mitglieder der Untersuchungskommission saßen. In der Mitte saß eine akkurat gekleidete Mittvierzigerin. Hosenanzug, kurze Frisur, altmodische Brille, durchdringender Blick. Sie stellte sich ihm als Vorsitzende der Kommission vor. Frau Huber.
Links von ihr saß eine weitere Frau. Etwas älter als Frau Huber, aber nicht weniger aufmerksam. Das Haar war schon leicht angegraut, dafür länger. Frau Svensson.
Das dritte Kommissionsmitglied war ein Herr. Mike vermutete, dass er der älteste im Bunde war. Weißgraue Haare, Kinnbart, tiefe Falten im Gesicht. Er stellte sich selbst als Doktor Smith vor.
Mike folgte der Einladung und setzte sich.
„Sie wissen, weswegen Sie heute vorgeladen wurden?“, fragte Doktor Smith gleich darauf.
Mike bestätigte. „Die Kommission möchte Näheres zum Umstand des Todes meines Kollegen Arthur Jones in Erfahrung bringen.“
„Sehr richtig, Herr Barnetti.“
„Sind Sie bereit für die Befragung?“ Frau Svensson sah ihn fragend an.
„Selbstverständlich“, antwortete er. Dabei war ihm eigentlich gar nicht wohl.
„Dann lassen Sie uns damit beginnen, was Ihre Aussage zum Ereignis betrifft.“
Mike horchte auf. „Entschuldigung, sagten Sie Ereignis? Ist es das, was der Tod von Arthur Jones für Sie darstellt? Ein Ereignis?“
Die Vorsitzende mischte sich ein. „Bitte versuchen Sie, sachlich zu bleiben. Die Wortwahl mag für Sie unpassend erscheinen, aber für die Untersuchung ist es von Nöten, den Hergang so objektiv wie nur möglich zu betrachten. Aus diesem Grunde sprechen wir hier formal von einem Ereignis, auch wenn die Umstände des Todes von Arthur Jones emotional sicher tiefgreifend sind.“
Mike verengte die Lippen zu Schlitzen. Bürokratie. Emotionslose, formelle Bürokratie. Das war vermutlich das Schlimmste, was Arthur posthum widerfahren konnte.
„Zu Ihrer Aussage“, übernahm Frau Svensson wieder das Wort. „Das Protokoll der ersten Vernehmung lässt die Vermutung zu, dass sie Arthur Jones nicht davon abgehalten haben, den Alpha-Centauri-Erkundungs-Transporter oder kurz ACET, zu entwenden, und damit zuließen, dass er nicht nur sich, sondern die gesamte Mannschaft der Voyager in Gefahr brachte.
Ihrer Aussage zufolge öffnete er die Frachtluke der Voyageur, während Sie dabei waren, aus der Blockade des Planeten Proxima Centauri b zu entkommen. Laut der Aussage von Alexandra Scott, wurde zu diesem Zeitpunkt eine Ablenkungssonde gestartet. Ihnen hätte also bewusst sein müssen, dass Arthur Jones das gesamte Vorhaben zur Flucht aus der Blockade gefährdete. Warum haben Sie nicht interveniert? Schließlich sind Sie für die Handlungen ihrer Mannschaft verantwortlich.“
In Mikes Ohren klang das wie eine Anschuldigung. „Wir dachten zunächst, dass es eine Fehlfunktion im Verriegelungssystem des Frachtraums gab. Immerhin wurde die Voyager ja durch die Kollision mit einem der Satelliten beschädigt. Selbstverständlich hatten wir Sorge, dass Arthur in Gefahr schwebte. Allerdings hielten wir die Öffnung der Frachtluke zu diesem Zeitpunkt lediglich für eine Fehlfunktion.“
Die Vorsitzende sah ihn über ihren Brillenrand hinweg an. „Miss Thuis erklärte, Sie hätte Sie dazu aufgefordert, etwas zu unternehmen, um Arthur Jones zu helfen. Warum haben Sie sie ignoriert?“
„Ich habe sie nicht ignoriert!“. Das war nicht nur eine Anschuldigung. Mike fühlte sich mit einem Mal, als würde man Anklage gegen ihn erheben. „Wir haben in der Phase des Sondenstarts plötzlich den Dekompressionsalarm registriert. Natürlich machten wir uns Sorgen um Arthur, weil wir wussten, dass er im Frachtraum war. Doch noch ehe irgendjemand von uns reagieren konnte, überschlugen sich die Ereignisse. Die Sonde begann ihren Steigflug, die Satelliten richteten sich aus und plötzlich war unser Frachtraum offen. Ich wollte ihn fragen was passierte und da meldete er sich mit den Worten, dass es ihm leidtun würde … ‚lebt wohl‘ sagte er auf einmal …“, Mikes Kehle schnürte sich zu. Wieder war dieser schreckliche Moment da. Wieder spürte er diese Verzweiflung in sich. Die Verzweiflung, die damals auch aus Arthurs Stimme zu ihm drang.
