Interview – 20.03.2233

Sie befinden sich hier:
< zurück

Interview-Dokument // 20.03.2233

Das „Scientific & Space Affairs Magazine“ hatte die einmalige Gelegenheit mit Arthur Jones, dem Bordingenieur der Voyager, einige Wochen vor Missionsstart ein Interview zu führen.

SSAM: Sie sind das jüngste Mitglied der Mannschaft. Macht dieser Umstand das Training und die Mission an sich schwerer?
AJ: Ganz bestimmt nicht. Vielmehr glaube ich, dass ich den anderen gegenüber vielleicht sogar etwas im Vorteil bin. Mein Stoffwechsel wird sich wohl am schnellsten wieder normalisieren, während sich die Anderen noch in der Aufwachphase befinden werden. Die anderen Crewmitglieder respektieren mich. Die Voyager-Mission kann von meinem jungen Alter nur profitieren.

SSAM: Sie sind bereits verheiratet und Vater eines kleinen Jungen. Wie wird es für Sie sein, eine so lange Zeit ohne Ihre Familie auf die Mission zu gehen?
AJ: Im Grunde mache ich das ja insbesondere für meinen Sohn. Ich will, dass er stolz auf mich ist.
Natürlich wird das schwierig werden, aber ich sehe das so, dass ich mich die meiste Zeit im Kälteschlaf befinde.
Wenn ich wieder zurück bin, dann werde ich viel Zeit mit meinem Sohn verbringen können und ihm alles ganz genau erzählen, wie das war, als einer der ersten Menschen einen Fuß auf Proxima Centauri b zu setzen.

SSAM: Das bedeutet für Sie im Klartext, dass es Ihnen nichts ausmacht, Ihre Frau für mehr als zehn Jahre alleine zu lassen und auch Ihren Sohn nicht aufwachsen zu sehen, damit Ihr Sohn Sie möglicherweise als Raumfahrtpionier sieht?
AJ: Wenn Sie das so sagen, klingt das härter, als es ist. Meine Frau und ich haben das Thema gründlich diskutiert und stehen beide dazu, dass es die Sache Wert ist. Natürlich sind zehn Jahre eine lange Zeit. Doch bedenken Sie, dass ich selbst kaum altern werde und meinem Sohn dann höchstwahrscheinlich noch ein paar Jahre länger ein guter Vater sein kann.
Und davon abgesehen mache ich die Mission mit, weil sie für alle nachfolgenden Generationen wichtig ist. Diese Welt wird nicht mehr ewig existieren. Die Voyager-Mission ist ein erster Schritt in eine neue Welt.

SSAM: Alle auf der Erde zurückbleibenden Menschen sind einem normal fortschreitenden Alterungsprozess unterworfen. Aufgrund Ihrer Reise zum Alpha Centauri System in einer Stasis-Kammer werden Sie und der Rest der Crew kaum altern.Haben Sie diesen Stasiszustand bereits erprobt und ist er wirklich ungefährlich? Was passiert, wenn das System auf der Reise eine Fehlfunktion hat?
AJ: Es gab eine Reihe von Tests, um das System auf Herz und Nieren zu prüfen. Dass etwas versagt, lässt sich nie zu hundert Prozent ausschließen. Genauso kann der Antrieb, die Stellarnavigation oder irgendein anderes System ausfallen.
Was aber die Stasiskammern angeht, so wurde ein doppeltes Sicherheitssystem eingebaut, das im Zweifel den Schläfer wieder in den Normalzustand versetzt.
Sollte also ein Problem auftreten, lautet die erste Sicherheitsstufe, den Fehler zu identifizieren und wenn möglich für eine Korrektur zu sorgen.
Das kann von kleineren Fehlfunktionen über Schwankungen in der Energieversorgung bis hin zur Kappung der Lebenserhaltung alles betreffen. Sollte es dem automatischen Wiederherstellungssystem nicht gelingen, die Normalfunktion zu gewährleisten, tritt Stufe zwei in Kraft und das bedeutet, den Schläfer aus der Stasis zu holen.