„Sie hätten die Frachtluke wieder schließen können“, wandte Doktor Smith ein.
Mike sah ihn an. „Nein“, antwortete er daraufhin. „Das war nicht möglich. Ich meine, vielleicht hätte ich über meine Konsole die Steuerung der Frachtraumluke kontrollieren können.“
„Also geben Sie zu, dass Sie es versäumt haben, das Leben ihres Besatzungsmitglieds zu retten?“
„So ist das nicht gewesen“, widersprach Mike. Innerlich war er angewidert von der emotionslosen Analyse. Er schloss einen Moment lang die Augen. Es fiel ihm schwer, nicht emotional zu werden. „Die Situation war hektisch. Als wir unseren Fluchtversuch starteten und sich gleichzeitig die Frachtluke öffnete, hatten wir keine Zeit zum Überlegen. Ich habe Arthur gefragt, was passiert war, aber es ging alles so unglaublich schnell. Ich wollte den Start der Voyager stoppen. Ich wollte Arthur da raus holen, doch es war zu spät. Die Triebwerke starteten und in diesem Moment hatte Arthur bereits den ACET aus der Verankerung gelöst und gestartet. Wir konnten nur noch zusehen, wie er in sein Verderben flog.“
„Und Ihnen ist nicht in den Sinn gekommen, sich mit der Voyager schützend über dem ACET zu positionieren?“ Diesmal sah ihn die Vorsitzende der Kommission direkt an.
„Es hätte nicht funktioniert. Die Satelliten hätten uns bei einem solchen Manöver abgeschossen. Aber wir hatten vor, ihn einzuholen. Wir wollten ihn zurückholen und sein Leben retten. Doch dazu war keine Chance mehr.“
„Weil Sie nicht schnell genug gehandelt haben?“
Mike spürte wie in ihm Wut aufstieg. Er hatte Mühe, sich zusammenzureißen. „Wir haben so schnell gehandelt, wie es uns möglich war.“
„Aber Sie haben nicht gestoppt, als der ACET abgeschossen wurde. Sie hätten die Pflicht gehabt, Arthur Jones zu bergen. Warum haben Sie diese Pflicht vernachlässigt?“
„Weil ich andere Leben zu retten hatte!“ Seine flache Hand knallte auf den Tisch. Erschrocken sahen ihn die Mitglieder der Untersuchungskommission an.
„Zügeln Sie sich, Herr Barnetti, oder Sie erhalten eine schwere Verwarnung!“
Als ob ihn das interessiert hätte. Doch Mike besann sich und setzte mit leiserer Stimme fort: „Entschuldigen Sie bitte. Das Leben von Leandra Thuis, Alexandra Scott und mein eigenes standen dem gegenüber.“
„Das Fluchtmanöver wurde von Ihnen durchgeführt?“
„Nein. Das hatte Captain Scott übernommen. Ich begab mich zwischenzeitlich in den Frachtraum. Wir wollten ihn retten, doch als die Satelliten auf den ACET schossen, tat Alexandra Scott das einzig Richtige. Sie rettete unser aller Leben. Jede andere Handlung hätte nur dazu geführt, dass auch wir gestorben wären.“ Er spürte, wie Trauer in ihm emporstieg. „Er war mein Freund. Auch, wenn ich ihn öfters ärgerte, weil ich ihn Arjay nannte, obwohl ich wusste, dass ihn das ärgerte. Könnte ich es tun, würde ich jedes Wort davon zurücknehmen, wenn er dafür noch leben würde.“ Er wandte seinen Blick ab. Die Kommission sollte nicht sehen, wie ihm Tränen in die Augen stiegen. Er wischte sich übers Gesicht, atmete tief durch und richtete seinen Blick anschließend wieder nach vorn.
„Wir bedanken uns bei Ihnen, Herr Barnetti. Die Befragung ist hiermit für Sie beendet. Sie können jetzt gehen.“
„Gehen?“, er verstand nicht ganz. „Was passiert denn nun?“
„Wir werden weitere Ermittlungen anstellen und das Ereignis rekonstruieren. Der vorliegenden Sachlage zufolge sind Sie jedoch vom weiteren Verlauf dieser Untersuchung nur noch im geringen Maße betroffen.
Wobei eine Frage vielleicht doch noch bleibt.“
Mike horchte auf. „Ja, Frau Vorsitzende?“
„Können Sie uns sagen, wer diese Blockadesatelliten rund um Proxima Centauri b installiert hat?“
Mike schüttelte seinen Kopf. „Das kann ich nicht mit Gewissheit. Als wir seinerzeit von der Union gerettet und nach Hause gebracht wurden, hatten wir diese Frage dem Mazan des Schiffs gestellt. Er meinte, dass Proxima Centauri b das tragischste Opfer des Krieges war. Genaueren Fragen wich er jedoch immer aus.“
„Welcher Krieg?“, verlangte Doktor Smith zu erfahren.
„Es muss ein großer Krieg gewesen sein, wenn er dazu führte, dass ihm ein ganzer Planet zum Opfer fiel. Aber außer, dass sowohl die Union, als auch diese Konföderation darin verstrickt waren, ließen sich von Mazan Taisod keine weiteren Informationen dazu herausbekommen. Und letztlich waren wir einfach nur glücklich, dass wir diese Katastrophe überlebt haben.“
Frau Huber nickte ihm verständnisvoll zu. „Dann bedanken wir uns bei Ihnen, Herr Barnetti. Lassen Sie uns jetzt bitte allein. Auf Wiedersehen.“
„Auf Wiedersehen.“ Er deutete einen höflichen Gruß an, stand auf und verließ den Anhörungsraum. Auf dem Flur angekommen, atmete er tief durch. Diese Untersuchung hatte ihn aufgewühlt.
„Wer ist das, Mama?“, hörte er eine Jungenstimme fragen. Mike sah sich um und entdeckte eine Frau mit ihrem etwa neun Jahre alten Jungen.
„Helen?“
„Mike.“ Sie ging auf ihn zu, das Kind folgte ihr. „Mike, ich bin froh, dich zu sehen.“ Die Begrüßung war herzlich. Es beruhigte ihn ungemein, dass Sie ihm nie Vorwürfe gemacht hatte.
„Ist das Tim?“, fragte er anschließend und sah den Jungen an, der etwas schüchtern hinter seiner Mutter blieb.
„Ja, Mike.“ Sie bedeutete dem Jungen, näher zu kommen. „Tim, das ist Mike. Er war mit deinem Papa auf der Voyager.“
Der Junge kam näher und musterte ihn. Irgendwie fühlte sich Mike dabei nicht wohl.
„Hallo, Tim. Ich bin Mike, ein Freund deines Vaters.“ Er streckte dem Jungen die Hand entgegen.
„Warum bist du hier, aber mein Papa nicht?“
Mit einem Mal schnürte es ihm die Kehle zu. Wie konnte er dem Kind das Geschehene erklären?

Fragment 17

Fragment 17

Der erste Kontakt

„Sie sind neu hier, nicht wahr?“, meinte Kazuko Yamato, als er den jungen Mann ansah, der ihm im großen Ratssaal in Genf gegenüber stand.
Niko Dumont nickte nur. Seine Nervosität war kaum zu übersehen und doch schafften es die meisten Mitglieder der einzelnen Territorialregierungen, die an diesem Tag in Genf versammelt waren, ihn nicht wahrzunehmen. Er hoffte, nicht aufzufallen und doch hatte er die Aufmerksamkeit dieses einen Mannes erregt.