SSAM: Könnten Sie die Reise auch außerhalb der Kammer fortsetzen? Ich könnte mir vorstellen, dass es zu einer Lebensmittelknappheit kommt.
AJ: Aber ja doch. Die WSA setzt hier auf Sicherheit. Für den Notfall wurde bei der Entwicklung der Voyager ein Lager mit Instantnahrung eingeplant. Ein vorzeitig erwachter Astronaut braucht drei Nahrungsstreifen am Tag, für ein ganzes Jahr also Eintausendfünfundneunzig Stück. Im schlimmsten Fall also rund elftausend Instantnahrungsstreifen für die Hin- und Rückreise.

Für vier Besatzungsmitglieder werden das also etwa vierundvierzigtausend Streifen. Das klingt jetzt nach ganz schön viel. Ist es auch. Aber sehen Sie das in der Relation zur Größe des Schiffs. Am besten verdeutlicht das vielleicht das Gewicht. Da kann man sich eher etwas drunter vorstellen. Also ein Streifen wiegt genau fünfzig Gramm. Das macht ein Gesamtgewicht von zweitausendzweihundert Kilogramm, also etwas über zwei Tonnen.

Der ACET beispielsweise hat aber ein Gewicht von zwölf Tonnen ohne Sonderausrüstung. Die Stasiskammern wiegen jeweils rund sechshundertfünfzig Kilo, also zusammen auch über zweieinhalb Tonnen. ich könnte das noch weiter aufzählen, aber was unterm Strich zu sagen bleibt, ist, dass hier tatsächlich auch das sogenannte Worst-Case-Szenario bedacht wurde.
Das kann allerdings auch nur deshalb funktionieren, da die Voyager in der neuen Werft auf der Raumstation Babel gebaut wurde. In der Schwerelosigkeit sind die Gewichtsangaben beinahe irrelevant. Müsste die Voyager erst noch die Schwerkraft der Erde oder selbst des Mars überwinden, sähe die Sache anders aus. Dann wäre die Reise vermutlich gar nicht möglich.

SSAM: In der Pressemitteilung stand, dass jeder von Ihnen über einen eigenen Schlaf- bzw. Wohnraum während der Wachphase verfügt. Das scheint mir schon beinahe Luxus zu sein.
AJ: Da haben Sie nicht ganz unrecht. Es ist tatsächlich ein Luxus, den man uns aber aufgrund der besonders langen Dauer der Mission gönnt. Außerdem sind wir so weit weg von der Erde, wie sonst noch niemand zuvor. Es ist wichtig, dass wir einen Ort haben, an dem wir uns auch mal zurückziehen können.
Luxus? Ja! Aber auf eine positive Art und Weise.

SSAM: Was werden Sie für persönliche Gegenstände auf die Reise mitnehmen?
AJ:  Selbstverständlich ein Bild von meiner Familie. Und eine lizenzierte Kopie des Holo-Films „Beyond Berlin“. Ein Klassiker, den ich mir immer wieder gerne mit meiner Frau angesehen habe. Schon meine Eltern hatten diesen Mehrteiler mit mir gesehen, als ich noch ganz jung war. Es ist quasi schon Tradition, ihn regelmäßig zu sehen. Wissen Sie, es gibt aus dem frühen 21. Jahrhundert eine Buchvorlage, die heute kaum noch zu bekommen ist. Umso schöner ist es, den Film sehen zu können. Das war es dann aber auch schon an persönlichen Gegenständen. Schließlich sind wir auf einer wichtigen Mission, die ich auf keinen Fall verpassen möchte. (lacht)

SSAM: Ja, da haben Sie recht. Wie sehen Ihre Zukunftsplanungen aus, wenn Sie wieder auf der Erde sind? Werden Sie weiterhin für die WSA tätig sein oder sich dann erst einmal ganz dem Familienleben widmen?
AJ: Letztlich möchte ich beides machen. Aber nach meiner Rückkehr wird erstmal die Familie Vorrang haben.

SSAM: Wir sind nun schon am Ende unseres Interviews. Zum Abschluss, Mr. Jones, wünsche ich Ihnen und der Crew eine erfolgreiche Mission.

Letztes Update: September 06, 2019

Copyright © 2019 Kolonie 85  Alle Rechte vorbehalten.