„Seien Sie versichert, dass das hier nicht immer so zugeht“, versuchte der Präsident der Vereinigten Asiatischen Staaten ihn zu beruhigen. Der Mann legte Niko seine Hand auf die Schulter und sprach in ruhigem Ton weiter. „Heute ist ein ganz besonderer Tag. Wir sind alle aufgeregt, glauben Sie mir. Sie hätten die anderen mal sehen sollen, als die erste Meldung vom Erscheinen dieses Raumschiffs eingetroffen ist. Blanke Panik stand in den Augen vieler.“ Er kicherte, was Niko etwas auflockerte. Yamato nahm seine Hand zurück und nickte Niko freundlich zu, ehe er weitersprach.
„Niemand konnte sich vorstellen, dass ein Raumschiff tatsächlich so schnell reisen konnte und als dann die erste Nachricht eintraf, dass die Barrafranca, also dieses Schiff, unsere Crew von der Voyager umgebracht hatte, da gingen alle Alarmsirenen los.“
„Ja, ich weiß. Es war einer meiner ersten Tage hier“, stammelte Niko nervös.
Yamato schmunzelte wieder. „Was für ein fatales Missverständnis. Hätte kurz darauf nicht Captain Scott die Nachricht korrigiert, hätten wir vermutlich dieses Schiff mit allem beschossen, was wir ihnen entgegenbringen konnten.
Glücklicherweise reagierte Captain Scott sehr schnell und aus umgebracht wurde mitgebracht.
Das war natürlich eine enorme Erleichterung. Was glauben Sie, wie Präsident Al Fahras gezuckt hat? Wahrscheinlich hatte er im Gedanken schon seine Raketensilos durchgezählt.“ Jetzt lachte Kazuko Yamato und steckte Niko damit an. Es war bekannt, dass Präsident Rashid Al Farahs ein Mann der Tat war. Niko konnte sich gut vorstellen, dass der Neu-Ägyptische Präsident tatsächlich einen Schlachtplan durchging, als er diese Nachricht hörte.
„Zum Glück ist es nicht soweit gekommen“, meinte Niko daraufhin. Er war erleichtert. Präsident Yamato hatte es geschafft ihm etwas von seiner Nervosität zu nehmen. Beide Männer standen abseits von den Anderen, die sich bereits auf die Ankunft der Delegation des fremden Raumschiffs vorbereiteten. Der Saal war festlich hergerichtet worden, alle trugen feinste Anzüge und Kleider. Ein großes Buffet wurde angerichtet und ein kleines Quartett von Streichern hatte sich bereit gemacht, den Abend mit sanfter Musik zu begleiten. Niko wusste, dass für diesen Empfang zwei Violinen, eine Viola und ein Violoncello ausgewählt wurden.
„Was wird wohl die Öffentlichkeit dazu sagen?“
„Hierzu?“, fragte Yamato mit aufgesetztem Erstaunen. „Hören Sie, junger Mann. Als die ersten Meldungen die Öffentlichkeit erreichten, dass ein fremdes Raumschiff die Erde ansteuerte, und obendrein die Voyager Crew mitbringen würde, da war die Freude bei allen Menschen unbeschreiblich. Es gab sicher einige Zweifler, doch den meisten war klar, was auch immer dieses Schiff für uns bedeuten mochte“, er machte eine kurze Pause, so als ob er sich die Bedeutung des nächsten Satzes selbst in Erinnerung rufen wollte, „Wir sehen unsere Leute von der Voyager wieder. Lebend!“
Niko war der Meinung, eine Träne in den Augen des Mannes zu erkennen.
„Naja“, murmelte er, entschied sich dann aber, nichts weiter zu sagen.
Diesmal nickte Yamato nur und rieb sich anschließend kurz die Augen. „Ja, Sie haben recht. Bis auf Arthur Jones. Sein Schicksal wird sicherlich Bestandteil unserer ersten Unterhaltung mit den Außerirdischen sein.“
Niko stutzte. „Außerirdische“, wiederholte er. „Das klingt nach Science Fiction.“
„Das klingt nach der Wahrheit“, entgegnete Yamato. „Auch wenn es Menschen sind, stammt die Mannschaft der Barrafranca nicht von der Erde ab. Also sind es Außerirdische.“
„Irgendwie hätte ich erwartet, dass sie anders aussehen. Also, eben keine Menschen sind.“
„Jetzt klingen Ihre Worte aber nach Science Fiction.“ Erneut lachte Yamato und diesmal fiel Niko mit ein.
Der Moment wurde jedoch jäh unterbrochen, als hinter Dumont ein Mann das Wort mit scharfen Ton an ihn richtete.
„Halten Sie den Präsidenten nicht von seinen Aufgaben ab, Mann!“
Erschrocken zuckte Niko zusammen und wandte sich um. Vor ihm stand nun Hermann Zettler. Präsident der Nordamerikanischen Union, welche die ehemaligen Gebiete der Vereinigten Staaten und Kanada in sich vereinten.
„Entschuldigung … ich“, weiter kam Niko nicht.
Rüde fiel ihm Zettler ins Wort. „Sie brauchen hier nicht auch noch meine Zeit zu vertrödeln. In wenigen Augenblicken trifft hier die Delegation ein. Gehen Sie also auf Ihren Posten und machen Sie Ihren verdammten Job. Haben Sie mich verstanden?“
Niko nickte und versuchte sich, schnell davon zu machen.
„Halt!“, rief ihm Zettler nach und bewirkte damit, dass Niko stehen blieb und sich noch einmal zu ihm wandte.
„Wie ist Ihr Name, Bursche?“
„Dumont, Sir. Niko Dumont.“
„Sind Sie etwa mit Jaqueline Dumont verwandt?“, wollte Zettler wissen. In seiner Stimme schwang Enttäuschung mit.
Niko nickte. „Ich bin ihr Sohn.“
Zettler winkte ab. „Ist mir egal, wer Sie sind. Sorgen Sie lieber dafür, dass man Sie hier nicht umsonst bezahlt.“
Mit diesen Worten wandte sich Zettler ab und nahm Präsident Yamato mit sich. Niko sah den Asiaten noch kurz an und dessen Blick gab ihm zu verstehen, dass er sich den rauen Ton nicht zu Herzen nehmen sollte.
Als die Streicher anfingen, eine Melodie anzustimmen, Mozarts Quartett in G major, wussten alle, dass nun der Moment des ersten Kontakts zu Außerirdischen gekommen war. Niko korrigierte sich im Gedanken. Der erste Kontakt auf der Erde.
Er nahm seinen Platz ein und wartete. Eine ganze Reihe von Angestellten, Assistenten, Dienern und Gästen standen nun direkt hinter den Spalier stehenden Soldaten in Galauniform, die einen Korridor für die Delegation der Barrafranca freihielten. Dahinter versammelten sich die Gäste und versuchten, so unaufgeregt zu wirken, wie es ihre eigene Neugier zuließ.
Dann plötzlich war es soweit. Blitzlichtgewitter und aufgeregte Stimmen auf dem Foyer des Gebäudes verrieten, dass die Delegation nunmehr eingetroffen war. Niko konnte von seiner Position nicht erkennen, wie viele Menschen von der Barrafranca angekommen waren, doch das sollte sich nur einen Moment später ändern.
Zuallererst schritt ein großer Mann den Korridor entlang. Gekleidet in einer prächtigen Uniform. Anschließend folgten die drei Besatzungsmitglieder der Voyager, was ein hörbares Aufatmen in der Menge des Saales verursachte. Niko blickte kurz zu den Anführern der Territorialregierungen der Erde und erkannte, dass auch sie einen leichten Ausdruck der Erleichterung erkennen ließen. Im Anschluss folge eine Gruppe von sechs weiteren Personen, welche ähnliche Uniformen wie der Erste trugen, nur weit weniger prunkvoll.
William Hephroh, der Eurasische Staatspräsident und aktueller Vorsitzender des Rates der Territorialregierungen trat einen Schritt vor, um die Gäste zu begrüßen.
„Willkommen auf der Erde“, empfang er die Delegation. „Wir reichen ihnen die Hände in Frieden.“ Um seine Worte zu unterstützen, zeigte Hephroh seine geöffneten Handflächen nach vorne. Niko wusste, dass diese Geste Vertrauen und Offenheit symbolisieren sollte, da sie bewies, dass man selbst keine Waffe in den Händen hielt.
Der prunkvoll uniformierte Mann tat ihm die Geste gleich und antwortete dann. „Wir danken für die Ehrerbietung und bringen Ihnen als Zeichen unserer Freundschaft Ihre Mannschaft unversehrt zurück.“
Die Menge klatschte und auch Niko tat es allen anderen gleich. Der Moment war aufwühlend und derart emotional, dass selbst die Streicher kurz innehielten. Alexandra Scott, Leandra Thuis und Michael Barnetti wurden geradezu gefeiert und von allen Mitgliedern des Territorialrates mit Handschlag und angemessen distanzierter Umarmung begrüßt.
Als sich die aufgewühlte Stimmung wieder beruhigt hatte, ergriff der prächtig uniformierte Mann das Wort.
„Im Namen der Union freier Planeten nehme ich Ihr friedliches Willkommen an und hoffe, dass wir uns in aller Freundschaft auf einer Ebene der Gleichberechtigung begegnen. Mein Name ist Mazan Taisod und auch ich reiche Ihnen meine Hand in Frieden.“
Erneut gab es einen großen Applaus. Doch aus Respekt gegenüber dieses historischen Moments ebbte der Beifall rasch wieder ab, sodass die Zeremonie weitergeführt werden konnte.
„Lassen Sie mich bitte meinen Stab vorstellen, der mich heute bei diesem denkwürdigen Ereignis begleitet“, intonierte Mazan Taisod, wandte sich anschließend zur Seite und deutete einer nach dem Anderen auf die sechs Begleiter, die jeder für sich eine leichte Verbeugung andeuteten, als sie aufgerufen wurden. „Mein Stellvertreter, Premazan Teldan Oris. Atras Hydarnes, der Diplomat an Bord der Barrafranca. Oberster Investigator Tren Echnan und sein Stellvertreter Semabu Cansil. Unsere Bordärztin Djawada Neith und zu guter Letzt mein Sicherheitschef Stakah Mavis.“
Niko Dumont beobachtete, wie William Hephroh jedem Einzelnen zur Begrüßung zunickte. Er fand die Haltung des Eurasischen Präsidenten bemerkenswert majestätisch und im Gedanken stellte er sich vor, Hephroh wäre eine Art König, der zu einer Audienz geladen hatte. Er fragte sich, ob es anderen Anwesenden wohl ähnlich gehen mochte.
„Verehrter Mazan Taisod, erlauben Sie mir bitte eine Frage. Ich bin glücklich und überrascht zugleich, dass Sie unsere Sprache derart gut beherrschen. Als wir die erste Mitteilung von Ihrem Schiff erhielten, war dies jedoch noch bei Weitem nicht vergleichbar. Wie haben Sie unsere Sprache so schnell lernen können?“
Mazan Taisod lächelte verschmitzt und deutete anschließend auf Alexandra Scott. „Diese Frau hat uns unermüdlich unterrichtet“, meinte er dann und bedankte sich bei ihr mit einer leichten Verbeugung. „Und glauben Sie mir, dass Sie eine unnachgiebige Lehrerin war.“
Als sie offenbar etwas sagen wollte, bemerkte Niko, wie Michael Barnetti ihre Hand festhielt und sie daraufhin lediglich Taisods Verbeugung erwiderte.
Nun waren die Ratsmitglieder an der Reihe, sich vorzustellen.
„Als Präsident Eurasiens und derzeitiger Amtsinhaber des Ratsvorsitzes der Territorialregierungen der Erde erlaube ich mir, William Hephroh, nun meinerseits die führenden Vertreter unseres Planeten vorzustellen.“ Es klang staksig und auch etwas unbeholfen, fand Niko. Er musste sich allerdings eingestehen, dass es wohl schwierig war, die richtigen Worte zu finden, wenn man zum ersten Mal, seit Menschengedenken versuchte, mit Außerirdischen auf neuen diplomatischen Pfaden zu wandeln.
William Hephroh wandte sich seinerseits den anderen Ratsmitgliedern zu. „Pucará Callao, Staatspräsidentin des Inka-Territoriums. Rashid Al Farahs, Regierungsoberhaupt von Neu-Ägypten.“ Der hagere Mann trat bestimmt einen Schritt vor, ehe er sich verbeugte. Danach schritt er wieder zurück. „Hermann Zettler. Präsident der Nordamerikanischen Union. Kazuko Yamato, Präsident der Vereinigten Asiatischen Staaten und James R. Young, der Präsident der Australischen Union. Zudem möchte ich Ihnen gerne Juan Hofer vorstellen. Den Vorsitzenden der World Space Administration und damit Vorgesetzter unserer drei Astronauten, deren Leben Sie gerettet haben.“
Hofer trat lächelnd vor und reichte Taisod die Hand. „Ich möchte mich bei Ihnen für diese große Tat bedanken.“
Taisod schien zu bemerken, dass Hofer gerade gegen die Etikette verstieß, denn Niko konnte beobachten, wie er Hephroh mit einem fragenden Blick bedachte. Als dieser jedoch seine Zustimmung signalisierte, ergriff Taisod die ausgestreckte Hand Hofers und versicherte ihm, dass er und seine Mannschaft nur ihre Pflicht gegenüber einem in Not geratenen Schiff mit Menschen an Bord erfüllt hätten.
Erneut ergriff Applaus alle Anwesenden und Niko schien es, als wäre das erste Eis durch diese Geste gebrochen worden.
Die Hände wurden gegenseitig in Freundschaft gereicht. Ihn durchfuhr ein erleichterndes Gefühl der Entspannung und er war sich sicher, dass er eben Zeuge des entscheidenden Momentes einer langen Periode des Friedens wurde.

Fragment_16

Fragment 16

Die Chance

„Don, das kann doch nicht dein Ernst sein!“, schrie Maggie aufgebracht. „Wie stellst du dir das eigentlich vor?“ Das Gesicht seiner Frau war feuerrot und sie hatte Tränen vor Wut in ihren blauen Augen.
„Maggie, bitte jetzt beruhige dich erst mal.“ Er hatte gedacht sie wäre über die Nachricht, vom Mars wegzukommen, begeistert. Seit sie vor sechs Jahren geheiratet hatten, lag sie ihm in den Ohren, dass er sich auf einen anderen Posten, weg von der Erdkolonie versetzen lassen sollte. Und jetzt, nachdem er diese einmalige Chance bekommen hatte, auf Babel seine erste Kommandostelle anzutreten, schmetterte sie ihm Vorwürfe an den Kopf.
„Mich beruhigen? Don, kannst du mir mal sagen, wie das funktionieren soll? Die haben da noch nicht einmal eine schulische Einrichtung. Da gibt es nur Bauarbeiter und vielleicht ein paar Militärangehörige. Dort willst du Liza aufwachsen lassen? Zwischen Dockarbeitern auf einer Baustelle?“, schrie sie ihn wieder an. „Soll ich den ganzen Tag in einem kleinen Kabuff sitzen und dann darauf warten, dass der Commander irgendwann nach Hause kommt und ich ihm dann das Abendessen auftischen darf?“
„Wenn du mich mal ausreden lassen würdest, könnte ich es dir sagen, verdammt!“, gab er aggressiv zurück. Er verstand ja durchaus, dass es nicht das war, was sich seine Frau vorgestellt hatte, aber es war ein Anfang. „Hör zu …“, fuhr er gemäßigter fort. „Ja, du hast recht, die Station befindet sich noch im Ausbau. Die neue Werft wird um einiges größer als die bisherige. Das dauert sicher noch etwas, aber in drei Monaten schickt die WSA schon die ersten Wissenschaftler hoch. Die bringen auch alle ihre Familien mit, immerhin ist es als 10-Jahres-Projekt angelegt. Die Schiffswerften sind Babel angegliedert. Es wird eine richtige Stadt im Weltall. Man plant eine schulische Einrichtung und genauso werden sie auch noch die Krankenstation fertigstellen. Wir bekommen hier eine ganz große Chance.“ Don drehte sich zu seiner Frau um und nahm sie bei den Schultern, bevor sie etwas erwidern konnte. „Und die WSA sucht immer noch ziviles Personal für die Station. Sie können sicher dort jemanden mit deinen Fähigkeiten gebrauchen, Liebling.“
„Mach dich nicht lächerlich, Don. Meinst du, die WSA hat nicht genug eigene Leute, die eine Quartierlogistik durchführen können? Du weißt genau, dass es so gut wie unmöglich ist, dass ich den Job bekomme. Die WSA stellt keine Marsianer ein.“ Etwas ungeschickt befreite sie sich aus Dons Griff. „Sie haben dir die Versetzung nur angeboten, weil es sonst niemand machen will. Es ist jeden Tag in den Nachrichten, dass nichts auf Babel funktioniert und alles viel mehr Geld kostet, als sie ursprünglich geplant hatten. Die wollen dich nur abschieben.“ Maggie hatte in den Kommentaren der Nachrichten gehört, dass man einen Kommandanten vom Mars einsetzen würde. Dass aber ausgerechnet ihr Mann diese Totgeburt zum Leben erwecken sollte – die dazu Unsummen verschlang, die auf dem Mars an allen Ecken und Enden fehlten – war für sie unbegreiflich.
„Das haben sie vor fünfzig Jahren auch über den Mars gesagt.“ Donald verstand seine Frau nicht. Erkannte sie nicht, welche Möglichkeiten sie mit dieser Versetzung geboten bekamen? Sie könnten endlich vom Mars weg und nach ein paar Jahren Dienst auf der Station war es sicher kein Problem, eine Stabsstelle auf der Erde zu erhalten. Es würde nur ein paar Jahre dauern. „Und außerdem habe ich mich dafür ausgesprochen, dass Charlie einen Job dort bekommt. Bitte Margret, schlaf wenigstens eine Nacht darüber.“
„Nein! Ich werde dich nicht auf diesen Schrotthaufen im Weltall begleiten und zusehen, wie unsere Tochter deswegen schlechtere Chancen im Leben erhält, als sie bereits jetzt hat.“ Maggie schnappte sich ihre Tasche. „Und schon gar nicht, wenn du diesen Junkie mit im Schlepptau hast.“ Sie schien etwas in ihrer Handtasche zu suchen und funkelte ihn erbost an.
Als Don ansetzte, Charles zu verteidigen, hob seine Frau abwehrend die Hände. „Nicht wieder die alte Leier. Ich weiß, dass er zur Zeit clean ist. Aber für wie lange? Würdest du ihm Lizas Leben anvertrauen? Denn genau das tust du, wenn du mit uns auf diese Station gehen willst.“
„Natürlich würde ich das. Sonst hätte ich ihn nie für die Stelle des Sicherheitschefs vorgeschlagen, Maggie! Er ist ein guter Mann und er macht seinen Job.“
„Ja, aber nur, wenn er keine White-Strike-Nadel im Arm stecken hat.“ Sie kannte Charlie genauso lange, wie sie ihren Mann kannte und wusste, dass Charles Germain mehr als einmal einen Entzug hinter sich gebracht hatte. Bei zweien hatte sie ihn gemeinsam mit Donald sogar unterstützt. Oft genug hatte er beteuert, dass er nie wieder Drogen anrühren würde, aber er war immer wieder rückfällig geworden. Sie glaubte einfach nicht daran, dass er es diesmal schaffen würde.
„Ich hole Liza von der Schule ab und besuche dann meine Eltern.“ Kurz bevor sie das Quartier auf dem Militärstützpunkt inmitten der Amazonis Planitia verließ, drehte sie sich noch mal um und schaute ihren Mann an. „Es liegt an dir, Don. Wenn du meinst, die Versetzung annehmen zu müssen, dann tu es. Aber Liza und ich werden dich nicht begleiten.“
„Maggie … Warte … Lass uns darüber reden …“
Doch sie verließ das gemeinsame Quartier, ohne ein weiteres Wort.

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